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#1

Blank

in Gesellschaft 29.12.2005 13:39
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Blank

Geh ich durch meine alte Stadt,
sind rauhe Wände plötzlich glatt
und Ecken rundgerieben.
Und jedes Preisschild ist gelackt.
Ich seh mich schnell am Marmor satt,
bevor der Menschenstrom mich packt,
um mich vom Brett zu schieben.

Fuhr ich zur Schule mit dem Rad,
das immer klapprig war und platt,
erwachte ich, getrieben
vom Blick zur Uhr der Deutschen Bank.
Ein digitales Zifferblatt.
Die Stelle, wo es hing, ist blank.
Von mir ist nichts geblieben.

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#2

Blank

in Gesellschaft 30.12.2005 11:13
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Wäh, das ist traurig!

Hi Ulli

Ich mag so wehmütige Gedichte, die zurück blicken, da stört es mich auch nicht, dass der Reim auf 'Rad' fehlt. Sagt man nicht Zifferblatt? Also ohne 'n'? Na ja, egal. Mir gefällt das sehr gut.

Grüsse
Margot

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#3

Blank

in Gesellschaft 30.12.2005 11:56
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Hi Margot,

ohja, Rad... Ich spreche es tatsächlich im westphälischen Plattdeutsch "Ratt" aus und habe gar nicht daran gedacht, dass andere, z.B. die Schweizerinnen höheres Deutsch sprechen. Mal überlegen, ob ich es noch ändere oder im JArgon der "alten Stadt" (gemeint ist Münster) so lasse...

Und Zifferblatt ist wohl auch richtiger als meine Version. Wird sofort editiert...

Vielen Dank für dein aufmerksames Lesen und melancholisches Mitfühlen.


Grüße, Ulli

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#4

Blank

in Gesellschaft 03.01.2006 13:19
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
Hi Ulli,
zuerst einmal der Reim auf Rad ist mir nicht aufgefallen, da Du in St. 1/Z1 auch keinen passenden Reim auf Stadt hast
Ich vermutete hier ein Reimschema:
Z2 + 5//Z3 + 7//Z4 +6?
Das Reimschema ist für mich schlüssig und die Metrik gefällt meiner romantisch harmonisierenden Vorstellung Für mich lässt Du die Zeilen 1 der St. aussen vor?
Zum Inhalt:
Vergänglichkeit einmal anders angepackt. (nicht nur vom Tod ausgehend,
sondern von der Abnutzung des Gegenständlichen.)

Zitat:

rauhe Wände plötzlich glatt



Zitat:

Ecken rundgerieben


auch gefällt mir die Zweiteilung. St 1 die Gegenwart St 2 die Vergangenheit.
Ein schönes Gedicht, das uns die Vergänglichkeit oder die Dynamik der Dinge vor Augen führt.
Nur noch ein kleiner Wehrmutstropfen. Der Titel. Das Gedicht hätte einen anderen Titel verdient
Gruss
Knud

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#5

Blank

in Gesellschaft 03.01.2006 13:51
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Hi Knud,

danke für deine Besprechung. Ich glaube, als sturer westphälischer Plattkopf höre ich nur, das was ich hören will. Und da reimen sich für mich Stadt, glatt, satt, Rad, platt, blatt gleichermaßen. Für optische Feinheiten bin ich zu grobgestrickt. So ergibt sich für mich das Reimschema AABCACB.

Was den Titel angeht, hast du mich ins Nachdenken gebracht. Vielleicht denken viele bei "blank" zunächst an ihr Portemonnaie, und das führt tatsächlich in die falsche Richtung ... Die erste Fassung war überschrieben mit "In meiner alten Stadt". Besser?

Nochmal danke fürs Mitdenken,

Liebe Grüße, Ulli

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#6

Blank

in Gesellschaft 03.01.2006 14:09
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallo Ulli!

Mir gefällt das Gedicht grundsätzlich auch, sogar der Titel. Nein, ernsthaft, der gefällt mir sogar sehr gut, so unterschiedlich sind die Geschmäcker.

Das Reimschema A-A-B-C-A-C-B mit Kadenzwechsel nur bei den B-Versen ist sehr angenehm zu lesen und so einen etwas weniger reinen Reim genehmigten sich schon ganz andere. Formal weiß dein Gedicht also gut zu gefallen, auch und gerade, weil du dich in einer einfachen Sprache ohne großartige metaphorische Wucht bescheidest, ohne aber platt zu sein, ganz im Gegenteil. Hier geht es um die Allegorie und die damit vermittelte Botschaft und nicht um Geprange, welches mit dieser Botschaft ja auch zwangsläufig konkurrierte. Durch den Verzicht läuft das Gedicht auch nicht Gefahr, in Larmoyanz zu verfallen. Sehr angenehm.

Das Inhaltlich mag jeder beurteilen wie er will. Knud wies ja schon darauf hin, dass auch diese Medaille zwei Seiten hat. Einige wenige Wendungen aber scheinen mir mit deiner Botschaft nicht zu harmonieren bzw. bleiben mir missverständlich:

S1Z4 Gelackte Preisschilder sollen etwas negatives transportieren, sonst wären sie lackiert, aber was? Wer sich die Mühe machte, seine Preisschilder zu lackieren, hätte wohl eher stabile Preise. Oder aber deutlich zu hohe, ist es das? Früher war alles billiger?
S1Z5 Muss das lyrI sich eilen, um sich schnell satt sehen zu können, weils es von den viel mehr und viel hektischeren Menschen schnell beiseite geschoben wird? So klingt es. Dann wäre der viele Marmor ja aber etwas positives, was zur Nostalgie durchaus aber zu den negativ konnotierten Lackpreisschildern eher nicht passen könnte. Mich hinterlässt es verwirrt.
S2Z2 Lässliche Sünde aber beständiges Fahren auf platten Reifen veranlasste mich nicht zu Nostalgiegefühlen.
S2Z3 Das lyrI erwachte erst beim Fahren?
S2Z5 Erstens ein Paradoxon, wenn mich nicht alles täuscht, zweitens verbinde ich "digital" in solchem Zusammenhang eher mit "modern" im Gegensatz zu "analog" und da beißt es sich hier. Das ist für mich der inhaltlich bemerkenswerteste Knackpunkt des Gedichtes, da stolpere ich immer wieder.
S2Z6 "wo es hing" ist sprachlich unschön

Klingt beckmesserischer, als ich es meine. Dein Gedicht gefällt mir gut, wenn ich auch die Einstellung des lyrI nicht teile.

DG
Mattes

edit: Nun bist du dazwischen gekommen und ich stehe mit meinem Schema wie der schlaue Det da. Aber dein Titelvorschlag ist grausam! Bitte belasse es bei Blank! Danke.


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#7

Blank

in Gesellschaft 03.01.2006 15:07
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
ja, das gefällt mir auch "my little old town" oder "das Rad der Zeit"
übrigens "Watt" reimt sich auch

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#8

Blank

in Gesellschaft 04.01.2006 09:24
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Mu-Q, meine Gute, das sind nachdenkenswerte Fragen, über die sich ein Dichterherz freut.

Rollen wir dich mal von hinten auf und beginnen mit der "Einstellung" des lyrischen Ichs, die du nicht teilst. Zunächst einmal bin ich froh, dass es mir gelungen ist, nicht "larmoyant" zu klingen, denn das wollte das lyrische Ich (hinter dem sich - das sei hier verraten - unverhüllt mein reales Ich verbirgt) auf jeden Fall vermeiden. Trotzdem entdeckst du eine Menge "Nostalgie" - laut Meyer-Lexikon "Heimkehrschmerz", "Rückwendung zu früheren, in der Vorstellung verklärten Zeiten, um eine leicht sentimentale Gestimmtheit dem Unbehagen an der eigenen Zeit entgegenzusetzen."

Well, "Heimkehrschmerz" ja, "Verklärung alter Zeiten" nein. Beschrieben wird eine Veränderung. Früher machten sich nur einzelne Menschen die Mühe, "gelackt" auszusehen, heute wird diese Mühe auf jedes Detail des Marketings verwendet, so dass selbst Preisschilder in formaler Perfektion, ja beinah "glamourös" daherkommen. Man mag dies für negativ halten, aber das Gegenbild, das klappernde Fahrrrad mit den platten Reifen, hat dem Früher-Ich erheblich mehr Unbehagen bereitet als dem Heute-Ich die Gelacktheit schwarzmarmorner Einkaufszonen. Das gesamte Unbehagen des Früher-Ichs zeigt sich auch darin, dass es verschlafen ist und erst auf dem Weg zur Schule wach wird, unter Zeitdruck auf einem kaum funktionsfähigen Fahrrad daherstrampelt. Es hat keine Zeit irgendetwas wahrzunehmen ausser der Digitaluhr der Deutschen Bank, die damals etwas sehr Modernes war.

Das Heute-Ich, das durch die Stadt schlendert, hat dagegen Zeit. Aber es wird in dieser Stadt nicht mehr gebraucht. Das heißt: die Stadt hat für dieses Ich buchstäblich "keine Zeit" mehr. Es fällt aus der Zeit heraus. Da es die Stadt "mit alten Augen" sieht, sind ihm diese Veränderungen fremd. Dass selbst die "moderne" Digitaluhr der Deutschen Bank verschwunden ist, fällt ihm besonders auf. Damit ist aber nichts Grundsätzliches gegen Stadtsanierungen und glänzende Einkaufzonen gesagt. Es weiß nur nicht, was es dort soll. Immerhin kann es sich am Marmor sogar "satt" sehen, wenn auch nicht nachhaltig, weil es hier nicht (mehr) hingehört.

Es ging mit in diesem Gedicht weniger um Nostalgie als um Fremdheit. "Von mir ist nicts geblieben" kann man wehmütig oder sogar selbstmitleidig lesen, muss man aber nicht.

Ich werde darüber nachdenken, ob ich den offenbar vorhandenen nostalgischen Unterton noch weiter abschleifen kann. Mit einem Titel, in dem "alte Stadt" vorkommt, würde ich ihn eher befördern. Deshalb Knud, folge ich eher dem Ratschlag von Mattes und belasse es bei dem nüchternen "Blank".

Danke für eure Anregungen,

LG, Ulli

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#9

Blank

in Gesellschaft 04.01.2006 09:55
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Auf keinen Fall den Titel ändern, das wäre zu gefühlsduselig und die Gratwanderung wäre misslungen.

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#10

Blank

in Gesellschaft 04.01.2006 11:32
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Ulli,

oh, da habe ich Dein Gedicht ja echt falsch interpretiert. Ich hatte die Sicht auf die glatte Stadt interpretiert als eine alte Erinnerung, die mit der Zeit ihre Konturen verloren hat. Aber so wie Du es beschreibst, macht es sicher mehr Sinn.
Zu der modernen/nostalgischen Digitaluhr fällt mir gerade ein, dass Douglas Adams in "Per Anhalter durch die Galaxis" über die Erdenmenschen schreibt: "Eine Spezies, die so primitiv ist, dass sie Digitaluhren immernoch für eine total tolle Erfindung hält".

Schöne Grüße,
GerateWohl

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#11

Blank

in Gesellschaft 04.01.2006 11:47
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hi Ulli,

Dein Gedicht gefällt mir emotional besser als sprachlich, vielleicht kommt man einfach in dieses gewisse Alter . Auch wenn das Reimschema interessant ist, klingt es in meinen Ohren nicht, vermutlich da sowohl A- wie C-Reim den Vokal benutzen. Das hast Du zwar überzeugend konsequent in beiden Strophen gemacht, beim Lesen macht es mir jedoch keinen Spaß.

Auch schließe ich mich einigen der von Mattes aufgeworfenen Anmerkungen an, die Du zwar erläutert hast, was ich aber dennoch nicht alles überzeugend finde. So finde ich Deinen Gedankengang hinsichtlich der gelackten Preisschilder zwar nachvollziehbar, irgendwie hakt es dennoch bei mir gedanklich. Das Erwachen auf dem Fahrrad überzeugt mich ebenfalls noch immer nicht, auch nicht das immer platte Fahrrad. Und vom welchen Brett wird das lyrIch geschoben? Vom Spielbrett? Hm...

Ich schreibe aber jetzt keinen Kommentar, weil ich nur herumnörgeln will, sondern weil mich Deine Zeilen emotional angesprochen haben. Auch wenn es hinsichtlich der sprachlichen Präsentation in meinen Augen hakt, überzeugt es mich inhaltlich und ich verstehe auch Deine weiterführenden Ausführungen gut, die man zumindest in jedem Wort fühlen kann - das klingt jetzt überzogen, als ob Du nur was hingestammelt hättest - so meine ich das aber nicht, bitte nicht falsch verstehen. Aber ich finde einfach, das Dein Gedicht hinter den dahinterstehenden Gedanken sprachlich zurückbleibt. Wobei ich einzelne Formulierungen (wie die rundgeriebenen Ecken) klasse finde.

Das Gefühl kenne ich auch, selbst als Dagebliebener. Aber man kehrt (zumindest in einer größeren Stadt) auch hier immer wieder an Orte zurück, an denen man lange nicht war und die sich völlig verändert haben - in Berlin haben sich seit Maueröffnung so manche Ecken rundgeschliffen und das Gesicht vieler Viertel hat sich bis zur Unerkennbarkeit verändert. Und es ist eben nicht so, wie Du ja auch meinst, dass das Neue schlechter ist als das Alte, es ist eben nur anders und ein Teil der Geschichten dieser Orte ist nur noch Erinnerung, mit denen man andere nerven kann.

Gefällt mir wegen der hervorgerufenen Gedanken sehr gut, und da Du dies geschafft hast, war es sprachlich vielleicht doch runder als von mir behauptet .

Don

P.S.: Auch wenn ich als Titel "blank" nicht vollends treffend finde, ist es doch besser als "In meiner alten Stadt", das klingt so nach "Meine kleine Farm".

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#12

Blank

in Gesellschaft 06.01.2006 19:17
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Verehrter Pate,

nichts widerstrebt mir mehr als dir zu widersprechen. Du hast deine salzigen Finger in meine zarten Wunden gelegt - oder umgekehrt
Denke ich an die Vorfassungen des Gedichtes, da war das Fahrrad noch "halbplatt", ich saß "verschlafen" auf dem Rad, das habe ich um anderer Vorteile willen später dem Metrum geopfert. Das Gedicht hat unbestritten einige Ecken und Unebenheiten und auch wenn es naheliegt, möchte ich nicht behaupten, dass ich sie nur der Nostalgie zuliebe nicht "rundgerieben" habe. Mir ist schlicht (noch) nichts Besseres eingefallen.

Das mit dem Vom-Brett-Schieben halte ich persönlich für eine gelungene Stelle, weil es exakt mein Gefühl wiedergibt, zu dem Spiel nicht mehr dazuzugehören. Es ist das Gefühl, im Weg zu stehen, auch wenn die Menschen um dich darum dich vielleicht gar nicht so störend wahrnehmen. Sie schieben dich weg, weil du an ihren Rhythmus nicht teilhaben willst. Das ist kein Vorwurf an sie, denn letzlich hast du es selbst so entschieden.

Die larmoyanten Untertöne sind schneller da, als einem lieb ist, und deshab bin ich auch für dein aufmerksames Lesen dankbar.

Grüße, Ulli

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