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#1

Ankerplatz

in Liebe und Leidenschaft 19.12.2005 22:46
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    Ankerplatz


    An deinen Ufern sank der Anker tiefer;
    fiel haltlos abwärts, bis er Boden fand,
    und als er schleifend, über nacktem Schiefer,
    nach Rettung suchte, traf er dieses Land.

    Die Glieder ächzen, wenn die Stürme toben
    und ruhen in sich, wenn die Wogen mild.
    Mit Algen, durch die Jahre fest verwoben,
    zeigt sich im Halblicht ein bizarres Bild.

    Vermutlich wird die Kette einmal brechen;
    ein Schiff kappt sie vielleicht bei voller Fahrt,
    doch bleibt der Anker stets, als ein Versprechen,
    im Grund vergraben, der die Spuren wahrt.



    Audioversion


    (c) Margot S. Baumann

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#2

Ankerplatz

in Liebe und Leidenschaft 19.12.2005 23:30
von Ulli Nois | 554 Beiträge | 554 Punkte
Hi Margot,

da du dieses Gedicht unter L & L abgelegt hast, darf ich wohl vermuten, dass hier ein Ich bei einem Du ankert. Und da gefällt mir die Kombination von haltlosem Sinken und Landfinden bzw. Sicheingraben. Das Statische, was mit der Ankermetapher üblicherweise verbunden ist, finde ich bei dir gut verwandelt. Selbst in der mittleren Strophe, wo die "Beziehung" zwischen Schiff und Land sich festigt, bleibt die Veränderung erkennbar. Für Leute, die das von aussen betrachten, wirken solche abwechselnd ächzenden und in sich ruhenden "Paare" oft bizarr, vermutlich wohl auch, weil sie es immer nur aus ihrer Perspektive, im "Halblicht", sehen können. (Habe ich das richtig verstanden?)

Die Aussicht ist illusionslos, aber nicht ernüchternd. Vielleicht bricht die Kette oder aber sie wird von einem vorbeirauschenden Schiff gekappt - da fragt sich, was passiert mit dem so freigerissenen Schiff? Fährt es mit im Sog des anderen? Hier sind vielleicht die Grenzen der Schiffsmetapher erreicht, aber das ist auch nur nebensächlich. Entscheidend ist die Kette mit dem Anker. Wenn die Kette reißt, bleibt der Anker als das, was das Ich in das Du gelegt hat, zurück, eine unauslöschliche Spur.

Auch wenn diese Interpretaion etwas holzschnittartig ist, ich wollte dir nur mitteilen, dass mir diese drei Strophen aus dem Herzen und ins Herz sprechen. Dieses Bild wird in mir bleiben. Dafür danke.

Zwei klitzekleine Unschönheiten. S2Z3, da vermisse ich das Verb. Wie wärs z.B. mit:

Die Glieder ächzen, wenn die Stürme toben
Und ruhen in sich, sind die Wogen mild.

Und S3Z2, da holpert es ein wenig, weil man das "kappt" kaum unbetont lesen kann. Da fällt mir so schnell keine Alternative ein.

Über das "Versprechen" denke ich noch nach.

Beste Grüße, Ulli

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#3

Ankerplatz

in Liebe und Leidenschaft 20.12.2005 10:42
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hallo Ulli

Besten Dank für dein Interpretation, sie ist praktisch identisch mit meinen Gedanken. Es ist sicher nicht neu, wenn man Beziehungen mit Schiffen, Anker, Leinen und Ketten vergleicht, ich weiss, aber ich haben eben ein Faible für alles, was mit Wasser bzw. dem Meer zusammenhängt. Freut mich natürlich, dass du dem etwas abgewinnen kannst. Über deine Vorschläge werde ich nachdenken. Mich persönlich stört das fehlende Verb eigentlich nicht gross und mein Verständnis für Betonungen scheint sowieso etwas anders geartet zu sein. Aber sicher hast du Recht.

Beste Grüsse zurück.
Margot

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#4

Ankerplatz

in Liebe und Leidenschaft 20.12.2005 12:48
von Knud_Knudsen • Mitglied | 994 Beiträge | 994 Punkte
Hi Marg,
Uli hat schon alles gesagt. Ich danke Dir für das schöne Werk, da kann man vor Anker gehen.Vielleicht hier noch eine maritime Anmerkung, auch wenn Mattes wieder grummelt, was mich eigentlich kalt lässt -
"Wenn man einen Anker ausbring muss man schon auf den Grund achten,Schiefer ist da weniger geeignet. Es ist auch wichtig immer die Position zu kontrollieren, an der ich ankern will, sonst versetzt Anker, Kette und Schiff und alles kann, ungewollt Stranden,zerschellen
Gruss
Knud

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#5

Ankerplatz

in Liebe und Leidenschaft 20.12.2005 16:57
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Knud

Ah, der Fachmann spricht! Besten Dank für die Aufklärung.
Das nehme ich auch an, dass es keine gute Idee ist, den Anker auf Schiefer auszubringen (Fachwort?), jedoch ist dieses Bild von mir gewollt. Eben, weil das keine gute Sache ist, das lyr. Ich also suchend ist, und das Schleifen über Stein die vergeblichen Versuche darstellen soll, Heimat bzw. Liebe zu finden. Ich denke wohl mal wieder um 7 Ecken rum, wa? Anyway, freut mich, dass es dir gefällt und danke für den Kommentar.

Gruss
Margot

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#6

Ankerplatz

in Liebe und Leidenschaft 20.12.2005 17:44
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
aua - und das tut mir in den Ohren weh, wenn ich nur daran denke, wie der eiserne Anker über den Schiefer ratscht - (tja ich hätte nicht als Kind soviel Süßes essen sollen - Amalgam läßt grüßen)
Ansonsten eigentlich ein schönes Bild und wenn auch oft verglichen, immer wieder wehmutsergreifend für einen, der die Liebe und das Meer, die Freiheit und die Schiffe liebt und doch auch gern mal das Anker lichten sein läßt!
Gut gemacht.

Kisses Richard

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#7

Ankerplatz

in Liebe und Leidenschaft 20.12.2005 20:19
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Schau an, unser König ist wieder im Land, da freue ich mich doch!
Danke fürs Lesen und Kommentieren.

kisses back
Margot

P.S. Fingernägel auf einer Wandtafel sind noch schöner!

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