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#1

dürstend

in Mythologisches und Religiöses 10.11.2005 10:21
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    dürstend


    Wo die Reise dich noch hinführt,
    welche Wege du noch gehst,
    bleibt am Ende dein Ermessen.
    Wenn ein Blick dich noch berührt,
    tiefer geht und nicht Vergessen
    deine Tage hält, dann stehst

    du noch immer auf der Schwelle,
    die dir doch das Glück verheisst.
    Und wenn auch der Steine viele,
    wenn der feine Sand die Quelle
    füllt, wirst letztlich du am Ziele
    durch des Einen Mahl gespeist.


    Audioversion



    (c) Margot S. Baumann

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#2

dürstend

in Mythologisches und Religiöses 16.12.2005 14:20
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallo Margot!

So beneidenswert verdient viele Kommentare unter deinen Gedichten und hier findet sich keiner-einer!?
Dabei handelt es sich um ein kleines Juwel, welches im 4-hebigen Trochäus und alternierender Kadenz in schönster christlicher Erlösungshoffnung fein gewebt in schlichter Schönheit schwebt. Die strophische Trennung dient auf den ersten Blick lediglich der vereinfachten Lesbarkeit, denn als Gedicht mit Gebetcharakter bedürfte es der Trennung nicht. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch die Trennung mit der Schwelle zu Beginn der zweiten Strophe zusammenfallen und das gefällt dann natürlich auch. Zu Beginn des Gedichtes startet die Reise, zum Strophenwechsel steht man an der Schwelle und zum Schluss ist man am Ziele.


Das Reimschema hat diesen kleinen Extrakick (A-B-C-A-C-B), ein zeilen- und ein strophenübergreifendes Enjambement tun ein Übriges, um den ästhetischen Genuss zu erhöhen. Hinzu kommt die sehr sympathische Botschaft, die dem lyrDu nicht nur seine Eigenverantwortung, sondern auch die Möglichkeit der Erlösung belässt , selbst wenn es an der Schwelle (zum Glauben) verharren sollte. Das ist ja ohnehin eine der überwältigendsten Eigenschaften der richtig verstandenen Christenheit, dass sie eben auch um Erlösung der Heiden fürbitten. Sehr schön gelungen und auch inhaltlich stark.

Wenn man sich intensiver mit einem gedicht befasst, fallen einem natürlich auch ein oder zwei Stellen auf, die einem suboptimal erscheinen, so auch hier:

S1Z5 beinhaltet einen ganz kleinen Stolperer, da man überlegen muss, wie ausgerechnet das Vergessen die Tage halten kann. Dann geht der Blick tiefer und man erkennt die gemeinte Negierung. Soprachlich ist das dennoch etwas ... gewagt.
Ich bilde mir ein zu verstehen, warum es zu Beginn der Strophe 2 heißt, dass das lyrDu „noch“ immer auf der Schwelle steht: Noch ist nichts verloren, noch kann es seinen Weg zu Gott finden, solange es die Prämissen der ersten Strophe erfüllt. Aber dieses „noch“ beinhaltet auch die Möglichkeit einer negativen Auslegung und das gefällt mir angesichts des so überaus versöhnlichen Grundtenors nicht recht. Auch wenn dem jetzt von mir vorgeschlagenen „doch“ (oder die Alternative „ja“), diese Möglichkeit auch innewohnt, sehe ich sie einerseits als geringer an, andererseits wäre mindestens der „noch“-Doppelung (siehe S2Z2) abgeholfen.

Ein schönes Gedicht, das mir gut gefällt, mich zum Nachdenken eingeladen und insofern beschäftigt hat. Sehr gern gelesen!

Digitally Yours
Mattes


P.S.: Man könnte sogar sagen, dass du mit diesem Gedicht meine Erwartungshaltung voll erfüllt hast, wenn da nicht dieser seltsame Titel wäre. Aber das ist fast schon wie das I-Tüpfelchen, denn üblicherweise sind deine Titel ja sehr gut. Dieser hier aber erscheint mir sehr unpassend und geradezu hilflos angesichts des so sicheren Gedichtes.

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#3

dürstend

in Mythologisches und Religiöses 16.12.2005 14:53
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Mattes

Freut mich, dass dich das anspricht. Ich denke meist, wenn meine religiös angehauchten Texte keinen Kommentar erhalten, dass ich mal wieder zu fest missioniere. Tja, ich glaube, es färbt eben (doch) langsam ab.

Du hast das, was ich da vermitteln wollte, sehr gut heraus gelesen. Ich wollte nicht mit dem Zeigefinger winken bzw. von Hölle o.Ä. schreiben, einfach etwas anstupsen, ohne jemanden zu Fall zu bringen.

Stimmt, da habe ich mit dem ‚noch’ eine unschöne Wiederholung. Ich tendiere aber eher dazu, das zweite zu entfernen. Weil, ich wollte doch gerade verdeutlichen, dass, wenn einem noch etwas berührt, der Weg offen steht. Hm ......
Bezgl. des Vergessens. Einerseits reimt es sich natürlich so toll auf Ermessen ( ), andrerseits soll es hier verdeutlichen, dass viele vergessen, was eigentlich wichtig ist im Leben.
Und noch zum Titel. Jeder dürstet nach etwas. Nach Glück, Erfüllung, Bestätigung etc. Und viele vergessen, dass es eigentlich ganz einfach wäre, den Kelch wieder zu füllen. Ich fand das noch schön. Man kann diesem Wort viele Bedeutungen geben, aber ich verstehe natürlich, dass diese Überschrift nicht sehr pompös ist.

Danke fürs Kommentieren.
Gruss
Margot

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#4

dürstend

in Mythologisches und Religiöses 16.12.2005 19:09
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Marge,

ich finde die Verse auch sehr schön. Jedoch so wie ich sie verstehe, hadere ich noch mit einem Wörtchen, und zwar der "Quelle". Ich hab die mit Sand gefüllte Quelle als ein zugeschaufeltes Grab vor Augen gehabt. Und auchm wenn man gerne die Erde als Quelle des Lebens bei Pflanzen betrachtet, kann ich mich hier nicht so ganz mit diesem Bild anfreunden. Ich hab vermessenerweise mal ein kleines Substitut verfasst, dass ich Dir kurz vorführen möchte, bevor ich mich an meine Deutung mache:

du noch immer auf der Schwelle,
die dir doch das Glück verheisst.
Und wenn auch der Erde viele
deine letzte Ruhestelle
füllt, wirst letztlich du am Ziele
durch des Einen Mahl gespeist.

oder

du noch immer auf der Schwelle,
die dir doch das Glück verheisst.
Auch wenn bald die Erde fiele
von des Grabes Futterkelle,
wirst du letztlich doch am Ziele
durch des Einen Mahl gespeist.

Wahrscheinlich macht das jetzt deutlich, dass ich es überhaupt nicht blicke. Ich habe das jedenfalls so verstanden, dass, wenn ich danach Strebe, bis über mein Leben hinaus bei anderen eine Spur zu hinterlassen, indem ich ihnen gutes tue, so führt das zu Seelenheil und im Jenseits wird es mir vergolten. Ist das so halbwegs korrekt? Ich hab es vielleicht etwas plump formuliert, meine es aber gar nicht so. Wenn es jedenfalls so ist, dann finde ich es schön umschrieben. Bis auf die Quelle halt. Aber ich denke meine Alternativen sind auch keine ernstzunehmenden Alternativen.

Lieben Gruß
GW

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#5

dürstend

in Mythologisches und Religiöses 16.12.2005 21:35
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi GW

Das ist eine ganz neue Sichtweise, die du mir da unterbreitest. So habe ich das gar noch nicht gesehen. Erstaunlich, wie Andere das interpretieren. Es freut mich natürlich, dass man da mehr herauslesen kann, als ich eigentlich vor hatte zu vermitteln.
Die Quelle, die durch den Sand verschüttet wird bzw. die Steine, die den Weg versperren, sind – nach meiner Intention – die Hindernisse, die jeder Mensch in seinem Leben erlebt. Enttäuschungen, Schmerz, falsche Entscheidungen, Verluste etc. Manchen wird dadurch die Quelle – als Sinnbild der Hoffnung – verschüttet und das Leben erscheint ihnen sinnlos und mühselig. Feiner Sand daher, weil es ein schleichender Prozess ist, manchmal sogar unbemerkt, der letztendlich eine Leere zurücklässt. Diese Leere, oder dieser Durst, wird dann am Ende (das muss nicht unbedingt der Tod sein. Der Prozess kann durchaus auch noch zu Lebzeiten abgeschlossen werden, was natürlich weitaus erstrebenswerter ist *g) durch die Einsicht bzw. Rückbesinnung auf die „wahren Werte“ gefüllt bzw. gelöscht. Drücke ich mich verständlich aus? Das alles geht halt schon sehr stark ins Religiöse hinein. Ich will hier auch nicht "das Wort zum Sonntag" halten , es ist lediglich meine Einstellung.

Danke fürs Kommentieren.
Liebe Grüsse zurück
Margot

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