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#1

Halt auf freier Strecke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 22.10.2005 21:39
von Olaf Piecho (gelöscht)
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Ein Hausbriefkasten am Ende einer Straße kann vieles sein. Der Herr aus dem dritten Stock sah in ihm nichts weiter als eine Blackbox. Nie weiß man was drin ist, sagte er immer, geschweige denn ob überhaupt. Frau Fischer aus dem Erdgeschoss sprach von einem Kasten der Hoffnung. Sie hatte in Kontaktanzeigen investiert, hoffte so auf Liebesbriefe feiner Art oder zumindest auf eine Karte ihrer Tochter. „Wissen Sie, sie lebt jetzt in Amerika.“ Der so angesprochene Bruno Helm aus dem zweiten Stock saß in alter Cordhose und kariertem Hemd auf einem Holzschemel vor seinem geöffneten Briefkasten. Er schaute kurz ins nachbarliche Morgenmanteldekolleté und brummte: "So, so. Amerika also. Ist auch nicht gerade um die Ecke."
„Gerade um die Ecke? Also Herr Helm, meine Kombinationsgabe sagt mir, dass Sie einen solchen Vergleich meiden sollten. Es geht nie gerade um die Ecke, das ist schier unmöglich!“ Frau Fischer beugte sich mit einem: „Darf ich auch mal?“ herab, spähte durch den von Bruno mit einem Kochlöffelstiel aufgehaltenen Briefkastenschlitz, sah den Briefträger die Straße heraufkommen; noch drei Häuser, dann endlich wäre er da. Bruno war so viel Nähe unangenehm. Zu viel Parfüm, und dann noch Rosenöl. Er klappte die Nasendeckel zu, zog den Löffelstiel zurück und zwang so die Nachbarin wieder zu einer aufrechten Haltung.
„Dann lebt sie also in Panama.“
„Wer? Wen meinen Sie?“
„Na Ihre Tochter, Panama liegt doch in Amerika, oder?“ Frau Fischer winkte verächtlich ab. „New York, Herr Helm. Ich sage nur: New York!“

Auf Brunos Küchentisch stand ein Brief. Seit Wochen der erste, kein Absender. „Mach ihn auf!“, sprach seine innere Stimme, „dann siehst du, wer geschrieben hat.“ „Das sehe ich auch so; diese zittrige Handschrift gehört keinem anderen als meinem alten Freund und Kollegen Holger Träger.“ Eine Ewigkeit hatte Holger nichts von sich hören lassen. Dabei wohnte er nur ein paar Straßen weiter. Tja, dachte Bruno, das Leben geht eigenartige Wege. Mit diesen Gedanken begann er die Vorbereitung für ein feierliches Frühstück. Er griff nach dem Sonntagsgeschirr - einen Brief bekam man schließlich nicht alle Tage - zündete sich eine Kerze an und holte sogar das blühende Alpenveilchen vom Fensterbrett auf den Tisch. Als er den ersten Bissen im Mund hatte, nahm Bruno endlich das bereitliegende Obstmesser – seitdem er einmal unbeabsichtigt beim Öffnen eine Briefseite zerschnitten hatte, klopfte er zunächst die untere Briefkante drei Mal auf den Tisch und fuhr erst dann mit dem Messer unter den Brieffalz – öffnete den Brief, entnahm die geschriebenen Worte und begann zu lesen. Seine Stirn legte sich in Falten, kopfschüttelnd legte er den Brief weg, nahm ihn wieder, las noch einmal, sah auf die Uhr, holte den Fahrplan vom Küchenregal und begann aufgeregt darin zu blättern. Noch einmal sah er auf die Uhr, sprang dann plötzlich vom Tisch auf, der umfallende Stuhl krachte auf den Küchenboden. Bruno griff im Flur eilig nach Schlüssel, Jacke und Portmonee und stürmte aus dem Haus die Straße hinab.


War das eine Notbremsung? Der Zug stand, es gab Gerüchte. Eine Frau geiferte durch das volle Abteil. Bruno kannte die Stimme nicht. Er ging auf sie zu:
"Sie irren sich."
Entgeistert sah sie Bruno an und fragte: "Wie bitte? Ich verstehe nicht."
"Vielleicht nur dies eine Mal, aber Sie irren sich. Ich weiß nicht, warum sie so über diese Menschen reden, aber Sie liegen falsch mit Ihrer Vermutung. Heute war es keiner von diesen. Kein Asozialer, oder wie nannten Sie ihn gleich nochmal?"
"Nicht? Wer war es dann?"
Andere Fahrgäste sahen erwartungsvoll in unser Gespräch, hofften so, noch mehr Details über den Verunglückten zu erfahren. Darüber ließe sich berichten, nicht wahr?
"Vielleicht war es ja ein Unfall?", meinte eine ältere Frau mit Goldrandbrille. Bruno schüttelte den Kopf:
"Das war kein Unfall. Ganz sicher nicht! Zufällig weiß ich es ganau."
Erschrocken starrte sie ihn an und rief:
"Sie wissen es? Sie wissen, wer sich vor den Zug geworfen hat? Ja, warum stehen Sie dann hier und spielen den lieben Gott? Warum haben Sie das Unglück nicht verhindert? Stattdessen fahren Sie hier spazieren! Sie haben sich schuldig gemacht. Jawohl, Blut klebt nun an ihren Händen. Für immer!"
Die aufgebrachte Menge kannte kein Erbarmen. Sie schob und drückte Bruno zum offenen Wagenausgang. Der Zug fuhr wieder an, fuhr schneller, immer schneller. Mit schneidender Stimme rief die Geiferin über die Meute hinweg: "Halt!"
Bruno glaubte nicht an Rettung. Nicht durch sie.
"Erst soll er uns sagen, wer da zu Tode gekommen ist!"
Einige stimmten ihr lautstark zu, forderten den Namen, forderten den Stadtteil, forderten sogar die Straße und die Hausnummer. Nichts verriet Bruno, darauf war er stolz. Nur, dass es ein Freund gewesen sei. Ein Rentner, so wie er. Da ließ der Mob enttäuscht von ihm ab, alle setzten sich zurück und taten, als ob nichts geschehen sei. „Pah! Ein Rentner. Ausgerechnet.“

„Ihre Fahrkarten bitte!“ Die Goldrandbrillenfrau fragte noch einmal: „War es ein Unfall?“ „Nein“, antwortete der Schaffner, „diesmal nicht, Gnädigste. Es war, wie soll ich es gleich nennen, nichts weiter als ein Halt auf freier Strecke. Die Ampel, ich meine, das Signal war plötzlich Rot. Deshalb das scharfe Bremsen. Wie bitte? Nein, nein, ich helfe hier nur aus. Schon immer träumte ich davon, einmal in meinem Leben ein Schaffner sein zu dürfen. Jetzt, als pensionierter Lehrer, Deutsch und Geschichte übrigens, erfülle ich mir diesen Traum. Fünfhundert Euro kostet mich der Spaß, aber was soll’s.“
Bruno hatte keinen Fahrschein. Er ging auf den Schaffner zu, riss ihm die Dienstmütze vom Kopf und platzierte eine schallende Ohrfeige. „Bist du verrückt? Das tut doch weh!“ „Mir doch egal, Herr Träger, für mich bist du gestorben.“

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#2

Halt auf freier Strecke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 22.10.2005 22:16
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Olaf

Ich bin keine gute Prosa-Kritikerin, aber mich hast du voll erwischt, genau wie die Fischer! Die Geschichte liest sich gut, wobei der Zufall, dass die Frau auch gerade in dem Zug ist, doch etwas gesucht ist.

Witzig finde ich den Briefpfalz .... aber ich war eben noch nie gut in Geographie.

Gruss
Margot

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#3

Halt auf freier Strecke

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 22.10.2005 23:54
von Olaf Piecho (gelöscht)
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Sehr angenehm, Margot,

ja, wir kennen uns, warum auch nicht. Für Deine Hinweise bin ich Dir dankbar, die Briepfalz ist eine besondere Lokalität, bestimmt.

Die Frau Fischer geifert nun nicht mehr im Zug, der Zeitliche Abstand zwischen Morgenrocktoilette und der Abfahrtszeit war zu knapp bemessen. Das schafft nur ein CordhosenBruno im kariertem Laufschritt. Habe es geändert.

Grüße von Olaf

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