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#1

Harijans

in Düsteres und Trübsinniges 14.10.2005 01:30
von Sankt Marot | 117 Beiträge | 117 Punkte
Kastanienfarben öffnen Augenbuchten
Und sehn den Mollloch der die Nacht durchdringt.
An Lehmfassaden sieht man Lumpen gaffen
Gebrochne Tröge glühn in Hauserschluchten
Die Jäger lauern: Hunde, Ratten, Affen
Der Tag gebirt, der Zeiger tickt und springt

Alte Frauen
Zischen durch die Gassen
Junge Pfauen
Streiten sich um Kot
Stille bricht an Menschenmassen
Sonne steigt aus Blut ins Rot
Feilschen, puschen
Drängen , kuschen
Tiergedärme
Todeswärme
Todeswärme!

Geblendet blinzeln tränenreiche Lieder
wo Vischnus Huld in Shivas Tänzen spricht
der Lebensbringer brennt auf Dächerplatten
verkochte Lüfte dehnen Zeit und Glieder
Die Massen keuchen kauernd in den Schatten
Des Mittags Schwert drängt brodelnd vor Gericht.

Faule Leiber
Wesen in der Hitze
Hurenweiber
Stößt man keuchend fort
Smok verätzt die kleinste Ritze
Autokrach täubt Straßenhort
Hupen, schwitzen
Fluchen , spritzen
Auspuffrohre
Höllentore
Höllentore!

Des Abends Röte flattert auf die Blicke
Löscht Gelbes Gift in lauem Frühlingswind
Und Höllenbrände schwinden in die Lüfte
Ergeben schüchtern recken sich Genicke
Gelächter säuselt über eine Hüfte
Die Stadt schnauft durch, im Schotter stirbt ein Kind

Freudenscharen
Feiern ausgelassen
Westbarbaren
Saufen Rum und Bier
Manche sieht man Geld verprassen
Manche rauchen nur zur Zier
Lachen brüllen
Zechen, füllen
Drogenpille
Lebenswille
Lebenswille!

Die Dunkelheit verschließt die Augenreihen
Ein Sanfter Mond wischt Tränen vom Gebein
Verträumter Frieden säuselt durch die Stille
Kein Tod kein Leid kann ihn jetzt noch entzweien
Was ist des Teufels was des Gottes Wille?
Ist jedes Sterben denn so seelig rein?

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#2

Harijans

in Düsteres und Trübsinniges 14.10.2005 10:21
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Lieber Marot,

leider kenne ich mit dieser Religion nicht aus und finde kaum Bezug dazu. Ich mußte den Titel erst nachschlagen, um zu wissen worum es geht.
Mein erster Gedanke beim Lesen war, daß du verreist warst und deine Eindrücke aus einem Land mitbrachtest, in der Armut herrscht. Dementsprechend wirkt es auch: Bedrückend, fremd und demzufolge auch ein Aufruf mal wieder die Augen zu öffnen.
Ich denke jedoch, deine Zeilen sprechen mehr als eine Situations- und Kulturbeschreibung an, jedoch fühle ich mich nicht in der Lage ohne weitere Recherchen und entsprechende Informationen mehr dazu zu sagen und zu analysieren. Sollte ich Zeit finden, wäre es möglich, daß ich mich noch intensiver damit beschäftige, aber versprechen kann ich es nicht. Dazu interessiert mich das Thema in Hinsicht auf die angesprochene Philosophie/Religion zu wenig – zumindest im Moment!
Soweit jedoch spricht es mich an, wenn auch auf sehr unangenehme, bedrückende Weise.

Gruß Ric

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#3

Harijans

in Düsteres und Trübsinniges 14.10.2005 11:59
von Mattes | 1.141 Beiträge | 1141 Punkte
Hallo Marot!

Ich wirll dir kein X für ein U vormachen, muss aber erst einmal X-en:

xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX

XxXx
XxXxXx
XxXx
XxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxX
XxXx
XxXx
XxXx
XxXx

Metrisch sauber, formal interessant, melodiös und mit ausgefeilter Sprache nahm mich dein Gedicht sofort gefangen und lud mich zur Beschäftigung ein. Mehr kann ein Dichter zunächst wohl nicht verlangen.

Wie Ricarda schon ausführte, erlebe ich das Gedicht zum größten Teil als Beschreibung eines indischen Großstadtmoloches (ein L genügt) bzw. der ärmeren Viertel eines solchen. Es gelingt dir sehr gut, ein Gefühl dafür aufzubauen und man ist gewillt, alle Baedekers und Merian-Hefte in seinen Kamin zu feuern, da es dir mit einem einzigen Gedicht gelingt, mehr Flair aufzubauen. Das Erschrecken Ricardas kann ich nicht nachvollziehen, da du zwar keine Idylle zeichnest, aber dennoch mit Emphase beschreibst.

Wenn man dann etwas so gerne liest und es dem Autoren auch mitteilen möchte, beschäftigt man sich zwangsläufig noch eingehender damit und da erging es mir nun so, dass ich abschließend feststellen muss, dass das Werk wesentlich besser klingt, als es inhaltlich nachhallt. Ich bin inzwischen über so viele Ungereimtheiten gestoßen, dass es wie eine übertriebene Sektion wirkte, wenn ich das alles aufzählte und es würde dem Wohlklang des Gedichtes auch nicht gerecht.

Ein paar besonders störende Aspekte kann und will ich dir aber nicht ersparen:

1. Der Titel weckt Erwartungen, die das Gedicht nicht erfüllt. Zwar versuchst du zum Ende hin, in die Richtung zu gelangen aber das Gedicht ist zu 95 % die Beschreibung eines indischen Großstadtslums. Insofern würde ich es vielleicht eher „Kalkutta“ nennen und das Kastenwesen herauslassen.
2. Die wiederholten Phrasen zum Ende der ungeraden Strophen wirken sehr aufgesetzt und erhöhen nicht die Eindringlichkeit. Das wirkt lediglich affektiert auf mich.
3. Die im Angesicht des toten Kindes im Schotter ausgelassen saufenden Westbarbaren hätte ich nun völlig vermieden an deiner Stelle. Das bringt eine Wertung hinein, die keiner Seite gerecht wird und auch dem Gedicht nicht gut tut, da es die Kritik nicht trägt.
4. Die Conclusio wirkt ebenso konstruiert. Wo bitte wird das im Gedicht vorbereitet, was soll das überhaupt bedeuten? Abgesehen davon, dass du dich entscheiden solltest, ob du seelisch oder selig meinst, geht es bitte um welches oder wessen seelisch oder selig reines Sterben?

Folgende Fehler, so weit ich sie oben nicht erwähnt habe, müssten meiner Ansicht auch noch korrigiert werden:

Wenn der Tag gebiert (bitte mit ie), was gebiert er denn? Blinzeln die Augenlider oder geht es um Gesänge? Der Smog schreibt sich mit G. Durchschnaufen ist bestenfalls umgangssprachlich und wenig poetisch, entweder schnauft man heftig, was eher einem Ringen nach Luft entspricht oder man atmet durch, weil man die nötige Ruhe und Gelassenheit dafür hat.

Wie gesagt, die nach meinem Ermessen inhaltlichen Probleme lasse ich außen vor, um nicht zu beckmesserisch zu erscheinen, denn ich lese das Gedicht nach wie vor gern und genieße den Wohlklang. Und beschäftigt habe ich mich damit auch sehr gern.

Mattes

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#4

Harijans

in Düsteres und Trübsinniges 14.10.2005 12:27
von Sankt Marot | 117 Beiträge | 117 Punkte
Ich danke für diese treffende Kritik und möchte ein wenig auf sie eingehen:

1. ich muss dir hier voll und ganz recht geben. besser gesagt du hast mich durchschaut. Der Titel ist eine Verlegenheitslösung weil mir einfach kein gescheite einfallen will. Erst hies das Werk " Hindu" und war demnach noch unpassender. Harijans habe ich dann gewählt weil es die Soziale , die religiöse und kulurelle Ebene anspricht. Das Gedicht will ja an verschiedenen stellen in alle bereiche eindringen. Eine Stadt als Titel zu nehmen schien mir zu eindeutig weil ich mich dann auf eine Stadt festlegen müsste. Diese Lokalisierung aber würde dem Sinn des Werkes zuwiederlaufen. Aber du hast recht Harijans ist sicher keine perfekte Lösung. Wenn dir etwas einfällt wäre ich sehr dankbar.

2. Das akzeptiere ich, teile es aber nicht. Die Wiederholung ist für mich das gedankliche Echo des Gesehenen. Immerhin haben wir hier ja einen Protagonisten der alles sieht. Das Echo diehnt also als eine Art gedankliches Fazit. Aber ich denke das ist Geschmackssache.

3. Hm, das Argument mit der Wertung hat was, allerdings ist mir gerade diese Strophe ans Herz gewachsen als Kontrast zum Sterben. Die Wertung geht ja auch eigentlich aus der beschriebenen Kutur raus, und da der Protagonist gerade stirbt wäre es eigentlich nur logisch, dass er die Szene der Barbaren als zynisch empfindet. Hm ich denke da muss ich drüber nachdenken.

4. Sie wird durch das Gedicht vorbereitet. Man kann meienr Ansicht nach das gesamte Werk als Alliteration für das Sterben sehen. Die letzten Zeilen sind dann quasie die Aufdeckungd er Alliteration. Macht für mich Sinn, aber auch das ist wohl Geschmackssache.

Also über die Barbaren muss ich noch mal nachdenken , was den Titel angeht sind wir uns einig, nur die beiden anderen Kritikpunkte sind so eine Sache, weil sie auf deiner Interpretation des Werkes basieren, die sich wohl nicht ganz mit den verschiedenen interpretationen deckt die ich habe. Ich danke dennoch für die Anreize, Sie zeigen mir das das gedicht so wie ich es dachte nicht ganz klar zu werden scheint, und in anderen interpretationen eher versagt...
Gruß Marot

Edit : Ups, vor lauter Don martin hab ich dich ganz vergessen Ricarda. Vielen dank für deine Einschätzungen. Das es schwer zu verstehen ist merke ich auch imme rmehr und liegt wohl auch am Titelproblem. Die Trpbe stimmung freut mich denn genau die wollte ich erzeugen

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#5

Harijans

in Düsteres und Trübsinniges 14.10.2005 13:44
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Hallo Marot,

kann mich weitestgehend der Kritik von Mattes anschließen, wobei ich den Hintergrund, der sich in dem Titel verbirgt nicht kenne, aber von der Beschreibung des Slums her gefällt es mir sehr gut und nimmt trotz der Länge besonders sprachlich gefängen, wobei mir auch der Teil mit den Westbarbaren, zudem der mit dem sterbenden Kind nicht so gut gefällt.
Eine Frage: Was meinst Du in dem Zusammenhang hier bzgl. des Todes eigentlich mit dem Begriff Alliteration? Alliteration ist nach meinem Wissen ein Stilmittel der Form "Meine Mama mag Mandarinenmarmelade mampfen", also wenn mehrere Wörter mit demselben Buchstaben beginnen.

Grüße
GW

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#6

Harijans

in Düsteres und Trübsinniges 14.10.2005 14:13
von Sankt Marot | 117 Beiträge | 117 Punkte
Na da siehst du mal wo das hinführt wenn man ständig mit verschiednen themenbereichen zu tun hat. Ich meine selbstverstänlich Allegorie und nicht Alliteration. Scheine heute über die massen konfus zu sein.

Was an der " Srebendes Kind-Passage" gefällt dir im speziellen nicht wenn ich fragen darf?

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#7

Harijans

in Düsteres und Trübsinniges 14.10.2005 14:32
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
Darfst Du.
Der Teil ist schön. Allein das sterbende Kind wirkt mir bei all der sonstigen bunten Bildhaftigkeit der Sprache zu platt.

Grüße
GerateWohl

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#8

Harijans

in Düsteres und Trübsinniges 17.06.2008 16:55
von Momo (gelöscht)
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Hallo Marot,
zufällig habe ich dein Gedicht gelesen und bin sofort von dem Rhythmus hingerissen.
Und natürlich auch von der Melodie und Inhalt, der zum Schluss melancholisch klingt.
Die kritischen Worte wurden bereits abgegeben.
Ich kann nur hinzufügen: sehr gute, bis hervorragende Arbeit ...

Gruß
Momo
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