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#1

Lycanthrop

in Düsteres und Trübsinniges 23.07.2005 21:21
von kein Name angegeben • ( Gast )
Lycanthrop

Und wieder fasst mich Vollmondmorgengrauen.
Auf meiner Zunge schrinnt wie Kupfer schales Blut,
Das nicht vom Aderlass mir eigner Venen stammt.
Ob tiefer Schuld kann ich den Spiegel nicht mehr schauen,
Worin mein Antlitz bleich und selbstverachtend flammt.

Der Wolf zerfleischt noch immer meine Glieder,
Aus denen er erwuchs im Licht des fahlen Monds.
Wie Schmerz als König über meinen Körper thront,
Bestimmt Verzweiflung meiner Seele Lieder.
In diesem Fluch bleibt jede Tugend unbelohnt.

Und doch fehlt mir der Mut als Mensch zu sterben.
Jahrhundertlang schon flieht die Kreatur den Tod,
Obwohl sie ahnt, dass einzig dort Erlösung harrt.
Befreit mein Tod auch andre vom Verderben,
Kadavertreu steh ich zum Leben - unverscharrt.

So bleibt der Wolf, den Vollmond anzubellen.
So bleibt dem Menschen auf sich selbst der Hass.
So wird mein Sein sich in den Wahnsinn dehnen,
Und wird der Wolfsfang Eure Leben fällen.
Doch in Euren Wunden brennen Menschentränen.

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#2

Lycanthrop

in Düsteres und Trübsinniges 24.07.2005 01:02
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Flam

Wow - das ist echt düster, da fröstelt mich. Entschuldige, ich bin zu müde, um noch etwas Konstruktives zu schreiben, aber ich geniesse wieder einmal deine grosse Sprachgewalt. Wunderbar.

Beste Grüsse
Margot

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#3

Lycanthrop

in Düsteres und Trübsinniges 25.07.2005 23:49
von kein Name angegeben • ( Gast )
Da danke ich Dir aber trotzdem für die Zustimmung. Schön, dass es Dir gefällt. So langsam krieg ich doch wieder mehr Lust zu schreiben. Und man weiß selber ja nie, ob die eigenen Werke etwas taugen.

Danke schön!

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#4

Lycanthrop

in Düsteres und Trübsinniges 27.07.2005 09:03
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
So Flam

Jetzt bin ich zwar ausgeschlafen, jedoch habe ich anderweitige Zipperlein (*g). Nichtsdestotrotz wollte ich mich noch einmal mit deinem Text befassen. Es geht also um des Menschen Wolf, ein altes Thema: Der Feind in uns. (Ich erinnere mich, bei diesem Thema, immer gerne an Tobys/NTSRs Gedicht, mit dem gleichnamigen Titel. Vielleicht kennst du es.)
Vollmondmorgengrauen, sehr schönes Wort für den Tag danach, als der Wolf wieder zugeschlagen hat. Und, wie immer, kann er es selber kaum fassen, was er in dieser Nacht wieder „vollbracht“ hat. Quält sich mit den Schuldgefühlen und dem Ekel vor sich selber und weiss doch, dass er seiner Bestimmung nicht fliehen kann. Immer und immer wieder Blut zu lecken und zu töten. Eine unabwendbares Schicksal, dem nur der eigne Tod ein Ende bereiten könnte.

xXxXxXxXxXx 11a
xXxXxXxXxXxX 12b
xXxXxXxXxXxX 12c
xXxXxXxXxXxXx 13a
xXxXxXxXxXxX 12c

xXxXxXxXxXx 11a
xXxXxXxXxXxX 12b
xXxXxXxXxXxX 12c
xXxXxXxXxXx 11a
xXxXxXxXxXxX 12c

xXxXxXxXxXx 11a
xXxXxXxXxXxX 12b
xXxXxXxXxXxX 12c
xXxXxXxXxXx 11a
xXxXxXxXxXxX 12c

xXxXxXxXxXx 11a
xXxXxXxXxX 10b
xXxXxXxXxXx 11c
xXxXxXxXxXx 11a
XxXxXxXxXxXx 12c unrein


Hab mal schnell ge-xt und was sehe ich? Flam, der immer alles so akkurat dichtet, hat ne Silbe zuviel. Der Bruch im Metrikschema in der letzten Zeile sehe ich als passenden Abschluss, wobei ich mir eine vollkommen andere letzte Strophe auch vorstellen könnte (Reimschema ö.Ä), die die Ausweglosigkeit noch mehr verdeutlichen könnte. Des Weiteren würde ich sagen, es hiesse : So bleibt dem Wolf, den Vollmond anzubellen..... aber da kann ich mich täuschen.

Wie gesagt, gefällt mir gut. Gern gelesen.

Beste Grüsse
Margot

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#5

Lycanthrop

in Düsteres und Trübsinniges 27.07.2005 20:52
von kein Name angegeben • ( Gast )
*Kicher*

Nix da! Der Flam hat 2 Silben zuviel und nicht nur eine. ^^
Stimmt! Ich zähle nicht so akkurat im Moment. Aber dafür stimmt wenigstens die Kadenz.

Die Idee mit dem Reimschema ist eine gute. Außer der Metrik habe ich aber auch noch die Kadenzen in der letzten Strophe verändert. Steht natürlich recht eng im Zusammenhang zueinander.

Der Satz, der sich für Dich komisch anhört würde voll ausgeschrieben lauten:

So bleibt der Wolf, um den Vollmond anzubellen.
Das "der" ist eigentlich richtig.


Dass Du Dich nochmal so mit meinem Werwolf auseinandergesetzt hast, dafür danke ich Dir. Und dass Du mir den Silbenfehler zurecht angekreidet und den metrischen Bruch am Ende als das erkannt hast wofür er gedacht war, dafür dank ich Dir auch.


liebe Grüße,
Flam

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#6

Lycanthrop

in Düsteres und Trübsinniges 05.08.2005 10:59
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Flam,

gefällt mir ebenfalls sehr gut, schön schwer kommt dieses düstere Werwolfsgedicht daher.

Man könnte meines Erachtens auch etwas mehr hineininterpretieren als die Geschichte eines Menschen, der sich jeden Vollmond in ein Tier verwandelt und dann auf die Jagd geht. Ich denke da an gewisse Grenzsituationen (symbolisiert durch den Vollmond), an denen Menschen zu extremen, geradezu unmenschlichen Handlungen in der Lage sind, in denen sie sich also sprichwörtlich in Bestien verwandeln. Insbesondere im Rahmen der Extremsituation Krieg zeugen davon diverse geschichtliche Aufarbeiten im Rahmen von unmenschlichen Kriegsverbrechen. Auch wenn dieser Gedankengang von Dir vermutlich nicht beabsichtigt ist und er Deinen Text womöglich etwas dehnt, hat mich insbesondere Deine letzte Strophe zu diesen Gedankengängen gebracht.

Dort beschreibst Du sehr eindringlich den Selbsthass des Menschen, der, obwohl er nichts anderes lieber wollte, dennoch nicht aufhören kann, den Mond anzuheulen (meines Erachtens bellen Wölfe übrigens nicht) und seiner Gewalt Raum zu geben. Ich musste da an das Sprichwort denken: mit den Wölfen heulen, welches ja einen gewissen Opportunismus beschreibt, der nicht wenige auch der oben beschriebenen Situationen beschreibt: aus Angst vor Strafe, vor dem gesellschaftlichen Abseits machen viele mit, was sie durchaus als falsch erkennen und im Stillen beweinen.

Wie gesagt, diese Deutung entspricht womöglich nicht Deiner Intention, widerspricht aber m.E. auch nicht Deinem Text und wertet ihn für mich gleich nochmal auf, obwohl die vordergründige Sinnebene bereits schön und feinfühlig ausgestaltet ist.

Ich musste kurz darüber nachdenken, ob es nicht Lykanthrop heißen müsste. Die Schreibweise mit c ist, glaube ich, eher im englischsprachigen Raum üblich und hat insbesondere mit PC-Spielen hier Einzug gehalten. Letztlich ist es jedoch auch recht schnurz, da aufgrund des anderen Alphabets in der Übertragung meist mehrere Möglichkeiten offenstehen. Im Griechischen gibt es zumindest kein c, aufgrund der harten Ausprache desselben im Deutschen werden aber beide Schreibweisen okay sein.
edit: ich habe zudem gerade beschlossen, dass die Schreibweise mit c schicker aussieht...

Margots "Xereien" zugrundegelegt hast Du genau genommen insgesamt weder Silben zuviel noch zuwenig, denn die beiden, die Du zu zahlreich in der ersten Strophe verwendest, nimmst Du letztlich in Str. 4/Z. 2 wieder fort ^^. Da Du selbst ja schon meintest, nicht mehr so genau zu zählen, wird so auch die 5-Hebigkeit an dieser Stelle zu erklären sein, denn mit dem nachvollziehbaren metrischen Bruch am Ende des Gedichtes vermag ich dies nicht in Zusammenhang zu bringen.

Gefällt mir, trotz Deiner Zahlenschwäche , sehr gut,


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#7

Lycanthrop

in Düsteres und Trübsinniges 10.08.2005 23:15
von kein Name angegeben • ( Gast )
Hallo, Don Carvalho!

Ich habe in der Tat nicht so explizit in Richtung Krieg gedacht. Aber so ein kleines bisschen ist es auch allegorisch zu sehen. Ich hatte schon ein paar rein menschliche Aspekte im Hinterkopf beim Schreiben. Es gibt da auch Ansätze, die von der eigentlich beschriebenen (oder eher nicht beschriebenen) körperlichen Gewalt abweichen. Das geht in Richtung emotionale oder soziale Gewalt. Auch da besteht zuweilen keine Wahl für den Täter.

Fein, dass es Dir gefällt.

Danke schön!

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