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#1

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2005 13:05
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Ursachenforschung

Mit sichrer Hand und scharfer Präzision
setz ich das liebgewonnene Skalpell -
in wahrgewordner Buñuelfiktion
fährt es durch erste Schichten fein und schnell.

So ist der erste Schritt auch schon getan
und etwas von Dir ist jetzt freigelegt.
In schwarzer Stumpfheit starrst Du mich nur an,
die Höhlen freigeschabt und ausgefegt.

Doch fand ich nicht den Grund für Deinen Blick
- den voller Mitleid, den ich so verfluche -
so zieh ich fester Deiner Fesseln Strick,
begeb mich weiter auf die lange Suche...

(c) Don Carvalho
- Juli 2005


Zeichnung: Donna Carvalho

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#2

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 06.07.2005 15:12
von GerateWohl • Mitglied | 2.015 Beiträge | 2015 Punkte
So, Don, dann setze ich mal das liebgewonnene Skalpell an Deine Verse.
Bzw. was die Gedichtanalyse betrifft bin ich ja eher für's grobe, wie ich zugeben muss.

Auf den ersten Blick könnte es um so einen irrgeleiteten Horrorvideo-Gucker gehen, der das Gesehene in die Tat umsetzt, auch wenn er hier mit dem Buñuel-Bezug doch eher ein Intellektueller Video-Freak wäre. Es geht hier ja nicht um "Die blutige Rückkehr des Stabmixer-Massaker-Mörders Teil 17", sondern den Andalousischen Hund.
Aber worum es in meinen Augen eigentlich geht, ist ein sehr interessantes Thema.
Zum einen sehe ich die zerstörerische Kraft der Forschung. Aus dem Drang nach Erkenntnis über ein faszinierendes, vielleicht sogar liebgewonnenes Objekt, wird dieses durch die Erforschung zerstört.
Zum anderen sehe ich sehr anschaulich die Nutzlosigkeit von Gewalt als Mittel zur Lösung von Beziehungskonflikten. Zwischen dem Ich und dem Gegenüber besteht irgendeine Form von Beziehung. Das Ich weiß, Gewalt bedeutet Macht. Doch diese Macht ist oberflächlich, im wahrsten Sinne des Wortes. Nie vermag sie die Bahnen des Herzens und der Gedanken aktiv zu lenken. Versucht man mit dieser Macht die Oberfläche zu durchdringen, was hier schön durch das Aufschneiden symbolisiert wird, schafft man nur eine neue Oberfläche und man ist keinen Schritt weiter und hat etwas zerstört, die alte Schönheit ist dahin. Diese Ohnmacht trotz der gewaltigen Macht, schlägt dem Ich hier in Form des Mitleids entgegen. Diesem Gegenschlag versucht das Ich mit Stärke zu begegnen, und Stärke bedeutet für es nunmal wiederum Gewalt.
Ziemlich deprimierend und abgründig, aber wahr und gut.

Aber jetzt mal eine formale, die ich so gar nicht beantworten kann: Reimt sich Präzision eigentlich auf Fiktion? Ist ds ein sauberer Reim? Ich weiß es echt nicht.

Grüße
GerateWohl

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#3

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 07.07.2005 10:07
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Ursachenforschung

"Mit sichrer Hand und scharfer Präzision
setz ich das liebgewonnene Skalpell -
in wahrgewordner Buñuelfiktion
fährt es durch erste Schichten fein und schnell."

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
Die Metrik ist natürlich glatt - wie solls auch anders sein...
Bunuel ist ja nun ein surrealistischer Regisseur, ich kenne nur leider keine Filme von ihm, zumindest weiß ichs nicht genau, aber surrealistisch muten auch deine Worte an. Der Schnitt steht für mich hier für Analyse. Das lyrische Ich ist jemand, der versucht, dass lyrische Ich zu durchschauen und das mit wahrscheinlich brutaler mentaler Vorgehensweise.

"So ist der erste Schritt auch schon getan
und etwas von Dir ist jetzt freigelegt.
In schwarzer Stumpfheit starrst Du mich nur an,
die Höhlen freigeschabt und ausgefegt."

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
Er schafft es auch in das lyr. Du zu dringen. Nur findet er nichts - es ist alles leer und dafür kann es zwei Gründe geben: 1. Das lyr. Du ist einfach stumpf und leer - es gibt dort nichts zu finden oder 2. das ly. Du ist so gut
geschützt, dass so weit nicht vorgedrungen werden kann, um etwas zu finden.

"Doch fand ich nicht den Grund für Deinen Blick
- den voller Mitleid, den ich so verfluche -
so zieh ich fester Deiner Fesseln Strick,
begeb mich weiter auf die lange Suche... "

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxXx
xXxXxXxXxX
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Hier wird man unterrichtet, warum das lyr. Ich so vorgeht: Das lyr. Du hat Mitleid mit ihm und das lyr. Ich hasst es dafür.
Und weil es nichts gefunden hat, wird er das lyr. Du nicht loslassen, wird es immer weiter umkreisen, martern und einengen, bis er etwas findet, was es möglicherweise nicht gibt.

M.E. sehen wir hier einen emotionsgesteuerten, an Wahnsinn grenzenden Menschen, der von seinem lyr. Du besessen zu sein scheint. Das lyr. Du jedoch verhöhnt ihn nur in seinem Wahn.
Aus dieser Sicht sehr gut beschrieben, beklemend und fesselnd dargestellt und eine besonders schöne, ausgefeilte Wortwahl.

Ich bin sogar sicher, dass man noch Einiges Anderes hineininterpretieren kann - du lässt hier sehr viel Spielraum! Ich habe GWs Interpretation noch nicht gelesen, aber sicher interpretiert er anders als ich.
Ich hätte auch noch andere Interpretationsansätze, aber es kommen bestimmt noch andere und vielleicht führe ich diese noch später aus.

Erstmal: Ein "exellent" für Dich!

LG Richard

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#4

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 07.07.2005 14:36
von Velazquez | 315 Beiträge | 315 Punkte
Hi Don,

auch von mir ein kurzes Statement. Gefällt mir.

Ich sehe die Metapher des Skalpells eher als den erwiderten Blick auf das lyr. Du, das das lyr. Ich mitleidig ansieht.

Eine Frage stellte sich mir dann sogleich in dem Zusammenhang: Wieso das Mitleid?

Ich würde dahingehend interpretieren, dass es einen bestimmten Anlass dafür geben muss.
Vielleicht wird das lyr. Ich wegen seiner Erscheinung z.B. bemitleidet – es leidet an irgend einem äußerlich sichtbaren Gebrechen etwa.

’Doch fand ich nicht den Grund für Deinen Blick
- den voller Mitleid, den ich so verfluche –’

… wäre im Sinne meiner Deutung durchaus so nachvollziehbar.

’so zieh ich fester Deiner Fesseln Strick,
begeb mich weiter auf die lange Suche...’

Auch hier wird nur -im wahrsten Sinne des Wortes- der Augenblick beschrieben, das Einkreisen, Ergründenwollen, die Suche nach dem Ursprung des Mitleids…

So hab’ ich’s gesehen – in Kurzfassung.

Macht nachdenklich und ich hab’s gerne gelesen,


LG,

Velazquez

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#5

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 08.07.2005 15:01
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo allerseits,

verzeiht meine leicht verzögerte Reaktion, aber ich wollte Eure Kritiken ja angemessen würdigen...

@Geratewohl: Du siehst, man muss Dir nur so ein feines Instrument wie ein Skalpell in die Hand geben und das Schlachtermesser aus der Hand nehmen und schon schnippelst Du mit einer Menge Gefühl ^^. Mir gefallen besonders gut Deine Ausführungen die Forschung betreffend... eigentlich widerspricht es zwar meiner Grundhaltung, ab und zu denke ich aber auch, dass man noch so viel sezieren kann und dennoch nicht den eigentlichen Kern freilegen kann.
Die Kompensation der Ohnmacht angemessener Auseinandersetzung durch Gewalt ist dagegen ja sehr viel deutlicher meinen Zeilen dargestellt. Deine Schlussfolgerungen hieraus gefallen mir jedoch ebenfalls sehr.

Präzision und Fiktion würde ich schon als Reim bezeichnen, ich denke sogar, es ist ein reiner... Du verunsicherst mich ^^... Hab Dank dennoch für Deinen Kommentar!

@Richard: Der Schnitt steht im übertragenden Sinn zwar für die Analyse (da kann man sich durchaus auf die Gedanken Gerwatewohls beziehen), ich wollte allerdings auch das Bild aus dem andalusischen Hund heraufbeschwören, als in einer der ersten Szenen einer Frau mit einem Skalpell das Auge zerschnitten wird - in Großaufnahme...
Schau mal ->!
Aber wieder zum Thema: das lyrische Ich versucht das lyrDu zu verstehen - und kann es nicht. Das ist neben dem offensichtlichen dasjenige, an das ich selbst am meisten gedacht habe. Danke für Deine ausführlichen Gedanken.

@Velazquez: An ein Gebrechen als Grund für das Mitleid könnte man zweifellos auch denken. Ich habe es mehr dahingehend gesehen, dass das lyrDu das lyrIch in dem verzweifelten und letztlich erfolglosen Bemühen, es zu verstehen, bemitleidet... denn dem lyrIch fehlen ganz offensichtlich die Mittel hierfür. Mir fällt gerade auf, dass man das womöglich gar auch als Kritik an den "Entsaftern" verstehen könnte (Du weißt vermutlich, was ich meine) - ups ^^. Dahin gingen meine Gedanken nun allerdings gar nicht! Zudem müsste man, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, schon selbst eine Menge entsaften ! Danke Dir für Deinen Kommentar.

Euer Gefallen und Eure Nachdenklichkeit haben mich gefreut. Habt nochmals Dank dafür...


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#6

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 08.07.2005 21:20
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Hmmhm, das ist wirklich hübsch oder C`est jolie, Monsieur, wie Margot sagen würde..

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#7

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 09.07.2005 10:36
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Lecker, nicht wahr? Und wenn Du mal eine Viertelstunde Zeit hast (viel länger dauert der Film nicht), dann schau ihn Dir mal an. Wenn man diese Szene erst überstanden hat, passiert nicht mehr viel Schlimmes...


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#8

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 09.07.2005 15:49
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Ich liebe ja diese alten Filme, aber wo bekommt man so etwas denn noch?

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#9

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 09.07.2005 19:05
von Loki (gelöscht)
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#10

Ursachenforschung

in Düsteres und Trübsinniges 09.07.2005 19:22
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Na klar! Danke!

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