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#1

Tonscherben

in Diverse 05.07.2005 14:51
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

    Tonscherben


    Zinnoberrot, im letzten Hell des Tages,
    so liegen sie im trocknen, heissen Staub.
    Versprechen wird gebrochen! Ja, er wagt es:
    Die Hand greift dreist und Lehen wird zum Raub!

    Und lustvoll küsst er ihre glatte Kühle;
    die Farben blass, die Ränder scharf und rau.
    Im kurzen Taumel seiner Glücksgefühle
    flieht Ehre und verfärbt die Zunge blau.

    Mit wildem Zucken stirbt der feige Scherge,
    die Finger krallen um den toten Stein.
    Weit ab - im Dunkeldüster hoher Berge –
    erklingt ein Stöhnen überstandner Pein.



    (c) Margot S. Baumann

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#2

Tonscherben

in Diverse 05.07.2005 16:58
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Hier ist etwas zu Bruch gegangen. Das lyr. Ich hatte einen sehr zerbrechlichen, tönernen Traum vom Glück, der aber in Scherben ging, weil das lyrische Du mit dreistem Griff die kurzfristige Befriedigung wählte. Das Lehen, das Konstrukt gegenseitigen Vertrauens wurde zerstört, das lyrische Du ist ehrlos, geht aber an seinem Verrat auch ein. Vergiftet, entweder tatsächlich oder durch den Verrat verreckt das lyrische Du, die Hand krallt sich um das Objekt des Verrates.

Das erleichterte Stöhnen nehme ich dem lyrischen Ich nicht ab und die Zeichnung der Dunkeldüsterberge ist mir auch etwas zu gewaltig geraten, ansonsten aber eine sehr poetische Umschreibung eines Verrates, wenn auch etwas larmoyant geraten. Ich hoffe inständig, dass das lyrische Ich nichts mit der Dichterin in den Schweizer (Dunkeldüster)Bergen zu tun hat.

Ein bisschen schnell entstanden, wie mir scheint, da der Text nicht durchkonstruiert ist: Manche Bilder hängen etwas zusammenhanglos in der Luft. Aber das sind kaum merkliche Wermutstropfen, weil es (natürlich) metrisch wieder makellos, sprachlich gewandt und mit ausgefallenen Bildern zu überzeugen weiß.

Mich hat es jedenfalls ganz betroffen und besoffen gemacht.

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#3

Tonscherben

in Diverse 05.07.2005 18:17
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Tonscherben

"Zinnoberrot, im letzten Hell des Tages,
so liegen sie im trocknen, heissen Staub.
Versprechen wird gebrochen! Ja, er wagt es:
Die Hand greift dreist und Lehen wird zum Raub!"

Mir gefällt dieses durchgängige Bild der Tonscherbe sehr gut! Ungewöhnlich und ein wenig hat es auch etwas suizidales.
Ich sehe es ähnlich, aber auch ein wenig anders als Muh: Die Tonscherben liegen, sind also schon vorhanden. Für mich bedeutet das, es ist schon etwas vorher zerbrochen. Doch obwohl schon kaputt, greift er noch einmal zu und bricht damit einen Pakt. Was er nur geliehen bekam, zerstört er und nimmt es dann auch noch.
Zinnoberrot ist die Farbe des Tones, doch für mich hier auch die Farbe des Blutes, von Intimität und Emotion.

"Und lustvoll küsst er ihre glatte Kühle;
die Farben blass, die Ränder scharf und rau.
Im kurzen Taumel seiner Glücksgefühle
flieht Ehre und verfärbt die Zunge blau."

Er vergeht sich also auch noch an den Scherben, kann es nicht lassen, obwohl schon alle Farbe (jegliches Gefühl) verblasst ist. Und bei dieser unehrenhaften Tat, die nur für ihn Glück verspricht, verletzt er sich.
Hier weiß ich nicht: Körperliche Tat oder emotionaler Schmerz? Ich tendiere zu Ersterem.

"Mit wildem Zucken stirbt der feige Scherge,
die Finger krallen um den toten Stein.
Weit ab - im Dunkeldüster hoher Berge –
erklingt ein Stöhnen überstandner Pein. "

Noch während der Schandtat an der schon seelisch Toten stirbt der feige Räuber und nun endlich kann sie aufatmen.

Meines Erachtens ein Vergewaltigungsszenario, vielleicht auch durch eine Vertrauensperson? Oder eines enttäuschten Expartners?
Wie auch immer: Sehr ergreifend dargestellt, berührend, aufhorchen lassend. Gefällt mir sehr!

Liebste Küsse Richard

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#4

Tonscherben

in Diverse 05.07.2005 20:41
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Tach die Herren

@ Muh
Bisschen schnell entstanden? Bisschen schnell entstanden?! Bitte? Ich sass Stunden, was sag ich, Tage an diesen Versen! Ok, manchmal übertreibe ich ein wenig. *g
Interessante Interpretation, schlüssig und echt Lichtjahre von meiner Intention entfernt. Deshalb brauchst du dich auch nicht um die Autorin zu sorgen, aber danke trotzdem. Die Bilder hängen auch nicht so rum, muh, muh ..... ein jedes hat seine Berechtigung. Sie erzählen eine Geschichte. Gut möglich, dass diese nicht zu erkennen ist. Das ist aber zweitrangig, Hauptsache, sie erzählen dem Leser (s)eine Geschichte.
Dunkeldüster, das ist doch ein tolles Wort..... Es zergeht doch quasi auf der Zunge.... hm .... Das hat so viele Facetten, das muss einfach bleiben.

@Richy
Es geht – für einmal – nicht um die Liebe, will sagen, nicht um die Liebe zu einer Person. Ansonsten hätte ich es wohl in die entsprechende Rubrik gepostet. Auch deine Interpretation entspricht, wie die von muh, zwar sehr genau den von mir gewählten Worten und den Emotionen, die ich transportieren wollte, jedoch ist die Grundlage eben eine andere. Ich glaube, auch wenn ich sagen würde, woran ich dachte, käme kein grosser Aha-Effekt auf, deshalb ist es müssig, meine Intention zu offenbaren. Ich erfreue mich an den Gedanken und Bildern, die der Text in euch zu wecken vermochte.

Vielen Dank euch beiden für die Rückmeldungen und natürlich freut es mich, wenn’s euch gefällt.

An dieser Stelle möchte ich einfach mal ein Lob an alle Mitglieder des Tümpels aussprechen. Trotz der vielen Blödeleien vermögt ihr doch zu unterscheiden: Gedichte und Spassbereich. Das ist nicht immer und überall so. Merci beaucoup.

amicalement
Margot

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#5

Tonscherben

in Diverse 06.07.2005 09:06
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Liebe Marge,

Ich hätte es ja trotzdem gerne erklärt! Ich bin sooo neugierig...
Bitte, bitte!

Viele tausend Küsse
Richard

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#6

Tonscherben

in Diverse 06.07.2005 17:32
von kein Name angegeben • ( Gast )
mir klingt es wie ein suizid
das versprechen, ist das ewigliche verbleiben bei ...
er greift & küsst die scherben eine pflanzenkübels, die im staube liegen
rauh & scharf

noel

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#7

Tonscherben

in Diverse 06.07.2005 22:54
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ja, ja Richy, ich weiss - die Neugier ....

Lass mich zuerst etwas zu noels Rückmeldung sagen (btw. Herzlich Willkommen im Tümpel ). Mit Suizid hat es wenig gemein, aber du sprichst einen Pflanzenkübel an. Nun, das ist gar nicht so abwegig, denn die Tonscherben sind wirkliche Tonscherben. Und jetzt komme ich auch zur "Erklärung", Herr König.

Hier wird die Geschichte eines Tempeldieners erzählt, dem seine "Liebe" zum bewachten Objekt zum Verhängnis wurde. Was er täglich sah, begann er zu begehren und letztendlich hat er es gestohlen, was ihm wiederum zum Verhängnis wurde, da das Objekt nicht entfernt werden durfte. Vielleicht etwas Indiana Jones, El Dorado oder Azteken-Mythos.

Ihr seht, es ist eigentlich eine ganz banale Geschichte, die mir beim Besuch eines Museums durch den Kopf ging. Und jetzt dürft ihr gerne den Spruch zitieren: Soll er bekennen oder lügen? Man wünscht, der Autor hät geschwiegen! *g

Danke für die Kommentare.

Es grüsst
Margot

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#8

Tonscherben

in Diverse 07.07.2005 01:51
von Richard III | 865 Beiträge | 865 Punkte
Ach find ich gar nicht. Hättest du doch aber nur einen einzigen Hinweiß auf die Thematik gegeben - man hätte drauf kommen können.
Aber letztendlich ist es unerheblich, denn für uns alle hatte es ja Bedeutung....

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#9

Tonscherben

in Diverse 07.07.2005 08:14
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Ok, das nächste Mal mach ich daraus ein Kreuzworträtsel.

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