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#1

Nebelweihe

in Düsteres und Trübsinniges 23.03.2005 08:47
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Nebelweihe

Der Nebel streichelt zärtlich
mir über welke Haut.
Ich schaudre wohl verständlich,
denke schwer.

Gefühle wohlverstaut,
so höre ich nun letztlich
nur sanfter Wellen Laut -
sonst nichts mehr.

So liege ich danieder
im dämmernd Sonnenschein
und meine müden Glieder
suchen Halt.

Ich spüre kalten Stein
im Rücken, schließ die Lider
vor meinem elend Sein,
werde alt.

Don Carvalho

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#2

Nebelweihe

in Düsteres und Trübsinniges 23.03.2005 10:09
von muh-q wahn | 834 Beiträge | 834 Punkte
Hi Don !

Dein Gedicht spricht mich an, wobei ich es eher interessant, denn wohlklingend finde aber nach meinem Geschmack unterstreicht das den Inhalt. Ich bin auch nicht als Metrikpapst bekannt aber sei es drum:

S1
xXxXxXx
xXxXxX
xXxXxXx
XxX

S2
xXxXxX
xXxXxXx
xXxXxX
xXx (?)

S3 wie S1 und S4 wie S2, wobei die jeweils vierten Zeilen dort eindeutig "XxX" betont werden, vermutlich soll das auch in S2 so sein. Denn gerade die abwechselnden Kadenzen in den dreihebigen ersten drei Zeilen und die zum Abschluss einer Strophe lakonische zweihebige Abschlusszeile machen für mich einen gehörigen Teil des Reizes aus.

Gelungen empfinde ich auch, dass sich das Werk nicht eindeutig festlegt: Sowohl enthält es sich einer Verklärung des Alters, noch jammert es larmoyant über sein Dasein. Nach meiner Interpretation liegt die Begründung darin, dass das lyrische Ich tatsächlich schon tot und begraben ist. Erst dann ist man wirklich alt, wenn man anfängt zu (ver-)schimmeln.

Mag sein, dass nicht alles zu dieser Interpretation passt aber die gewählten Bilder "liege danieder", "spüre kalten Stein im Rücken", "schließe die Lider" sind so stark und eindeutig besetzt, dass sie keinen anderen Schluss zulassen. Nur so lasse ich mir S1Z3 inhaltlich gefallen: Das Schaudern des lyr. Ich mag diesem un dem Autor verständlich sein, dem Leser ist es nur dadurch noch lange nicht. Das ist eine Wendung, die ich normalerweise ablehne, da ich es gerne mir überlassen sehe, ob etwas verständlich ist oder nicht. Entschuldigt/Erklärt wäre es aber als erster Hinweis auf den Zustand. Allerdings: Was hat gegen "Ich schaudere verständlich" gesprochen ? Elision und Füllwort machden die Sache hier nicht poetischer.

Ein kurzes Kritteln noch: Der "Laut" in S2Z3 ist vermutlich/hoffentlich nur versehentlich klein geschrieben.

Fazit: Gefällt mir, hat mich zum Nachdenken und zur Beschäftigung angeregt.

Digitally Yours

muh-q wahn

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#3

Nebelweihe

in Düsteres und Trübsinniges 25.03.2005 03:23
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo muh-q wahn,

heute ists zu spät für sinnnvolles, ich versuche es morgen nachzuholen. Aber schon mal ein Danke für Deine Kritik.


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#4

Nebelweihe

in Düsteres und Trübsinniges 25.03.2005 10:24
von MrsMerian (gelöscht)
avatar
Nebelweihe

Der Nebel streichelt zärtlich
mir über welke Haut.
Ich schaudre wohl verständlich,
denke schwer.

Gefühle wohlverstaut,
so höre ich nun letztlich
nur sanfter Wellen laut -
sonst nichts mehr.

So liege ich danieder
im dämmernd Sonnenschein
und meine müden Glieder
suchen Halt.

Ich spüre kalten Stein
im Rücken, schließ die Lider
vor meinem elend Sein,
werde alt.

Hallo Don.
Auch mich spricht Dein Gedicht sehr an.
Gemessen an dem was ich von Dir sonst noch kenne ist es außerordendlich frei gehalten. Mit den Elisionen hast Du's ja eh aber vielleicht liegt das am Berlinerischen, das Dich umgibt?

Ich bin schon vor sechs aufgestanden und wollte los nd raus, sobal sich der Nebel etwas lichtet... nun scheint es, als würde er sich nie verziehen wollen und der Nieselregen dazu, dann den Computer an und hier drin nebelt es auch schon

Ja, muh's Worte haben mir geholfen schnell dahin zu kommen, wo ich denke, dass ich mit einiger Anstrengung auch von ganz allein gekommen wäre. ...vielleicht.

Es gefällt mir, habich das schon gesagt?
Besonders Str. 2 ist in dem von muh angedachten ZUsammenhang sehr interpretationsfähig. So denke ich hier sofort an die Hinterbliebenen, deren Weinen und Klagen nach einer Weile verstummt.

Und dan lese ich noch Mal und lese ganz anders... Dank für die Fehlleitung.

Eine Leiche, die noch nicht in der Kiste ist, eine Person im sterben, das sterben an sich ist erst das "werde alt". Weil sie aber einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist (das weiß ich bei Don einfach ) liegt sie im freien; der Beweis:
"Nebel", "sanfter Wellen" "dämmernd Sonnenschein" (schön auch mit Sterben/ Neuanfang zu verbinden, christlicher Glaube etc. das Dämmern als Ahnung etc.) "kalten Stein" --> draußen am See

"welke Haut" "nun letztlich" "sonst nichts mehr" "liege ich danieder" "müden Glieder" (einem Toten sind die Glieder nicht mehr müde, sondern entschlafen) "spüre" (kann man nur, wenn man noch lebt, jedenfalls anhand unseres Sinnesorgans Haut, dass auf den Druck des Steins im Rücken hin signalisiert, das es unbequem ist) --> Sterben

suchen Halt --> nicht der übliche Weg in die Kiste weich gepolstert und vorher gewaschen und schön gemacht... Halt suchen ist die Zwischenwelt, das Hängen dazwischen. Halt suchen muss man nur, wenn man unsicher ist, passt zum Wasser... Jedenfalls vertärkt es einfach das Gefühl, dass hier etwas nicht den gewohnten/ gewollten Weg geht, auf dem wir unseren Sterbenden undToten beistehen und sie beschützen. Diese Leiche liegt brach am .

Sehr schön Don, ich zbreche mir den ganzen Tag den Kopf wer das Opfer was, was es zuleztt getan hat und wie es an den Teich/ See kommt... wer half, dass es d aliegt und sirbt oder ob es einfach vom Blitz getroffen wurde. Ich kann vieles ausdenken und tausedne Geschichten erfinden, mit denen ich mich im leeren Raum bewege, aber vorher hab ich bereits genug verstanden um nicht orientierungslos da zu stehen.
Vielen Dank.


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#5

Nebelweihe

in Düsteres und Trübsinniges 26.03.2005 10:44
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo ihr zwei,

hier nun die versprochene Rückmeldung.

Mit der Betonung in Strophe 2 hast Du recht, muh-q wahn, ich habe mir das inzwischen rund gelesen und betone richtig (wenn auch etwas unglücklich) sonst nichts mehr. Vielleicht sollte ich dort noch etwas feilen (genaugenommen hatte ich hier auch eine Weile gegrübelt mit Meer, leer, etc.), bin aber schließlich an dieser Formulierung "kleben geblieben". Sollte ich daran noch etwas werkeln? Ich bin mir da unschlüssig.

Vorrangig wollte ich hier Vergänglichkeit thematisieren und wollte deren Manifestation nicht allzu deutlich werden lassen, alles gewürzt mit eine Prise wohliger Melancholie. Aber natürlich nimmt das physische Altern einen gewichtigen Punkt ein, zugelich wollte ich jedoch auch eine "geistige" Müdigkeit ausdrücken, was ja letztlich viel dramatischer ist. Soweit das offensichtliche...

Angeregt zu diesem Gedicht wurde ich allerdings durch das Bild des Tümpelwettbewerbes. Ich saß vor meinem PC und ersann Szenarien eines Tümpels... und hatte prompt, wen wunderts und wer sorgt sich nicht um meine Psyche, den Song "where the wild roses grow" von Kylie Minouge und Nick Cave im Ohr und vor allem das dazugehörige Video - sie, tot, im Schilf. Und das ist letztlich unterschwellig mit eingeflossen (auch wenn hier mal nicht der Mörder spricht, der in meiner Vorstellung auch nicht mehr am Orte wahr), auch wenn ich kein Gedicht schreiben wollte, an dem schon wieder irgendjemand vor sich hin verwest...

...umso beunruhigender ist es für mich, dass dieses Hintergrundthema dennoch hervorschimmert. Muh, Du nimmst meine Schwingungen inzwischen erschreckend deutlich wahr, und Du, Mrs, lagst insofern mit Deiner Verbrechensvermutung ebenfalls genau richtig, wobei . Wobei - eigentlich fühle ich mich nicht beunruhigt, sondern geehrt.

Ich danke Euch beiden für Eure Gedanken und Eure wohlwollende Kritik. Und ein fröhliches Eiersuchen sattel ich noch oben drauf...



P.S.: @ muh-q wahn: das lärmende Gewässer werde ich zügeln - natürlich nur ein Schreibfehler. Danke für den Hinweis.

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