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#1

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 11.03.2005 16:53
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.989 Beiträge | 2007 Punkte
50 Meter

Scharrend' Eisenvierfachfussfessel, feilt Pflastersteine;
verhöhnt keifernd, plärrend, johlend;
harrend' leisen Höllenbrutkessel, im Betonhaine;
tönt geifernd, narrend: Elend!

40 Meter

Störrisch-steife starre Stiefel, schreiten stetig,
hörig pfeifend' bahre Wipfel, führend tätig.
Ziehen zügig zügelnd, zurrend zum Ziele;
Zähmten fügig prügelnd, der murrenden viele.

30 Meter

Wabernd' Fetzentücher, sticken letztes Blicken.
Lochmauer, fällt auf Fesselträger zu.
Der Sternkameraden leere Augenlücken,
winken ihm, in Schicksalsruh.

20 Meter

Ketten werden leichter. Stiefel klingen seichter.
Wabern wird dichter, Licht wird lichter.
Hört seine Töchter plaudern,
Wohlig' warmes Schaudern.

10 Meter

So weit. So fern. So nah.
Freiheit, lodern, immerdar.
Welt wird Traum,
zählt kaum.

0 Meter

Leuchten.

..."Reih"...

Tränen.
Ferne.

"...Kommand..."

Weg.
Ja.

"...Feu...“

Frei.

(Ist schon etwas älter und nicht mal martermetrisch, so bäh)

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#2

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 11.03.2005 19:22
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Hi Willie

Hui, hier habe ich aber eine Menge Assoziationen und keine kann ich wirklich gut erklären bezw. begründen - lach - aber ich möchte sie Dir doch gerne mitteilen.

Zuerst sah ich nur die Zahlen und dachte an eine Bombe auf ihrem Weg, bis sie einschlägt. Dann an ein Duell, eine Flucht und die Distanz bis zur Grenze. Du kennst so Szenen, wo man ruft: Beeil dich doch du Idiot! ... und, bevor er die Grenze passiert, wird er dann doch noch erschossen ... ja, ja... Doch zuletzt, sieht's doch sehr nach einer Exekution aus.

Auf alle Fälle eine recht blutige, mörderische, gewalttätige Szenerie. Soldaten, Stiefel, Gefangene etc. etc. ..... voll das Leben! Mir scheint fast, es handelt sich hier um 6 unabhängige Texte, die jeder etwas Eigenes darstellen.

Ich hab's gern gelesen und ich mag Gedichte, die mir (auf irgendeine Weise) Bilder in den Kopf projezieren. Sie müssen ja nicht stimmig sein. *g

Gruss
Margot

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#3

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 12.03.2005 10:49
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.989 Beiträge | 2007 Punkte
Ja ich weiss es war ja auch eher experimentell, z. B. sollte sich ursprünglich jeder Vers komplett reimen wasd in Strophe 1 halbwegs gelang. Ja und dann entwickelte es sich vons selbst...irgendwie... naja ist schon 2 Jährchen alt und als ich es schrieb hatte ich noch keine Ahnung von den formalen Belangen des Gedichts...
Danke trotzdem für den Kommentar

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#4

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 12.03.2005 13:33
von olaja (gelöscht)
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Hallo Unbekannter, auf dessen Stapel ich liege.

Ich fasse das Gedicht als Erschiessungskommando auf. Zum Beispiel: Judenverfolgung oder Deserteure während den Weltkriegen. Die Soldaten stellen sich 50 Meter von der Mauer weg auf. Die Opfer haben Angst vor den Schüssen, stellen sich vor, wie der Schuss auf sie zurast. 40 Meter, 30, 20, 10, 0 und der Tod bleibt.
Experimentelle Ansichten scheinen sicher durch. Allerdings finde ich das Gedicht zu unausgearbeitet. Die Reime sind zwar eine gute Idee, aber doch zu lasch durchgesetzt. Wenn du experimentell schreiben möchtest, dann ziehe ganz durch.

So weit. So fern. So nah.
Freiheit, lodern, immerdar.
Welt wird Traum,
zählt kaum.

0 Meter

Leuchten.
Tränen.
Ferne.
Weg.
Ja.


"Reih...Kommand...Feu...“

Frei.


Diesen Teil finde ich am besten. Wobei ich wohl das "Reih, Kommand, Feu" zwischen den Strophen verteilt hätte. Eine Kürzung wäre vielleicht auch nicht schlecht. Auf jeden Fall würde es sich lohnen, das Gedicht noch einmal zu überarbeiten, denn der Inhalt finde ich sehr interessant und gelungen!

Liebe Grüsse,
olaja

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#5

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 13.03.2005 11:48
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.989 Beiträge | 2007 Punkte
Dankesehr ich werde deinen Vorschlag am Schluss übernehmen. Ob ich das nochmal bearbeiten will ? Schliesslich ist es schon 2 Jahre unangetastet und sozusagen eine Art Rückblende. Trotzdem werde ich deinen Vorschlag übernehmen, da er perfekt passt. So kommt das "Feuer frei" eher zur Geltung Die Angaben der Meter bedeuten übrigens, das er langsam auf die Wand zuläuft. Deswegen feilt auch die Fessel die Pflastersteine.

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#6

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 13.03.2005 13:54
von olaja (gelöscht)
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Danke für deine Erläuterung. Gerade vorhin habe ich mir überlegt, wie weit 50 Meter eigentlich sind und obwohl ich mich mit Waffen (Gewehren) überhaupt nicht auskenne und wohl auch nie benutzen werde, sind 50 Meter doch ziemlich weit. Erschiessungskommandos stehen vielleicht 5, 10 Meter vor ihren Opfern weg.
Ja, so gefällt mir der Schlussteil noch besser.
2 Jahre sind natürlich eine lange Zeit, aber vielleicht packt dich die Inspiration mal?

Liebe Grüsse,
olaja

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#7

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 13.03.2005 19:12
von Genesis (gelöscht)
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Ist das wirklich von dir, weil ich hab das Gedicht einmal in .com gelesen und seitdem bin ich hin und weg von diesem Gedicht: Es war eins der Werke zu welchen ich eine wirklich ausführliche Analyse (freiwillig) gemacht habe, freut mich, dass hier auch mal zu sehen


In der ersten Strophe wird beschrieben wie der Jude gefesselt durch die Kaserne geschleift wird und Beschimpfungen über sich ergehen lassen muss. In der zweiten Strophe treten die Soldaten in Reih und Glied auf und prügeln sich Masse fügig. In der dritten Strophe verabschieden sich der Verurteilte und seine Leidensgenossen voneinander und das Winken seiner Kameraden verschwindet in der Entfernung. Die vierte Strophe befasst sich mit den Gefühlen die der Jude hat während er sich seinem sicheren Tod nähert, seine Realität schwindet langsam vor seinen Augen. In der letzen und vorletzten Strophe läuft sein Leben noch einmal in Zeitraffer an ihm vorbei und er bereit sich auf seinen baldigen Tod vor, welcher in der letzten Zeile des Gedichtes durch ein Exekutionskommando beschrieben wird.

Ich möchte nun zuerst auf den formalen Aufbau des Gedichtes im Allgemeinen zu sprechen kommen und dessen weitere Bedeutung für den Sinn des Textes und dessen Aussageabsicht im Bezug auf den Nationalsozialismus. Das Gedicht besteht aus 6 Strophe mit jeweils 4 Versen sowie einer Randstrophe die nur aus einem Vers besteht. Zwischen den einzelnen Strophen sind Meterangaben, die das Gedicht in gewisser Weise eine Einteilung in Etappen zuschreibt, diese Meterangaben sind der Weg den der Jude bis zu seiner Exekution, also seinem Tod, zurücklegen muss geprägt von verschiedensten Gefühlen und Beobachtungen. Das Gedicht beginnt mit einem achthebigem Trochäus, jedoch schwankt das Metrum von Strophe zu Strophe und sogar von Vers zu Vers, genauso wie die Silbenanzahl nicht einheitlich ist und von Vers zu Vers mit teils großen Sprüngen wechselt. Diese Uneinheitlichkeit sowohl im Metrum als auch in der Silbenanzahl vermittelt einem einen aufgewühlten Zustand des Geschehens, eben das genaue Gegenteil von einer geordneten Struktur. Sogar die Silbenanzahl ist nicht einheitlich und wechselt von Vers zu Vers mit teils großen Sprüngen. Das Reimschema ist äußerst komplex aufgebaut, die erste Strophe besteht aus Binnen- und Endkreuzreimen, welche in der zweiten Strophe von Binnen- und Endpaarreimen abgelöst werden. Daraufhin folgt in der dritten Strophe ein normaler Endkreuzreim, in der vierten Strophe jedoch bestehen die ersten beiden Verse aus einem Binnenreim, die beiden darauf folgenden Verse sind wieder nach dem Paarreimschema aufgebaut. Die vorletzte Strophe besteht aus einfachen Endpaarreimen, wohingegen die beiden letzten Strophen sowie die Randstrophe am Schluss keinerlei Reimschema sondern nur eine elliptische Reihung aufzeigen. Bei näherem Betrachten fällt einem die Kreuzreim-Paarreim-Konstellation auf, in den Strophen eins bis vier. Da in diesen vier Strophen der Abtransport von Juden zu entweder Exekutionen oder zu den Gaskammern geschildert wird, vermittelt diese sich immer wiederholende Anordnung des Reimschemas eine Art Routine die sich innerhalb der vielen Jahre bei den Soldaten eingestellt hat. Im fünften Vers bricht der Autor aus diesem einheitlichen Schema heraus und unterstreicht damit die in diesem Vers beschriebene Selbstaufgabe des Juden. Die letzte Strophe ist nur aus Ellipsen zusammen gebaut. Diese Tatsache und die extreme schnell Abfolge der Wörter, beschreibt eine Art Zeitraffer, die die absolute Selbstverzweiflung des Opfers, der in diesem, seinem letzten Augenblick, mit seinem Leben selbst abschließt, aufzeigt. Die Sprache muss auch noch mal getrennt betrachtet werden, man kann diese Sprache nicht auf das unterste Niveau stellen obwohl der Inhalt eben eine schmutzige Umgebung schildert. Die Sprache bedient sich trotz ihres verschmutzten Hintergrundes und der Eindeutigkeit der Aussage eines gewissen Stiles, was einen gewissen Stolz und eine gewissen Courage des in diesem Gedicht beschriebenen Juden aufzeigt. Da nun allgemein die rein formalen Gegebenheiten erklärt wurden, werde ich nun die besondere formale Darstellung im Bezug auf ihre Aussageabsicht und Verwendungsweise aufzeigen.

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#8

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 13.03.2005 19:12
von Genesis (gelöscht)
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Hier kommt Seite 2 (das passt wirklich nicht in ein Posting):


Schon im zweiten Vers der ersten Strophe bedient sich der Autor eines Antiklimax, welcher die Reduzierung des Geräuschspegel der aufsässigen Menschenmenge darstellt, dies geschieht durch rohe Gewalt der Wächter was durch die Exclamatio „Elend“(Z.4) ausgedrückt wird. In der zweiten Strophe sind die beiden Alliterationen im ersten und dritten Vers auffällig. Sie beschreiben die penible Aufstellung der Soldaten, die in dem Synekdoche „Stiefel“(Z.5) genannt werden und deren Marsch in einer phalanxartigen Aufstellung ohne vor irgendetwas halt zu machen, was durch die Durchhaltung der Alliteration in beiden Versen dargestellt wird. Die auffallend häufigen Elisionen wie „Scharrend’“ und „pfeifend’“ vermittelt einem das Gefühl keine großen Worte darüber verlieren zu müssen, der Rhythmus wird durch diese Wörter schneller aber auch holpriger, was eine gewisse Unmut gegenüber diesen Stellen hervorbringt, welche immer im indirekten Kontakt zu den Soldaten oder Wächtern steht. In der vierten Strophe ist vor allem der parallele Aufbau der ersten beiden Binnenreimverse auffällig. Bei näherem Hinsehen erkennt man eine Reihung die wieder im Antiklimaxschema aufgebaut ist. Vom sehr realitätsbezogenem und sehr eingeengtem Wort „Ketten“(Z.13) entwickelt sich die Konstruktion zu dem abstrakten und vor allem ultimative Freiheit ausdrückendem Begriff „Licht“(Z.14). Wie bereits oben erwähnt zeigt dies, die Trennung von der Realitätsebene an.
Die Benutzung des Oxymorons „Wohlig’ warmes Schaudern“(Z.26) unterstützt diese These, der Abscheidung von der Realität. Der Ausdruck „Wohlig’ warmes[…]“(Z.26) bezieht sich auf die Fantasieebene in der er sich zu befinden scheint, wohingegen „Schaudern“(Z.26) seinen Fantasien und seinen Träumen eine Grenze setzt und ihn unweigerlich wieder in die Realität zurückholt. Zuletzt gibt es noch die Besonderheit der Randstrophe die aus einem Asyndeton besteht. Die Reihung und nicht einmal die Vollendung der Wörter beschreibt die Kälte und Grausamkeit des Exekutionskommandos das nun zur Tat schreitet.


Die Analyse ist zwar etwas älter dürfte aber noch stimmen

Thx & mfG GenEsis

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#9

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 14.03.2005 00:20
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.989 Beiträge | 2007 Punkte
Was soll ich dazu sagen Hier kommt es öfters vor, dass Kommentare die Gedichte selbst ausstechen. Gedankt sei deinen Gedanken

(Hattest du diesen Kommentar ein Jahr in der Schublade ? )

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#10

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 14.03.2005 00:44
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
an genesis: problem gelöst.

arno boldt
- admin -

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#11

50 Meter

in Düsteres und Trübsinniges 14.03.2005 13:08
von Genesis (gelöscht)
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Danke Arno Kommt aber auch selten vor dass ich so viel schreibe

Da ich das Gedicht auf .com erst so spät gefunden habe, hab ichs nur für mich gemacht, naja die graue Zellen eben ein bisschen trainieren, kann ja nicht schaden

Trotzdem find ichs genial, vor allem die sprach-stilistische Verwebung. Also Hut ab

Thx & mfG GenEsis

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