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Anna Ritter (1865-1921)

in Rumpelkammer 10.03.2005 09:28
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
    Ich aber seh die Halme wehn ...

    Wo nun die hohen Häuser stehn,
    Bog einst der Wind die grüne Saat -
    Mir ist, ich säh' die Ähren wehn
    Um einen schmalen, stillen Pfad.

    Mir ist, als zöge noch der Duft
    Des Thymians von den Feldern her,
    Als läg' ein Leuchten in der Luft,
    Wie nie seit jenem Jahre mehr ...

    Hob, aufgescheucht von unserm Schritt,
    Wohl eine Lerche sich vom Nest
    Und fragte zwitschernd: »Kommt ihr mit?«
    Uns aber hielt die Erde fest!

    Denn wie die Erde damals war,
    So hell, so schön ... du liebe Zeit!
    Und meine goldnen, sechzehn Jahr,
    Und unsre junge Seligkeit -

    Die hohen, grauen Häuser stehn
    In langen Reihen, steif und grad' -
    Ich aber seh' die Halme wehn
    Um jenen schmalen, stillen Pfad.

    von Anna Ritter (1865-1921)

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