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#1

Ich bin heut Gast auf meinem Folterfeste

in Düsteres und Trübsinniges 07.02.2005 12:58
von Ahsil (gelöscht)
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Ich bin heut Gast auf meinem Folterfeste

Ich war zum Spiel des Schreie heut geladen,
sie formten im Gesang ein Klagelied.
Ein Chor von Sinnen zog durch jedes Glied,
in Schmerzeswogen sollte ich wohl baden.

Wer war der Sänger jener Klangballaden?
Sein zartes Stimmwerk, welches mir verriet,
dass alles Fühlen in ihm längst verschied,
erlosch im Fluss erfrischender Kaskaden.

So sah ich das Spektakel seiner Qual.
In Haut und Fleisch erbohrte heißer Stahl
den Kanon stolzer Elfenbeinpaläste.

Es schweifen meine Blicke durch den Saal,
ein Spiegel scheint das Ziel für ihre Wahl:
Ich bin heut Gast auf meinem Folterfeste.

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#2

Ich bin heut Gast auf meinem Folterfeste

in Düsteres und Trübsinniges 07.02.2005 17:29
von Genesis (gelöscht)
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Hallo Ahsil,
das Sonnett kenn ich von dir ja schon auf Gedichte.com.

Dein Sonnett ist formal gut durchgezogen worden, den 5-hebigen Jambus mit wechselnden Kadenzen hast du gut hinbekommen, so wie die Reimschemen. Deine Metaphorik ist stimmig und baut eine passende Atmossphäre auf und kann diese auch über das ganze Werk aufrecht erhalten. Du rundest deine Bilder passend zu den anderen Metaphern ab sodass ein einheitlicher Inhaltsfluss entsteht, jedocht vergestikulierst du dich mit deinen Wortgebilden, ich würde die Sprache eher auf einem einfachen Niveau halten, schon allein wegen der hier beschriebenen Thematik.
Ich störe mich nur an zwei Audrücken:
"erfrischender Kaskaden"
Eine Kaskade beschreibt einen künstlich ästhetisch angelegten Wasserfall. Dies in Verbindung mit erfrischend versetzt der gesammten Stimmung eine ziemlichen Dämpfer und war in deinem Werk der einzige Augenroller.
"Elfenbeinpaläste"
Wieder passt dieses Bild der Pompösität nicht in das gesamte Stimmungsbild. Vor allem in Verbindung mit dem Vers davor, wirkt es sehr auf dein Folterfest hingeschustert.

Leider finde ich den Titel auch nicht weit genug ausgebaut, da dass lyrische Ich bis auf S4V2 keinerlei aktive Handlung gegen sich erfährt. Es beschreibt eher die Situation um sich herum, was einen fragen lässt, warum genau dieses "Folterfest" dein sein persönliches seien sollte? An manchen Stellen wirkt er eher als omnipotent als wirklich persönlich inwolviert. Daher hätte ich mir in diese Richtung noch etwas mehr gewünscht.

Bis auf diese kleinen Schnitzer macht das Gedicht einen professionellen Eindruck und kann aufgrund seiner formal gebundenen Metaphorik auf jeden Fall überzeugen.

Thx & mfG GenEsis

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#3

Ich bin heut Gast auf meinem Folterfeste

in Düsteres und Trübsinniges 07.02.2005 18:20
von Ahsil (gelöscht)
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Erst mal danke für die Meinung.
Hm, die Kaskade soll nicht als Objekt gesehen werden, sondern vielleicht eher als das "wie". Sozusagen, wie alles abläuft. Eben dass der Schwerz stufenförmig, in Perfektion abgebaut wird. Man hat ja nicht zu Tode gefoltert.
Und beim Palast kann ich Dir einmal (da kann ich ehrlich sein) recht geben, Reim dich oder... dennoch erfüllt der Elfenbeinpalast durchaus einen Sinn. Die Selbstherrlichkeit lässt den Schmerz erst entstehen und lässt ihn aber auch verstärken.
NA ja, und beim Titel ist das etwas heikel, da ich der Meinung war, eine Art Schizophrenie eingebaut zu haben. Das lyr. Ich beobachtet sich selbst von außen, somit treffen beide Dinge (Omnipotenz und persönliches betroffensein) zu.
Ach ja, das Stellung nehmen wirkt immer so, als würde ich mich verteidigen müssen, meine Fehler vertuschen. Das ist nicht meine Absicht. So denke ich schon dass Du recht hast, aber ich dneke auch, dass man als Autor viel anders sieht und dementsprechend anders beurteilt.
Gruß und Dank

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#4

Ich bin heut Gast auf meinem Folterfeste

in Düsteres und Trübsinniges 07.02.2005 18:38
von Genesis (gelöscht)
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Das man zu seinem Werk steht, ist auch eine äußerst wichtige Eigenschaft, die ein Künstler lernen muss. Wenn er jedem Kritik hinterher springen würde, der sich in kurzer Zeit ein Urteil bildet, dass in monatelanger Entstehungsarbeit vom Autor bedacht worden ist, wäre es kaum Kunst. Daher ist es wichtig, dass du deinem Werk so wie es ist zufrieden bist, oder wie willst du sonst irgendeiner Seele dein Werk näher bringen, wenn es nichtmal dich 100%ig überzeugt. Das nur so als Nebenexkurs

Die genannte Schizophrenie die du versuchst hast in dein Werk einzubauen, also Unterteilung in physisches und psychisches Element, kann ich leider nicht erkennen. Die meisten Einbezugspunkte des lyrischen Ich bewegen sich auf der Ebene der Sinne.

Wenn du die Kaskade als stufenweise Umwandlung des Schmerzes, des beschriebenen Sängers in S2V1, in perfektionösen Gesang ansiehst, so passt das "erfrischend" noch viel weniger. Denn Gesang der auf Schmerz aufbaut und sei er noch so gut verstrickt, kann wohl kaum als erfrischend aufgefasst werden.

Selbstherrlichkeit lässt Schmerz entstehen? Da kann ich dir leider nicht mehr folgen, Selbstverherrlichung mag vielleicht im entferntesten etwas mit psychisch/physischen Schmerz zu tuen haben, aber das sieht für mich eher nach einer "Um 7 Ecken muss du gehen" Interpretation aus.

Soweit von mir

Thx & mfG GenEsis

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#5

Ich bin heut Gast auf meinem Folterfeste

in Düsteres und Trübsinniges 08.02.2005 12:34
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Ich war zum Spiel des Schreie heut geladen,
Tippfehler ?
In Haut und Fleisch erbohrte heißer Stahl
Vielleicht wäre hier "gebohrter" besser ? erbohren kenne ich gar nicht.
Und noch was: erfrischender wird doch so betont oder: xXxx ?
Ich bin da absolut kein Experte.

Auch mich stört das erfrischende, denn Schmerz ist doch nicht erfrischend oder ?
Wenn es aber tatsächlich um Folter an sich geht, dann wird vielleicht der Verlust des Fühlens genossen. Ab einem gewissen Schmerz wird nämlich alles Fühlen vom Gehirn abgeschaltet.
Das Phänomen das du beschreibst ist sehr interessant, ich habe auch schon davon gehört, dass Menschen berichteten aus sich selbst sozusagen herausgegangen zu sein, bei starken Schmerzen oder beim klinischen Tod.

Das abschliessende Terzett gefällt mir am meisten, tolle conclusio.


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#6

Ich bin heut Gast auf meinem Folterfeste

in Düsteres und Trübsinniges 08.02.2005 20:57
von Ahsil (gelöscht)
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das den Tippfehler noch keiner kritisiert hat..., danke Dir.

Ich denke, dass das Zwei-Personen Thema in den Quartetten geschildert wird, denn einmal heißt es ich und das andere mal er.

Und der Schmerz klingt ab. Ist das nicht erfrischend? Wie er abklingt ist dabei nicht von BEdeutung. ICh bin der Meinung, dass die Schmerzen einfach zu groß werden, wie auch W.B. sagt.

MAn will es nicht wahr haben, dass man selbst das Opfer ist...

Na ja, ich kann es nicht weiter begründen, verzeiht, mir erschließt es sich eben

Grüße

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