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#1

Das Fräulein

in Diverse 05.02.2005 21:05
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
    Das Fräulein

    ‚Ein Fräulein in den besten Jahren’,
    So sprach sie selber über sich.
    Doch war ihr Zug längst abgefahren,
    Das wussten alle, so auch ich.

    Ich war der Mann für alles Grobe,
    Den sie des Öftern zu sich rief.
    „Herr Huber, ach – die Garderobe.
    Das Teufelsding hängt wieder schief!“

    So ging ich meist am Samstagmittag,
    Mit Nägeln, Bohrer, Schraubenzier,
    Zu ihr hinauf. Mit Augenaufschlag
    Stand sie gepudert am Klavier.

    Die Augen dick mit Blau bepinselt,
    So sah sie mir beim Werken zu.
    Das Hündchen hat meist nur gewinselt.
    Es war zu dick und hiess Tatu.

    Meist gab es Kaffee, Schnaps und Torte
    Und manchmal auch ein Schlückchen Wein.
    Dann sprudelten die hübschen Worte.
    Ich glaub, sie war nicht gern allein.

    So ging das viele, lange Jahre.
    Ich hab gehämmert - sie geguckt.
    Doch gestern trug man ihre Bahre
    Die Treppe ab, ich hab geschluckt.

    „Das Herz war’s“, sagt der Sanitäter.
    „Sie wird sanft eingeschlafen sein.“
    Wer nimmt jetzt wohl den fetten Köter,
    Und wer den sauren Apfelwein?

    Jetzt wohnt ein Pärchen unterm Giebel.
    Bei denen hängt auch Vieles schief.
    Ich leih dann meist Gerät und Dübel,
    Wie samstags, wenn das Fräulein rief.



    (c) Margot S. Baumann

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#2

Das Fräulein

in Diverse 06.02.2005 14:40
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Wieder ein Werk von dir, Margöttin, das dir zu Ehren gereicht. Formal astrein erzählt der Handwerker über seine Zeit mit der einsamen alten Dame. Die alte Frau (Sie nennt sich selbst Fräulein obwohl sie wohl eine Witwe ist, eine Witwe kann aber nicht wieder Fräulein sein) entspricht genau meiner Vorstellung alter Damen.
Sie ist noch stilvoll, eine echte Dame eben, überfüttert ihren Hund, konsumiert Alkohol und Torte wie alte Damen das gerne tun, wobei bei alten Leuten Lebensmittel (Apfelwein) gerne verderben, man will ja nichts wegschmissen und immer alles im Haus haben... sie weiss sich noch pfleglich auszudrücken und achtet auf ihr Aussehen. Sie geniesst es dem Mann bei der Arbeit zuzuschauen denn sie hat keinen mehr und ist einsam, vielleicht ist sie sogar etwas von ihm, von der Kraft, der Jugend die er ausstrahlt angezogen, aber würde es nie wagen das zu äussern.
Das Gedicht ist leicht und beschwingt, ein wenig nachdenklich machend, denn die Einsamkeit ist wohl das am weitesten verbreitete Problem unter alten Menschen.
Das einzige was mich stutzig macht, ist, dass sie sich selbst als Fräulein bezeichnet, denn antworten alte Menschen meiner Erfahrung nach auf Aussagen wie: "Du bist aber junggeblieben", mit einem eher abwiegelnden: "Mach mir nichts vor ich bin alt". Vielleicht hatte die alte Dame doch psychische Probleme oder wollte sich mit dem Alter nicht anfreunden; oder aber, sie war humorvoll und meinte das scherzhaft über sich selbst, das Schminken würde aber dagegen sprechen...Ich kann es nicht eindeutig herauslesen.
Und doch finde ich ist der Gesamteindruck fröhlich, vor allem durch das junge Paar das in die Wohnung zieht. Jetzt muss der Handwerker zwar nicht mehr kommen, er leiht nur noch aus, aber er hatte die alte Dame liebgewonnen und erinnert sich immer noch gerne an sie über ihre ehemalige Wohnung. Er vermisst sie wohl. Sehr schön muss ich nochmal sagen, obwohl der Tod vorkommt finde ich es trotzdem erhebend.

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#3

Das Fräulein

in Diverse 06.02.2005 20:22
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte
Grüss Dich Wili

Ich habe mir fast gedacht, dass Du auf diesen Text antwortest. Leichte, etwas humorvolle Texte magst Du, stimmt's?

Vielen Dank für die freundliche Bewertung. Du hast meine Intention sehr gut kommentiert. Es sind wohl einige Klischees darunter, doch sind sie halt im täglichen Leben oftmals gegeben und weshalb sollte man sie nicht bedichten?

Weshalb Du denkst, dass das Fräulein eine Witwe sein soll, erschliesst sich mir jedoch nicht so ganz. Ich ging davon aus, dass es eine unverheiratete Dame im gesetzten Alter sein müsste. Ich kenne nämlich zwei solche Fräuleins, die vehement darauf bestehen, auch so genannt zu werden. Wohl aus dem Grund, dass ganz klar ist, dass sie nie verheiratet waren. Ja, ja .... so Dinge gibt's im Schweizerländle.

Besten Dank für Deine Anmerkungen.

Es grüsst
die Margöttin

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#4

Das Fräulein

in Diverse 06.02.2005 21:12
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Ich dachte an eine alte Jungfer, doch die alte Dame war mir zu symphatisch um nie verheiratet gewesen zu sein.
Den abgefahrenen Zug kann man nämlich auch in Richtung Tod rücken. Aber das würde nicht zur Stimmung des Textes passen.
Die alte tut einem wirklich Leid, ich hoffe der Tod entspringt nur deiner Phantasie und die zwei alten Fräulein bleiben dir erhalten.

Grüssle in die Schweiz, wo wohl Männermangel herrscht. (Vielleicht rutschen sie zu oft auf den Wechten aus )

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#5

Das Fräulein

in Diverse 07.02.2005 18:04
von Margot • Mitglied | 3.053 Beiträge | 3053 Punkte

Zitat:

Grüssle in die Schweiz, wo wohl Männermangel herrscht. (Vielleicht rutschen sie zu oft auf den Wechten aus )

*rofl* ... genau, jetzt wird mir so Vieles klar!

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