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#1

Vor dem allerletzten Glase

in Diverse 14.01.2005 15:55
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Vor dem allerletzten Glase

Es hämmern die Schläfen
und die Sinne langsam schwinden.
Ah, wo ist nun der Hafen,
wo ich verweilt' aus Gründen,
die längst mir vergangen.

Wenn ich wüsst' nur and're Wege,
niemals würd' ich erkranken
an dem was in mir läge.

Doch bin ich nicht anders.
Werde mich auch nicht verändern.
Dachte stets wohl ich kann das,
um schließlich doch zu kentern.

Don Carvalho

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#2

Vor dem allerletzten Glase

in Diverse 14.01.2005 21:19
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
hallo don.

ich wollt dir mal meinen ersten eindruck aufschreiben. nun, hier ist er :

v2 --> die umstellung wirkt befremdlich (-> "schwinden langsam" wäre korrekt)

str1: suche nach anlegestelle, heimat, erinnerungen, vertrautes (->"hafen"). aber die gründe, die das lyr. ich zu dem hafen brachten, sind jetzt vergangen.. warum dann noch die frage nach dem standort des "hafens"?

str2: ein wenig verwirrend ist für mich - im moment - noch v3.. ansonsten die grundaussage: der einstige weg zum hafen ist versperrt oder belagert.. (vielleicht folgt noch klärung hierüber). man sucht nach einem neuen weg, den, wenn man um ihn wüßte, mit aller kraft (v2) begehen würde. jetzt sehe ich v3 so, als daß die belagerung des weges zum hafen im lyr. ich selbst liegt, in seiner veranlagung, abhängigkeit (s. str1).

beispiel: trinksucht, sehnsucht nach trockenen zeiten, wenn man wüßte, wie man diese wieder erlangt -> keine abhängigkeit als logische schlußfolgerung.

str3: v1 -> nicht anders als all die anderen, denen es genauso ergeht (trinksüchtige).. stagnation im handeln (v2), obwohl das denken tlw. bereit für veränderungen war (v3). v4 zeigt dann das endgültige resignieren.

ich finde die reime nicht gut, da sie immer eine art harmonie bedeuten. am anfang wären sie sicherlich gut gesetzt, auch in der 2. str. aber in der 3. str. hätte ich diese weggelassen, da hier das aufgeben im vordergrund steht.

die wortwahl ist traurig und ehrlich. doch insgesamt könnte man noch dichter schreiben. kompakter, um das leid zu verdeutlichen. hm.. ist aber ansichtssache.

das kentern am schluß paßt natürlich ebenfalls in meine sicht auf den text -> alkoholkonsum und das scheitern daran, bzw. untergehen.

so weit, erst einmal
grüße.
arno.

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#3

Vor dem allerletzten Glase

in Diverse 16.01.2005 13:57
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 1.955 Beiträge | 1940 Punkte
Ich wollte zu fraglicher Strophe 2 anmerken:
wahrscheinlich ist

Zitat:


niemals würd' ich erkranken
an dem was in mir läge.



das was krankt ist im lyrischen Ich selbst begründet, ausserdem kann man auch ein: "es liegt an mir" also am lyrischen Ich selbst hinein interpretieren.
Ansonsten ist alles schon geklärt, denke Ich. Was mir fehlt ist ein bisschen Abstraktion, aber nein, eigentlich gehen eingängigere Gedichte des öfteren besser runter als Kopfzerbrecher^^

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#4

Vor dem allerletzten Glase

in Diverse 16.01.2005 14:37
von Arno Boldt | 2.759 Beiträge | 2758 Punkte
an wilhelm: sagte ich doch, oder irr ich mich da? *grübel*

du meinst konkret den fehlenden willen, wie ich eigentlich auch. aber du legst den fokus auf die verantwortung des lyr. ichs, während ich es nicht getrennt von der abhängigkeit sah. denke, das ist der unterschied.

grüße.
arno.

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#5

Vor dem allerletzten Glase

in Diverse 17.01.2005 10:48
von Don Carvalho • Mitglied | 1.880 Beiträge | 1880 Punkte
Hallo Arno Boldt,

zunächst habe Dank für Deine Kritik.

Die Wortstellung in Str1/ Z2 ist ungewöhnlich, womöglich gar befremdlich, ich habe es so jedoch aus dreierlei Gründen stehen:
zum einen wollte ich den unreinen Reim zu den "Gründen" der Str1/ Z4.
Nun sind derartige Satzverdrehungen zur Reimrettung normalerweise mit Recht zu bemängeln, doch hier - und das ist Grund Nr. 2 - hat auch ansonsten das Holperige System (und zwar wirklich System, bis hin zu einer eigenen, versteckten metrischen Struktur).
Zum dritten lese ich es so anders:
"und die Sinne langsam schwinden." hier werde ich lesend zum Satzende leiser, diese Zeile klingt in einer Pause aus; bei
"und die Sinne schwinden langsam." funktioniert das bei mir nicht, womöglich da sich der Vokal A nicht so sehr zum nuscheligen leisen Verschlucken eignet.

Ich denke zwar, dass die ersten beiden meiner Gründe zwar schon diese Satzstellung erklären, vielmehr aber würde es mich interessieren, ob Du (und auch andere) dieses meine Sprachgefühl hinsichtlich meines 3. Grundes nachvollziehen kannst (können).

Inhaltlich sehe ich das ähnlich wie Du, ich empfinde Deine Interpretation schlüssig und möchte Dir auch dafür danken. Fraglich wäre nur, ob die emotionale Situation des lyrischen Ichs durch den Alkoholmissbrauch (und ein solcher ist hier ja durchaus anzunehmen) verursacht wurde oder letzterer Folge der emotionalen Situation des lyrIch ist. Denn an sich scheitern kann man sicherlich in vielen Bereichen, nicht nur an der Suchtfront...

Schade, dass Dir die Reime nicht gefallen - oder viel mehr die "Unreime". Aber obwohl diese Zeilen strukturlos wirken, folgen sie einem bestimmten Schema, dass ich auch hinsichtlich der Reime nicht durchbrechen wollte. Der Gedanke, die Reime als Ausdruck des Aufgebens ebenfalls aufzugeben, gefällt mir dennoch gut.

Insgesamt neige ich zu drei Strophen Gedichten... allerdings hast Du Dir ja mehr Dichte gewünscht, die ja nicht unbedingt mit Länge gleichzusetzen ist. Ich werde mich zukünftig bemühen ...

@ Wilhelm Busch
Danke auch Dir für Deine Anmerkung. Hinsichtlich der zweiten Strophe liegst Du (wie ich denke) in ähnlichen Gestaden vor Anker wie AB und ich sehe dies ebenso. Zumindest schien sich AB jedoch nicht sicher, ob sein Kompass funktioniert, weshalb Deine Interpretation als Richtungshelfer mehr als sinnvoll ist.
Abstraktion ist so eine Sache... die meine ist sie ist auf jeden Fall eher nicht, für meine Begriffe ist dieses Gedicht schon ziemlich abstrakt (:)).

Danke nochmal (und Prost),



P.S.: Entschuldigt übrigens, dass ich mich erst so spät meldete, jedoch habe ich hinsichtlich des Einloggens und der Navigation auf dieser Seite nach wie vor Schwierigkeiten...

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