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Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 06.12.2009 13:55
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte

Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne


I.

Eigentlich hatte Zacharias Bretzelburg den Nobelpreis oder die wichtigsten Orden aller Länder und Herrscher verdient. Eigentlich hätte er so berühmt werden müssen, wie Zaphod Chocrane, dem ausgedachten Erfinder des Warpantriebes aus der Fernsehserie Enterprise. Eigentlich. Natürlich ist es anders gekommen.


Angefangen hatte alles damit, dass der Empfang an Bretzelburgs Fernseher schlechter wurde. Das Normalbild wurde von Geisterbildern überlagert, der Ton lief nach, die Privatfernsehsender, auf denen einige der Lieblingsserien von Zacharias liefen, fielen tageweise komplett aus. Es war an manchen Abenden vorgekommen, dass Zacharias stundenlang ein schwarzes Bild seiner Plasma Mattscheibe anstarrte, dazu einen warmen Kakao trank, den er sich immer im Herbst und in der Weihnachtszeit zubereitete und inständig hoffte, dass sich wenigstens einer der verlorenen Sender noch zurückmeldete. Manchmal wurde sein stoisches Ausharren auch belohnt und er konnte wenigstens eine Folge einer Serie, obgleich meist nur seiner zweiten oder dritten Wahl, anschauen.

Ganz bitter war es, wenn das Bild zu Beginn eines Krimis auf einmal erschien, durchhielt und kurz vor Auflösung wieder verschwand. Das Böseste an diesen Momenten war die unvermittelt über ihn hereinbrechende Stille. Bild und Ton blieben plötzlich weg und statt kleisterdicker Krimimucke, fetter Bässe und Stimmen, dem kribbeliger Werden der Spannung und in sein Wohnzimmer geschleuderter Dialogzeilen wie: „Das ist aber nicht nur ein Griff in die Keksdose!“, hörte er nur noch seine eigenen, Bretzelburgeschen Geräusche. Jedes Kauen, jedes Schlucken, jedes Schnaufen, jedes Mahlen mit den Zähnen, jede Kolik im Magen-Darm-Bereich hörte er so laut, als säße er in einem Kino - seinem eigenen Kino: Zachs Multiplex.

Aber alle seine Geräusche waren stumpf; ohne Widerhall. Es fühlte sich noch schlimmer an, als wäre er mit dem Kopf unter Wasser getaucht worden, denn Unterwasser umgab ihn noch ein Medium und kein Vakuum. Ein Vakuum, welches geeignet war, seinen Schädel mit all seinen Geräuschen und Bildern explodieren zu lassen, weil es keinen Gegendruck, keine Zukleistermusik mehr gab. Wenn sein Kopf abrupt aus dem Fernseher gezogen wurde, war alles leer; alles dumpf; alles schwarz.

Aber immerhin zeigte sich in diesen unerfreulichen Momenten, dass bei seinem Plasmabildschirm das Schwarz satt und nicht so blass wie bei LCD Fernsehern war. Es zeigte, dass seine damalige Kaufentscheidung, sowie die clevere 0% Finanzierung richtig gewesen war. Dieser stille Triumph ermöglichte es Zacharias zunächst, alle Widrigkeiten des Fernsehalltages zu erdulden.

Aber nach wenigen Tagen, nach wenigen Feierabenden, die er mit stummen Sitzen und laut vernehmlichen Kakaoschlürfen vor dem Fernseher verbracht hatte, war ihm die Feststellung, dass sowohl die Kaufentscheidung, als auch die tiefschwarze Färbung seines Schirmes in High Definition, Zeichen überlegener Cleverness und Technik gewesen sei, irgendwie doch schal im Kopf geworden. So schal wie ein Bier, welches zwei Tage halb leer getrunken auf einer fleckigen Theke gestanden hat.

Als noch alle Programme wie frisch gezapft liefen und Zachs Wohnzimmerantenne eine klare Übertragung geliefert hatte, spielten auch die Monitorwände hinter Zacharias Augen, in Zacharias Gehirn ein einwandfreies Unterhaltungsprogramm ab. Seine Hirnbildschirme multiplizierten jedes Detail der absorbierten Fernsehbilder. Um das zu verstehen, sollte man sich das Innere des Bretzelburgeschen Schädels als kolossale Sendeanstalt mit meterweise aufeinandergestapelten Monitoren vorstellen. Die Bilder, die Zacharias Fernseher emittierte, verdoppelten, ja sie vervierfachten sich in Zachs Gehirn. So als würde jeden Tag ein mit Großglotzen vollgerammelter Lieferwagen vor Bretzelburgs Frontallappen ankommen, angeschlossen und angemacht werden.

Doch je mehr Sender ausfielen, je schlechter der Empfang wurde, desto mehr Bildschirme fielen auch im bretzelburgischen Kopfkino aus. Es war wie in einem Katastrophenfilm: In der von Überwachungsmonitoren übervollen Zentrale der NASA oder der NATO fällt ein Schirm nach dem anderen aus. Das Licht wird dunkler und dunkler bis nur noch ein kleiner Monitor wie eine Kerze den riesigen Raum erleuchtet, nur, um dann auch zu erlöschen.

In vollständiger Abgeschiedenheit, so als hockte er auf einer Parkbank auf der dunklen Seite des Mondes, begann sich Zacharias sehr schnell, sehr unwohl zu fühlen. Es war ihm, als wäre er, wenn er allein war, bei einer fremden Person zu Gast, die, wenn der Zustand so bleiben würde, sicherlich irgendwann von ihm Notiz nähme und er wusste nicht, ob er diesen fremden Zacharias wirklich kennenlernen wollte. So allein mit sich ist es nicht auszuhalten, dachte er. Er musste die Schwärze, die Stille, die ihn nun umgab, die, wie er sehr schnell bemerkte, an seiner geistigen Gesundheit nagte, wieder vertreiben. Was lag also näher, als eine neue Empfangsantenne zu kaufen oder die Alte auszutauschen?

II.

Von Haus aus war Bretzelburg Lehmkuchenbäcker in Neu-Ulm. Allerdings entbehrte diese Tätigkeit jeglichen weihnachtlichen oder süßlichen Kitschs. Er arbeitete als Bäcker im Schichtdienst in einer Lehmkuchenfabrik. Er arbeitete mit Zucker und Teigportionen, die jegliche Vorstellungskraft sprengten. Besucher, die Lehmkuchenbäckern wie Zach einmal zugesehen hatten, waren sich im Nachhinein nicht mehr sicher, ob sie dabei zugesehen hatten, wie ein Nahrungsmittel oder wie Meterware hergestellt wurde. Sie waren auch darüber überrascht, dass die Firma Schwarz das ganze Jahr über die Lehmkuchen produzierte und bis nach Australien verschiffte. Die rötlichen Verpackungen, das aufgedruckte Weihnachtszimmerambiente verlor jede Strahlkraft, wenn man die Welt hinter den Weihnachtskeksfabrikmauern erblickt hatte.

Immerhin hatte Zacharias sein Handwerk noch gelernt. Er wusste, wie man einen Keks buk oder eine Million davon. Seine Nachbarin Natascha, die bei einem Pharmaunternehmen in Ulm arbeitete, schätzte es sehr, wenn Bretzelburg einmal im Jahr, genauer gesagt am vierten Advent, Plätzchen nach dem Geheimrezept seiner Tante machte. Diese Gelegenheit ließ sie nie aus, um unter irgendeinem Vorwand an seine Tür zu klopfen und sich selber einzuladen.

In den Tagen, wo der Fernseher überwiegend schwarz geblieben war, bemerkte Zacharias in einem hellen Moment, dass seine Nachbarin sich nicht nur am vierten Advent ihm aufdrängte, sondern mindestens einmal die Woche an seiner Tür schellte und um Zucker, Milch, Kerze, Birne, Schere oder Licht bat. Das war ihm bisher gar nicht aufgefallen. Aber er hatte auch jetzt nicht so viel Zeit darüber weiter nachzudenken, denn er musste sich an erster Stelle, um eine neue Antenne kümmern. Als Bäcker musste er zusehen, dass er sich Rat holte, denn von technischen Dingen, hatte er keine Ahnung.

Pepe, sein Freund, aus der Verpackungsabteilung, wo all die Kekse wie eine gigantische Zinnsoldatenarmee über die Bänder marschierten und am Ende in den jeweiligen Verpackungen ausgespuckt wurden, Pepe hatte Ahnung, denn er hatte mal bei einem Elektriker gearbeitet und hatte Zacharias bei Video und HiFi Entscheidungen schon immer unterstützt.

„Tausch deine Antenne doch aus, Zach? Die ist doch offensichtlich kaputt“, schüttelte Pepe den Kopf und schlürfte am Pappbecherkaffee.
„Das habe ich doch schon zweimal gemacht. Ich habe ja Garantie drauf. Gleich am ersten Tag, als die Probleme anfingen, habe ich die Antenne ausgetauscht.“
„Und den Fernseher?“
„Genau so. Zweimal ist ein Techniker gekommen und hat den Fernseher geprüft. Ja, sie haben ihn sogar bei sich im Geschäft aufgestellt.“
„Und?“
„Lief einwandfrei. Ich habe jetzt alles durch. Und selbst der Hausmeister hat mir bestätigt – sogar schriftlich -, er könne das Problem nicht nachvollziehen. Da müsse ich mir einen Fachmann holen. Vom Strahlenschutzamt oder so. Aber das kann ich mir nicht leisten, Pepe! Aber ich will, dass es aufhört. Ich will wieder meine Serien schauen können.“ Und beinahe hätte Bretzelburg noch ausgerufen, dass er mit dem Zacharias nicht mehr allein sein will.

Pepe bemerkte wie verzweifelt sein Kollege von der Bäckerei war, aber er konnte ihm nicht helfen.
„Ich weiß nicht, was wir da tun können, Zach. Du hast die beste Antenne und einen hervorragenden Fernseher, sonst hätte ich sie Dir nicht empfohlen, verstehst Du?“
„Ja“, hauchte Zacharias und schlürfte an seinem Kakao, „ja, ich habe verstanden.“


Nach Feierabend hatte sich Zacharias statt des Kakaos ein Weizenbier aufgemacht, sein Fernseher war schwarz und er war sauer. Missmutig saß er auf seiner Couch, süffelte an der Flasche und zappte trotzig von einem leeren Bild zum Nächsten. Was sollte er denn jetzt machen? Musik hören? Mochte er nicht. Lesen war ihm fad und dauernd zu essen, war auch keine Lösung. Backen? Vielleicht. Aber für wen? An auszugehen oder einen Kollegen anzurufen, dachte er keinen Moment lang.


III.

„Herr Bretzelburg? Das ist ja eine Überraschung, das ist ja …“, Natascha Silberstein, Russlanddeutsche, ganz entfernte Nichte des Quantenmechanikers Wladimir Alexandrowitsch Fock, Spross einer Petersburger Familie, die im selben Prospekt ihr Quartier hatte, wie die Pfandleiherin aus Dostojewskis Roman, bis, ja bis, Väterchen Stalin große Teile ihrer Familie zerschlagen, verstreut und umgebracht hatte, weil ihm die Nase Nataschas Großcousins missfallen hatte, ausgerechnet sie war wegen Zacharias Aufwartung verlegen geworden.

Sie stand unbeholfen im Türrahmen und ihre Wangen glühten rot. Sie war nervös, obwohl sie, als sie im September 1993 am Ostbahnhof Berlin angekommen war, bepackt mit einem großen Koffer, vielen Taschen, großer Hoffnung und noch mehr Angst und ihrer Lebensgeschichte wie einen Roman auf dem eigenen Buckel und obendrein noch tausend andere Geschichten ihrer Familie im Herzen tragend, eigentlich nichts mehr hätte erschüttern dürfen: Dieser Bretzelburg hatte es dennoch geschafft. Nebbich.

„Ich habe ihnen ein paar Kekse gebacken. Die mögen sie doch so gerne und ich hatte gerade nichts anderes zu tun. Wissen Sie mein …„
„Wie reizend. Aber backen Sie diese Kekse nicht immer am vierten Advent?“
„Ja, schon, aber ich habe da gerade ein Problem …“
„Wollen Sie nicht reinkommen? Auf eine Tasse Tee oder einen Kaffee?“
„Ich weiß nicht recht Frau Silberstein. Ich wollte mich nicht aufdrängen …“
„Papperlapapp, Herr Zacharias. Kommen Sie rein.“

Von da an saß Zacharias jeden Abend mindestens zwei Stunden auf Silbersteins Couch und schaute bei ihr seine Lieblingsserien, die er schon wochenlang verpasst hatte. Erst hatte es Natascha Silberstein ganz niedlich gefunden, so einen Bretzelburg auf der Couch sitzen zu haben. Sie schätzte die Kekse und hoffte insgeheim dem Bretzelburgeschen Wesen näherzukommen, denn es war ja nicht so, dass sie nicht ein Auge auf den stattlichen Mann geworfen hätte. Doch je näher sie ihm auch auf der Couch auf die Pelle rückte oder versuchte mit gewagten Dekolletés, ihn von den bunten Bildern abzulenken, umso mehr, umso angespannter schien Zacharias auf die Flimmerkiste zu starren. Frau Silberstein war sauer geworden. So hatte sie sich ein Tete-a-Tete mit Zacharias Bretzelburg nicht vorgestellt.


„Andrej, ich habe schon alles versucht. Er nimmt mich nicht wahr. Meinen Busen habe ich ihm schon direkt unter die Nase geschoben, aber er ist vollkommen unempfindlich gegenüber meinen Reizen!“, so klagte eines Vormittages Frau Silberstein am Telefon. Am anderen Ende hörte ihr Bruder aus Berlin zu, der von seiner älteren Schwester sich schwer genervt fühlte.
„Nadeschda, dann schmeiß ihn raus.“ empfahl Andrej zum wiederholten Male.
„Ach, Andrej, er ist doch so ein netter Mann.“
„Na dann behalte ihn, wenn er soo ein netter Mann ist.“ und auch diesen Ratschlag erwähnte er nicht zum ersten Mal.
„Ja, aber er kann doch nicht nur auf der Couch sitzen und nur Augen für den Fernseher haben?“
„Dann schmeiß ihn raus, Schwester.“
„Das sagst Du so leicht, Andrej. Aber sein Fernseher ist doch kaputt und er hat mir immer geholfen, wenn ich ein Stück Butter oder Milch brauchte.“
„Dann lass ihn schauen.“ murmelte Andrej in die Muschel und es schien als hätte er geistig auf Endlosschleife geschaltet und sich mit der anderen Hirnhälfte wie ein Wal wieder schlafen gelegt.
„Können wir nicht seinen Apparat reparieren?“
„Dann setz ihn vor die Tür, Natascha“, murmelte Andrej automatisch.
„Andrej!“, rief Natascha zornig und unangenehm laut in den Hörer. „Hörst Du mir überhaupt zu?“
Andrej hatte sich so erschrocken, dass er aufgesprungen und fast die Hacken zusammengeschlagen hätte, aber davon wurde er schmerzhaft abgehalten, weil sein Kopf mit voller Wucht gegen die Kante des Regals gestoßen war, auf dem zahlreiche Familienfotos der weitverzweigten Familie Silberstein standen und die nun alle herunterpurzelten und auf- und auseinanderfielen.

Natascha hörte einen Schrei, das Scheppern von Gläsern oder anderen Dingen und dann hörte sie Andrej schlimme Flüche ausstoßen.
„Andrej, Schatz, was ist passiert?“ und Nataschas Sorge war nicht gespielt und steigerte sich noch, denn nach dem Andrej geflucht hatte, war es seltsam still geworden am anderen Ende der Leitung.
„Andrej?“, fragte zitternd, das Schlimmste erwartend, seine Schwester immer – mit leicht veränderter Betonung – in die Muschel. „Andrej?“
„Alles in Ordnung Schwester.“ hörte sie Andrej endlich sagen und bemerkte erstaunt, dass er sogar euphorisch klang. „Ich habe mir nur den Kopf gestoßen und ich glaube, dass es ein Glück war für uns beide, denn ich habe eine Lösung für Dein Problem gefunden.“


IV.

„Was ist das?“ Bretzelburg stand in Silbersteins Wohnzimmer und schaute abwechselnd zu Natascha und zu dem Ding, dass er in die Hände gedrückt bekommen hatte. Eigentlich hatte er es sich bei ihr wieder gemütlich machen wollen, aber Natascha hatte an diesem Abend andere Pläne und das, was sie ihm gerade in die Hände gedrückt hatte, war wohl ein wesentlicher Bestandteil ihres Planes. Es war schwer. Es sah aus, wie eine halbe Seemine und es roch komisch.
„Das ist eine Antenne von Großonkelchen Fock, Zacharias. Es ist die beste Antenne, die jemals gebaut worden ist. Mit dieser Antenne hat mein Onkel in Petersburg alles empfangen. BBC? Sportschau? Was Du willst. Eben alles. Damit reparieren wir Deinen Fernseher, mein Lieber.“ Als sie ihre Rede beendet hatte, stand sie kerzengerade vor ihm und strahlte ihn mit großen Augen an. Zacharias stand immer noch da wie bestellt und nicht abgeholt.
„Und die Kekse?“, stammelte er.
„Essen wir später.“ befahl Natascha ärgerlich, wegen seiner Begriffstutzigkeit, zog ihn aus ihrer Wohnung raus und schob ihn in seine hinein.

Es war ein Glück. Auf jeden Fall war es Eines für Andrej. Denn Andrejs unglücklicher Zusammenprall mit dem Regal und dem Durcheinanderfallen der alten Fotos, hatte ihn Eines aus längst vergessenen Tagen wiederentdecken lassen. Es war ein altes schwarz-weiß Foto und es zeigte seinen Onkel Fock, wie er glücklich strahlend auf ein merkwürdiges Gerät zeigte, das auf einem Fernseher stand. Das Bild im Fernseher erkannte Andrej nicht, aber er erinnerte sich, dass sein Vater ihm und Natascha gerne erzählt hatte, was er bei Onkel Fock gesehen hatte, wenn er zu Besuch bei ihm gewesen war. Denn Onkel Fock empfing alle Programme, die weltweit ausgestrahlt wurden. Die Amis, die Briten, die Deutschen? Egal. Was ihr wollt. Eben alles und alle. Den ganzen Tag Mickey Maus. Leider konnte Onkelchen keine Kinder leiden und so hörten sie nur von Papa die Geschichten von Focks Wunderapparat, ohne ihn selbst je gesehen zu haben.

Aber am Ende war der Apparat doch noch in ihren Besitz gekommen. Vorher allerdings hatte Onkel Alexej Papa den Keller mit seinen Apparaturen vollgemüllt. Nicht ohne ihn anzuflehen, diese Dinge ja nicht in die falschen Hände kommen zu lassen oder gar weg zu schmeißen. Er werde wiederkommen und alles werde gut werden. Kurz danach buchte das KGB für Onkelchen Ferien in Sibirien.

Da Vater große Angst hatte, dass es genau diese verrückten Apparate waren, die Alexej ins Gulag und Unheil über die Familie gebracht hatten, durfte keiner ohne Begleitung in den Keller und die Gerätschaften auch nur ansehen.

„Warum hat er auch den ganzen Tag Mickey Maus geschaut? Warum, Kinder? Nebbich.“ fluchte er manchmal unvermittelt am Mittagstisch, erwartete aber keine Antwort, verfiel danach in minutenlanges Schweigen und keiner wagte es, weiter zu essen, bis Vater endlich die Achseln zuckte, so als hätte er es aufgegeben ein sinnloses Rätsel mit sechs Unbekannten zu lösen und daraufhin wortlos weiter aß. Erst als Papa und dann die KPDSU gestorben waren, hatten es Andrej und Natascha gewagt, den Keller zu entrümpeln und auf Flohmärkten damit ein paar Rubel zu machen, um das Ticket gen Westen zu lösen. Das Ticket in die goldene Zukunft war nach dem Zusammenbruch das Ziel der Geschwister. Um zu wissen, wie toll es im Westen war, hatten sie die Antenne von Onkelchen nicht mehr gebraucht. Angesichts der Fähigkeiten des großen Wissenschaftlers Fock, war es ein grausamer Treppenwitz der neueren Wissenschaftsgeschichte, dass die außergewöhnlichen Erfindungen Alexej Focks als Samowar oder wohlmöglich Technomatroschka endeten. Aber Andrej und Natascha hatten es ja nicht gewusst oder für möglich gehalten, dass diese Apparaturen mehr darstellten als Spinnereien. Sie waren keine Kinder mehr und hielten die Erzählungen ihres Vaters im Nachhinein für großen Schmu, um sie vom Keller fernzuhalten, beim Essen ruhig zu halten oder ihnen schlicht, einen Bären aufzubinden.

Dennoch, die legendäre Focksche Antenne überlebte den großen Ausverkauf der Nachgeborenen. Vielleicht weil Natascha und Andrej ihr Ticket bei Zeiten zusammenhatten? Vielleicht aber auch aus Sentimentalität? Aber das ist auch eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten. Andrej jedenfalls hatte die Antenne im Gepäck mit in den Westen geschleppt, trug sie von Wohnung zu Wohnung, hob sie immer auf und fand sie da, wo er glaubte, sie beim letzten Mal gesehen zu haben: in seinem Kellerverschlag seiner Wohnung. Er hob sie aus der mit Holzwolle ausgeschlagenen Kiste heraus, sah sie sich von allen Seiten an und stellte fest, dass sie stank. Sie war obendrein hässlich.

Als er sich die Kiste, in deren Dunkelheit die Antenne die schnelllebigen und irrlichternden Zeiten der friedlichen Revolutionen durchgemacht hatte, genauer ansah, fand er sogar eine Bedienungsanleitung. Onkel Fock schien, so meinte Andrej erkennen zu können, eine Erfindung gemacht zu haben, die er für patentier- und vermarktbar gehalten hatte. Andrej fand auch noch ein Schreiben, welches an ein Schweizer Patentamt adressiert, aber offensichtlich nicht abgeschickt worden war. Wichtig erschien Andrej die Anleitung und das Gerät selbst. Beides schickte er per Kurier zu seiner Schwester, den Rest schmiss er weg und hoffte, dass Onkels Genie ausreichen würde, den Bildschirm und das Leben von diesem Bretzelburg wieder zu erhellen. Vor allem hoffte er, dass die Anrufe seiner Schwester sich wieder auf ein erträgliches Minimum reduzierten. Er wollte seine Ruhe, sein walartiges Schweben im großen Meer des Lebens fortsetzen und – wenigstens mit einer Gehirnhälfte – weiterschlafen.


V.

Natascha fluchte. Die Bedienungsanleitung war zwar auf russisch und von Onkel Alexej verfasst, aber sie hatte trotzdem große Mühe, diese Seemine von einer Antenne anzuschließen. Obwohl Natascha eine gute Schule durchgemacht hatte; eine Schule, die darauf basierte, nichts außer Ideen zu haben. Was dieser Schule der Sowjetunion an Material mangelte, wurde durch Erfindungsreichtum ausgeglichen. Natürlich hatte das Grenzen. Mikroschaltkreise werden nicht mit Kleber und Kleiderbügeln repariert, aber die Antenne von Onkel Fock atmete noch den Geist der alten Zeit, in der sich alles mit ein bisschen Öl, Lötzinn und einer Überbrückung richten ließ.

Andererseits war die Antenne aber auch störrisch. Natascha hatte es geschafft sie an den Fernseher anzuschließen, denn ein Antennenkabel sei ein Antennenkabel, wie sie wiederholt, dem stumm und voller Erwartung vor dem dunklen Altarbild des Fernsehers sitzenden Zacharias immer wieder versicherte, aber die Verbindungen der pickligen Pole, die wie Stifte auf der Außenhülle der Antenne steckten, bereiteten ihr Ärger und schlimmere Fingernägel, als sie eh schon waren. Zacharias Eisenbahnerkiste, in der er reichlich Märklinzubehör zur Elektrifizierung eines Schienenkreises gehortet hatte, erwies sich Nadeschda zwar als nützlich, aber selbst als sie es endlich geschafft hatte, alles so miteinander zu verdrahten, wie es auf der Anleitung stand, blieb das Bild des Fernsehers? Schwarz. Um genau zu sein: pechschwarz. Eine Blamage! Zacharias zwischenzeitlichen Hinweis, ob sie bemerkt hätte, wie schwarz das Schwarz doch sei, war ihr kein Trost gewesen.

„Ist sie kaputt?“, fragte Zacharias zaghaft. Einerseits war er von den Fähigkeiten Nataschas beeindruckt, andererseits sah er in dieser Halbkugel mit verdrahteten Noppen keine Antenne sondern eine Technik, die ihn an diese Plastikautos erinnerten, die auch so stanken, wie sie aussahen.
„Nein, Herr Bretzelburg, sie ist nicht kaputt. Sie funktioniert - nur noch nicht so ganz.“ Und Natascha machte eine Pause. „Ich weiß noch nicht, was Alexej mit einem Elektroabakus meint. Das ist das Problem. Hier steht EA und in der Legende steht dafür: Elektroabakus. Andrej, welcher ist mein Bruder, hat mir versichert, er hätte alles so gesendet, wie es war. Ich verstehe es nicht. Dieser Elektroabakus müsse in den Elektroschlitz, der hier, genau in der Mitte des Gerätes ist, eingeführt werden. Aber in der Kiste ist kein Elektroabakus oder irgendetwas, was da rein gesteckt werden könnte. Nichts!“
„Schlitz? Hast Du Schlitz gesagt“, fragte Zacharias.
„Hast Du Borschtsch in den Ohren? Ja. Schlitz. Und?“ Natascha war genervt.
„Vielleicht meint Dein Onkel eine EC Card oder so was?“
Natascha schaute Zach an, schaute auf die Maschine, schaute auf den Schlitz, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, Zach, als Onkelchen gelebt hat, hat noch niemand auf der ganzen Welt und auch nicht in den USA eine EC-Karte benutzt.“
„Aber Dein Onkel ist Erfinder, oder?“ fragte Zach und begann Interesse am Problem zu entwickeln.
„Aber er hat nicht erfunden Bankautomat.“
„Aber da ist ein Schlitz, oder?“
„Ja. Und? Was hast Du nun vor?“
Und bevor Natascha die Frage zu Ende formulieren konnte, war Zacharias aufgesprungen, kramte aus einer Schublade seines Wohnzimmersideboards eine Chipkarte hervor und hielt sie Natascha triumphierend vor die Nase.
„Was ist das?“, fragte Natascha, die nicht glauben wollte, dass Zacharias ernsthaft glaubte, mit irgendeiner Chipkarte die Antenne ans Laufen zu bringen.
„Das, Frau Silberstein, ist ein Elektroabakus fürs Fernsehen. Fürs Privatfernsehen. Pay-TV“, und Zach betonte jeden Buchstaben, während er die Karte in den Schlitz führte: „Die Karte ist zwar abgelaufen, aber die Antenne ist ja wahrscheinlich auch älteren Datums, nicht?“

Diese Form der Problemlösung lag Zacharias: Schlitz verlangt Karte. Wenn Karte in Schlitz, dann neue Instruktionen oder Bilder. Das war für ihn wie puzzeln. Er hatte zwar keine Ahnung oder auch nur eine Vorstellung, woher die Puzzleteile gekommen waren oder aus was sie bestanden, aber er wusste: Eine Karte gehört in einen Schlitz. Eine Karte war ein Werkzeug. Er wusste, dass eine EC-Karte wie ein dünner Ast ist. So dünn, dass seine nächsten Verwandten, also sein pelziger Onkel Affe, dünne Äste wie EC Karten in die Löcher eines Ameisen- oder Termitenbaus stecken und lecker belegt mit Insektenprotein wieder herausziehen würden. Kurzum: Schlitz verlangt Karte! Und so schob Zacharias seine abgelaufene Schnupper-Pay-TV Superchannel-Sky Karte in den Schlitz von Onkel Alexejs Bildempfangsmaschine.

Voller Spannung starrten die Beiden abwechselnd auf die Antenne und den Fernseher, auf den Fernseher und auf die Antenne - aber es geschah? Nichts.

„Jetzt stinkt sie noch mehr.“ meinte Zach, und bevor er weiterreden oder Natascha antworten konnte, machte die Maschine plötzlich eine Art Bäuerchen. Zach und seine Nachbarin erschraken und wichen ein paar Schritte zurück. Jetzt spürten sie auch ein Vibrieren. Basswellen schoben sich durchs Wohnzimmer, sodass der Nippes in Zachs Glasvitrine zu tanzen begann; die Spitzen der Noppen auf der Antenne begannen in einem tiefen Blau zu leuchten und schoben sich langsam heraus wie die Antennen der alten Taschenradios. Es war nicht zu übersehen, dass alle Spitzen sich so ausfuhren, dass sie sich ziemlich bald, in einer Mitte treffen würden.

„Ich glaube es funktioniert.“ flüsterte Natascha, die vollkommen fasziniert war. Bretzelburg antwortete nicht. Er hatte furchtbare Angst. Er hatte mal eine Dokumentation über den Wettlauf zum Mond gesehen und das Bild der riesigen, russischen Rakete, die in einem Feuerball auf dem Startplatz in Baikonur zerplatzt war, prangte auf allen Monitoren in seinem Gehirn. Immerhin: seine zerebralen Fernseher, schienen wieder zu funktionieren. Kurz bevor es soweit war, kurz bevor sich die Spitzen trafen, griff er Nataschas Hand und drückte sie ganz fest.

Die Konsistenz der Luft war durch den Vibrationsbass geleeartig. Als die Spitzen sich trafen, machte die Maschine ein dumpfes, tönernes Geräusch, das wie „Uuuumph!“ klang. Natascha und Zacharias sahen sich an und sahen sich und das Zimmer so verschwommen, als läge es auf dem Grund eines Wasserbassins. Dann machte es Zapp! Ein blauer Lichtball schoss aus der Mitte der Fockschen Antenne hinaus aus dem Fenster, flog in die Nacht und verschwand im Sternenhimmel - und der Fernseher ging an. Der Raum war mit einem mal erfüllt von herrlicher Musik und traumhaften Farben.

„Jetzt, bin ich aber erleichtert“, schnaufte Zacharias, der zwischenzeitlich einem Herzinfarkt nahe gewesen war und jetzt gar nicht mehr aufhörte vernehmlich die Luft herauszulassen und eine ganze Weile „Jetzt, bin ich aber erleichtert“ zu wiederholen. Nataschas Hand hatte er natürlich sofort losgelassen. Die war hin und weg von ihrer technischen Glanztat und hüpfte im Zimmer auf und ab und klatschte in die Hände.
„Super, super, super“, sang sie und auf russisch „Каждый день, Микки Маус“


VI.

Es war super. Es war sogar extrem super. Aber eines verstand Zacharias Bretzelburg überhaupt nicht: Er erkannte nicht einen einzigen Sender wieder. ARD, ZDF, RTL? Nicht da. Von wegen, die Antenne empfängt alles. Es gab genau genommen keinen einzigen deutschen Sender. Auch keinen englischen. Jedenfalls nichts, was der englischen Sprache geähnelt hätte. Trotzdem konnte er Programme im vierstelligen Bereich abrufen. Um ehrlich zu sein, war er sich sicher, dass er die Sender noch nicht einmal alle durchgezappt hatte. Es waren einfach zu viele. Trotz dieser nicht unwesentlichen Einschränkung, kein einziges Wort zu verstehen, war das Fernsehprogramm einfach „cool“.

Bis zu dem Tag wo es ZAPP! im Hause Bretzelburg gemacht hatte, hatte Zacharias überhaupt nicht gewusst, dass in seinem aktiven Wortschatz das Wort „cool“ vorkam. Er konnte sich nicht erinnern, dass er es davor jemals gesagt hätte. Aber an dem Abend, als er sich wieder eingekriegt hatte und anfing mit Natascha durch die Kanäle zu switchen, wobei er kaum zum weiterschalten kam, so fasziniert war er von jedem einzelnen Programm, an jenem denkwürdigen Abend, ertappte er sich dabei, wie er schon nach fünf Minuten des Staunens einfach „Cool“ und sonst nichts weiter sagte, nein, sogar sagen musste. Es war „verdammt arschcool“ wie Natascha hinzufügte.

Was war das Besondere? Einfach alles. Die Farben, die Musik, die grandiosen Landschaften und die Technik, die sie zeigten und mit der sie ausstrahlten. Es war überwältigend. Manche Sendungen liefen als Hologramm in seinem Wohnzimmer. Da saß Bretzelburg in seinem Zimmer und die Vehikel, die Wesen, einfach alles passierte um ihn herum und er war mittendrin. Es war wie auf diesem Holodeck von der Enterprise; nur dass er nicht interagieren konnte. Dass sein Fernseher mit der Antenne von Fock so etwas überhaupt abspielen konnte, war schlicht sensationell zu nennen und bestätigte ihm erneut, dass er damals eine sehr clevere Kaufentscheidung getroffen und Pepe ihn ausgezeichnet beraten hatte.

Zacharias hatte es nicht erwarten können, Pepe von seinem neuartigen Fernsehprogramm in der nächsten Mittagspause zu erzählen. Aber Pepe glaubte ihm kein Wort. Pepe verlangte Beweise: „Das glaube ich Dir erst wenn ich es sehe, Bretzelburg!“ Zach willigte natürlich ein und freute sich, den stolzen Spanier endlich mal, beeindrucken zu können. Natascha hatte er an diesem Abend nicht bei sich haben wollen, denn es sollte ein Abend unter Männern werden.

Als der Fernseher lief und Pepe seinen Mund für mehr als zehn Minuten nicht mehr geschlossen hatte, war Zacharias Befriedigung vollkommen gewesen. „Herrlich“, dachte er und fragte schließlich ganz gelassen, als hätte er Pepe gerade einen popligen Pokal für den zweiten Platz im Wunsiedelwettbackwettbewerb gezeigt:
„Nicht schlecht, oder?“.

„Nicht schlecht?“ Pepes Stimme klang hohl und sein Blick kam von weit her. „Nicht schlecht? Hast Du `ne Macke?“ Pepe hatte das Gefühl gehabt, er hätte durch ein Fenster in eine neue, eine bessere Welt geblickt. Eine Welt, die einfach cool war. Er war schlicht benommen von den Farben, der Musik – so musste es auf Droge sein.
Pepe begriff schnell, dass sein Kumpel Bretzelburg die arschcoolsten Programme des Universums empfing. Er wurde so aufgekratzt, dass er die nächsten drei Stunden am Stück plapperte. Am eindringlichsten blieb Bretzelburg davon in Erinnerung, dass Pepe von Millionen und der Zukunft schwätzte: „Zach, weißt Du was wir da sehen? Wir sehen unsere Zukunft. Man, ist das abgefahren. Du siehst Programme aus der Zukunft der Menschheit. Das sind wir, oder? Oder? Patentier das Ding, Zach. Du wirst reich. Du wirst mega-reich.“

So verlockend die Pläne von Pepe klangen, Bretzelburg wollte gar nicht reich werden. Ein bisschen vor Pepe anzugeben, hatte ihm schon gereicht. Aber eine Firma gründen? Patente anmelden? Welche überhaupt? Das eine abgelaufene Pay TV Karte in einen Schlitz gehört? Albern. Was würde Frau Silberstein dazu sagen? Was machte sie überhaupt? Nein, das war ihm alles zu komplex und unübersichtlich.


VII.

Die ersten zwei Wochen nach dem Einschalten der Antenne, änderte sich in Bretzelburgs Leben nichts. Kein Stück. Im Gegenteil: Zacharias hatte wieder volles Vertrauen zu Zacharias gefunden und keine Angst mehr alleine mit Zacharias auf dem Sofa zu sitzen. Er fand in eine Normalität zurück, die vor den Tagen der dunklen Mattscheibe geherrscht hatte. Frau Silberstein? Blieb in ihrer Wohnung und Zacharias trank Kakao. Der Fernseher lief besser, sein Kopfkino war schriller, alles war besser denn je. Er konnte einschalten was er wollte und jedes Programm war ein großes Fernsehabenteuer.

Pepe schaute nach dem ersten gemeinsamen Fernsehabend fast täglich herein. Einmal brachte er einen seiner Kollegen mit. Er nannte ihn Mario und Mario hatte irgendein anderes Gerät dabei, um das Fernsehbild aufzuzeichnen.

„Zach, das wird sie umhauen, Das wird uns berühmt machen.“, murmelte Pepe, während Mario, der sich eine geschlagene Stunde lang nicht bewegt hatte, als er das Bretzelburger Abendprogramm zum erstenmal gesehen hatte, eine Art Laptop anschloss und das Programm aufzeichnete.
Zach dachte nur: „Wen meint Pepe mit ‚sie’ und warum spricht er von ‚wir’?“ Aber letztlich war es ihm auch egal, denn er hatte ja was er wollte: Ruhe, Fernsehen, Unterhaltung und Kakao. Fehlte was? Nein, er, Zacharias Bretzelburg, er hatte wieder alles beisammen – im Gegensatz zu Frau Silberstein, der ja immer was zu fehlen schien. „Hatte ihr heute nicht auch wieder etwas gefehlt?“ dachte Zach und versuchte sich an seine letzte Begegnung mit Natascha zu erinnern. „Vielleicht hatte sie auch heute geklingelt. Vielleicht aber auch nicht. Egal. Hektisch und unorganisiert, das ist sie.“, schloss Zach seine Gedanken ab, nippte an der Tasse
und genoss die Unterhaltung, ohne sich von Pepe und Mario stören zu lassen.

Am Ende des Abends, als Mario und Pepe wieder weg waren, war es ihm doch etwas unheimlich geworden. Begonnen hatte es, als Mario beim Weggehen heimlich zu Pepe bemerkte, dass ihn die Typen im Fernsehen eher an Aliens, statt an seine Zukunft erinnern würden und manchmal hätte er das Gefühl gehabt, die „Typen“ hätten ihn angesehen, so als ob sie ihn sehen könnten. Da hatte Zach eine Gänsehaut bekommen. Denn einmal, spät nachts, als er vor dem Fernseher eingeschlafen war, war es ihm widerfahren, als er erwachte, dass die „Typen“ im Fernseher sein Bild, sein Schnarchen abgebildet hätten und – er war ja kein Fachmann für Futurologie oder Alienologie – irgendwie dabei waren, sich über ihn lustig zu machen. Aber als er dann, richtig aufgeschreckt durch diese Wahrnehmung, sehr schnell, sehr wach geworden war, hatten die „Typen“ ihrerseits wieder ihr geniales „DopeTV“ – wie Mario es nannte - am laufen und er, Zach, war blitzschnell wieder in einer Welt versunken, in der alles viel geschmeidiger, cooler, souveräner, extravaganter, hipper kurzum: saustark und volle Fresse beneidenswert war.


VIII

So toll sein Fernseher auch war, das Leben war es einen Monat nach der Einschaltung der Wunderantenne nicht mehr. Pepe und Mario hatten – wie hatten sie es genannt? – „es“ hochgeladen. Sie hatten Zachs Abendprogramm hochgeladen, so als hätten sie eine Waffe geladen. Sie hatten sie nicht nur geladen, sie hatten auch abgedrückt. Im Internet brach ein Server nach dem anderen zusammen. Alle wollte Zachs Programm sehen. Und je mehr es nicht sehen konnten, umso wuschiger wurden sie. Der Wahnsinn, so erschien es Zach, war über ihn und seine Wohnung hereingebrochen. Menschenmassen standen vor dem Haus und wollten Zachs Programm schauen. Nicht nur Technikfreaks, Hacker oder Verschwörungsfanatiker, nein ganz normale Menchen, Menschen wie Du und ich, wollten unbedingt einen Blick auf Zachs Fernseher werfen. Zach war hin und hergerissen, hätte ihnen am liebsten den Fernseher und die Antenne geschenkt, aber dann hätte er ja wieder kein Bild und wäre allein und das wollte er nicht. Regelrecht beängtigend waren aber die Anrufe eines Andrejs der ihm jeden Tag hundertmal auf den Anrufbeantworter quatschte, dass er ihn bis in die Steinzeit verklagen würde, wenn er ihn nicht an der Antenne und dem erwarteten Gewinn beteilige.

Einerseits verfluchte Bretzelburg Pepe, andererseits war er dankbar, dass Pepe ihn nicht im Stich ließ. Ganz besonders froh war er, dass Pepe auch an dem Tag bei ihm war, als sich eine Delegation der Stadt und der Ulmer Universität sowie Herren, die sehr geheimnisvoll und sehr diskret taten und auch in geschlossenen Räumen Sonnenbrilen trugen, sich bei ihm angekündigt hatten, um das „Phänomen“ in Augenschein zu nehmen und wieder für Normalität zu sorgen.

Natürlich waren auch diese Herren, als Zacharias sein Programm vorführte vollkommen baff gewesen. Der Bürgermeister schnappte immer wieder nach Luft, die Honoratioren tupften sich die Stirn und die diskreten Herren nahmen sogar ihre Brillen ab. Pepe, diesesmal mit Anzug und mit seinem Vetter Miguel, einem Top-Anwalt, wie er Zach bei jedem zweiten Satz versicherte, strahlte triumphierend, denn er hätte 1A Verträge vorbereitet. „Wirst sehen, Zach, wir werden einen Geldspeicher wie Dagobert Duck brauchen, wenn Miguel mit denen fertig ist.“

Als die Herren wieder gingen, war Pepes Laune deutlich schlechter. Auch Zacharias war nicht sehr erbaut, denn auf unabsehbare Zeit, war er wieder ohne Fernseher und Antenne. Dem vollmundigen Versprechen, man werde umgehend für Erstatz sorgen, glaubte er nicht. Politikern, dass hatte Zach schon mit der Muttermilch aufgesogen, vertraute man nicht. Aber sie hatten eindeutig die Macht und so sehr auch Miguel, der sich allergrößte Mühe gab, diskutierte, am Ende war es die nationale Sicherheit, das Wohlergehen des Landes, ja der Welt, der die Maßnahmen unumgänglich mache.

„Was meinen die mit Maßnahmen, Herr Miguel“, fragte Zacharias zaghaft während der Verhandlungen seinen Anwalt.
„Die Herren hier, Herr Bretzelburg, werden jetzt die Antenne und den Fernseher mitnehmen. Es stehen größere Interessen auf dem Spiel als Ihr Unterhaltungsprogramm. Aber seien Sie versichert, denn dafür habe ich gesorgt“ und da reichte er ihm schon ein mehrseitiges Papier zur Unterschrift, „dass sie der Eigentümer bleiben. Die Bundesrepublik hat sich verpflichtet, das Gerät zu untersuchen und es ihnen vollkommen funktionstüchtig und im Sinne des Erfinders unverändert, als auch in angemessener Zeit wieder zur Verfügung zu stellen. Bis dahin werden Sie ein angemessenes Ersatzgerät erhalten. Es sei denn von Ihrem Gerät gehe eine Gefahr von Leib und Leben aus, dann muss es verschrottet werden.“
„Ich bin kein Verbrecher, Herr Miguel“, stammelte Zacharias und unterschrieb natürlich. Denn eines hatte er auch mit der Muttermilch aufgesogen, dass man einem Doktor, seinem Arzt oder Anwalt und dem Staat nicht widerspricht.

Als alle gegangen waren und das Wohnzimmer einen großen, blinden Fleck hatte, fluchte Pepe fürchterlich und schimpfte auf spanisch auf seinen Vetter ein. Immer wieder hörte Zacharias, wie Pepe „Puta“ rief und sich die Haare raufte. Schließlich stampfte er wütend zur Tür raus und rief zu Zacharias noch: „Du hörst von meinem Anwalt!“

„Nehmen Sie Pepe nicht so ernst.“, sagte Miguel und schob ihm seine Karte rüber. „Er ist ein Kindskopf. Er weiß nicht was er sagt. Die Rechnung schicke ich Ihnen dann per Post und wenn Sie weiterhin juristischen Beistand brauchen – rufen Sie mich an.“

Dann war Zacharias wieder allein und pling, pling, pling, gingen die Mattscheiben hinter seinem Frontallappen einer nach dem anderen, wieder aus. Harte Zeiten standen Zacharias Bretzelburg bevor, denn was sollte er denn jetzt mit sich anfangen? „Vielleicht backe ich einen Kuchen für Frau Silberstein?“


IX.

Es waren schlimme, kalte Zeiten für Zacharias. Frau Silberstein war nicht so freundlich wie sonst und setzte sich auch nicht zu ihm zum Fernsehen, sondern in ihre Leseecke, las auch tatsächlich und ignorierte ihn. Und auch von seinen Keksen oder Kuchen, kostete sie eher höflich, als gierig. Es war Zacharias so unangenehm, dass er feststellte, dass er über dieses Ungemach, diese Ungemütlichkeit so sehr nachdachte, dass er sich von seiner Lieblingsserie ablenken ließ, dass er sich dabei ertappte, dass er viele Minuten, allein mit sich gewesen sein musste und für und wider des Silbsersteinschen Verhaltens in seinem Kopf abgewogen hatte und dass die ganze Zeit kein Bild und auch kein Ton gelaufen war.

Natascha setzte sich nur zu ihm, wenn die Nachrichten liefen und im Fernsehen die neuesten Erkenntnise über Zachs Antenne gebracht wurden. Sie sagten, die Antenne hätte durch einen unglaublichen Zufall interessante Möglichkeiten der Kommunikation eröffnet, die Seriösität sei in der entfernten Urheberschaft des russischen Physikers Fock zu suchen, müsse aber grundlegend verfeinert und die Antenne komplett umgebaut und sowohl visuell als auch olfaktorisch vollkommen anders designt werden. Dann brachten sie meistens Bilder wie Andrej und Pepe sich in irgendwelchen Gerichtssälen oder vor Petitionsausschüßen in den Haaren lagen, sich anspuckten oder gemeinsam die Uno verklagen wollten. Natascha schüttelte immer den Kopf wenn Zacharias sie fragte, ob sie Andrej kenne oder mit ihm verwandt sei.

In den Nachrichten wurde auch gesagt, dass das Original eigentlich nicht funktionieren würde. Die im Internet eingestellten Clips seien allesamt Fakes und schlecht gemachte Täuschungen, die auf zufälligen Empfang zurückzuführen seien. Ausnahmsweise waren sich Zacharias und Natascha einig, dass selbst Radio Eriwan wahrhaftigere Nachrichten bringen würde, auch wenn Bretzelburg nicht genau wusste, was Natascha damit meinte. Genauso war es, wenn Natascha zu den Meldungen einfach „Nebbich“ sagte. Er hatte keine Ahnung was es bedeutete, aber „Nebbich“ war das erste Wort, was einen eigenen Monitor, einen Soundmonitor gewißermaßen, in seinem Gehirn erhalten hatte. Nebbich war ein Wort wie ein wohlschmeckender Keks. Und einen wohlschmeckenden Keks soll man einfach genießen. Am besten mit Kakao.

X.


Natürlich stellten sie ihm keinen Ersatzfernseher, natürlich wusste das eine Amt es besser als das Andere und schob die Verantwortung für den blinden Fleck in Zacharias Wohnzimmer von einer Institution zur anderen und Bretzelburg, der bei Natascha TV-Asyl genoß, hatte auch nach einer Woche gar keine Lust und auch kein Geld mehr – die erste Rechnung von Miguel hatte ihm gereicht – Gerechtigkeit für die gebrochenen Versprechen der Stadt einzufordern. Er war es ja auch nicht gewesen, der Geldspeicher wie Dagobert Duck bauen wollte, er war es nicht gewesen, der im Sinn gehabt hatte, mit Gewalt reich zu werden. Nein, er hatte sich als Staatsbürger erwiesen und zum Wohle der Nation unterschrieben. „Wenn’s gefährlich ist, dann muss ich das machen.“ hatte Zach bei der Leistung seiner Unterschrift gedacht. Zacharias war stolz darauf, dass er wohlgeordnet, organisiert und konstruktiv war und eben kein Tunichgut oder Terrorist.

Obwohl, und das war ein Treppenwitz, die vier größten Medienkonzerne der Welt, nach einer kurzen und teuren Ausschreibung, die „SpaceStation“, die „AlphaBox“, die „E<MC²“ oder die „MaoOneUniverseBox“ innerhalb von sechs Wochen nach Abtransport aus der Bretzelburgischen Wohnung für horrende Beträge herausbrachten, musste Zach, der Lehmkuchenbäcker, auf seine olfaktorisch und visuell ungenügende Antenne von Onkel Fock, weiter warten.

Aber es störte Zacharias nicht, dass sich die Meldungen überschlugen, es störte ihn nicht, dass die Video- und Hi-Fi-Tests den Apparaten der großen vier Hersteller eine gigantische Zukunft vorhersagten und Börsenkenner astronomische Gewinne für die involvierten Firmen prophezeiten. Zacharias störte es nicht, dass leidlich auf cool getrimmte Astrophysiker und Professoren, plötzlich Samstagsabends um Viertel nach acht erklären durften, dass sich mit diesen neuen, allerdings sehr teuren, aber mit Hightech vollgepackten „Enhanced SetEarthToUniverseBox-Boxen“, Fernsehprogramme „onthefly“ aus dem Zentrum der Milchstraße empfangen lassen könnten. Die werbewirksame Trommelei störte Zacharias nicht. Auch der Slogan: „Wir sind nicht allein im All“, mochte diese Botschaft auch wie ein Lauffeuer die Menschheit ergriffen haben, Zach auch jede zwei bis drei Minuten auf allen Kanälen hören musste: „Du bist mittendrin. Du bist live dabei und es ist verdammt noch mal - arschcool! Be Future, buy SpaceBox“, das alles störte Zacharias nicht. Was ihn störte, war, dass sein Fernseher fehlte. Das störte ihn und ein wenig die Unnahbarkeit der Natascha Silberstein.

Wie groß war Bretzelburgs Freude war, als endlich eines Abends ein missmutiger Lieferant an Silbersteins Tür schellte und im Gepäck den Fernseher, die Antenne und ein Schreiben mit mehreren Bundesadlern darauf hatte, kann sich jeder vorstellen. Die Übergabe war schnell erledigt, der Fahrer machte ein gequältes Lächeln, als Zacharias als „Trinkgeld“ ihm eine Tüte selbst gebackener Kekse in die Hand drückte aber Bretzelburg strahlte, als sein Fernseher und die Antenne wieder am Platz waren.

„Frau Silberstein, Natascha, haben Sie vielen, vielen Dank. Ich habe Ihnen viel zu verdanken und sicherlich war ich eine Last. Sie können immer bei mir klingeln, wenn Sie etwas brauchen.“, Zach hätte noch minutenlang ihre Hand im Hausflur schütteln und Dankesreden halten können, denn er spürte, dass, so wie er es sagte und was er ihr sagte, irgendwie nicht richtig war. Aber wie sollte er anders Danke sagen? Frau Silberstein erlöste ihn schließlich:
„Lassen Sie es gut sein, Herr Bretzelburg. Wir müssen uns doch als Nachbarn unterstützen. Nichts für ungut und jetzt genießen Sie ihren Fernseher.“ Sie klang sogar versöhnlich und seine Verlegenheit schien ihr zu gefallen. Zacharias ließ ihre Hand los, öffnete seine Tür und dann drehte er sich noch mal um. Frau Silberstein stand noch in ihrer Tür.
„Nebbich“, stieß Zacharias aus und lächelte. Denn wenn es etwas gab, was er behalten würde, dann war es dieses Wort und das schien ihm auf einmal richtiger, als alle andere Worte zu sein. Wie es ausschaute, sah es Frau Silberstein anders, schüttelte irritiert den Kopf und schloss die Tür sogar etwas lauter als sonst.
„Nebbich?“, wiederholte Zacharias leise in den Hausflur, der in diesem Moment – pling – dunkel wurde. „Nebbich“, murmelte Zach und schloss seine Tür.


XI.

Wieder waren ein paar Wochen, Monate vergangen und die Weihnachtszeit hatte wieder angefangen. Bald würde Zacharias seine Kekse backen und Natascha? Würde Sie wenigstens vorbeikommen? Zacharias saß alleine in der Kantine der Schwarzen Bäckerei, die auch schon bessere Jahre erlebt hatte, und rührte gedankenverloren in einer aufgewärmten Tütensuppe. Pepe hatte gekündigt und wo er abgeblieben war, wusste er nicht. Trotz des bösen Endes, Pepe war sein Freund gewesen. „Merkt man auch erst, wenn man alleine in der Kantine isst,“ dachte Zach.

Aber nicht nur seine Welt, trotz des tollen Fernsehers, die gesamte Welt selbst schien aus den Fugen geraten zu sein. Wie nicht anders zu erwarten, gingen die Settop Boxen weg, wie warme Semmeln und wie nicht anders zu erwarten, waren die Menschen begeistert. Die Erkenntnis, dass man nicht alleine im weiten Universum sei, begeisterte alle. Spontane Feiern wurden abgehalten, Verbrüderungen auf offener Straße passierten, kurzum: eine gute Zeit. Als Bretzelburg auf seinen Fernseher wartete, feierten alle anderen. Es war eine Stimmung, als seien die Menschen Schiffbrüchige, die auf einer kleinen Insel im riesigen Pazifik gestrandet waren und trotz widrigster Bedingungen jahrelang ausgehalten und nun am Horizont endlich das rettende Schiff in Form eines fünf Sterne Super-Luxusliners mit allem Komfort entdeckt hätten. Selbst die Kirchenleute und alle Gläubigen freuten sich und auf die paar Ungereimtheiten kam es im ersten Augenblick keinem mehr an. Was die Menschen sahen, gefiel ihnen. Es war ein Versprechen. Es schien, dass im Zentrum der Milchstraße die größte und beste Party des Universums stattfand, die coolste Musik gespielt wurde, die hippesten Typen feierten und jeden Moment das Taxi vor der Tür steht, das einen dort hinbringt. Aber es kam kein Taxi. Der Luxusliner drehte nicht bei und die Schiffbrüchigen konnten nichts zusammenbauen, um schnell genug oder überhaupt dort hinzukommen. Sie mussten sogar erkennen, dass sie noch nicht mal verstanden, warum sie das Schiff sehen konnten. Allerdings, so hatte es in dem offiziellen Anschreiben an Zacharias gestanden, hätte seine SuperSkyChannel Karte keinen Einfluss auf den Empfang. Dies nur für den Fall, wenn er Patentansprüche anmelden sollte. Die Boxen, die sie verkauften, funktionierten ohne seine Karte ja auch.

So dauerte es nicht lange, bis die Stimmung umschlug. Die auf cool getrimmten Samstagsabend Astrophysiker wurden angepöbelt, weil sie nur das erklären konnten, was eh schon alle selbst sahen. Die Wissenschaftler sollten endlich ein Gerät entwickeln, welches dahin fliegen kann, oder eines mit dem man Kontakt aufnehmen könne. Irgendwas halt, was einen von der Insel wegbringt. Gerade für die Reichen, di Künstler, die Außergewöhnlichen war es besonders schrecklich. Musiker hörten Bach und hatten das Gefühl sie lauschten „Alle meine Entchen“, Lyrikern erschien Ihr Gesang wie Gekrächze und Malern ihre Bilder wie Strichmännchenzeichnungen. Die extravaganten Superreichen auf den Superpartys hatten das Gefühl sie liefen rum wie Penner und würden Plastikautos fahren und Digitaluhren aus den Siebzigern tragen. Kurzum: Das Gefühl der Lächerlichkeit griff um sich. Man fühlte sich als sei man in der Provinz verloren und würde bis in aller Ewigkeit am Türsteher in der Milchstraße nicht vorbeikommen. Ein Anthropologe schrieb schließlich: „Sehen wir es endlich ein: Wir sind zu doof, zu hässlich und zu weit weg. Wer von uns würde denn ernsthaft seinen unrasierten, stinkenden und vollkommen stumpfsinnigen Vetter zum Ball einladen?“

Die Folgen der Erkenntnis waren unschön. Die Umsätze brachen ein und die Lust zu forschen, zu entwickeln oder zu entdecken ließ rapide nach. Die Leute reagierten aggressiver als früher aufeinander. Ethik, Moral und andere Werte, die das Ausharren auf der Insel ermöglicht hatten, bröckelten fröhlich vor sich hin. Das ging auch an Zacharias nicht spurlos vorbei. Gerüchte, dass die Firma Schwarz bankrott gehe, griffen um sich, und alleine nachts, selbst durch eine so verschlafene Stadt wie Ulm, zu spazieren, war keine gute Idee. Davon abgesehen, dass Bretzelburg so etwas sowieso nicht machte. Aber Zacharias machte sich erstmals Sorgen um seine Zukunft. Die leere Kantine, in der er Tütensuppe aß, kam ihm wie ein böses Omen vor. Leere, davor hatte er sein Lebtag Angst gehabt.


XII.

Zacharias machte die Augen auf. Er sah, wie er auf dem Sofa saß und die Augen aufmachte. Er brauchte eine Weile, um zu verstehen, was er sah und wo er war. Er war in seinem Wohnzimmer und war vor dem Fernseher eingeschlafen. Es war mitten in der Nacht und Zacharias sah sich selbst in perfekter Hochauflösung, ja fast dreidimensional. Er hatte gesabbert. Er sah einen Speichelfaden, der wie in Zeitlupe über sein unrasiertes Kinn und den speckigen Kragen lief. Er sah, wie stumpf seine Augen glotzten. Und dann hörte er sie, wie sie hinter ihm lachten. Erschrocken drehte er sich um und starrte die Typen an, starrte ihnen direkt ins Gesicht und sie lachten noch mehr. Verwirrt wischte er sich den Seiber ab. Das Fernsehbild war eine holografische 3D Ansicht seines Wohnzimmers und die Abbilder dieser Typen standen in seinem Wohnzimmer und lachten ihn aus. Zacharias stemmte sich hoch und in seiner Not floh er aus dem Wohnzimmer in die Küche. Von dort aus konnte er sie nicht sehen und daher sie ihn wohl auch nicht.

Er wusste nicht mehr, wie lange er in der Küche gestanden hatte, aber er musste irgendwann angefangen haben zu backen. Kuchen, Brot und Kekse. Er buk konzentriert, schnell und gut. So gut hatte ihm sein Handwerk schon lange nicht mehr gefallen, das Zubereiten und Kneten des Teiges und die Düfte die aus der Küche aufstiegen, brachten ihn zurück an die geschützten Orte seiner Kindheit. „Lacht ihr nur“, hatte er immer wieder gemurmelt und weitergearbeitet. In einer Schaffenspause, als er sich die Stirn abwischte und innehielt. Hörte er, wie aus dem Wohnzimmer wunderbare Klänge drangen. Verführerisch wie die Düfte seines Backwerkes. Zacharias dachte nach. Plötzlich sagte er trotzig „Nebbich“, ging ins Wohnzimmer, wo spektakuläre Bilder waberten, und machte die Kiste aus. „Nebbich“, wiederholte er erleichtert. Zum ersten Mal empfand er die plötzlich eintretende Ruhe, das bewegungslose Bild seines Wohnzimmers als Wohltat. Er war Zacharias Bretzelburg, er war Bäcker, er hatte ein Handwerk gelernt, das die Menschen satt machte, das den Menschen Freude bereitete, dessen Gerüche, die schönsten und behaglichsten Erinnerungen bereiten konnte und er wusste jetzt, was „Nebbich“ heißt und was ihm wichtig war. Sein Blick fiel auf das Anschreiben vom Bundesinnenministerium und Bundesministerium für Forschung und Technik, worin ihm bestätigt worden war, dass sein Fernseher keine Bedrohung für Leib und Leben war – und dass seine SuperSky Karte nicht für das Funktionieren des Gerätes erforderlich sei. Er hatte das Schreiben eingerahmt und sich über den Fernseher hingehangen. Er musste jetzt selber darüber lachen. Aber, wenn seine Karte nicht erforderlich war, dann konnte er sie ja auch rausnehmen. Steckte sie überhaupt noch drin? Er hatte es nie kontrolliert.

Sie steckte und was Bretzelburg nicht sehen konnte, als er die Karte herauszog, war, dass bei allen Fernsehern, die an einer dieser EarthToUniverseSetTopBox-Boxen angeschlossen waren, Bild und Ton schlagartig ausfielen. Der Superluxusliner am Horizont, der so plötzlich aufgetaucht und so verheißungsvoll ausgesehen hatte, war genauso plötzlich wieder verschwunden. Dass er für immer verschwunden sein sollte, lag daran, dass Bretzelburg die Karte konsequenterweise zerschnippelt und weggeschmissen hatte, nachdem er sie herausgezogen hatte.


Epilog

Noch bevor Bretzelburg bei Ihr geklingelt hatte, war Natascha erwacht. Es waren die Gerüche gewesen, die sie geweckt hatten. Gibt es etwas Schöneres, als vom Geruch warmen Brotes wach zu werden? Nicht das Schrillen eines Weckers, nicht die Konditionierung des Körpers auf eine Uhrzeit, sondern nur der umschmeichelnde Geruch gebackenen Brots. Besser als jeder Kuss, besser als jedes Geräusch oder Ritual. Auch wenn sie bemerkte, dass es erst halb Fünf in der Frühe war, nahm sie es Bretzelburg nicht übel sie mit solchen Düften geweckt zu haben. Dieser komische Kauz musste mitten in der Nacht angefangen haben zu backen. Sollte er sich etwa endlich daran erinnert haben, wer er war? Vielleicht würde ihm dann ja auch alles andere wieder einfallen? Sie setzte sich auf, machte sich etwas zurecht, arrangierte sich mit der Schwerkraft und freute sich wie eine Schneekönigin, als es um fünf Uhr in der Früh an ihrer Tür klingelte und Zacharias als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt mit einem Frühstückskorb vor ihrer Tür stand.

„Frau Natascha, ich möchte, dass sie mit mir Frühstücken. Und ich möchte, dass ich jeden Morgen mit Ihnen frühstücke und ...
„Zacharias?“, unterbrach sie ihn leise und fasste ihn bei der Hand „Wie wäre es, wenn wir erstmal anfangen.“
„Das klingt gut“, antwortete Zach.
„Ich weiß.“
So schwungvoll Zacharias Bretzelburg begonnen hatte, mit einem Mal war er verunsichert.
„Na los, worauf wartest Du denn noch? Komm rein.“
„Ich weiß nicht, wie das geht.“
„Was? Wovon redest Du?“
„Frühstücken. Ausgehen. Zusammen sein. Ich habe keine Ahnung wie das geht.“
„Na, dann zeige ich es Dir.“

Und Natascha hakte sich bei Zacharias ein und Zacharias hatte ein warmes Gefühl. Und zum ersten Mal war er richtig froh, dass er Zacharias und so vollkommen wie ein Kuchen war und noch glücklicher war er aber, dass er in Natascha seine Gefährtin gefunden hatte.

zuletzt bearbeitet 07.12.2009 10:02 | nach oben

#2

RE: Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.12.2009 00:00
von Joame Plebis | 3.574 Beiträge | 3551 Punkte

Na, gute Nacht, Brot! Das hat Dich auch eine Nacht gekostet. Ich gebe nur als Zwischenmeldung ab, daß ich die Geschichte überflogen habe. Dazu braucht man Zeit, sie wirklich zu lesen; leicht vorzustellen, wieviel Zeit Du zur Niederschrift brauchtest. Soweit ich bis jetzt festgestellt habe, ein Feuerwerk an Ideen. Auf die ersten paar Blicke und für heute, mir eine zu große Fülle, die ich momentan nicht aufnehmen kann. Ausgeruht will ich sein, mir in den nächsten Tagen diesen Leckerbissen genehmigen, denn danach sieht es aus. Mein Interesse ist jedenfalls erweckt worden. Bis bald!
Gruß von Joame

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#3

RE: Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.12.2009 06:10
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte

Hallo Joame,

hoffentlich bleibt Dir der Leckerbissen nicht im Halse stecken. Jedenfalls versuchte ich mich mal an einer versöhnlichen Geschichte, die weihnatlich daherkommt. Dazu gehört auch der Kitsch und das Happy End. Ein Feuerwerk an Ideen? Danke für die Blumen und viel Spaß beim Lesen – hoffentlich.

Gruß

Brot.

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#4

RE: Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.12.2009 15:08
von Gedichtbandage • Mitglied | 531 Beiträge | 525 Punkte

Hallo Brotnic2um,

nur ganz kurz zu Deinem HalbLEMschen Werk:
FEIN, hab es mir ausgedruckt um im Regio, hin zum andern Ende von Berlin, die Zeit zu töten.
Fazit: Erste Hälfte = Hinweg = fertig gelesen – und GROSSARTIG, gefällt mir! Locker leicht und fluffig! Gekonnt, stringent, mindestens 2 Kanäle hübsch verflochten…
Ich habe Tränen gelacht, nach der Chipkarte… und ich werde gleich wieder mit meinem Regio bis zum Alex tuckern, in der Hoffnung die Zeit reicht aus und die Leute gucken nicht wieder wie blöde, wenn ich lauthals lache, hoffentlich kann ich das?! Will ich wohl meinen, sonst gibt es Ärger!


Sehr, sehr gern gelesen!
Mehr kann ich leider nicht bieten, die Zeit rennt derzeit so verdammt fix!

Lieber Gruß,
Gb.


_________________________________________________________
>> Du verdammter Sadist:
Du versuchst deine Leser zum Denken zu zwingen.<< - E. E. Cummings zu Ezra Pound
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#5

RE: Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.12.2009 15:10
von oliver64 • Mitglied | 352 Beiträge | 352 Punkte

Nein, Brot, mag sein, dass ich blind bin, aber so viel Kitsch kann ich nicht entdecken. Klar, es ist im Grunde eine ganz einfache Geschichte, eine im wahrsten Sinne des Wortes altbackene und vielleicht sogar etwas moralinsaure Botschaft, aber so klug und warmherzig verpackt und - nebenbei - ja auch flüssig erzählt, dass man es gern aufsaugt. Ich jedenfalls. Mir hat es gut gefallen. Schöne Geschichte und sobald der Lektor daran war, würde ich sie an deiner Stelle mal an die eine oder andere Stelle senden.





Gedichte und Kommentare in allerbester Absicht

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#6

RE: Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.12.2009 19:51
von Brotnic2um • Mitglied | 645 Beiträge | 645 Punkte

Hallo Gedichtbandage

Freut mich, dass ich Dir die Fahrt verkürzen konnte, und hoffe, dass die Rückfahrt genauso schnell verging. HalbLem? Ist ein volles Lob für mich. Und es ist sehr beruhigend zu hören, dass die ein oder andere komische Situation sic hvermitteln konnte. Danke.

Gruß
Brot

Hallo Oliver,

schön, wenn es Dir nicht zu süßlich in den Halsspeck gegangen ist. Da ich mir unsicher war mit meiner "hausbackenen" Lovestory freut es mich, wenn sie Dir nicht sauer aufgestoßen ist. Überarbeitet habe ich noch nicht wirklich, aber verbessert habe ich schon ein klein wenig. Freut mich, wenn Du meinst, dass ich das Teil vorzeigen kann - wenn ich es gründlich überarbeitet habe.

Gruß

Brot

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#7

RE: Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 09.12.2009 12:59
von Gedichtbandage • Mitglied | 531 Beiträge | 525 Punkte

Hi Brot,

die Geschichte ist gut, jedoch sollte die 2. Hälfte etwas gestutzt werden, es verliert sich, das was da so schön konsistent war in der 1., in Nebensächlichkeiten, die sich für die Weiterführung der Geschichte in der Dichte des 1. Teils, einfach in Belanglosigkeiten verlieren.

Der 3-fache Boden:
~ das Stück assoziativer Mauerfallgeschichte, Mütterchen Russland, deutsche Korrektheit/Blindgängertum, Schnelllebigkeitswahn/dem Verbraten von Werten ~
gefällt mir besonders.

Chapeau!

Aber geh noch mal ran, an die 2. Hälfte.
Ich denke, dass Du das Niveau/Tempo/Reise des 1. Teils halten kannst.
Schick das ein, wo auch immer, wenns fertig ist, das IST gut! Werden kanns noch besser!


Kurz und knapp,
Gruß Gb.

Edit: Inhalt verdichten


_________________________________________________________
>> Du verdammter Sadist:
Du versuchst deine Leser zum Denken zu zwingen.<< - E. E. Cummings zu Ezra Pound
zuletzt bearbeitet 09.12.2009 16:31 | nach oben

#8

RE: Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 04.03.2010 12:39
von Alcedo • Mitglied | 2.571 Beiträge | 2467 Punkte

stark, Eckhard, stark!

ich war bisher nicht dazu gekommen den Text zu lesen, aber wegen der Nominierung und weil ich abstimmen wollte, musste ich. und es lohnte sich. es lohnt sich immer mehr, weil ich finde deine Schreibe steigerte sich mit der Zeit. der Bretzelburg ist besser als die Wannseeprinzessin, vielseitiger und gekonnter als die Toolbox-Story. er bietet wieder die bei dir gewohnte Melange aus Fabulierkunst, Humor und Spannung in (für mich) gestiegener Qualität, da Fabulieren, Witz & Spannungsbogenrute kunstvoller verflochten werden und kein Element für sich alleine überhängt. da stört nichts mehr.
gut, die überstehenden Enden kannst du kappen und unsichtbar im Flechtwerk verschwinden lassen. der letzte kleine Abschnitt ist überflüssig wie ein Kropf, weil offensichtlich weihnachtlicher Trivialität geschuldet. also das da (bitte streichen):

Zitat von Brotnic2um
Und Natascha hakte sich bei Zacharias ein und Zacharias hatte ein warmes Gefühl. Und zum ersten Mal war er richtig froh, dass er Zacharias und so vollkommen wie ein Kuchen war und noch glücklicher war er aber, dass er in Natascha seine Gefährtin gefunden hatte.


auch im Prologabschnitt habe ich unnütze Wiederholung ausgemacht. als ob es einen kitschigen Rahmen geben müsste, damit du ungestört loslegen kannst. auch wenn es vielleicht Absicht war, Qualität tiefstapelnd trivial zu umrahmen, ich würde es lieber nicht lesen.
anstatt dem:

Zitat von Brotnic2um
Eigentlich hatte Zacharias Bretzelburg den Nobelpreis oder die wichtigsten Orden aller Länder und Herrscher verdient. Eigentlich hätte er so berühmt werden müssen, wie Zaphod Chocrane, dem ausgedachten Erfinder des Warpantriebes aus der Fernsehserie Enterprise. Eigentlich. Natürlich ist es anders gekommen.


würde ich lieber bloss sowas lesen:
Eigentlich hätte Zacharias Bretzelburg so berühmt werden müssen, wie Zaphod Chocrane, dem ausgedachten Erfinder des Warpantriebes aus der Fernsehserie Enterprise. Eigentlich. Natürlich ist es anders gekommen.

am meisten habe ich bei der Stelle gelacht, als die Protagonistin behauptete den Andrej n i c h t zu kennen. ich habe mich eine Weile nicht eingekriegt.

am schönsten fand ich diesen komprimierten, knuffigen Seitenhieb auf all unsere Kunst:

Zitat von Brotnic2um
Zacharias Bretzelburgs wundersame Antenne
Musiker hörten Bach und hatten das Gefühl sie lauschten „Alle meine Entchen“, Lyrikern erschien Ihr Gesang wie Gekrächze und Malern ihre Bilder wie Strichmännchenzeichnungen.

köstlich!

am liebsten würde ich weitere Texte von dir lesen.

Gruß
Walter


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