Hallo hannes,
vorab die Punkte in deinem Text, die ich für problematisch halte.
Da ist der Titel mit seiner gegensätzlichen Aussage "stummes schreien", einerseits weckt er Interesse, anderseits ist er so offensichtlich dramatisierend, dass er "zu" gewollt wirkt.
Wenn in einem Reimgedicht plötzlich "orte" oder die Aufforderung "wandre" auftauchen, ohne dass dafür ein erkennbarer Zusammenhang oder Bezug vorhanden ist, dann werde ich skeptisch und mich beschleicht der Verdacht eines möglichen Reimzwanges. Da ich aber kein Spezialist in diesen Dingen bin, wende ich mich lieber den Bildern zu, in denen ich einiges Deutungspotential vermute:
"und niemand hört ihr lautes klagen
wie sie sich selbst von rückwärts sagen"
Worte rückwärts (aufzu)sagen ist ein Gedächtnistrainingsspiel und wird gern als Wettstreit gespielt. Abgesehen davon, dass die Personifizierung der klagenden Worte etwas gewöhnungsbedürftig ist, wird die Verwirrung durch den seitenverkehrten Blick in den Spiegel noch weiter erhöht.
In der zweiten Strophe dominiert das (unschöne) Wort "Bettung", es drängt sich mir das geflügelte Wort auf: "wie man sich bettet so liegt man." Die eingestreuten Begriffe "enthemdete, samen und triebe" bringen eine sexuelle Note ins Spiel, allerdings kann man das Bild der Silbenhände auch auch im Sinne von Worte wachsen lassen auslegen, was die Weiterführung der irrenden klagenden Worte aus der ersten Strophe bedeuten könnte.
In den beiden Schlussterzetten wird es dann deutlicher, dass der ganze Text vermutlich den Prozess des Schreibens vom Stadium eines inneren Klagens über das Säen von Silben bis zum Ziehen aller Register wie Sinnbetörung und Beschwörungen um die Aufmerksamkeit der Leser zu erringen.
Eine schwere Geburt, dieses "stummes schreien" in geschriebene Worte zu bringen.
Hat Spaß gemacht sich durch deine Bilder zu arbeiten, auch wenn es für mich durch den Reim etwas erschwert wurde.
LG
Perry