#1

auf dem hochseil

in Gesellschaft 24.06.2012 23:54
von mcberry • Administrator | 2.962 Beiträge | 2908 Punkte

es war einmal zur abendstunde
ein langes seil das straff gespannt
den kirchturm im spagat verband
mit einem hochhaus ziemlich weit

entfernt begann ein mensch zu tanzen
voll anmut seine körperkraft
hat er den weg beinah geschafft
und hielt sich gut im großen ganzen

doch lockerten sich irgendwie
wohl knoten rutschten im gebinde
da zitterte im höhenwinde
der tänzer und ging in die knie

zuletzt bearbeitet 25.06.2012 14:19 | nach oben

#2

RE: auf dem hochseil

in Gesellschaft 25.06.2012 19:11
von Joame Plebis | 3.590 Beiträge | 3591 Punkte

Guten Tag, Mcberry!

Zum Inhalt:
'Beinah geschaft' ist nicht geschafft, so könnte nur eine der im Gedicht enthaltenen Aussagen lauten, abgesehen von Vorhaben, die oft zu hoch gesteckt sind und deren Bewältigung scheitert. Es liegt in der Natur des Menschen, nach mehr zu streben; dieser Triebfeder verdanken wir den Fortschritt und auch vieles, was nur scheinbar eine Erungenschaft ist. -

Zum Gedicht:
Geschickt, mit rhythmischem Gefühl geschrieben und gereimt. Die außergewöhnliche Vorstellung eines weit entfernten Hochhauses und des gespannten Seiles zum Kirchturm gelingt. Ich sehe sogar die Menschenmengen, die von unten hinaufblicken.

Wieder ein interessantes Thema, das in der Masse der Dichtungen auffallen kann.

Gruß
Joame

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#3

RE: auf dem hochseil

in Gesellschaft 26.06.2012 12:00
von perry • Mitglied | 1.417 Beiträge | 1417 Punkte

Hallo mcberry,
von Rekordakrobatik bis Till Eulenspiegel gehen da einem viele Bilder durch den Kopf.
Die Verwortung klingt etwas bemüht (es war einmal ..., Reime in der ersten Strophe, doch lockerten sich irgendwie).
Gut gefällt mir das offene Ende mit dem "... ging in die Knie).

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#4

RE: auf dem hochseil

in Gesellschaft 26.06.2012 23:55
von Kokoschanell (gelöscht)
avatar

Hallo Mcberry,

das Gedicht spricht mir von den stetigen Anstrengungen der Menschen, das Leben zu meistern. Manche wagen sich da in schwindelnde Höhen, trauen oder sollte man besser sagen- muten sich viel zu. Das Leben aber spielt nach eigenen Regeln. Es wirkt mit Unerwartetem auf uns ein und lässt uns scheitern.
In die Knie gehen ist eigentlich bei einem Hochseiltänzer nicht schlimm, nicht das Ende- manche machen es als akrobatisches Kunststück.
Das heißt für mich: es ist an uns, uns den Widrigkeiten des Lebens zu stellen- und zu siegen.
Formal stört mich ein wenig die zum Reim gedrehte Satzstellung:
Vers 1, ZZ. 3+4
Zeichensetzung würde klären Vers 3, Z 2
Aber letzteres ist ja heute modern und vielleicht Geschmacksache.

Gut gefällt mir: hielt sich gut im großen ganzen, weil es einen Touch Ironie hat. Ich empfinde allerdings, dass da ein "und" fehlt.

Ich mag es trotzdem.
koko

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#5

RE: auf dem hochseil

in Gesellschaft 27.06.2012 00:06
von yaya | 650 Beiträge | 688 Punkte

Nabend Mac,

den Spagat zwischen zwei hohen Häusern, Kirche und König, Gewissen und Verpflichtung, spirituellem Anspruch und Termindruck, viele moderne Lesarten fallen mir ein, also geschafft haben den nie viele.

Und irgendwie gelockerte, Perry sagte es schon, rund um die Knoten wirkt die Sprache bemüht, solche auf nicht nachweisbarem Wege manipulierte Befestigungen, die den Erfolg spätestens kurz vorm Ziel sabotieren, (evtl. kriege ich auch diesen Satz grammatisch noch korrekt zuende) die kenne ich nicht nur aus dem Büroalltag.

In einfacher, fast altmodischer Sprache eine immer aktuelle Situation, sowas lese ich gerne, Grüße von Yaya.

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#6

RE: auf dem hochseil

in Gesellschaft 27.06.2012 13:08
von mcberry • Administrator | 2.962 Beiträge | 2908 Punkte

Vielen Dank JP, Perry, Kokoschanell und Yaya last not least,

nee, perfekt isses nich... aber wenn ich darauf warten will, schreibe ich vllt nichts mehr.
Zu Zeiten verbindlicher Reime und Metrikschemen wurden grammatische Umstellung bzw. Einbußen nicht in Frage gestellt. Deshalb denke ich, daß die Anforderungen an zeitgenössische Dichtkunst gestiegen sind, als Folge der freien Verse, die solche Kompromisse unmodern aussehen lassen. Ein Spagat eben. Unverdrossene Grüße - mcberry

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