#1

letzte Rodung

in Philosophisches und Grübeleien 10.07.2012 14:32
von atti | 34 Beiträge | 34 Punkte

letzte Rodung

das Fenster als Weg,
wenn die Mündigkeit
sich müde gesiegt
hat -
die Dunkelheit gibt
die Illusion frei, dass dort
wilde Natürlichkeit liegt
und die Kreatürlichkeit schiebt
sich magiegläubig vor.

wie war noch gleich
dieses eine Wort
aus dem romantischen Hort-
fund im Regal,
das wieder alles vereint
und mich dann vermeintlich befreit?

wo Licht und Schatten sich gatten,
steht ein Mensch und spricht.

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#2

RE: letzte Rodung

in Philosophisches und Grübeleien 11.07.2012 09:34
von mcberry • Administrator | 2.963 Beiträge | 2912 Punkte

Hallo Atti,

nach langem Kampf ein todmüder Ausstieg, ob aussichtsreich oder sprunghaft bleibt offen. Der Wunsch nach
umarmender Integration findet seinen sprachlichen Ausdruck nicht mehr: zuhause im Regal zurückgelassen.

Die Twilight Zone verspricht wenigstens vermeintliche Befreiung: Zurück zum Anfang mit dem Wort, dessen
Geschöpf wir sind. Ein Individuationsprozeß setzt notgeboren nach Überwindung von Widerständen des Alltags
und/oder der Materie am Rande der Erschöpfung und getragen vom Wunsch nach Aufhebung der Ambivalenz
in liebendem Verständnis unser geistiges Potential frei.

Den Text lese ich als Genesis einer Bewußtwerdung: Müdigkeit beschwört Magie und gebiert Kreativität. Falls
der Autor darob entgeistert sein sollte, also mir gefallen diese seine Zeilen sehr.

Textimmanent herumkraxelnde und fensterlnde Grüße - mcberry

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#3

RE: letzte Rodung

in Philosophisches und Grübeleien 11.07.2012 21:38
von yaya | 650 Beiträge | 688 Punkte

Hallo Atti,

das romantische Wort könnte etwas mit Hingebung zu tun haben. Nehme stark an, Leser sollen nicht
danach suchen; es fiel der letzten Rodung zum Opfer. Allein Selbstaufgabe eines schwer übermüdeten
Li macht den Weg zu seiner Befreiung frei, zwischen Licht und Schatten. An ein Losungswort scheint es
nicht so recht zu glauben. (Darf ein Dichter, der Worte vergißt, den Fenstersturz in Erwägung ziehen?)

Mit wiederholtem Lesen gewinnt der Text an Unterhaltsamkeit, ohne Geheimnisse preiszugeben. Grüße von yaya

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#4

RE: letzte Rodung

in Philosophisches und Grübeleien 19.07.2012 12:24
von atti | 34 Beiträge | 34 Punkte

Hallo ihr beiden und vielen Dank für eure Antworten.

Eine Bewusstwerdung ... Das gefällt mir. Dass hier Kreativität geboren wird, erscheint mir als ein interessanter Gedanke: Die Abwendung von aufgeklärter Rationalität, aber auch von romantischer Magie würde dann ja in eine inspirierte/inspirierende Form des Sprechens münden können und nicht bloß in die Ernüchterung dessen, der in der Gegend herumsteht und feststellt.

Falls der Text ansonsten mehr Geheimnisse freigeben soll, könnte man einen Blick in Novalis' "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren ..." werfen. Unter anderem da wollte ich nämlich Holz fällen ...

Viele Grüße

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#5

RE: letzte Rodung

in Philosophisches und Grübeleien 23.07.2012 21:54
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte

Lieber Atti

Ich habe dir gestern schon eine Kritik schreiben wollen, aber ich wusste nicht was ich schreiben soll.
Gut finde ich deinen eigenartigen Rhytmus. Jetzt bin ich hin und her gerissen. Soll ich sagen es gefällt mir? Dann stellt mir Berry die Suppe in das Fenster. Soll ich schreiben, dass mir das Gedicht nicht gefallen hat, dann stellt mir Joame die Rute in das Fenster.
Ich stolpere also über meine eigenen Fehler.

Hat mir gestern gefallen und auch heute.
Endlich sind mal wied er Leute hier die schreiben können.
Und die Suppe löffel ich gerne aus.

Gem


[i]Über mich erzählten sie endlose Schrecklichkeiten und Lügen, dass einem schier die Phantasie platzen wollte. Offenbar stärkte es sie innerlich, derart über mich herzuziehen, es brachte ihnen Gott weiß welche Art Mut, den sie brauchten, um immer erbarmungsloser zu werden, widerstandsfähiger und regelrecht bösartig, um durchzuhalten, um zu überstehen. Und auf diese Weise schlecht zu reden, zu verleumden, zu verachten, zu bedrohen, das tat ihnen ganz offenbar gut.

L.F Celine[/i]

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#6

RE: letzte Rodung

in Philosophisches und Grübeleien 17.08.2012 23:49
von atti | 34 Beiträge | 34 Punkte

Zu viel der Ehre ... Aber ich bemühe mich dennoch gerne, wieder häufiger reinzuschauen :)

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#7

RE: letzte Rodung

in Philosophisches und Grübeleien 18.08.2012 10:36
von Kokoschanell (gelöscht)
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hi atti,

mir gefällt das werk ausgesprochen gut, viele metaphern lassen interpretationsspielräume zu.
die letzte rodung- eine rodung muss nicht das ende sein. manchmal rodet der bauer auch, um den boden wieder zur ruhe kommen zu lassen, dass er sich neu belebt und wieder früchte tragen kann.
darauf weist mir auch das fenster hin. ein fenster gibt ausblick, weitblick in eine zukunft des müden .

wessen ist das LI müde?
der MÜNDGKEIT,die sich müde gesiegt hat.
Mündigkeit im sinne von entscheidungsfreiheit, aber auch entscheidungsdruck. auch siege haben ihren preis. den preis der kraftzehrung.

für mich scheint das werk also wie eine aufforderung, mal liegen zu lassen, mal nicht zu kämpfen, es mal der kreatürlichkeit, also der natur, dem schicksal zu überlassen und daraus aus dem fenster der hoffnung neue kraft zu gewinnen.
klasse text.
grüße von koko

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