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#1

Rosen auf den Weg

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 30.07.2012 10:45
von Kokoschanell (gelöscht)
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Rosen auf den Weg

Karen war gerade dabei die Beetrosen im Vorgarten auszumären, als sie die beiden sah.

Wie jeden Morgen schob die alte Frau Siebert ihren Mann mit dem Rollstuhl bergan. Sie trug einen gestreiften Pullover und eine karierte Hose, ihre grauen Haare hingen wirr. Ihr Blick war angestrengt auf den Gipfel der Straße gerichtet.
Karen erinnerte sich, wie fein die Frau Siebert immer gewesen war. Selbst das Tuch war farblich auf die Kleidung abgestimmt gewesen. Eine Frau, die auf sich hielt.
Ihr Mann war früher Polier gewesen und hatte beide Häuser der Familie vom Grundstein bis zur Dachspitze selbst gebaut. Gerne und oft hatte er davon erzählt, wenn man sich am Gartentor getroffen hatte.

Nun saß eben dieser Mann wie ein Kind in eine blaue Decke gewickelt. Karen grüßte, doch keiner von beiden antwortete.
Die kleine, zarte Frau stemmte sich gegen das Gewicht des Rollstuhles. Wie so oft schon hatte Karen den Impuls hinzuspringen und zu helfen. Wie so oft schon tat sie es nicht.
Frau Siebert hatte es geschafft, den Kopf der Straße zu erreichen. Ihre Stirn war schweißnass. Nun galt es, den Rollstuhl um die Kurve zu manövrieren. Dabei hing ihr Mann seitlich aus dem Gestell. Sie schob ihn wieder zurück.
Kein Lächeln belohnte sie, keine Mimik war im Gesicht des Mannes abzulesen.
Manchmal sei er aggressiv, hatte Frau Siebert Karen einmal hinter vorgehaltener Hand verraten. Aber das war er früher auch schon gewesen.
Plötzlich gellte ein hoher, spitzer Schrei. Ein Stein hatte im Weg gelegen, der Rollstuhl war wohl daran gestoßen, nach vorne gekippt und der Mann kopfüber auf das Pflaster gefallen.

Karen lief sofort los. Als sie bei den beiden ankam, lag der Mann in einer Blutlache. Frau Siebert stand regunglos daneben.
Abgezupfte Rosenblüten fielen lautlos aus Karens Hand zu Boden.

zuletzt bearbeitet 02.08.2012 10:54 | nach oben

#2

RE: Rosen auf den Weg

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 31.07.2012 12:58
von mcberry • Administrator | 2.861 Beiträge | 2671 Punkte

Hallo Kokoschanell,

die Story gefällt mir auf Anhieb, weil sie als leise Erzählung aus dem Alltag ohne reißerische Motive auskommt.

Als Kurztext von internetfähiger Länge präsentiert sie eine Innenschau, die ich mir etwas klarer gewünscht hätte,
d. h. Beweggründe blieben verborgen, warum die Protagonistin nicht eingreift: Wurde sie mal zurückgewiesen?
Wollte sie das Schamgefühl der Nachbarn nicht verletzen, die sie aus besseren Tagen kennt?
Soll diese Frage offen bleiben, damit der Leser sich selbst um eine Antwort bemüht? Dann erfüllt es seinen Zweck.

Holprige Länge Z4/5: wie fein sie früher einmal ihre Garderobenfarben aufeinander abzustimmen vermocht hatte.
Z16/17: Ausgebremst von einem Bordstein kippte der Rollstuhl; kopfüber stürzte sein Insasse auf das Straßenpflaster. Die Beschreibung der Blutlache ist glaubwürdig; selbst kleine Kopfplatzwunden verbreiten erstaunlich viel roten Saft.

Sehr schön der Schluß, weil er Bilder hervorruft von welkenden Blüten, die auf blutgefärbtes Pflaster sinken. Den
Artikel würde ich wegnehmen: Abgezupfte Rosenblüten aus Karens Hand fielen lautlos zu Boden. Gerne gelesen - mcberry


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#3

RE: Rosen auf den Weg

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 01.08.2012 10:07
von Kokoschanell (gelöscht)
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danke für deinen kommentar, mcberry- ja, der leser sollte bei kurzgeschichte auch spielraum zum eigenen denken haben. der bordstein geht nicht, da sie ja schon auf dem bürgersteig war. ausserdem würde sie ja, wenn, wissen, dass da ein bordstein ist.
das ende lässt viele schlüsse zu- selbst, dass der mann stirbt, selbst, dass sie es zuließe...
mal sehen, welche gedanken die anderen hier noch haben.
einstweilen freue ich mich darüber, dass du immer ein auge auf meine werke wirfst.
grüße von koko

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#4

RE: Rosen auf den Weg

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 01.08.2012 23:59
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte

Hallo Koko,

gleich vorab, gesschrieben finde ich es gut, aber du baust eine Spannung auf die dann enttäuscht wird.
Im ersten Absatz beschreibst du noch deine Protagonistin. Dann wird das Augenmerk auf die Frau mit dem behinderten Mann gelenkt. Hier weiß ich nicht ob das gut ist, ob das schlecht ist, dass er in dem Rollstuhl sitzt. Warum stirbt er am Ende. Weil er Agressiv war? Ist er nun bestraft worden oder bestraft uns das Leben, und welche Rolle spielt dann deine Hauptfigur. Geschrieben ist es wirklich gut, allerdings würde ich so eine Geschichte länger anlegen, eher eine Kurzgeschichte daraus machen.
Also ich denke, du solltest die Figuren besser heraus arbeiten.

LG

Gem


Über mich erzählten sie endlose Schrecklichkeiten und Lügen, dass einem schier die Phantasie platzen wollte. Offenbar stärkte es sie innerlich, derart über mich herzuziehen, es brachte ihnen Gott weiß welche Art Mut, den sie brauchten, um immer erbarmungsloser zu werden, widerstandsfähiger und regelrecht bösartig, um durchzuhalten, um zu überstehen. Und auf diese Weise schlecht zu reden, zu verleumden, zu verachten, zu bedrohen, das tat ihnen ganz offenbar gut.

L.F Celine

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#5

RE: Rosen auf den Weg

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 02.08.2012 10:52
von Kokoschanell (gelöscht)
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danke , Gem. vom stil her ist es eine amerikanische Kurzgeschichte mit offenem ende. dieses genre ist anders als eine erzählung oder normale kurzgeschichte. die handelnden bleiben immer ein stück offen, das thema liegt quasi "hinter ihnen". sie bleiben weitestgehend uncharakterisiert, symbolisieren sich in ihren handlungen. bei diesem genre ist der leser mehr gefordert, siehe hemingway.

das thema ist die würdelosigkeit, die heute mit dem zwanghaften "am leben erhalten" verbunden ist. die last, die damit allen, dem todgeweihten selbst wie auch den angehörigen zugemutet wird. das "zwangs-weiter-leben", das manchmal darin gipfelt, das einer 7 jahre lang bewegungslos und ohne jede möglichkeit selbsständig zu essen, trinken, zu pinkeln ect. ans bett gefesselt leben muss. wer wünscht sich das? ich nicht.
die szene mit dem rollstuhl ist so eine ebene, wo es nur schlechter werden kann. siehe oben.
für alle.
die nachdenkliche frage, die dahinter steht ist die, wie weit muss man gehen?will man gehen?

die karen beobachtet nur, sie ist quasi der erzähler. die eigentlichen protagonisten sind die beiden alten.
weshalb sie nicht eingreift, das soll der leser selber enscheiden.
möglichkeiten:
weil es nichts ändert. am nächsten tag wäre sie nicht da. die frau muss es alleine schaffen
weil die beiden nicht grüßen, sie schotten sich ab- peinlich?
weil karen nicht weiß, ob es gut ankommt, s.o.
weil karen nichts damit zu tun haben will ( oberflächlichkeit unserer gesellschaft, entfremdung)

....
möglichkeiten gibt es also viele, so wie eine amerik. kg es haben will.

gruß und dank von koko


hi mcberry,
deinen tipp mit dem schluss -satz habe ich umgesetzt.
zu gem habe ich erklärt, dass es eben keine erzählung ist. vielleicht magst du da noch einmal schauen.
gruß von koko

zuletzt bearbeitet 03.08.2012 09:02 | nach oben


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