#1

Der fünfte Mensch

in Arbeitshügel 31.03.2017 23:26
von munk | 879 Beiträge | 1171 Punkte

Er ergreift den Tod,
der keine Ruhe im Tagebuch findet;
er füllt mit ihm die schwarzen Löcher
in einer Zeitmaschine

Der Großvater ist in Russland gefallen.
Die Großmutter bleibt allein,
immer eine Feldpost in zittriger Hand.

Hier gibt es uns noch nicht.
Hier stirbt ein altes Fischerboot.
Die Dreieckszeltbahn ist sein Segel.
Die Möwen sind keine Lebenszeichen.

Alt ist der Strand mit Sandburg
ein Ort voller Kreuze und Grabplatten ,
eine Silberblume mit dem Geruch der Mutter.

Rundum toben Bomber.
Neben uns platzen Körper.
Nur er vertäut die Flüchtlingstrecks
mit dem Schrei Sterbender

zuletzt bearbeitet 31.03.2017 23:47 | nach oben

#2

RE: Der fünfte Mensch

in Arbeitshügel 01.04.2017 11:36
von Wilhelm Pfusch • Administrator | 2.001 Beiträge | 2032 Punkte

Hi, kurze Feststellung: Es wirkt auf mich fertig, nicht wie ein Arbeitstitel.

Ich kann mich zwar kaum noch dran erinnern, aber ich habe mal ein Lagerbuch eingesehen. Es sah aber mehr aus wie eine Art Gulag-Inventarliste. Wir durften es einsehen weil mein Urgroßvater in so einem Lager gestorben ist. Es war eine sehr nüchterne Auflistung wie eine Art Buchhaltung über die Essensrationen und Arbeitseinsätze. Ich glaube das Amt das so etwas ermöglicht heisst Amt für "Kriegsgräberfürsorge" oder so ähnlich. Daran muss ich zwangsläufig denken, auch wenn es hier darum nicht geht. Es ist nur mein einziger Bezug zu dem Thema.

Ich würde das unter später Nachkriegslyrik einordnen, ein Thema, das nicht mehr en vogue ist. Ein trauriges Thema, das bei vielen älteren Menschen traurige Erinnerungen wachruft. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, aber wir tun es doch.

Das Ende ist ziemlich heftig. Die Impressionen sind stark, am besten gefallen mir die Möwen, die keine Lebenszeichen sind. Die Verbindung der Vorgeschichte (Großmutter, Tagebuch) mit dem Motiv von See und Strand erfolgt zum Ende mit dem Vertäuen der Flüchtlingstrecks.




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#3

RE: Der fünfte Mensch

in Arbeitshügel 01.04.2017 20:55
von munk | 879 Beiträge | 1171 Punkte

hi wilhelm,
vielen dank für deine zeilen.

zu deinem bezug gäbe es einen anderen text. ach, es gab auch da unvorstellbares schicksal. //

mein bezug ist einer der enkelgeneration, die nun das sterben der kinder der überlebenden erleben muss und die einem überflutenden erinnerungen des erzählten und auch nicht erzählten vielleicht auf diese weise des schreibens alles tiefer und ausgesöhnter einordnen kann. für mich ergibt sich nach diesem der-fünfte-mensch-text ein weiteres suchen und annähern an das leben meiner eltern und großeltern. wie konnten sie all das leid und unbegreifbare überstehen, mit welchen mechanismen haben sie es geschafft, so zu werden, wie sie waren oder wie die wenigen noch lebenden sind. aus welchen quellen speisten sie ihre widersprüche, leiden, traumata, kräfte. welche schlimmen schlüsselerlebnisse hat sie genau zu den werten geführt, die sie uns enkeln, kindern zu vermitteln versuchten. ja, wie sieht dieser fünfte mensch wohl aus? ich werde ihn mir immer wieder vorstellen. er ist aus einem stoff, den auch dieser text versucht, substantiell zu fassen und zu gestalten.


ach, dieses thema wird mich weiter treiben, daher ist der fünfte mensch auch im arbeitshügel gelandet ...


grüße vom munkel

p.s.: ich folge deinem und hab den text nun doch in die rubrik philosophisches & grübeleien eingestellt.

zuletzt bearbeitet 02.04.2017 21:32 | nach oben


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