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#1

fazit

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 30.09.2011 20:05
von Rainek Radar | 354 Beiträge

Ich ende.
Wir alle enden, was das anbelangt. Zumindest wenn man der Kleinen glauben will, die ich in dieser Bar kennenlernte. Sie pflanzte sich neben mir am Tresen auf, warf mir diese Feststellung lapidar vor die Füße und orderte dann zwei Tequila. Sie leerte beide Gläser schnell hintereinander, leckte mir danach über die Wange und forderte mich dann zum Tanzen auf.
„Ich tanze nicht.“, lautetet meine Antwort.
„Selber schuld.“, gurrte sie und warf sich ins Getümmel auf der Tanzfläche, wo sie, nur Minuten später, ihren ganz beachtlichen Körper an einem anderen Typen rieb.
„Was für eine Verschwendung.“, sagte ich zum Barkeeper, den das nur leidlich zu interessieren schien und deutete ihm, dass er mir noch ein Bier nachschenken solle.
Nach dem fünften Bier ließ ich den Abend abend sein und machte mich auf den Heimweg. Ich wusste ohnehin nicht, welcher Teufel mich geritten hatte, diese Bar aufzusuchen. In erster Linie wollte ich nur weg von zu Hause, wo mir die Decke auf den Kopf fiel. Die Bar lag gleich am nächsten Häusereck. Das schien mir praktisch. Laute Musik und fremde Gesichter. Das ist doch in Wirklichkeit überall dasselbe. Genau dasselbe.
Meine Wohnung stank nach Müll und Einsamkeit. Den übervollen Müllsack konnte ich vor die Tür stellen. Die Einsamkeit nicht. Also suhlte ich mich ein bisschen in ihr, damit mir der Gestank nicht mehr so auffiel. Über den Fernseher flackerten die ewig gleichen Bilder von Fremden. Ebenso wie in der Bar vorhin.
„Das Mädchen hatte recht.“, dachte ich und griff nach der Fernbedienung, die sich zwischen den Sitzkissen verkrochen hatte. „Wir enden.“ Ich schaltete den Fernseher auf lautlos, um das uninteressante Geseiere des Nachrichtensprechers wegzumachen. Hinter seinem korrekt gescheitelten und gegelten Haar leuchtete ein Foto auf, von zwei Männern, die mit Maschinengewehren posierten. Hinter ihnen Sand. Sand und zwei Ziegen, die so dreinschauten, als ginge sie der ganze Scheiß nichts an. Tat es auch nicht.
„Wir alle enden.“, sagte ich zu dem Nachrichtensprecher. Der Nachrichtensprecher lächelte stumm. Hinter ihm lächelt auch die Königin von England, die alte Adelsfotze.
„Wir enden.“, brüllte ich. „Wir alle enden.“
„Halt die Klappe.“, brüllte jemand aus dem Haus gegenüber. „Wen interessiert der Scheiß?“
Das gefiel mir so gut, dass ich lachte.
„Wen interessiert der Scheiß.“, wiederholte ich und mache den Ton am Fernseher wieder an.
„Richtig, mein Freund. Wen interessiert dieser Scheiß schon?“
Eine Blondine mit dicken Titten und großzügigem Dekolleté präsentierte das Wetter von Morgen. Es wird heiß. Sagt sie. Und ich verstand genau, was sie meinte.

zuletzt bearbeitet 03.10.2011 22:37 | nach oben springen

#2

RE: fazit

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 02.10.2011 15:04
von mcberry • Administrator | 1.201 Beiträge

Hallo RR,

Auf den zweiten Blick scheint mit der Text interessanter als auf den ersten. Eines Kreisens wegen, welches mit der Vorstellung von zwei Frauen beginnt und endet, die sich beide nur wenig auf den Protagonisten beziehen, und weit davon entfernt sind, in einer seelenlosen Umgebung irgendeinen Trost zu spenden.

Zu Beginn der Geschichte lehnt der Protagonist eine Aufforderung zum Tanz ab, einer möglichen Alternative zur Einsamkeit. Mag er die Frau nicht, weil sie ihren Tequlia alleine trank? Jedenfalls bleibt er beim Bier ausschenkenden Barkeeper hängen und zählt bis fünf. Erst nachdem er den Schauplatz verlassen hat, kann er sich entschließen, dem Kommentar des Mädchen beizupflichten.

Im Fortgang der Geschichte wertet der Protagonist seine Wohnung ab, die Nachrichtensendung. Und erfährt Abwertung vom Nachbarn, dem die philosophische Dimension seiner Äußerungen entgeht. Hier zum ersten Mal gefällt ihm etwas. Der Typ will enden, oder?

Der offene Ausgang der Geschichte stimmt bedenklich. Bezieht sich die Zustimmung zum: "heiß" auf eine Nähe zu den Kriegsschauplätzen der Nachrichtensendung? Kann man die Geschichte lesen als Vorabend eines Amokläufers?
Wahrscheinlich kann er sich dazu nicht aufraffen.

Beschrieben als Welt ohne sinnvolle Interaktion, bleibt es dem Leser überlassen, sich andere Umgangsformen zu überlegen. Sprachlich dicht, mit eingängigen Szenen, die sich leicht in Bilder übersetzen, leistet der Text eine Vorstellung von möglichen Auswirkungen vorherrschender indirekter Kommunikationsformen.


Vllt interpretiere ich etwas hinein, was nicht intendiert war. Aber Leser sind so. Gerne gelesen. HG - mcberry


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#3

RE: fazit

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 03.10.2011 19:15
von chip | 174 Beiträge

hi rainek radar, hi mac, was soll denn hier kreisen?

übrigens schreibt sich tequila mit einfachem l, aber was soll`s.

machen wir in werkimmanenter interpretation, empfehle ich bei dem getränk zu beginnen.
der sage nach, auch wenn sie nicht stimmt, kreist - ja doch, so gesehen - ein wurm in der flasche.
als qualitätsmerkmal für den alkoholgehalt und leibhaftig konserviertes sinnbild einer verderbnis der sitten.
Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Tequila

ansonsten scheint mir fehlendes interesse aller beteiligten an allem und jedem eher eine stockung zu bewirken:
das ende eben. die geschichte, die mir gar nicht schlecht gefällt, las ich deshalb als ein ende im kopf.
bestehe aber nicht drauf. tschüs chip

zuletzt bearbeitet 03.10.2011 19:19 | nach oben springen

#4

RE: fazit

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 03.10.2011 22:17
von Rainek Radar | 354 Beiträge

ich folge euren ausführungen interessiert; am ende ist alles vielleicht nur ein hirngespinst; ob der aufgestaute frust überborden wird oder nach innen gerichtet bleibt, sei dahingestellt;
selbstsozialisierung oder neicht lautet die frage, und enn ja, wie denn nun;
danke für eure kommentare;
mfg
rainek

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#5

RE: fazit

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 03.10.2011 23:32
von Joame Plebis | 2.565 Beiträge

Guten Abend, Rainek!

Jetzt habe ich es auch gelesen. Ich hätte es früher getan, nur war die Erkenntnis noch nicht da, dass es gut ist.

Was soll man da noch viel ins Detail gehen. Du hast die Umfeldbeschreibung auf das Notwendige beschränkt und unnützen Ballast weggelassen. Es reicht gut, um mir eine Vorstellung zu machen. Mir fällt das leicht, sehr leicht sogar. Ob es diese knapp gedeutete Geste zum Baarkeeper ist, der nachschenken soll (Wird eigentlich nachgeschenkt oder stets in einem frischen Glas serviert? Keine Ahnung) oder ob es der Ruhe begehrende Schreier von gegenüber ist (Recht hat er), ich sehe es gut vor mir und höre es.
Selbstverständlich sehe ich auch den Höhepunkt dieses von Dir dargestelltes 'Sittenbildes' vor mir und würde am liebsten mit ihm laut mitlachen, wäre nicht diese traurige Erkenntnis, wie es um uns bestellt ist. Deutlich und gut hast Du es beschrieben, schlicht und treffend; es ist tatsächlich so, selbst wenn die Welt zusammenbräche, was ja auch der Fall ist: wen interessiert schon so dieser Scheiß?

Mit Gruß
Joame

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#6

RE: fazit

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 08.10.2011 21:36
von Rainek Radar | 354 Beiträge

hallo joame;

danke für deinen kommentar und es freut mich, dass du dem text etwas abgewinnen konntest;

mfg
rainek

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