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#1

Einbahnstraße

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 19.09.2012 17:43
von JimsKnopfloch (gelöscht)
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Adrian

Regentropfen fielen auf den heißen Asphalt, zuerst nur vereinzelt, dann wurden es mehr.
Unendlich viele Tropfen, die auf dem Boden zerplatzten und sich dann mit den Pfützen in den Schlaglöchern der Straße vereinten.
Adrian achtete nicht darauf. Es war ihm egal, dass er inzwischen vollkommen durchnässt war. Wie sollte er auch die Gefühle über der Haut wahrnehmen, wenn die darunter ihn so vollkommen in Anspruch nahmen?
Seine Gedanken zirkulierten immer wieder um das, was seine Gefühle weigerten zu akzeptieren: Laura hatte einen Freund.
Es war eine Tatsache. Er musste sie akzeptieren, verarbeiten und aufhören sie zu lieben.
Verdammt. Sie liebte einen anderen Jungen. Tausend kleine Messer waren in ihm, sie zerschnitten sein Innerstes, ließen ihn verbluten.
Gott, wenn er doch nur verbluten könnte.
Alles war besser, als diese Höllenqualen zu erleiden. Wie sollte er jemals wieder in die Schule gehen können, wenn er damit rechnen musste, sie dort mit dem Anderen zu sehen?
Wie sollte er das nur aushalten?
Er würde seine Eltern bitten, ihn auf ein anderes Gymnasium zu schicken. Selbst wenn er dafür bis ans Ende der Welt fahren müsste, jeder Ort war ihm willkommen, solange er nur weit weg von Laura war. Vielleicht könnte er sie eines Tages vergessen, vielleicht würden die Fetzen seiner Seele wieder zusammenwachsen, ein Ganzes ergeben und wieder lieben können. Vielleicht.

Laura 20 Jahre später

Das Gesicht, das sie aus dem Spiegel anstierte, wirkte fremd. Es konnte unmöglich ihr Gesicht sein. Hatte sie mit 35 Jahren tatsächlich solche Furchen auf der Stirn?
Und die Ringe unter den Augen?
Laura versuchte zu lächeln, aber das Gesicht zeigte nur ein halbherziges Grinsen. Nun, sie sah nicht glücklich aus. Wieder versuchte sie ein Lächeln. Anstatt des gewünschten Effekts traten Tränen in ihre Augen.
Laura holte tief Luft. Sie wandte die Augen von ihrem Spiegelbild ab, stieg unter die Dusche und machte sich fertig fürs Büro. Zehn Stunden später würde sie wieder nach Hause kommen, würde das Essen vorbereiten, würde auf Sven warten, ihn fragen, wie sein Tag war und so tun, als interessiere sie sich für die Antwort. Vielleicht würden sie noch einen Film zusammen anschauen. Für ein paar wenige Stunden ihrer leeren Welt entfliehen um dann endlich die Augen schließen zu können und auf einen weiteren leeren Tag zu warten.


Adrian 20 Jahre später

Er hatte den Namen der Frau vergessen, die neben ihm lag. Er war sich sicher, dass sie ihm ihren Namen am Abend genannt hatte, aber er war wohl verloren gegangen zwischen dem Whiskey und dem Champagner.
Am besten, er vermied es, sie anzusprechen. Vorsichtig kletterte er aus seinem Bett. Sein Kopf fühlte sich schwer an und er spürte jede Bewegung, jeden Ruck.
„Musst du schon los?“ Fragte eine Stimme.
Verdammt. Die Frau war aufgewacht. „Ähm ja“ log er, „ein wichtiger Termin.“
„Ich hab gedacht, ihr habt erst Morgen Abend wieder ein Konzert?“ Fragte sie und hielt sich seine Decke vor den Mund. Ihr Mundgeruch war ihm genauso scheißegal, wie sie ihm scheißegal war.
„Ja, weißt du, ich muss noch ein paar wichtige Dinge erledigen. Bis dann.“ Er stieg unter die Dusche und freute sich, dass das kalte Wasser seine Kopfschmerzen verjagte. Als er die Haustüre hinter sich zuschlug hatte er nicht nur den Namen der Frau vergessen, sondern auch ihr Gesicht, ihren Körper und ihren Geruch. So ging ihm das immer mit Frauen. Sie waren namen- und gesichtslose Wesen, die kurzzeitig Vergnügen bereiten konnten und ihn ansonsten langweilten.


Laura

Als sie von zu Hause losgefahren war, war der Himmel im Westen bereits schwarz gewesen.
Sie hatte die Bundesstraße kaum erreicht, da begann es wie aus Kübeln zu schütten. Laura liebte das Wetter, wenn es so wechselhaft war. Wenn ein Regenschauer von der Hitze der Sonne erlöste oder ein Gewitter von der Trägheit eines heißen Tages.
Sie liebte es, weil es so vollkommen anders war als sie selbst: Sie lebte ihr Leben auf einer Zielgeraden, einer Einbahnstraße. Alles war klar fixiert auf ein Ziel. Erst war es das Abi gewesen, dann das Staatsexamen und nun die Promotion.
Und privat sah ihr Leben nicht anders aus: Seit zehn Jahren war sie nun mit Sven zusammen, den sie während des Studiums kennen gelernt hatte. Sie wusste nicht, ob sie ihn noch liebte, und noch weniger, ob er sie liebte. Gefühle waren etwas, das in ihrer Beziehung schon lange keine große Rolle mehr spielte.
Dafür gab Sven ihr Sicherheit und Beständigkeit. Dinge, auf die sie aufbauen konnte. Nächsten Sommer würden sie heiraten. Bis dann hatte sie sich eine sichere Position in der Kanzlei erarbeitet. Nach der Hochzeit würden sie bauen und eine Familie gründen. So sah die Zielgerade aus. Auf dieses Leben hatte sie hingearbeitet. Sie hatte es akribisch geplant.
Sie würde es nicht umwerfen, selbst wenn sie nicht glücklich war.
Sie hörte das Quietschen der Reifen nur einen Bruchteil, bevor sie den Schlag wahrnahm und in ihrem Sitz nach vorne geschleudert wurde.
Dann war es plötzlich ruhig. Nur der Regen prasselte immer noch auf ihre Windschutzscheibe. Jemand öffnete ihre Fahrertüre. Sie spürte den Luftzug.
„Sind sie verletzt?“ Fragte jemand. Es klang so weit weg.
„Verflucht. Geht es ihnen gut?“
Sie versuchte zu nicken, aber ein stechender Schmerz fuhr in ihren Nacken.
„Ok, ich ruf jetzt einen Krankenwagen. Bewegen sie sich am Besten nicht.“
Sie blinzelte und versuchte zu begreifen, was eben passiert war. Ihr wurde schwarz vor Augen.
„Hey, hey. Jetzt werden sie mir bloß nicht ohnmächtig.“ Hörte sie die Stimme wieder.
„Verdammt! Laura?“ Sie kannte die Stimme.
„Adrian?“ ihre eigene Stimme klang schwach und zittrig. Das alles wirkte so surreal.


Adrian

Er merkte kaum, dass er zitterte. Das musste wohl von dem Unfall kommen. Er hatte den LKW überholen wollen und dabei hatte das Aquaplaning ihn voll erwischt. Er war über die komplette Spur geschliddert und dabei auf den PKW geknallt.
Er war auf Lauras PKW geknallt.
Er hatte sich seit seiner Schulzeit nicht mehr so unbeholfen gefühlt. Er wollte sie aus dem Auto holen, nachsehen, ob es ihr gut ging, aber er hatte Angst, dass sie sich dabei noch mehr verletzen könnte.
„Hast du Schmerzen?“ Fragte er sie.
„Ich glaube nicht.“ Ihre Stimme klang schon etwas kräftiger.
„Es tut mir Leid. Ich glaube ich war zu schnell für die Wetterverhältnisse.“
„Ist schon ok.“ meinte sie
„Nein, ist es nicht. Es hätte viel Schlimmeres passieren können. Gott, ich bin so ein Idiot.“
Sie lächelte: „Du warst schon immer ein Idiot, Adrian. Warum bist du denn damals einfach verschwunden? Keiner wusste, wo du warst und du hast dich nie gemeldet.“
Er wich ihrem Blick aus. „Das Internat war einfach die bessere Wahl für mich. Die hatten dort einen Musikzug. Ich konnte mein Abi im Gitarre spielen ablegen, weißt du.“
„Und hat es sich für dich gelohnt?“ Fragte sie. Er kam nicht mehr dazu zu antworten, denn der Krankenwagen kam, gefolgt von einem gelben ADAC Fahrzeug und einem Polizeiauto. Der Notarzt stellte ein Schädel-Hirn-Trauma und eine leichte Gehirnerschütterung fest und sagte, Laura müsse ins Krankenhaus.
Als sie fort war fiel ihm auf, das es regnete. Er war bis auf die Haut durchnässt.


Laura

Laura lag allein in einem Krankenhauszimmer. Der Knall hatte die Leere mit sich genommen. Von allen denkbaren Menschen musste ausgerechnet Adrian in ihr Auto fahren. Welche Ironie!
Seit ihrer Kindheit waren sie beste Freunde gewesen. Sie waren zusammen auf Bäume geklettert, hatten zusammen ihre erste Zigarette geraucht und gemeinsam den Tod von ihrem Hund Barney betrauert.
Sie erinnerte sich nicht mehr an den Zeitpunkt, aber irgendwann hatte es sich anders angefühlt in Adrians Nähe.
Bei seinen Berührungen war sie zusammen gezuckt, wenn er sie angesehen hatte, war ihr das Herz beinahe aus der Brust gesprungen. Sie hatte es kaum ausgehalten, seine beste Freundin zu sein. Und dann hatten sich die Ereignisse überschlagen: Eine Schulfreundin, deren Namen sie schon vergessen hatte, war eines Tages ziemlich aufgeregt bei ihr aufgetaucht und hatte erzählt, sie und Adrian seien ein Paar. Kurz darauf war er verschwunden und niemand- auch nicht seine angebliche Freundin- wusste wo er war. Sie hatte seine Mutter angerufen, aber die hatte ihr nichts sagen wollen.
Seit diesem Tag hatte sie nichts mehr von Adrian gehört oder gesehen. Und nun war er in ihr Auto gekracht und sie fühlte mit einem Mal wieder wie ein kleines, fünfzehnjähriges Mädchen.


Adrian

Sie hatte so verflucht schön ausgesehen, so traurig, zerbrechlich. Die ganze Zeit tauchte ihr Gesicht vor ihm auf. Wie eine Elfe, der man die Flügel ausgerissen hatte.
Als er einige Zeit später in ihr Zimmer im Krankenhaus trat, schlief sie. Er hatte in seinem Leben schon unzählige Frauen schlafen sehen, aber nie hatte der Anblick eine derartige Faszination in ihm ausgelöst.
Und niemals hatte dabei sein Puls gerast. Er hätte gerne über sich selbst gelacht: Was für ein Narr musste man sein, wenn man nach zwanzig Jahre noch immer das Mädchen liebte, dem man während der Schulzeit sein Herz geschenkt hatte?
Die Türe zu Lauras Zimmer wurde geöffnet und herein kam ein Mann, den Adrian nicht kannte. Ungeachtet der Tatsache, dass Laura schlief, ging er zu ihrem Bett, gab ihr einen Kuss auf die Wange, der sie aus dem Schlaf riss, und sagte: „Hey Schatz, alles klar? Ich hoffe dir ist nichts Ernstes passiert.“ Es fühlte sich für Adrian an, als hätte man ihm in den Magen geschlagen. Lautlos und unbemerkt verließ er das Krankenzimmer.
Er kam am nächsten Tag wieder.
Sie sprachen miteinander, lachten. Manchmal berührten sich dabei zufällig ihre Hände. Wenn sich ihre Blicke trafen, strahlten ihre Augen.
Er besuchte sie nun jeden Tag. Als Laura aus dem Krankenhaus entlassen wurde, trafen sie sich nach der Arbeit. Immer öfter. Sie verabredeten sich für die Mittagspause, telefonierten am Abend und trafen sich dann noch mal im Café. Einander zu sehen wurde zur Obsession, zu einer verzehrenden Sucht. Es stand außer Frage, dass sie einander liebten.


Laura und Adrian, ein Jahr später

Regentropfen fielen auf den weißen Schleier. Der Ostwind riss an dem Stück zarten Stoff und wirbelte es in der Luft herum. Krampfhaft hielt sie den Blumenstrauß in ihren zitternden Händen.
Dies war ein weiterer Abschnitt auf der Zielgeraden.
Auf dieses Leben hatte sie hingearbeitet. Sie hatte es akribisch geplant. Sie würde es nicht über den Haufen werfen.
Vorne am Altar stand Sven.
Sie spürte Adrians Blick in ihrem Rücken. Sie fühlte seinen Schmerz, es war auch ihr Schmerz.
Aber sie hatte nicht wenden können, auf ihrer Einbahnstraße.

zuletzt bearbeitet 25.09.2012 07:25 | nach oben

#2

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in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 21.09.2012 01:17
von Joame Plebis | 3.555 Beiträge | 3510 Punkte

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zuletzt bearbeitet 14.01.2019 15:54 | nach oben

#3

RE: Einbahnstraße

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 25.09.2012 07:45
von JimsKnopfloch (gelöscht)
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Hallo Joame!
Danke für die Hinweise, habe sie mittlerweile eingearbeitet.
Zufälle passieren im Leben. Aber du hast vollkommen Recht: Eine gute Geschichte darf nicht auf Zufällen aufbauen. Sie muss kausal sein. Ich bin eigentlich selbst kein Fan von diesen Schicksalsromanen, daher werde ich in Zukunft darauf achten, meine Geschichten plausibler aufzubauen.
Danke, hab die Kritik als sehr hilfreich empfunden:)
LG

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#4

RE: Einbahnstraße

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 25.09.2012 11:19
von mcberry • Administrator | 2.861 Beiträge | 2671 Punkte

Hi Jim,

mir wird das Mißverständnis nicht ganz klar, welches die Teenager vormals auseinanderbrachte.
Warum bitte, dachte er, daß sie einen anderen geliebt hätte und ihr setzte eine Schulfreundin zu?

Die Stärke des Plots liegt im überraschenden Schluß, aber auch die langweilige Mitte ist wichtig. Hg - mcberry


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