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#1

Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 29.10.2018 23:05
von Artbeck Feierabend | 111 Beiträge | 52 Punkte

Esterweger Kladde

Aechter uusen Huuse, da stait’n Kabuuse. Da schiet’t se in, da mieget se in,
do kwamm de olde Mann un stüppede sien Broot darin.

Die Klinge, die Klinge! ich verstecke sie unter der Zunge/süßer die Glocken nie - /dort!
ein kariertes Buch - das Buch schnell ins gestreifte Hemd gesteckt, dann leise umgekehrt/
vielleicht, vielleicht doch fort, fort von hier/w e r j e d e n T a g n u r K u c h e n i ß t/
in düstre Ecken hock ich mich - zerschunden/u n d K e k s u n d S c h o k o l a d e/
mache Muster, Schnittmuster, schneide so hinein - so!/des Winterhagels Wut prallt auf die Baracken/Esterwegen, von wegen, Esterwegen!/Wilm - er schnitt mir das Haar doch so gerne/
das Personal brüllt/eine weiße Raute fällt/fein und schmal wie der Halbmond meines Nagels/
Schnitt für Schnitt und noch eine, noch eine - eine noch!/ich kreiere Ornamente, schneide kristalline Schneestrukturen, gezackte Tiere, Spitzendeckenmuster/d e r w e i ß j a n i c h t/ ritze Rhombenkettenpläne, rette mich in Fluchtpunktperspektiven/w a n n S o n n t a g i s t/
stilisiere Schnucken auf der Heide, klebe hinter jeder Seite Seidenbuntpapier/es schimmert
grün - ist die Hoffnung/winzig kleine Kirchenfenster in Rot und Grün und Gelb und Blau - bellender Köter!/die Kladde wird mir zur Kathedrale/Kindersprüche in die Mitte - ins Gesicht spuck ich sie dir!/u n d d a s i s t w i r k l i c h s c h a d e.

Die Klinge frißt sich langsam durch das Buch und jede Nacht hat hundert Stunden/
für dich und deines Bruders Brut muß es nun reichen.

„Herr Obersturmführer, das bescheidene Poesiealbum ist für Ihre lieben Nichten
und Neffen. Es fehlen hier nur - verzeihen Sie mir - die glänzenden Oblaten.“

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#2

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 30.10.2018 07:38
von gugol | 181 Beiträge

Beeindruckend, wie du hier mit Worten eine Szene malst. Die Scherenschnitte entstanden direkt vor meinem inneren Auge. Als Nicht-Deutsche musste ich rasch googeln, was es mit Esterwegen auf sich hat, ich denke die Szene spielt sich im dortigen KZ ab (?). Jedenfalls wäre es passend - Nachbildung eines Stücks Normalität und heiler Welt, wo es niemals Sonntag wird.
Die Darstellung verlangt dem Leser einiges ab, aber das Gedicht im Gedicht ist echt gut gemacht und an der Sprache fände ich kein Haar in der Suppe - tolle Wortspielereien. Sprachlich etwas vom Besten, was ich bislang hier gelesen habe. LG gugol

zuletzt bearbeitet 30.10.2018 07:41 | nach oben

#3

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 31.10.2018 16:32
von Prolet | 67 Beiträge

Ja bin ick blöde mine Spekulationen zu ramponiere für so eine schwache Text in Strudelform?

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#4

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 01.11.2018 06:39
von TheMonkeyPaw | 133 Beiträge

Das sind alles nur Ansätze. Sry.

Beim besten Willen gebe ich dir eine:

Zehn Ratten die einer Harkenkralle zu Tode gefallen sind

Ich empfehle dem Leser eine gründliche Augenwäsche mit Danchlorit nach der Lektüre.

TMP

Edit: Natürlich lesen das auch Kinder und Mörder, also:
Danchrolit ist eine schwer verbrennende Flüssigkeit die schwerste Schäden beim Organismus auslösen kann. Also, wenn Mami euch das mal zu trinken geben will: Verdacht schöpfen!


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zuletzt bearbeitet 01.11.2018 06:42 | nach oben

#5

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 01.11.2018 08:49
von mcberry • Administrator | 2.765 Beiträge | 2470 Punkte

Ob Autoren diese Art von Kommentaren zu schätzen wissen, TMP,

da bin ich nicht sicher. Wenn Artbeck dagegen protestiert, werde ich den Kommentar löschen.
Administrativ grüßt mcberry

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#6

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 02.11.2018 20:01
von TheMonkeyPaw | 133 Beiträge

Mit Danchlor.
Das bringt alles ins Reine!

Aber ohne Spaß.
Entweder der Text ist eine Kunstrichtung die ich nicht kenne? Oder er ist einfach nichts. Sogar eine Reimemaschine macht irgendetwas.
EinenGartentüre die quietscht, hätte mehr literarischen Wert als das.

Vollkommener Unsinn und wer das bitte interpretieren will hat nicht alle Nadeln an der Tanne


TMP


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#7

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 03.11.2018 05:30
von mcberry • Administrator | 2.765 Beiträge | 2470 Punkte

Artbeck,

ein Text, der so viele Kommentare und so heftige Reaktionen auslöst, hat wahrscheinlich irgendwas.

Meiner Lesart entsprechend die Gedankenfetzen eines KZ Insassen oder geschundenen Gefangenen
einer Militärjunta, der sich genötigt fühlt, seinen Peinigern zu Diensten zu sein. Sich selbst nicht mehr
treu und innerlich zerrissen, verliert er den Kontext seines Lebens und liefert keinen. Folglich wirken
die Zeilen wie aus jedem Zusammenhang gerissen, was die Situation des Protagonisten widerspiegelt,
aber die Auffassung erschwert.
Daran Anstoß zu nehmen sehe ich wenig Ursache. HG - mcberry

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#8

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 03.11.2018 07:15
von gugol | 181 Beiträge

Warum denn wirr/Unsinn? Warum "aus jedem Zusammenhang gerissen"? Abgesehen davon, dass dem Gedicht die Zeilenumbrüche fehlen bzw. durch / ersetzt sind, ist da mMn wenig wirr, sondern es handelt sich um eine gekonnt erzählte, sehr vielschichtige Geschichte.
Ein KZ-Häftling findet oder besitzt eine (Rasier)klinge, die er unter der Zunge versteckt, was natürlich gefährlich ist, durch das Wortspiel mit "klinge" im Heilewelt-Weihnachtslied aber konterkariert wird.
Er findet auch ein kariertes Heft, das er unter seinem gestreiften Sträflingshemd versteckt. Mit den beiden Dingen macht er sich davon - in der Wunschvorstellung raus aus dem KZ, real nur in eine einsame Ecke. Dort beginnt er Scherenschnitte zu gestalten, erst grafische Muster (auch hier wieder sein Traum von Freiheit in Wortspielereien wie z.B. "Flucht-punkt-perspektive"); später Heileweltszenen mit den Schnucken auf der Heide, Kirchenfenstern mit grün als Symbol der Hoffnung hinterlegt usw. Das Gedicht ist voll solcher Hinweise. Neben dem Häftling geht das gewohnte Lagerleben mit dem Geschrei der Aufseher und ihren bellenden Hunden seinen Gang, er nimmt es jedoch nur als eine Art Kulisse wahr, ganz in seine Arbeit vertieft. Aber am Ende blitzt doch seine Wut auf den ganzen Laden da durch. Je öfter ich den Text lese, desto mehr versteckte Symbole und Hinweise kommen zum Vorschein.
Und in das alles ist gekonnt mit S p e r r s c h r i f t (nennt man doch so, nicht?) dieser (Kinder)Spruch von Wilhelm Busch eingeflochten, der im hiesigen Kontext doch recht zynisch wirkt, auf den aber wiederum das Gedicht selbst hinweist ("Kindersprüche in die Mitte").


Gerne habe ich hierfür nicht alle Nadeln an der Tanne, auch wenn ich es im Grunde schade finde, ein Gedicht dermassen zu zerreden. Aber die egozentrische Haltung: "Wer mein geniales Zeug nicht versteht, ist einfach zu blöd. Wer so schreibt, dass ich es nicht verstehe, ist einfach unfähig", hab ich langsam satt und sie scheint in letzter Zeit hier zu grassieren. LG gugol

zuletzt bearbeitet 03.11.2018 11:33 | nach oben

#9

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 04.11.2018 17:23
von Artbeck Feierabend | 111 Beiträge | 52 Punkte

Hallo, mcberry!

Vielen Dank für deine Auseinandersetzung mit diesem Text!

In der Tat geht es um die Gedankenströme eines KZ-Insassen, der in seiner Verzweiflung in der Gestaltung eines Albums einen Rettungsanker sieht - zum einen, dass er sich durch die Beschäftigung vom Wahnsinn nicht völlig fortspülen lässt, zum anderen, dass er versucht, bei einem Wärter zu punkten, indem er es ihm schenkt.

Viele Grüße,
Artbeck

zuletzt bearbeitet 04.11.2018 17:46 | nach oben

#10

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 04.11.2018 17:44
von Artbeck Feierabend | 111 Beiträge | 52 Punkte

Hallo, gugol!

Es war alles genauso intendiert, wie du es interpretiert hast. Über deine genaue Deutung freue ich mich wirklich sehr - vielen Dank dafür!

Ich habe einmal eine solche aufwändig und liebevoll gestaltete Kladde im Original in den Händen gehalten und mich gefragt, was den Insassen bewegt haben muss, so etwas in einer solch grausamen Umgebung zu (er)schaffen. Davon war ich sehr ergriffen.

Der vorliegende Text ist nur der Versuch, sich ansatzweise (!) in die Situation des Lagerinsassen hineinzuversetzen.

Hier noch ein Link für Interessierte:

Gedenkstätte Esterwegen

Viele Grüße aus der Friedensstadt Osnabrück!
Artbeck

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#11

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 04.11.2018 17:52
von Artbeck Feierabend | 111 Beiträge | 52 Punkte

Hallo, Prolet!

Zitat von Prolet im Beitrag #3
Ja bin ick blöde mine Spekulationen zu ramponiere für so eine schwache Text in Strudelform?

"Strudelform" - das finde ich gar nicht schlecht! Man könnte es auch Gedankenströme oder Stream of Consciousness nennen.

Gruß,
Artbeck

zuletzt bearbeitet 04.11.2018 17:55 | nach oben

#12

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 04.11.2018 18:08
von Artbeck Feierabend | 111 Beiträge | 52 Punkte

Hallo, TMP!

Zitat von TheMonkeyPaw im Beitrag #6

Entweder der Text ist eine Kunstrichtung die ich nicht kenne? Oder er ist einfach nichts.
[...] Vollkommener Unsinn und wer das bitte interpretieren will hat nicht alle Nadeln an der Tanne



Ich nenne das Collage.

- "Nicht alle Nadeln an der Tanne" - das klingt lustig. Ist ab sofort in meinem aktiven Wortschatz aufgenommen.
Bei uns sagt man auch einen an der Waffel haben oder nicht alle Latten am Zaun. "Fledermäuse im Glockenturm" ist auch nicht schlecht...

Gruß,
Artbeck

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#13

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 10.11.2018 05:01
von TheMonkeyPaw | 133 Beiträge

Nicht alle Nadeln an der Tanne klingt lustig?
Bei allem Respekt zum Forum und allen Ohms die Ich gerade einfangen kann.

Freundchen, das war nicht lustig.

TMP


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#14

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 10.11.2018 05:16
von mcberry • Administrator | 2.765 Beiträge | 2470 Punkte

Doch!
Nadeln, die von der Tanne rieseln, habe ich in mein Dezemberrepertoire aufgenommen. Hi Hi mcberry

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#15

RE: Esterweger Kladde

in Düsteres und Trübsinniges 10.11.2018 05:32
von TheMonkeyPaw | 133 Beiträge

Von mir aus, solange nicht wieder ein Buch herauskommt, wo die Hälfte von mir geklaut würde. Warum schreibt ihr nicht einmal ein Gedicht über mich? Hups
Da gibts ja auch schon zehn.

Und hunderte Kommentare

TMP


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zuletzt bearbeitet 10.11.2018 05:33 | nach oben


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