Letzter Abend"Wir kennen uns irgendwoher", sagte er. "Aber frag mich nicht woher." Der sympathisch wirkende Junge runzelte die Stirn. "Kann sein", sagte ich. "Doch woher?" Er öffnete den Mund ein bisschen,...
Letzter Abend
"Wir kennen uns irgendwoher", sagte er. "Aber frag mich nicht woher." Der sympathisch wirkende Junge runzelte die Stirn. "Kann sein", sagte ich. "Doch woher?" Er öffnete den Mund ein bisschen, als wollte er etwas sagen - und grinste. "Man trifft soviele Leute an sovielen Orten", sagte ich. "Es ist unmöglich, jeden sofort richtig einzuordnen. Nimm es mir nicht übel, ich erinnere mich überhaupt nicht." Simon lachte und winkte ab. "Spielt ja keine Rolle", sagte er. "Ich bin Simon." Er streckte seine Hand aus, die ich ergriff, während wir uns kurz in die Augen schauten. Angenehm fester Druck, offener Blick. "Mart", sagte ich und zwinkerte. "Tess hat doch letztens was von dir erzählt, wenn ich mich richtig erinnere", simulierte ich ein schlechtes Gedächtnis, "was war es gleich ..." "Ah", sagte er. "Ich hoffe du hast dich nicht zu sehr belästigt gefühlt - mir wäre das unangenehm, wenn Frauen von anderen Männern schwärmen." "Kann dich wohl nur als Beispiel für Ichbezogenheit und Narzissmus gerühmt haben ...", warf Tess ein. Da fiel mir auf, dass sie das gleiche Kleid trug wie an dem Abend, an dem wir uns kennengelernt hatten. Damals war es sexy, jetzt dachte ich, das wäre zu wenig Stoff für die Temperatur. "Es ging um deinen Job, du machst irgendwas mit Beschädigtem, defekter Ware", sagte ich. "Klang ziemlich ätzend, Tess war hellauf begeistert ..." Schon ging die Diskussion los. Das war ihr Reizthema Nummer eins. Eine halbe Bierlänge drehte sich das Gespräch um diesen Punkt. Ich fand ihre Behauptung bestätigt. Die zwei anderen Studenten sozialer Arbeit machten aus ihrem Abscheu keinen Hehl, wurden aber von Simon und Tess, die leidenschaftlich für die Notwendigkeit ihres Handelns eintraten, locker zu Boden diskutiert. Ich warf die Thesen ein, dass die Betreffenden keine Hilfe verdienten, weil sie schließlich auch nichts für die Gemeinschaft täten. Dass es ihre freie Entscheidung gewesen wäre, ihr Leben der Selbstzerstörung zu widmen. Simon antwortete mit wohldurchdachten Argumenten; man merkte, dass er diese Diskussion nicht das erste Mal führte und von der Wichtigkeit seines Jobs überzeugt war. Ich tat als überlegte ich und stimmte ihm schließlich zu; wobei ich besonders die Richtigkeit des ökonomischen Arguments hervorhob, dass es durch gezielte Hilfe möglich wäre, die Personen für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Dann gab ich ein paar Anekdoten wieder, von deren Wirkung ich mich bereits häufiger überzeugen konnte. Meine Geschichten und Imitationen von den desorientierten amerikanischen Studententouris auf Sauf- und Kifftour durch Europa, die immer mal wieder in dem Café, in dem ich arbeite, angeschwemmt werden, kamen wie stets gut an. Ich könnte stundenlang über solche Erlebnisse reden - manche haben tatsächlich stattgefunden. Aus irgendeinem Grund, vielleicht einfach nur, weil wir dieses Thema bereits vorher hatten, kam ich auf die Geschichte der Frau, die auf einem Konzert im Bahnhofsviertel richtiggehend darum bettelte, Knockin' on heavens door singen zu dürfen, was ein Moment solcher Intensität und Echtheit war, dass auf dem kleinen Platz vor der Bühne, auf dem vorwiegend Hipster herumlungerten, eine Atmosphäre allgemeiner Berührtheit entstand; eine Liedlänge waren alle Augen auf die offensichtlich vom Leben arg mitgenommene Frau gerichtet - und alle Ohren von ihrem Lied erfüllt. "Das war schon etwas besonderes", sagte ich. "Normalerweise labern die Leute ohne Unterlass auf diesen Konzerten, die umsonst und draußen stattfinden; kaum einer ist wirklich wegen der unbekannten Anfänger da, die kaum Bühnenerfahrung haben und die, aufgeregt wie sie sind, meistens auch keine gute Show abliefern. Aber dieser Sängerin konnte sich niemand entziehen, auch ich war beeindruckt." Danach herrschte einige Sekunden Ruhe am Tisch, wieder einmal konnte ich mich von der Wirkmacht dieses Erlebnisses überzeugen, das mir sogar selbst nur erzählt worden war. Danach wechselte ich zu einem angenehmeren Thema. Und erzählte von einer katastrophalen Amsterdam-Fahrt, die ich als Verschwörung der Ereignisse gegen einen tapferen Backpacker im Pech schilderte. Simon berichtete von Prags schönen Frauen und der altehrwürdigen Altstadt. Von den Franzosen auf seinem Zimmer, einer Gruppe von neun Reisenden, von denen niemand ein Englisch beherrschte, das wenigstens einfache Unterhaltungen erlaubte. "Ein Mann war klasse", sagte er. "Der betonte jedes englische Wort übergenau und behielt während des kurzen Gesprächs einen blasierten Gesichtsausdruck bei, als hätte er die Sprache in Oxford studiert und empfände es als Zumutung, mit einem Kretin wie mir reden zu müssen, eine Zumutung, der zu entgehen ihm seine gute Erziehung verbot. Dabei verwechselte er ständig Zeiten und Vokabeln, es war unmöglich, ihm zu folgen." Simon machte ein paar Gesichtsausdrücke und Gesten nach, die alle zum Lachen brachten. Er schilderte einen Moment der Andacht, als er vor Kafkas Grabstein stand und von dem Gefühl in diesem Augenblick, das er Erleuchtung nennen würde, wenn er gläubig wäre. Jetzt im Rückblick hätte Simon die Erkenntnis, er wäre eigentlich in diese Stadt gefahren, um diesem Symbol gegenüberstehen zu können; Simon fühle sich manchmal wie eine von Kafkas Figuren, die gegen eine absurde Welt anarbeite, deren Regeln und Zwänge undurchschaubar wären.
Simon runzelte wieder die Stirn, als verstände er seinen eigenen Gedankengang nicht oder als wäre er wenigstens von diesem überrascht worden. Tess sah ebenfalls irritiert aus, sie wirkte auf eine sehr attraktive Weise zerbrechlich in diesem Moment. Ich stellte vergnügt fest, dass die Gesprächsfäden dieses Abends die Tendenz hatten, im Denkwürdigen zu enden oder sogar in der Ratlosigkeit. Auch mir war die Geschichte der singenden Frau eher zugestoßen. Als die Kellnerin wenig später fragte, "wollt ihr noch was?", verneinten wir, warfen für die Rechnung zusammen und verließen die Kneipe. Wir alle waren froh oder wirkten wenigstens erleichtert, unter freiem Himmel zu sein. Simon runzelte immer noch die Stirn und schien innerlich einer Frage nachzuspüren, für die es möglicherweise keine Worte gab. Man sah ihm an, dass er normalerweise kein Grübler war. Er hatte einen ganz ernsten Gesichtsausdruck, der meine Sympathie für ihn noch verstärkte, als er mir zum Abschied die Hand gab und sagte, er würde sich freuen, mich wiederzusehen. Die Freude wäre ganz meinerseits, entgegnete ich zwinkernd, um der alten Phrase neuen Schwung zu geben.
Ich hatte allerdings gelogen. Ich wusste sofort, als ich ihn gesehen habe, woher ich ihn kannte. Simon hatte einmal Türdienst im Drob Inn - das heißt, er ließ jemand neuen in die Konsumräume, wenn dort ein Platz frei war. Er hatte gerade die Tür geöffnet und flüchtig die Drogenverkaufende und -konsumierende Menge gescannt, als sich unsere Blicke begegneten. Simon und die beiden anderen gingen die Straße hinunter, sie mussten zum selben Bus. Tess und ich nahmen die andere Richtung. Sie hatte mich gebeten, sie zur Bahn zu bringen. Innerlich hatte ich mich schon von ihr verabschiedet, sie existierte für mich nicht mehr als bestimmte Person; außerdem hatte mich die Atmosphäre von Ratlosigkeit, die an diesem Abend zur größeren Sphäre der Ausweglosigkeit zu gehören schien, nicht verlassen. Ich bemühte mich, in diesem Gefühl aufzugehen; es ist kalt und grenzenlos, stimuliert aber auch Bereiche meiner Vorstellungskraft, die ich sehr inspirierend finde. Nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, war ich schon ganz verloren in den Geräuschen, die ihre Pumps in der nachtstillen Straße machten, in den Lichtkegeln der Laternen und in verschiedenen namenlosen Gedanken, für die ich keine Benennung suchen wollte. "Wie kannst du nur sagen, sie wären Beschädigte?", schreckte sie mich auf. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass sie auch einen harten Tonfall anschlagen konnte. "Weißt du mehr als alle anderen, dass du mit einer an Arroganz grenzenden Sicherheit behaupten kannst, es wäre ihre freie Entscheidung?" Ich holte tief Luft, steckte sofort wieder in meiner Haut. Verlorengehen fiel immer schwerer. Ob ich sicher wäre, überlegte ich. Nein, du hast Recht, das letzte Wort zum freien Willen ist nicht gesprochen, aber ich habe beschlossen, daran zu glauben; und was soll man von jemandem halten, der seine Entscheidungen für frei hält und sich für das Falsche entscheidet. Für etwas, das ihm schadet. Das ist doch ein Defekt. Das muss man so sehen und sagen, selbst wenn es sich zufällig um die eigene Person dreht. Das dachte ich laut, nur den letzten Satz dachte ich bei mir. "Glaubst du, die entscheiden sich freiwillig für ein Leben in der Scheiße, dafür, alle Bindungen zu zerstören, keine Perspektiven zu haben, der beiläufigen Verachtung eines jeden ausgesetzt zu sein?" "Das ist ein philosophisches Problem", sagte ich, während wir um die Ecke in meine Straße bogen. "Wenn man wirklich überzeugt ist, dass der Mensch einen freien Willen hat, kann man andere davon überzeugen, dass sie einen freien Willen haben. Dass es im Bereich des Möglichen läge, sich dagegen zu entscheiden. Denn das ist der ganze Trick - sich dagegen entscheiden, und dabei bleiben." "So ist das also", lachte sie bitter. "Du machst es dir ziemlich einfach mit den Problemen anderer Leute." Ich wunderte mich über den bitteren Tonfall, so kannte ich sie nicht. Es war, als machte sie die Probleme dieser Menschen, die ja ihre Klienten sein werden, zu ihren eigenen. "Das ist nicht gut", sagte ich. "Du solltest das nicht so nah an dich heranlassen." Sie nickte und schwieg, sah betreten auf ihre Schuhspitzen. Tess sah aus, als wollte sie weinen.
Erster Abend
So habe ich sie kennengelernt, vor ein paar Wochen, weinend saß sie vor einem Drink, aufrecht, ohne mit der Wimper zu zucken, liefen Tränen ihre Wange entlang; ihre Schminke war dadurch nur ein bisschen in Unordnung geraten, sie sah nicht gerupft aus, sondern irgendwie aristokratisch in ihrer stolzen Trauer. Ich setzte mich neben sie an die Bar und bestellte einen doppelten Whiskey on the rocks, eigentlich wollte ich nur ein Bier trinken, aber das erschien mir der Situation nicht angemessen. Wie zu erwarten war, missverstand sie meine Platzwahl als Interesse an ihrer Person – sie sah mich an und hob das Glas, woraufhin ich sie meinerseits ansah und ihr zuprostete. Etwas theatralisch, dachte ich, aber in ihrem Alter ist das niedlich. Ich schätzte sie auf 24, was sich später als fast richtig herausstellen sollte. Tatsächlich setze ich mich immer auf den ersten Platz, der frei ist. Und achte sorgfältig darauf, die daraus bisweilen entstehenden Missverständnisse weder auszuräumen noch zu bestärken. Zuerst sprachen wir nicht, ich drehte mich um und verfolgte das Treiben auf der Bühne. Es war Theaterabend, verschiedene Laienkünstler, unter ihnen verdammt talentierte, gaben ihre einstudierten Kunststücke zum besten. Bei Tess' zweitem Drink brach sie, wie zu erwarten war, das Schweigen und kam ohne Umschweife, was mir gefiel, auf den Grund für ihren Zustand zu sprechen. Ein Mann, na, so eine Überraschung. Meine Bereitschaft, mir den Liebeskummer einer fremden Frau anzuhören, ist sehr gering, was ich ihr bald ebenfalls ohne Umschweife klargemacht hätte, wenn sie nicht gleich zu Beginn der Erzählung auf den Ort ihres Techtelmechtels zu sprechen gekommen wäre: Eine Fachhochschule, auf der sie soziale Arbeit studierte. Das machte mich neugierig, weil ich wusste, diese Fachhochschule steht in meinem Quartier; dort werden Streetworker ausgebildet, von denen manche im selben Quartier arbeiten werden. Ich ließ das Thema untreuer Mann aus und erkundigte mich nach ihren Zielen, warum sie studierte, was sie später damit anfangen wollte. "Waren deine Noten nicht gut genug für einen vernünftigen Studienplatz", waren die Worte meiner Wahl. Tess fragte, ob ich einer dieser leeren Typen wäre, die nur aufs Geld scharf wären. "Gut gesagt", log ich. Schließlich war es nicht gut gesagt, sondern eher etwas zickig. "Und?", fragte ich. "Später nen netten Schreibtischjob als Sachbearbeiterin im Arbeitsamt?" "Was für eine Sorte Arschloch bist du eigentlich?", zischte sie zurück. Keine Spur mehr von Tränen und Trauer, sie machte nur noch einen wütenden Eindruck. So schlimm kann das mit dem Typen wohl nicht gewesen sein. "Das", sagte ich, "frage ich mich auch manchmal. Bist du jetzt wütend, weil ich ins Schwarze getroffen habe?" "Du liegst meilenweit daneben", sagte sie. "Streetworkerin. Das werde ich sein." Klar, dachte ich. Überraschung. Ich musterte sie von oben bis unten. Schulterlanges braunes Haar, ganz weiche und lebendige dunkelbraune Augen, sehr helle Haut, ein erstaunlich kleiner Mund mit recht schmalen Lippen, schwarzes Kleid mit kleinen dunkelblauen Knöpfen, sehr schlanke nackte Beine, schwarze Pumps. "Mit den Schuhen?", fragte ich. "Nein", sagte sie in einem wesentlich neutraleren Tonfall, der zeigte, dass sie zu der Situation auf Abstand zu gehen begann. "Nicht mit den Schuhen."
Danach gab ich mir etwas Mühe, sie zurückzuholen, fragte nach ihrem Studium und wen sie auf der Straße betreuen wollte. Sie redete offensichtlich sehr gern von sich und ihren Zielen, der Verve, mit dem sie sich auf dieses Thema stürzte, weckte in mir den Gedanken, dass sie es liebte, stundenlang von sich zu reden. Augenscheinlich war sie froh, in mir einen adäquaten Gesprächspartner gefunden zu haben, der keine falschen Fragen stellte und die richtigen Stichworte einwarf. Obwohl sie das nicht zu bemerken schien. Ebensowenig schien es sie zu wundern, wieviel ich zu ihrem Thema zu sagen hatte. Das ist doch nicht normal, dachte ich. Denkt sie denn, das wäre normal, das jemand soviel über dieses unattraktive Thema weiß? Sie müsste doch mal fragen, woher ich diese ganzen Sachen weiß, über Rechtslage und Lebensbedingungen, über die Bedeutung von Stigmata und den Tricks, die die Leute drauf haben, diese zu verbergen. Ob ich beruflich damit zu tun hätte, hätte sie fragen müssen, das wäre die naheliegendste Erklärung. Zu der ich nicht greifen würde. Ich hatte mir schon etwas Plausibles zurechtgelegt, aber Tess wollte das gar nicht hören. Sie redete und redete, als wäre das ein Allerweltsthema wie das Wetter, mit dem jedermann, ob er wollte oder nicht, einen beträchtlichen Erfahrungsschatz hatte, und über das jeder zu sprechen in der Lage ist. Ihre Leidenschaft war echt, ein paar ihrer Beobachtungen und Überlegungen waren originell und zeugten von ihrer Beobachtungs- und Überlegungsgabe. Natürlich hörte sie sich gern reden, aber ich hörte sie ebenfalls gern reden, was mir bei Frauen ihres Schlags normalerweise nicht so ging, normalerweise ist meine Geduld mit ihnen schnell erschöpft.
Wir tranken jeweils unsere dritte Runde. Sie hatte ein angenehm anzusehendes Dekollete, auch ihre Beine waren den langen zweiten Blick wert gewesen; sie gefiel mir. Ob ich ihr gefiel, wusste ich nicht, aber wenigstens schien ihr meine Gegenwart nicht unangenehm zu sein. Als sie von der Toilette wiederkam, hatte sie den obersten Knopf ihres Kleides geöffnet. Eine gute Handvoll weißer Rundung blitzten mich an, die schwarze Spitze ihres BHs. Das alles schrie natürlich nach mehr. Aber ich bin kein Typ für Eindeutigkeiten, das Erwartbare langweilt mich, ich bin ein Spieler. Das muss meinem Stigma geschuldet sein, habe ich mir irgendwann zurechterklärt, dass mir das Tarnen und Täuschen zur zweiten Natur wurde. Ob ich etwas nicht will, was andere von mir wollen, Farbe bekennen zum Beispiel; oder ob ich etwas will, beispielsweise mit einer Frau geschlechtlichen Umgang haben. "Gib mir deine Nummer", sagte ich unvermittelt. "Dann ruf ich dich an. Jetzt muss ich gehen." Sie war überrascht, das war zu erwarten. Kurz darauf verzog sich ihr Mund vor Missbilligung oder Ärger, auch das überraschte mich nicht. Ich sah sie an, leckte meine Fingerspitze und kreiste um den Rand meines leeren Whiskeyglases. Mir war ein bisschen schwummerig, ich hatte ganz schön einen sitzen. Sie erwiderte meinen Blick, herausfordernd. Die Situation verlangte nach einer Erklärung meinerseits, das war klar, aber ich würde keine Erklärung anbieten. Schluck das oder lass es, dachte ich. Lass dich auf mein Spiel ein oder lass es sein. Ich musste bei dem Gedanken zu Lächeln angefangen haben - ungewollte Reime bereiten mir kindliche Freude - wenigstens stellte ich wenig später fest, dass ich lächelte. Das musste den Eindruck vermitteln, dass ich die Situation genoss. Ich kann nicht sagen, dass es nicht so gewesen wäre. Tess schüttelte irritiert den Kopf, kritzelte die Nummer auf einen Bierdeckel, und knallte ihn vor mir auf den Tresen. "Okay", sagte ich. "Bis dann." Tess sagte nichts, sie täuschte plötzliches Interesse für die Kirsche in ihrem dritten Cocktail vor, die sie mit einem langen Löffel herauszuangeln versuchte.
Folgeabende
Wir waren danach ein paar Mal ausgegangen. Ich lud sie untypischerweise ins Kino und ins Restaurant ein; die Orte waren schon typisch, ich mag bei Verabredungen die alte Schule, ich mag das Gefühl, dass ich bei diesen Verabredungen habe, einen alten Film nachzuspielen. Untypisch war, dass ich jemanden einlud. Tess zierte sich erst, aber damit rechnete ich. Ich lernte noch keine Frau kennen, die sich, ohne Probleme zu machen, einladen ließ. Es ist eine Manie meiner Zeitgenossinnen, die Rechnung selbst zu bezahlen; wahrscheinlich, weil sie sonst das Gefühl bekämen, Souveränität einzubüßen. Ich will nicht sagen, dass das für mich ein Problem ist. Denn das, worum es eigentlich immer geht, wenn man sich verabredet, also worum es wenigstens mir bei fast jeder Verabredung geht, findet trotzdem statt, manchmal. Keine Ahnung also, warum ich mir in den Kopf setzte, sie einladen zu wollen. Möglich, dass ich nur herausbekommen wollte, wie sehr sie das Recht auf Zahlung der eigenen Rechnung verteidigen würde. Ihr Widerstand hielt sich in Grenzen. Ich erzählte ihr, dass ich sie damit nicht kaufen wollte, ich wäre kein guter Menschenkenner, aber dass sie nicht käuflich wäre, sei offensichtlich. "Ich lade auch Freunde ein, wenn ich Lust dazu habe", sagte ich. Das war natürlich Quatsch und darüber hinaus kein echtes Argument. Aber sie schluckte es. Tess blieb dem Stil des ersten Abends treu, das heißt, sie erzählte viel von sich, von ihren kleinen Wünschen, Zielen und Nöten, und ich hörte zu. Überraschenderweise waren es sehr angenehme Treffen. Vielleicht weil ich sonst bei allen Rollentauschs in wenigstens einer Hinsicht immer derselbe bin. Der einen Großteil der Unterhaltung bestreitet, der Gespräche führt und Menschen einspinnt, um seinen Impulsen folgen zu können. Tess aber schien das nicht zu brauchen, sogar nicht zu wünschen; wenn ich aus Gewohnheit mal den ein oder anderen gedanklichen Schlenker machte, mich zu einer Meinung oder einer pointierten Betrachtung aufraffte, wechselte sie schnell wieder zu dem Kosmos der eigenen Person. Dass sie später von Simons Ichbezogenheit sprechen sollte, war natürlich ein amüsantes Detail. Dass ich von ihrer Ichbezogenheit schreibe, ist möglicherweise auch eins.
Im Restaurant knisterte wieder die Luft zwischen uns, wie an dem ersten Abend in der Bar. Damit hätte ich nicht gerechnet. Entweder es läuft zwischen Zweien gleich etwas, oder nicht. Dass sie trotz meiner Abfuhr am ersten Abend eine innere Bereitschaft für körperliche Nähe aufbauen konnte, machte sie interessant; gleichzeitig stieß mich der Eindruck großer Bedürftigkeit ab. Möglich, dass ich ihr damit Unrecht tat. Vielleicht liebte sie einfach nur die intime körperliche Nähe, hatte einfach gerne Sex. Ich hatte in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass in unserer westlichen Welt das normale Ausleben dieser natürlichsten Regung unwahrscheinlich war. Bereits bei Mittzwanzigern ist die Fähigkeit zum zwanglosen Leben dieses Bedürfnisses meiner Erfahrung nach kaum wahrscheinlich. Es ist allerdings nicht unmöglich. Ich bin noch in der Lage, an diese Potentialität zu glauben. An natürliche Triebe im Neurosenwald. Weil Tess ihr Herz auf der Zunge trug und gerne redete, hatte ich bald den Eindruck, sie besser zu kennen, als sie sich selbst kennte. Das hieß natürlich überhaupt nichts, jedes Kennen eines anderen ist Illusion, da bilde ich mir nichts ein. Nichtsdestoweniger hatte ich das Gefühl, dieses nette Mädchen auswendig zu kennen, ein Gefühl gegen das ich wahrscheinlich nichts hätte tun können, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich mochte sie wirklich sehr, gleichzeitig begann ich mich in ihrer Gegenwart zu langweilen.
Vor dem Abend mit Simon und ihren Mitstudenten beschloss ich, dass dieser Abend unser letzter Abend werden würde. Ich konnte problemlos aus ihrem Leben verschwinden, sie wusste von mir weder meine Telefonnummer noch meine Mail-Adresse, kannte meine Wohnung nicht und nicht meine Arbeitsplätze. Ich wunderte mich, dass sie nicht danach fragte; überhaupt war es faszinierend, dass sie Fragen, die im Raum standen, einfach nicht stellte. Vielleicht ist das die Rache oder die Belohnung für den ersten Abend; wer weiß schon, wie ein anderer tickt? Ich sicher ebensowenig wie sie selbst, dachte ich.
Letzter Abend
Als sie diese Frage stellte, "Wie kannst du nur sagen, sie wären Beschädigte?", sah ich sie, als sähe ich sie zum ersten Mal. Tatsächlich war sie in gewisser Hinsicht eine andere. Diese wortgewordene Empfindung ließ mich lächeln - dass ich so kitschig sein konnte. Ein Freund hatte nicht so unrecht, als er sagte, dass ich alles sein kann und folglich nichts bin. Mir ist das nicht völlig gleichgültig. "Ganz schön abgehoben, deine Idee zum freien Willen", sagte Tess. "Meinst du, dass man das für den Common Sense gebrauchen kann?" "Ja", sagte ich. "Davon bin ich fest überzeugt. Ich habe es erlebt." So deutlich war ich nie. Ich hatte aber auch noch nie die Gelegenheit, diese meine Erfahrung auszusprechen. Und wenigstens einmal möchte ich das, was ich für eine wichtige Erfahrung halte, aussprechen können. Tatsächlich sah sie mich fragend an. Das kam einer formulierten Frage auf das im Raum stehende nahe wie nichts anderes davor. Ich überging die nonverbale Aufforderung zum Sprechen. Ich hätte auch eine klare Frage ignoriert, wenn sie denn mal eine gestellt hätte, die sich auf meine Person oder mein Leben bezieht. Das hat verschiedene Gründe, einige davon kenne ich. Sie hatte sich wieder gefasst. Keine Spur mehr von den Tränen, die sich auf ihrem traurigen Gesicht ankündigten, als wir in meine Straße einbogen, von der sie nicht einmal wusste, dass es meine Straße war, was mir in dem Moment einfiel und Freude machte. Wir waren vier Häuser vor meinem Haus. Ich entwickelte die Idee, sie zum Bahnhof zu bringen und ihr auf dem Bahnsteig zu sagen, dass wir uns nie wiedersehen werden. In meinem Kopf formten sich mögliche Formulierungen, aus der eine bestimmte wurde, die ich zurechtfeilte. Ich würde den Kreis, der mit ihrem theatralischem Sitzen und Weinen in der Bar begann, mit einem ähnlich theatralischem Auftritt schließen.
Ehrlich gesagt wusste ich nicht, ob sie über die Aussicht, mich nicht mehr zu sehen, traurig sein würde; ehrlich gesagt war ihre Begeisterung, in meiner Gegenwart über sich zu sprechen und in diesem endlosen Singsang aus Eloquenz und Koketterie die eigenen Vorzüge zu preisen, merklich abgeflaut. Aber ehrlich gesagt interessierte mich das auch nicht besonders, es ging eher darum, den Schlussakt zu tun, sie hatte das Stück eröffnet, wir haben uns unterhalten lassen, nun war es Zeit, den Vorhang zu schließen. Ob sie wirklich traurig sein würde, mich nicht mehr zu sehen, konnte ich nicht wissen. Aber wütend würde sie sein, über meinen unmöglichen Auftritt, erst, weil er sie in ihrer Eigenliebe verletzt, später, wenn das Ganze ein bisschen gesackt war, noch zusätzlich wegen der Unnötigkeit dieser Verletzung. Dabei war er nicht unnötig, sondern nur eine adäquate Entsprechung des ersten Aktes, aber das brauchte ich gar nicht versuchen, ihr zu erklären. Mir war klar, dass sie nicht wusste, dass sie spielt.
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, als ich sie fragte, direkt vor meiner Haustür, ob sie mit hochkommen wollte, einen Tee trinken. "Komm", sagte ich. "Wärm dich auf. Du hast ein bisschen Wärme verdient, kannst sie brauchen." Sie blickte mich ganz seltsam an. Ich hätte Verlangen erwartet oder eine spöttische Abfuhr, aber nein, sie hatte nur ein fiebriges Leuchten in den Augen. Sie blickte am Haus hinauf (Hier wohnst du?, fragte sie. [Ab da begann ich, ihre ungestellten Fragen zu denken.]) und nickte langsam.
"Viel geht hier nicht ab", sagte Tess lachend, als sie sich auf mein klappriges Bettgestell setzte, das erbarmungswürdig quietschte. "[...]", sagte ich. Tess sah sich im Zimmer um, das nur vom schummrigen Licht der alten Nachttischlampe erhellt war. (Wie kann man es in so einer versifften Bude nur aushalten?) "Ich habe bei meinem Einzug diese wackligen Sperrmüllkandidaten von Möbeln vorgefunden und mich dagegen entschieden, Zeit auf die Verbesserung der Äußerlichkeiten zu verschwenden", beantwortete ich ihre ungestellte Frage. Tess nickte und ließ die Beine baumeln, spielte mit dem rechten Fuß den Schuh vom linken, tat dann das gleiche mit der anderen Seite und legte sich quer auf das Bett, die Arme über den Kopf ausgestreckt. Ich spielte mit dem Gedanken, Musik anzumachen, zog aber stattdessen das Roleau hoch und öffnete das mittlere große Fenster weit. Setzte mich auf den Schreibtisch und betrachtete sie, fragte mich, ob es mit ihr so unkompliziert sein würde, wie es mir ihr Verhalten suggeriert hatte. Ein scharfer Wind wehte herein und blies ein paar Lyrikplakate durchs Zimmer, die Bö brachte Kühle mit. Tess setzte sich halb auf, schloss die Augen und griff nach ihrem Hinterkopf. Ihre Nippel drückten durch den Stoff. Sie zog langsam das Gummi vom Pferdeschwanz und schüttelte mit leichtem Schwung das braune Haar aus, die Spitzen reichten jetzt bis zu den runden Tälern ihrer Schlüsselbeine. Sie sah mich an, als wollte sie fragen (Und nun?), als dächte sie, ich müsste den nächsten Schritt machen. Ich sah sie ungerührt an. Tess zuckte mit den Achseln und begann aus dieser Bewegung heraus ihren Oberkörper zu bewegen, als hörte sie einen verborgenen Rhythmus; ich fingerschnippste ihr einen Takt dazu und lächelte unverbindlich. Sie ließ sich nicht dazu hinreißen, meine ungefähre Mimik mit so etwas banalem wie einem Lächeln zu beantworten. Tess wirkte auf eine schwer definierbare Weise verwandelt, sie wirkte ernst und sinnlich zugleich, als wäre sie kein Gewächs des mitteleuropäischen Neurosenwalds, sondern eine echte Frau, die die Tiefe und Kraft ihres Geschlechts spürt, ohne gleich mit einem esoterischen Gesetzbuch unterm Arm durch die Welt schweben zu müssen. Ihre weit geöffneten Augen fixierten meinen Blick, ihr lockender Finger bedeutete mir, näherzukommen. Verführung und Geheimnis, dachte ich, das ist ihre Schönheit. "Du hast das Frausein nicht verlernt", sagte ich, nahm eine Zigarette aus der Schachtel, die auf dem Fensterbrett lag, und zündete sie mit einem Streichholz an, das ich mit dem ersten Mundvoll Qualm auspustete. Aber die Zeit der Irritationen war vorbei, sie ging auf dieses Spielchen nicht ein, ließ meinen Shady Move links liegen, stand auf und brachte das Kunststück zuwege, auf den wenigen Metern zwischen Bett und Schreibtisch verführerisch die Hüfte zu schwingen. Sie zog die Zigarette zwischen meinen Lippen hervor und drückte sie ohne Hast im Aschenbecher aus. Ich verfolgte ihre rotlackierten Fingernägel auf dem Weg zu meinem Gesicht, spürte ihre weichen Handflächen über die Rauheit meiner unrasierten Wangen streichen. Sie stellte sich zwischen meine leicht gespreizten Beine und drückte ihre Mitte gegen meine, als sie meinen Kopf zu sich herabzog und sanft in meine Unterlippe biss. Wir küssten uns. Sie wird gut schmecken, dachte ich, bestimmt nach warmem Holz und einer süßen Frucht; aber natürlich schmeckte ich nur kalten Qualm. Wir ließen uns viel Zeit für den ersten Kuss, bedächtig erforschten wir die Mundhöhle des anderen, vorsichtig umspielten sich unsere Zungen; als ihr Atem schneller zu werden begann, rutschte ich von dem Schreibtisch, griff um ihre Taille und schob sie gegen die Wand. Das war meine erste echte Aktivität an diesem Abend. Sie öffnete kurz die Augen, als ihre nackten Schultern den kalten Stein berührten – ich konnte keinen Schimmer der Koketterie entdecken, die sie mir abendelang vorgeführt hatte; nur einen klaren erwartungsvollen Blick - sie hatte sich der Situation hingegeben. Ich hätte gern länger in sie hineingeschaut, aber sie schloss die Lider, als meine Finger ihre Oberschenkel hinauf wanderten und den seidigen Stoff gegen ihr Geschlecht drückten. Sie stöhnte leise, wie im Vorgefühl, und ich massierte den oberen Rand ihrer Vagina mit rechtem Zeige- und Mittelfinger, warme Feuchtigkeit durchdrang den Stoff, der die Struktur eines Netzes hatte.
Ich hörte sofort auf, als sie ihren Unterkörper entgegen meiner Fingerbewegung auf und ab bewegte. Tess kicherte. Meine Hand schlüpfte unter den Saum des Höschens und begutachtete die festen Schamlippen, ich nahm die Klitoris zwischen beide Finger und bearbeitete sie mit einer regelmäßigen Bewegung, strich mit dem einen Finger von unten nach oben, während ich den anderen zurückzog, als wären sie die Beine eines Spaziergängers. Tess schlang ihre Arme um meinen Hals und hauchte heißen Atem an meine Wange. Als ich die Frequenz meiner Fingerbewegungen erhöhte, erhöhte sich auch die Frequenz ihres Atems. Es fühlte sich gut an, mit ihr auf einer Wellenlänge zu sein, es machte Freude, sie in meiner Hand zu haben und für ihre Lust zu sorgen. "So habe ich es mir vorgestellt", flüsterte sie mir schnellatmend ins Ohr. "Du glaubst nicht, wie sehr ich dich wollte. Es hat mich fast wahnsinnig gemacht." Ich fragte mich amüsiert, aus welchem Softporno diese Worte stammen. Ich zog mich aus ihr zurück, griff in ihre Haare und bog mit einem Ruck ihren Kopf zurück. Sie riss die Augen auf, wirkte aber nicht verängstigt oder wenigstens überrascht, wie ich gehofft hatte, sondern herausfordernd. Tess löste ihre Umarmung auf und schlug mir die flache Hand ins Gesicht, einen Moment hörte ich nur das Geräusch des Klatschens, bevor es brannte. "Miststück", knurrte ich. "Heee, schschsch", machte sie und küsste die geschlagene Stelle. Der Schlag hatte mich wider Erwarten geil gemacht. Jetzt tat meine Mitte weh, der Schwanz drückte schmerzhaft gegen die enge Jeans. Ich öffnete meine Hose, holte den Erigierten raus und drückte mit beiden Händen ihre Schultern und sie zu Boden. Tess wehrte sich ein bisschen, wollte sich nicht runterdrücken lassen, aber ihr Widerstand war wieder einmal halbherzig, als wahrte sie die Form, um auf das Spiel einzugehen. Als sie vor mir auf den Knien war, nahm sie erst einmal die Spitze vorsichtig und bereitwillig in den Mund, leckte die Eichel mit schnellen harten Zungenschlägen, bis mein ganzes Geschlecht im Rhythmus des Pulses vibrierte. Ich hatte das Gefühl, die Nervenenden am äußeren Rand der Eichel waren auf ein Vielfaches ihrer normalen Größe angeschwollen, was unsinnig war.
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