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  • kopfsalatDatum16.02.2010 19:10
    Thema von Rainek Radar im Forum Gesellschaft

    gekopfter salat
    verkopft, reinphysisch
    rübe ab und zweibel kommen kaum
    auf
    kopfsalat
    kopf ab
    vegetarisch aber
    wenns drauf ankommt
    dann freß ich auch fleisch
    gemüsekiller
    im dreck gehalten, maschendraht
    häßchen, sobald nicht mehr allzu süße folterknechte
    und dann haben wir den salat
    der gesteht den völlermord
    und wir verzwiebeln uns lieber
    aufs nächste feld
    und säen eben dort was wir ernten wollen
    die häßchen nehmen wir an der leine
    mit
    hopphopphopp hoppeldihopp
    im marsch - katusch
    die fahne hoch
    es schwänzeln die ruten im frühlingswind
    der weichen, braunen krume entgegen

  • plattenbau (internationaler stil)Datum23.02.2010 23:16
    Thema von Rainek Radar im Forum Gesellschaft

    im frühlingssonnenlicht
    auf schlammigen wiesen
    zertreten kinder
    - kreischend
    heurige narben aus gras
    im zweiten stock gegen mittag
    auf bau nummer zwei
    der besoffene hausmann
    schreit seinen bälgern
    - fresse halten
    und köpft
    ein weiteres bier

  • XIDatum04.03.2010 04:33

    Kurze Erklärungen vorab: das Folgende ist ein Kapitel aus einem längeren Text, das aber, meiner Meunung nach, sehrwohl auch alleine gelesen werden kann (hoffe ich zumindest) - es wird aber trotzdem hier und dort auf Geschehnisse aus anderen Textstellen Bezug genommen (vor allem der Grund, warum nicht gefeiert wird;)
    der Akteur ist ein modernes Pendant zu Parzival, kurz nachdem er, durch Cundries harte Worte verstoßen, mit Gott gebrochen hat; der rote Ritter ist das alter Ego, daß Parzival, der Sage nach, angenommen hat, nachdem er den ersten Roten Ritter, seinen Onkel, tötete;)

    Kapitel XI
    Was ist das Magische, an tristen, wolkenverhangenen Tagen voller Nichtstun und Melancholie, das die Vergangenheit in solch lebendigen Bildern hervorzurufen vermag. In jedem Gesicht sieht man Freunde, geliebt und gehaßt, Anvertraute aus früheren Zeiten, beiderlei, lebendig und begraben und auch die, zwar noch lebendig, aber sonst schon lange im Herzen begraben liegen. Jedes Gebäude, jede Ecke gebietet einem über das Verstrichene nachzudenken, über die Dinge, die vorbei sind, die man nicht mehr zu ändern vermag. Man rüttelt an der Zeit wie an einem Apfelbaum im Herbst, schüttelt die Früchte aus seiner Krone und hört sie ringsum zu Boden plumpsen. Hin und wieder wird man dabei ganz unvermutet am Kopf getroffen, wenn man zu heftig rüttelt und dabei nicht acht gibt.
    Der fette Mann mit dem weißen Rauschebart schlägt mit der Glocke in seiner Hand und grinst mich hämisch an. Die Röte auf seinen fröhlich leuchtenden Wangen ist aufgemalt, seine Augen flimmern glasig aus den zusammengekniffenen Schlitzen. Ich sehe ihn verächtlich an.
    An jeder Ecke steht einer von ihnen, dieser Tage. Eine rote Mütze auf dem Haupt, einen ausgestopften Wamst und einen aufgeklebten Bart wirken sie gehetzt, unwillig und überarbeitet. Weihnachtsmänner, welch ein Unfug. Ich habe keine Ahnung, was sie mit dem heutigen Fest zu tun haben sollen. Witzfiguren und Faschingsnarren im roten Filz.
    Ich feiere nicht heute. Ich sehe keinen Anlaß dazu. Gehetzte Menschen drängen sich in Wellen an mir vorbei, schlagen mir mit ihren Einkaufstüten gegen die Schienbeine und stoßen mir Geschenkkartons in Bauch und Nieren. Überall blinken bunte Lichter willkürlich auf und spiegeln sich im gläsernen Weihnachtsschmuck und billigen Dekorationsramsch aus Plastik.
    Die Autos auf den verstopften Fahrbahnen spucken ungeduldig schwarzen Rauch und hupen sich gegenseitig an. Es stinkt nah Abgasen und brauner Matsch klebt mir, bis zu den Knien hinauf, an meinen Jeans.
    „Frohe Weihnachten!“, grölt der fette, rauschbärtige Mann und klingelt wütend mit seiner Handglocke. Sein Bauch ist nicht ausgestopft, er ist zu hundert Prozent echt. Die Speckschwarten hängen ihm über den Gürtel, seine rote Filzjacke ist geöffnet und erlaubt einem perfekte Sicht auf die ganze Pracht. In seinem Gesicht eine großporige, rote Säufernase.
    „Fröhliche Weihnacht!“, brüllt er nochmal und schwenkt seine Spendendose im Takt zum blechernen Glockengelärme. Die gehetzten Leute machen einen großen Bogen um ihn herum, genau wie ich auch.
    Einzelne, große Flocken fallen vom grauen Himmel, versuchen vom Fest zu retten, was noch zu retten ist. Trotz all des Unmuts und der Verdrießlichkeit, kann ich es an den Blicken der Leute erkennen: Freude. Sie freuen sich, daß heute Weihnachten ist. Auch wenn sie eigentlich gar nicht mehr wissen, warum sie feiern. Eine leise Ahnung von etwas Großem hat sich von Kinderbeinen an in ihren Köpfen festgesaugt und läßt sie zu Lebzeiten nicht mehr los. Es diktiert ihnen ein freudiges Fest, an einem großen Tag. Ich feiere nicht. Ich sehe keinen Anlaß dazu.
    Ich schlage den Kragen meines Mantels hoch und biege in die nächste Seitengasse, versuche dem ganzen Tumult und Geblinke aus dem Weg zu gehen. Immer der Nase nach, mit gesenktem Kopf gegen all die Wahnsinnigen anlaufend, die versuchen, mich mit den bunten Päckchen in ihren Händen zu verletzen. Es ist einsam.
    Sybille hat frei heute, verbringt den Tag mit der Familie. Irgendeine Weihnachtsvertretung sitzt hinter dem stumpfen, abgewetzten Tresen des Hotels. Eine Studentin der Mathematik, hat si mir erzählt und dabei gelächelt. Ein nettes, junges Mädchen, das Weihnachten nicht unbedingt zu Hause verbringen will. Sie hat nichts davon gesagt, aber ich habe es am Tonfall gemerkt, in dem sie mir ein schönes Fest wünschte, mit lauter, überdrehter Stimme hat sie es mir nachgerufen, als ich schon halb die Tür hinaus gewesen bin.
    „Ich feiere nicht!“, habe ich zurückgerufen. „Ich sehe keinen Anlaß dazu.“ Verdattert hat sie mich angesehen, als ich die verschmierte Glastür geschlossen und ihr dabei zugewinkt habe. Jung hat sie ausgesehen und sehr unbeholfen. Weihnachten muß man feiern, hat ihr Blick aus großen Augen gesagt. Weihnachten ist ein Gesetz, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Der Ritus ist wohlbekannt, allein die Inhalte sind dabei auf der Strecke geblieben.
    Ich bin der rote Ritter, ich kenne mich aus, mit solchen Dingen.
    Auch in der Straße, in die ich gebogen bin, herrscht Unruhe und Gedränge. Mütter ziehen an den Händen Kinder hinter sich her und Väter suchen verzweifelt nach ihren abgestellten Wägen. Jedes der aufleuchtenden Geschäfte, die den Gehweg säumen, dudelt einem abgedroschene Weihnachtslieder ins Ohr und will zum stehenbleiben verleiten. Die Passanten tragen tiefe Ringe unter den tränenden Augen. Die ganze Festtagsbeleuchtung irritiert die Netzhaut und verwirrt die Sinne. Es beginnt zu schneien. Die Flocken sind jetzt nicht mehr so dick und groß, wie zu Beginn aber dafür zahlreicher.
    Ich biege wiederum ab. Versuche, eine kleinere, unbelebtere Straße zu finden, versuche vor diesem Trubel zu flüchten, wohlwissend, daß sich die hin und her hastende Menschenmenge in Bälde verloren haben wird. Aufgeteilt und zurückgezogen in die eigenen vier Wände, in dampfenden Töpfen rührend, leise Weihnachtslieder summend, Sterne und Glaskugeln an Tannenäste hängend werden sie später am Abend dann mit geöffneten Mündern und leuchtenden Augen vor glitzernden, Funken spuckenden Weihnachtsbäumen stehen und träumen. Eine unwirkliche Stille wird sich dann über die Staßen ausgebreitet haben, in der jeder Spaziergänger wie ein ungebetener Gast wirken wird. Ich freue mich schon darauf.
    Die nächste Gasse zu meiner Rechten nehme ich. Eine Fahrspur in der Mitte, keine Parkmöglichkeiten und Abfalleimer mitten auf dem Gehweg. Aber immer noch sind zuviele Menschen unterwegs. Hasten durch die Gegend, vollgepackt bis oben mit Schachteln und Tüten.
    Ein paar davon habe ich im Verdacht, nur so zu tun, als ob. Wenn sie mit ihrer Last zuhause angekommen sind, in ihrer verlassenen Wohnung, schmeißen sie alles auf die Couch und setzen sich mit einem lauten Seufzer daneben. Froh darüber, daß sie heute dazugehören durften, zum Weihnachstrubel. Niemand hat erkannt, daß sie dies alles nu vorgetäuscht haben: die unnachgiebige Hektik, den verklärten Blick. Es ist eine Schande, allein sein zu müssen, an Weihnachten. Es ist besser die anderen hinters Licht zu führen, in diesen Belangen. Vorspielung falscher Tastachen.
    Bei einigen Menschen, die an mir vorbeikommen, vollgepackt bis oben, kann ich sie erkennen, die Einsamkeit und die verlassenen Wohnung, eingebrannt in den freudigen, leeren Blick ihrer leuchtenden Iris. Sie genießen es, geschubst und weggeschoben zu werden. Es ist wie in Aufnahmeritus in die Reihen der Weihnachtsgesellschaft.
    „Ach, wie bin ich froh, wenn all dies vorbei ist.“, stöhnen sie dann vor ihren Warteschlangenbekanntschaften und freuen sich diebisch darüber, erhört zu werden. „Ich verstehe sie.“, ist ihnen das schönste Geschenk zum Feste.
    Die Ernüchterung kommt dann zu Hause, zwischen den verlassenen Wänden ihres Heims, vor dem glitzernden Weihnachtsbaum, den sie schon am Morgen aufgeputzt haben. Zuerst stellen sie sich das Telefon griffbereit, während sie kochen und später dann alleine essen. Aber das Telefon klingelt nicht. Später dann, vor dem Fernseher, haben sie das Gefühl, daß alle Welt mit ihnen feiert und freuen sich über den schönen Tag zwischen all den Gleichgesinnten. Aber das Telefon klingelt nicht. Vor dem Einschlafen freuen sie sich dann auf morgen, denn morgen ist auch noch ein Feiertag. Jemand könnte an sie denken, morgen. Sie geben die Hoffnung nicht auf. Es ist Weihnachten, die beste Zeit für freudige Überraschungen. Sie schätzen sich glücklich, diese Menschen, sie dürfen so tun als ob, diese Zeit des Jahres.
    Ich tue nicht so. Ich sehe keinen Anlaß dazu. Es ist einsam, dieses Weihnachten. Aber ich hätte es auch gar nicht anders gewollt.
    Viele Weggabelungen später beginnt sich die Straße langsam zu lichten. Weniger Leute, die mich mit den Päckchen in ihren Händen verletzen könnten. Es schneit nach wie vor, in den verschiedensten Intensitäten. Einmal leicht, mit feinen, eisigen Körnchen, dann wieder stark in dichten, schweren Flocken. Es hört niemals ganz auf, dieses stetige Rieseln aus den bleiernen Bergen am Himmel.
    Kleine Wellen und Kuppen bilden sich auf dem Gehweg und den Dächern der parkenden Autos. Blütenweiß und nicht braun und matschig. Das steht ihm noch bevor, dem weißen Mäntelchen, das sich friedlich über alle Dinge legt. Zu feuchtem, grauen Schlamm zertreten, wird es morgen im Rinnstein und den Gossen liegen. Am zweiten Tag diese magisch weißen Weihnachtsfestes, dessen Bedeutung so vergessen scheint.
    Freudlos blinkt ein goldener Weihnachtstern hinter der Glasscheibe eines Elektrowarengeschäfts. „Geschlossen“ steht auf einem selbstgemalten Pappschild im Eingang. Verkaufsraum und Tresen des kleinen Geschäfts sind abgedunkelt und verlassen.
    Ich stapfe weiter, mit festem Schritt, hinterlasse Fußspuren im frisch gefallenen Schnee. Sie sind kaum zu erkennen, neben den vielen anderen Spuren der Leute, die vor mir hiergewesen sind. Nur noch einzelne Gestalten sind unterwegs. Die Gegend wirkt ärmlich. Warmes Licht strahlt hinter den Scheiben, an denen ich vorbeigehe. Voll von Idylle und Keksgeruch, Kindergelächter und Geschwätz, Alkoholfahnen und Verdruß, je nachdem, wie man es sich vorstellen will.
    Die dunklen Silhouetten und Schattenspiele in den Wohnungen, an denen ich vorbeikomme, geben keine näheren Auskünfte. Sie lassen mich raten. Spielen mir ein Weihnachtsstück voll von Missverständnissen und Dünkel.
    Die Leute, die jetzt auf der Straße sind, wirken langsamer, nicht mehr so gehetzt. Die meisten davon tragen weder Tüten noch Päckchen in den Händen. Sie haben die Arme tief in den Manteltaschen vergraben und das Gesicht auf den Boden gerichtet. Ein paar davon torkeln sichtlich.
    Das Licht vergeht, im Grau der Wolkenberge. Die Straßenlaternen gehen an. Es schneit nun nicht mehr weiß, sondern orange, im Schein der Stadtbeleuchtung. Je dunkler es wird, desto kälter scheint es. Ich zwinge mich, an Conwiramur zu denken und an unsere Tochter. Ich denke viel zu selten an sie, das haben sie nicht verdient. Ich hoffe, sie sind glücklich. Wie egoistisch das scheint, ihnen Glück zu wünschen. So als würde ich mich meiner Verantwortung entziehen, ihnen Gegenüber, indem ich sie im Guten wähne. Fern von mir. Nicht um mich herum.
    Es geht ganz schnell. Zuerst ist es gräulich und gleich darauf Schwarz, am Himmel. Als hätte jemand einen Schalter gedrückt und damit das Licht ausgeschalten. Ich fröstle. Der Schnee fällt sanft und gleichmäßig durch die Strahlen der Straßenlaternen.
    Die Gassen, in denen ich mich jetzt bewege sind leer und still. Aus den Fenstern am Rand scheint das Leben auf mich herab. Die mich umflutende Menschenmenge fehlt mir fast, aber eben nur fast. So ist es besser, allein. Der Schnee knirscht.
    Es sind jetzt weniger Fußabdrücke im weißen Teppich auf der Gasse. Die fallenden Flocken sind redlich bemüht, alle Vertiefungen und Rillen abzudecken. Man sieht deutlich, wohin ich getreten bin.
    Ich will noch nicht zurück, ins Hotel, in mein versieftes Zimmer, das mich sonst eigentlich nicht so stört, aber heute schon, irgendwie. Sybille ist nicht da und das blonde Mädchen hinter dem Empfang, die Feiertagsaushilfe, wird kaum ein Ersatz sein, für sie.
    Tapfer setze ich einen Fuß vor den anderen, denke nicht nach, lasse mich treiben, zwischen all den Flocken um mich herum, umschiffe eine Abfalltonne, aus der ein schwarzer Plastikmüllsack ragt. Der verbeulte Deckel lehnt daneben, an einer Hausmauer, so als würde er nicht dazugehören. Ich folge meiner Nasenspitze. Immer im Kreis, bis ich irgendwann wieder im Hotel ankomme. Aber jetzt noch nicht. Schließlich ist Weihnachten.
    Ein Böller detoniert lautstark in den Häuserschluchten neben mir. Ein Ausreißer. Ein Bote des drohenden, neuen Jahres, aus lauter Vorfreude gezündet. Ebenso wie der zweite und dritte, die in kurzen Abständen folgen. Eine Stimme schreit Unverständliches. Dann ist es wieder ruhig und festlich.
    Schnee und Nacht verbergen, wie herabgekommen diese Gegend ist, durch die ich mich bewege. So als hätten sich die klobigen Betonbunker und löchrigen Straßenzüge ein Festkleid geborgt, um all ihre Schrunden und Schrammen zu verbergen. Zur Feier des Tages.
    Ich biege nach links. Ich glaube es ist das erste Mal heute, daß ich nach links abbiege, sicher bin ich aber nicht. Links, wiederhole ich ohne Worte, Links, Links, Links.
    Die Häuser werden niedriger und schmäler. Die Wohnbunker machen Platz für Spelunken und Nachtclubs. Hin und wieder fährt in Auto langsam auf der Straß vorbei. Im Schritttempo, um alles sehen zu können, was hier in den Auslagen feilgeboten wird.
    Das Mädchen im ersten Fenster, einem großen, runden Fenster, welches bis zum Boden reicht, ist brünett. Sie trägt einen Pony auf der Stirn, der ihr bis über die Brauen bis fast in die Augen fällt. Sie sitzt in einem Korbsessel, die Beine übereinander geschlagen und schlürft gelangweilt aus einem Sektglas. Am Körper nichts als ein fliederfarbenes Negligé, das kaum ihren Hintern bedeckt und ihr im Sitzen, absichtlich oder unabsichtlich, über die Schenkel gerutscht ist. Die Auslage, in der sie sitzt, ist blutrot ausgeleuchtet, das gleiche Rot, wie das der Schuhe, die hochhackig an ihren Füßen stecken.
    So geht es weiter, die ganze Straße entlang, Haus um Haus. Blond, brünett, rothaarig und geschoren, groß und klein, dürr üppig und beleibt, bieten alte Frauen und junge Mädchen ihre schwarzen, bronzefarbenen und weißen Körper feil. Bei den ersten beiden Glasfronten versuche ich noch wegzusehen, meinen Blick stur nach vorne zu richten. Aber ich gebe bald nach und bewundere all die Fleischlichkeit in den Auslagen, gehe im gleichen Tempo, wie die Autos, welche die Straße entlangfahren. Langsam, immer schön langsam.
    Ein blondes Mädchen, zierlich, schmale Schulter und langer Hals. Die dünnen Beine in schwarzen Strümpfen. Sie lächelt mir zu. Ich lächle zurück und bleibe stehen.
    „Frohe Weihnachten“ steht in blauen Lettern über der metallbeschlagenen Tür. Ich ziehe sie auf und trete aus dem Schnee heraus ins Warme.

  • unversöhnlich (ein drabble)Datum04.03.2010 13:31

    (auf Anregung mal ein Versuch:)

    „Die Schuhe aus der Diele?“
    „In den Karton für die Heilsarmee!“
    „…und die Jacken aus der Garderobe dazu.“
    „Und in ihrem Zimmer?“
    „Das Zimmer bleibt wie es ist!“
    „Zumindest Staubwischen?“
    „Der Staub bleibt, wo er ist.“
    „Mama bitte…“
    „Schluß jetzt.“
    „…Die Wachsflecken am Teppich? Der Andachtsschrein tropft ganz schön.“
    „Das Wachs bleibt, wo es ist.“

    „Hast du schon mit den Hubers gesprochen?“
    „Wen kümmern die Hubers….?“
    „...ihr Sohn ist immerhin gefahren…“
    „Die Traueransprache von Herrn Huber war schön.“

    „Und der Kranz für Anna war auch schön. Sie hätte ihn gemocht.“
    „Blumen zum Valentinstag hätten ihr sicher besser gefallen.“

  • HeimkehrerDatum06.03.2010 20:01

    ich trage schwarz an dem tag der mich heimbringt
    erklimme die stufen zum einsamen haus
    sehe mich selber als buben
    der den hausflur hinaufspringt
    und den unerfahrenen jungen
    der nichts als die kleider am leibe mitbringt
    in die lockende welt hinaus

    ich trage schwarz an dem tag der mich herbringt
    schaufle erde ins frisch gehoben loch
    und die träne die mir salzig die wange entlang rinnt
    erinnert mich an den feigling von damals
    der sich fern von zuhause verkroch

    ich trage schwarz an dem tag der zurückbringt
    was einst ein leben gewesen war
    und während erinnerung
    den steinernen garten durchdringt
    sehe ich freudig und klar
    wie der bub von damals
    den mann heute einnimmt
    und wie dieses mannes vater
    so unglaublich stolz auf ihn war

    für
    E.A.
    1954 - 1996

  • scylla (dysmorphophobien)Datum06.03.2010 20:11

    derart
    einsam bei nacht
    ewig hungrige flußtochter
    begleitet nur noch
    von der charybde schlingendem tosen
    in der enge von messina
    verlangt wird mitleidslos
    für jeden hundekopf ein opfer
    um die begierden zu beruhigen
    seit dem tag an dem
    das sommerliche bade hintergangen
    auf einem dutzend canidentatzen
    jäh sein ende fand
    schönheit nicht mehr
    nur grausamkeit fortan
    und das verlangen nach
    der geliebten tage unverratenen
    umarmungen an unversehrtem
    geist und körper
    die einstmals schöne frau ist nun
    entstellt und
    gottverlassen

  • anemonentagDatum11.03.2010 08:47

    ein kleines bächlein lauert
    schlangensaphirfarben
    wolkentürme schweben
    hastig übers land
    die gemeine esche unter der wir ruhen
    schenkt uns keine achtung
    vater wendet zärtlich
    rotes fleisch am grill
    auf den weiten grünen wiesen
    sommerabendausflug
    sind wir die letzten
    schwesterherz
    du rufst anemonentag
    und wirfst mit kleinen weissen blüten
    nach mama

  • die krankheit zum todeDatum15.03.2010 16:42

    sicher
    wenn der tag beginnt
    erklimmen meine augenlider
    abgekämpft
    den feuchten schrofen
    rasten im laternenlicht
    des frisch geschlüpften morgens

    stetig
    sinken alltagsweisen
    aus dem mittagstreiben
    meiner zeitgenossen
    reisen nie gereist
    am abend meist
    bereits vertan

    ständig
    picken spitze zeiger
    entkommen
    meinen bösen blicken
    stetig sicher ständig
    zeigen meine zeit
    vergeht

  • blankDatum17.03.2010 17:08

    tag
    am fenster klebt ein tag
    in den rhododendronblättern sitzt der tod
    von sonnenauf bis
    untergang
    lachhaft
    dann und wann
    hängt noch am vorhang meine hoffnung
    nur läßt er sich nicht schliessen
    die kordel ist
    seitdem ich denken kann
    gerissen

  • parte*Datum17.03.2010 17:12

    wortglauberei mein herz
    ich glaube an worte wie
    fliegen an fliegenpapier kleben
    bleiben taktvolle momente
    bevor das schwirren beginnt
    das zucken und exkrementieren
    ver endet vor dem nach
    vollendet
    ein bißchen traurig und bangend
    vor dem nächsten stich
    einer geteilten meinungs
    ver-schieden-heit wohin man blickt
    deine worte rochen gestern noch
    wie kadaver
    du hast sie wie wild
    in der gegend verstreut
    ich habe sie auf ge-klaubt
    und trage sie jetzt bei mir
    sie stinken aber
    sie wärmen die hände
    in kalten nächten

    *(die parte oder der partezettel: in Österreich eine schriftliche Mitteilung über den Tod einer Person - aus dem französischen für mitteilen)

  • HeidiDatum19.03.2010 08:35

    Letztlich musste ich weinen weil Heidi den Almöhi verlassen sollte. Ich bin über 30 und weine, weil Heidi von ihrem Großvater getrennt wird.
    Nein, das stimmt nicht. Vielmehr getroffen hat mich das schweigsame Grollen des Almöhis. Es erinnerte mich ein bisschen an meine Sehnsucht nach dir. Manchmal hasse ich dich. Die meiste Zeit, hasse ich dich, um ehrlich zu sein.
    "Werd endlich erwachsen“, denke ich mir dann und übe mich im Mann sein. Männer weinen nicht bei Heidi. Männer schauen kein Heidi. Nicht einmal an einsamen Sonntagvormittagen. Männer kennen Heidi gar nicht. Männer tragen ihre Schmerzen schweigend. Wie der Almöhi.

  • drive throughDatum19.03.2010 16:36

    Und, was soll´s schon?
    Was bleibt anderen Menschen, neidlos betrachtet? Lediglich noch ein Tag, noch eine Woche, noch ein Monat, Jahre vielleicht, hin zum Untergang. Zum großen au revoir. Kußhand zurück über die Schulter und ab ins Dunkle.
    Ein bißchen Glamour noch am Schluß. Ein bißchen Kribbeln in der Leistengegend.
    Das Einzige was mir fehlen wird ist Esmé. Esmé, süße Esmé.
    Esmé die immer nach Herbstlaub riecht. Nach billigem, viel zu aufdringlichen Parfüm vom Diskonter und Heidelbeerkaugummi.
    Esmé in ihrer ausgeleierten, roten Stoffweste, deren Ärmel über ihre kleinen Hände bis hinab zu den Kniekehlen hängen.
    Esmé und der sexy geschlitzte, schwarze Rock, den sie in der Abschlußklasse, in unserer ersten Nacht getragen hat.
    Esmé, die zweieinhalb Monate später unser Baby abgetrieben hat, obwohl ich ihr deutlich erklärte, wieviel mir an ihr und dem Kind liegt.
    Esmé die meinte, ich sei selber noch ein Kind.
    Ich blicke in den Rückspiegel und sehe ein letztes bißchen Schnee, das an meiner Nase hängengeblieben ist.
    Schnee im August. In meinem Mazda herrscht der Winter. Draussen hat es nach wie vor 32 Grad obwohl die Sonne vor einer Stunde untergegangen ist. Die Klimaanlage hat den Innenraum auf 17 Grad fest im Griff. Die richtige Temperatur für Schnee in der City, an schwülen Sommerabenden.
    Das hat de facto nichts mit der Wetterlage zu tun, so nebenbei gesagt, sondern lediglich mit der Gemütslage. Und meine steht auf frostig. Arktisch.
    Angespornt schiebe ich mir ein weiteres Löffelchen unter die Nase und sniefe. Dann reibe ich mir die Nase, wische mir die tränenden Auge mit dem Handrücken und fahre vor, zum Schalter der Imbißbude.
    "Drive through"
    Neben mir die, die Ruger ist geladen, entsichert und einsatzbereit. Geld wird´s kaum geben, aber ein bißchen Glamour. Vielleicht eine nette Verfolgungsjagd. Und am Schluß werde ich nicht alleine sein, wenn ich meinen Wagen über die Leitplanken der Autobahnbrücke hinweg, in den Abgrund lenke.
    Ich wünschte ich könnte mein Begräbnis sehen und all die verrotzten Gesichter.
    Esmé, süße Esmé denke ich, lasse das Fenster auf der Fahrerseite hinab und greife gleichzeitig nach der Ruger.
    "Geld her du Schlampe!"
    Ich freue mich tierisch, als ich im Gesicht der Bedienung erkenne, wie unerwartet es für sie kommt, daß mir das Burgermenu, das ich bestellt habe, in Wirklichkeit am Arsch vorbeigeht.

  • TriebtäterDatum23.03.2010 09:58

    Ein Tag wie jeder andere. Dienstag. Arbeitstag. Morgens um halb sieben auf, unter die Dusche; während der Kaffee durch die Maschine läuft. Eine halb leer gegessene Schüssel Cornflakes, zehn verblödende Minuten Frühstücksfernsehen und der eindringliche Wunsch, wieder schlafen gehen zu können. Sich die Decke wieder übers Gesicht ziehen zu können. Zuhause bleiben zu können, weit weg vom ewig gleichen, beschissenen Büroalltag. Weit weg vom dummen Pausengeschwätz und intriganten, breitärschigen Bürotussen. Weit weg von meinem Schreibtischnachbarn, der ständig aus dem Mund stinkt.
    Das Arbeitsleben ist kein Zuckerschlecken. Das hat aber andererseits auch nie jemand behauptet.
    Ich sitze meine Zeit ab.
    18 Uhr. Der Heimweg gestaltet sich wie der Hinweg: Heiß, eng und überfüllt. Die U-Bahn ist zum Bersten voll.
    Zuhause, ein Fertiggericht in der Mikrowelle. Lachsfilet auf Brokkoligratin. Ich dusche. Phil Collins singt im Radio. Das Lied kommt mir bekannt vor, aber der Titel dazu fällt mir nicht ein. Auf jeden Fall habe ich es schon mal gehört. Im Fernsehen laufen die Nachrichten. Den Ton habe ich weggemacht, damit ich das Radio besser höre.
    Das weiße Hemd, in das ich schlüpfe, riecht angenehm nach Weichspüler. Bachblüten, oder so. War eine Aktion im Supermarkt. Wenn man zwei Flaschen davon nahm, bekam man eine gratis. Da musste ich einfach zuschlagen.
    Frische Unterwäsche, frische Socken, eine schwarze Leinenhose und braune Lederschuhe. Die Schuhe habe ich am Wochenende frisch aufpoliert, damit sie schön glänzen. Ich mache mich fertig für die Jagd. Meinen Arbeitstag habe ich hinter mir gelassen. Jetzt kommt der Spaß.
    Ich gehe niemals zwei Mal in das gleiche Lokal. Das senkt die Chancen, ein geeignetes Opfer zu finden und erhöht das Risiko, wiedererkannt zu werden. Die Leute beginnen, sich ein Gesicht zu merken, wenn sie es öfter sehen. Ich will nicht erkannt werden. Ich will anonym bleiben. Deswegen benutze ich auf der Jagd auch niemals meinen richtigen Namen. Auch hier ist es wichtig, Wiederholungen zu meiden. Den Namen muss man sich vorher überlegen, damit er sitzt, wenn man danach gefragt wird, und keine lange Pausen machen muss, um noch zu überlegen. Das fällt auf. Und man will nicht auffallen. Man will anonym bleiben. Gesichtslos. Gutaussehende aber gesichtslos. Der attraktive Typ mit dem klingenden Namen. Der geeignete One-Night-Stand. Keine Versprechungen. Das ist meine Strategie.
    Ich bin nicht an Freunden interessiert. Nur an Opfern.
    Ich parke das Auto. Zwei Straßen weiter habe ich ein geeignetes Lokal ausgemacht. „Candidas“ leuchtet mir über der Markise entgegen. Lachende Grüppchen sitzen im Gastgarten direkt neben der Straße. Deutlich mehr Frauen als Männer. Leichte, spanische Gitarrenmusik schwebt mir entgegen. Die Glasfront des Lokals ist geöffnet. Der Juliabend ist angenehm warm. Kurz vor 21 Uhr. Zeit für meinen ersten Drink.
    Gleich, als ich das Lokal betrete, finde ich Blickkontakt mit einer blonden Tusse. Lange Beine, guter Arsch. So stell ich mir das vor. Wir sehen uns etwa zwei Sekunden lang an, dann wendet sie ihren Blick ab. Zu kurz. Das war zu kurz. Das wird nichts.
    Ich gehe geradeaus zur Bar und bestelle einen Margherita. Die Kellnerin ist dunkelhäutig und spricht mit einem fremden Akzent. Kleine, schwarze Locken fallen ihr auf die Schultern. Sie ist hübsch, aber sicher keine Spanierin, auch wenn sie sich als solche verkaufen will. Ich tippe auf den Kosovo. Aber wer weiß das schon so genau.
    Sechs Minuten später kommt mein Drink. Ich bezahle gleich. Gebe ein angemessenes Trinkgeld. Nichts auffällig hohes. Normal eben, wie jeder andere auch.
    An meinem Margherita nippend, beginne ich den Raum nach möglichen Kandidatinnen abzusuchen. Zuerst die Frauen, die alleine sitzen, dann die in den Grüppchen. Frauen ohne Begleitung sind die einfachere Beute. Hilfloser. Man schleicht sich leise und schmeichelnd an sie heran und schnappt dann im richtigen Augenblick zu. Frauen, die in Gruppen fortgehen, sind da schon etwas aufwendiger. Man muss sie erst von der Herde trennen, bevor man sie bearbeiten kann. Das ist meist mühsam und verlangt große Kreativität und Zeitaufwand.
    Man wartet zum Beispiel bis sie alleine aufs WC gehen. Dann folgt man ihnen, rempelt sie scheinbar unabsichtlich an und ködert sie im darauf folgenden Gespräch. Schnell und erbarmungslos. Man zerrt sie an die Bar, weg von den Bekannten und dann, wenn man etwas Fuß gefasst hat, schleift man sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, ins nächste Lokal. Hier ist es zu laut. Ich verstehe nicht, was du sagst. Suchen wir uns doch einen ruhigeren Platz zum Reden. Wenn sie sich von ihren Freundinnen verabschieden wollen, muss man das sofort unterbinden. Sie könnten ihnen das Vorhaben wieder ausreden. Wir sind ohnehin bald zurück. Die haben doch deine Handynummer. Da werden sie schon anrufen wenn sie was brauchen.
    Frauen gehen selten alleine auf die Toilette. Strategiewechsel sind da öfter erforderlich. Flexibilität. Vielleicht kleine Serviettennachrichten unter dem anonym spendierten Drink. Je nachdem.Wie gesagt, dieses Spiel erfordert Kreativität.
    Ich bin etwas müde heute. Ich halte mich an die Frauen, die alleine da sind. Die Blonde von vorhin hat nicht mehr zu mir rüber gesehen. Sie scheidet aus. Eine Brünette gegenüber glotzt ständig auf ihr Telefon. Wartet wahrscheinlich auf eine Verabredung. Wenn er in einer Stunde noch nicht da ist, kann ich es da mal versuchen. Versetzte Frauen sind prinzipiell willige Opfer.
    Sonst sehe ich nichts Interessantes derzeit. Zwei oder drei hässliche Gestalten wären da noch. Wie üblich. Sitzen alleine und glotzen in die Gegend. Auf der Suche nach Blickkontakt. Ein sicherer Fang, so frustriert, wie die aus der Wäsche glotzen. Witzlos. Wo bliebe da der Spaß.
    Die Kellnerin mit den kleinen schwarzen Locken wirft einen Aluminiumshaker durch die Luft und fängt ihn geschickt mit einer Hand im Rücken. Sie ist ausgesprochen hübsch, denke ich erneut. Kellnerinnen lohnen selten den Aufwand. Sie sind schwer zu kriegen. Abgebrüht. Spielen ihre eigenen Spielchen, hinter der Bar. Kellnerinnen sind Großwild, wenn man so will. Um sie zu erlegen, braucht man die richtige Ausrüstung. Eine dicke Brieftasche, zum Beispiel. Eine goldene Kreditkarte. Einen fetten Wagen in dem man vorfährt. Oder viel, viel, viel Geduld. Ich verfüge über nichts davon.
    Die Brünette gegenüber glotzt, nach wie vor, alle zwei Minuten auf ihr Handy und klopft dabei mit ihren Fingern auf den Tresen. Entnervt. Vielleicht sollte ich Vorarbeit leisten. Ihr einen Drink spendieren. Freundlich rüber zwinkern. Sie auffällig mustern. Dafür scheint es aber noch zu früh. Wer weiß, wie lange sie bereits wartet. Wenn ich zu früh einen Vorstoß wage, könnte ich eine gute Chance verspielen.
    Zwei blonde Tussen, auf der anderen Seite des Lokals, starren ständig zu mir rüber und drehen sich jedes Mal sofort wieder weg wenn ich zu ihnen hinsehe. Schwer geschminkt. Ende dreißig. Nicht die dünnsten. Faltige, schlaffe Haut am Hals und hängende Oberarme. Keine geeigneten Opfer.
    Ich deute der schwarzgelockten Schönheit hinter der Bar, dass ich gerne eine Schale mit Erdnüssen hätte. Sie nickt arrogant. Kellnerinnen. Ein eigenes Spiel.
    Es kommt kein Blickkontakt zwischen mir und der Brünetten zustande. Noch nicht.
    22 Uhr. Das Lokal wird zusehends voller. Lauter. Aufgeheizter. Ich nippe an meinem zweiten Margherita und beobachte die Menge. Wortlos.
    Niemand spricht mich an. Der Freund der Brünetten ist vor zwanzig Minuten gekommen und hat ihr einen dicken Kuss auf den Mund gedrückt. Feuchte Begrüßung. Ralph – Lauren – Polo und umgehängter Pullover. Rosa. Was für eine Schwuchtel. Hat sich wahrscheinlich von seinem Chef einen blasen lassen, nach Dienstschluss im Büro, und ist deswegen zu spät gekommen. Ich frage mich, was die Brünette von dem Loser will. Wahrscheinlich hat er ein fettes Konto.
    Die Kellnerin mit den schwarzen Locken hat Verstärkung bekommen. Ein blondes Püppchen mit Knackarsch und ein Typ, der aussieht, als würde er in einem Fitnesscenter wohnen. Ich tippe mal dass er die beiden Kellnerschlampen bereits öfter als einmal gevögelt hat. Sehr wahrscheinlich treiben sie es regelmäßig zu dritt. Wenn sich sonst nichts ergibt.
    Die Musik ist jetzt lauter. Nicht mehr so sanft, wie noch vor einer Stunde. Heißer. Fordernder.
    Der Typ hinter der Bar zieht eine große Show ab, beim Mixen der Cocktails. Die Blicke aller Tussen ohne Begleitung ruhen jetzt auf ihm. Er beschert ihnen die Vorlage für feuchte Träume. Ich kippe wütend meinen Drink hinunter und bestelle einen dritten. Bei der blonden Kellnerin mit dem Knackarsch. Sie kann nicht viel älter sein als zwanzig.
    23 Uhr. Vierter Margherita. Das Lokal ist zum Bersten voll. Morgen ist Mittwoch. Arbeitstag. Im „Candidas“ spielt das keine Rolle. Die meisten Frauen tanzen jetzt zu Samba Rhythmen. Neue Pärchen haben sich gebildet. Fummeln und knutschen ungeniert auf der Tanzfläche. Nasse Zungenküsse. Arschgrabscher. Ich hatte noch kein Glück. Nichts Geeignetes dabei.
    Gerade, als ich aufgeben will. Austrinken will. Nach Hause gehen will, sehe ich ein streitendes Pärchen gegenüber am Tresen. Sie ist hübsch. Mitte zwanzig. Hochgestecktes, glattes Haar. Rabenschwarz. Eine Figur zum Anbeißen. Ich warte noch. Das könnte eine Chance sein.
    Zuerst knallt sie ihm mit der flachen Hand eine ins Gesicht, dann wirft sie ihm einen Schlüssel an den Kopf. Für einen kurzen Augenblick sieht es so aus, als ob er zurückschlägt. Er ist kräftig. Breite Schultern. Massiver Brustkorb. Mindestens 1,85.
    Macht er aber nicht. Der Freund der schwarzhaarigen Göttin hebt den Schlüssel auf, knurrt sie nochmal an und verlässt dann das Lokal. Sie bleibt am Tresen sitzen. Alleine.
    Ich warte fünfzehn Minuten. Um sicherzugehen, dass der kräftige Typ nicht zurückkommt. Dann pirsche ich mich, den Margherita in der Hand, an sie heran.
    „Na?“, frage ich, lässig an den Tresen gelehnt.
    „Wohl nicht dein Tag, was?“
    Sie sieht mich ernst an. Braune Augen. Dichte, schwarze Wimpern.
    „Spendierst du mir einen Drink?“, fragt sie, ohne mich anzusehen.
    „Klar!“ Ich winke dem blonden Knackarsch hinter der Bar.
    „Wie heißt du?“ frage ich während ich der Kellnerin deute, dass ich noch zwei Mal dasselbe möchte.
    „Ist das wichtig?“, kommt die knappe Antwort. Ich wittere den Erfolg.
    0:30 Uhr. Mittwoch morgens. Noch sechs Stunden bis ich aufstehen muss. Frühstücken. Duschen. Arbeiten gehen.
    Adira fragt mich ob es noch weit sei, bis zu meinem Wagen. Ich verneine. Er parkt in der nächsten Straße. Vielleicht noch hundert Meter.
    „Danke, dass ich bei dir schlafen darf. Peter ist ein Arsch.“, flüstert mir Adira ins Ohr und küsst mich auf die Wange. Ich glaube nicht, dass wir viel schlafen werden. Vielleicht melde ich mich morgen krank. Mal sehen was kommt.
    Ich schließe den Wagen auf und die Schlösser aller vier Türen öffnen sich. Zentralverriegelung. Adira steigt ein.
    Ich stecke den Schlüssel ins Zündschloss. Adira fasst mir ans Knie.
    „Warte noch.“, sagt sie leise.
    „Worauf?“, frage ich und hoffe die Antwort bereits zu kennen.
    „Das siehst du gleich!“ Hände an meiner Gürtelschnalle. Mein Hosenknopf wird geöffnet.
    Genau daran habe ich gedacht. Ich entspanne mich und lehne mich zurück.
    Die Hintertür wird aufgerissen. Eine kräftige Hand packt mich im Genick. Über den Sitz hinweg.
    „Was machst du da mit meiner Freundin?“, höre ich eine dunkle Stimme fragen.
    „Peter!“, ruft Adira „Er hat mich dazu gezwungen!“
    „Das stimmt nicht!“, höre ich mich kreischen. Hysterisch.
    Die Hintertür wird zugeworfen. Peter sitzt auf der Rückbank. Adira und er beginnen zu lachen. Der Griff in meinem Nacken löst sich. Wird durch etwas metallisches ersetzt, das ich unter mein Ohr gedrückt bekomme.
    „Wir fahren jetzt zu dir nach Hause, Loser!“, befiehlt Peter von der Rückbank aus.
    Ich starte den Wagen. Widerstandslos. Im Rückspielgel sehe ich die Pistole in Peters Hand.
    „Ich habe dir doch gesagt, dass er ein leichtes Opfer ist.“, verkündet Adira arrogant. Sie Öffnet ihre Handtasche, zieht ein kleines Döschen hervor und beginnt sich die Nase zu pudern.
    „Gleich, als ich ihn dort sitzen sah, habe ich es ihm angesehen.“
    Adira spricht über mich, als wäre ich nicht da.
    „Wie lange hast du nicht mehr gefickt?“, fragt mich Peter.
    „Ein Jahr? Zwei Jahre? …länger?“
    Ich spüre Tränen über meine Wangen laufen. Meine Hände zittern.
    „Sieh ihn dir an.“, sagt Adira und klappt die Puderdose zu.
    „Glaubst du, den nimmt eine ohne Bezahlung?“
    Sie hat recht. Ich habe kein Glück bei Frauen. Nie gehabt. Aber ich tue gerne als ob. Das fühlt sich gut an.
    „Also Loverboy!“, sagt Peter und lehnt sich zu mir vor.
    „Dann erzähl mir mal, was du für meine Freundin geplant hast in deiner Bude. Und wenn wir dann da sind schauen wir ob wir nicht zumindest einen Teil davon wahr werden lassen können.“
    „Das ist eine klasse Idee!“ ruft Adira und klatscht dabei in die Hände.
    „Damit du auch endlich zu einem Fick kommst!“ Sie strahlt über das ganze Gesicht und schiebt den Zeigefinger ihrer rechten Hand in ihre linke Faust.
    „Es wird dir gefallen, du wirst schon sehen!“, verspricht mir Adira.
    Peter beginnt an meinem Ohrläppchen zu knabbern. Zärtlich.

  • waidwundDatum24.03.2010 21:03
    Thema von Rainek Radar im Forum Zwischenwelten

    die drinks wachsen rasch hintereinander auf dem polierten teak des tresens
    der barkeeper mit der schwarzen fliege summt den salomonsong
    während er einen margarita anrührt
    und der dame mit einsamen blick auf der anderen seite des tresens kredenzt

    jahrestag nummer acht im bepop rhythmus der liveband hinter mich gebracht
    der zweite ohne dich
    sie werden von jahr zu jahr schlimmer und keine besserung in sicht
    die band hat um ein uhr morgens die bühne verlassen
    ich trauere ihr nicht nach so toll waren sie nicht
    ganz im gegenteil zu dir
    eine unvernünftige stimme sang von stunde zu stunde leiser
    in mein ohr: „sie kommt, sie kommt, sie kommt noch…“
    du warst immer zu spät egal zu welcher verabredung
    mit einem lächeln hast du dich dafür entschuldigt
    und man hat dir augenblicklich vergeben
    zumindest habe ich das immer getan
    aber mittlerweile weiß ich es besser
    du kommst nicht mehr hier her, nie mehr
    vor einer halben stunde ist die leise stimme ganz verstummt
    warum hättest du auch kommen sollen nach allem was war

    die dame mit dem einsamen blick versucht seit geraumer zeit
    nicht zu mir herüber zu sehen
    ich nehme mir vor noch etwas zu warten
    und dann mit ihr zu sprechen
    falls sie überhaupt noch so lange hier ist und mit mir sprechen will

    über dem eingang zum lokal durch den du kommen solltest
    hängt teilnahmslos eine uhr die stehengeblieben ist um 3:47
    ich starre sie unentwegt an
    wie ein reh das mit großen augen in das licht
    der entgegenkommenden scheinwerfer blickt
    erzählt mir die dame mit dem einsamen blick
    fünf margaritas später

    als es zeit wird, zu gehen, bekommt
    der barmann ein viel zu großzügiges trinkgeld
    er wünscht höflich "auf wiedersehen"
    "darauf kannst du wetten" antworte ich
    und taumle untergehakt durch die tür hinaus
    der barmann schließt hinter uns ab
    ich habe die dame an meinem arm nicht nach ihren namen gefragt
    um deinen nicht zu vergessen

  • Thema von Rainek Radar im Forum Zwischenwelten

    statisches geknister
    im drei - farben schneegestöber
    blaße haut
    dunkle ringe unter den augen
    langweiliger
    informations - overkill
    aber immer noch besser
    als was sich sonst so tut
    einer starb in berlin
    von polizisten erschossen
    auf der flucht
    selber schuld, irgendwie
    tausende starben in afrika
    regierungsputsch, so weit weg
    tschad? sudan?
    schnell vergessen
    es berührt mich nicht
    ich wünschte es würde
    aber dann:
    anna liebt harald
    der aber lucille liebt
    die von kevin ein kind erwartet
    der sich vor drei folgen
    umgebracht hat
    schlaftabletten und alkohol
    schmerzlos, könnte man meinen
    großes flennen
    bei seinem begräbnis
    die fangemeinde trauert
    blähende magenschmerzen
    kalte pizza und schale cola
    eine stunde später
    knabberzeug
    und zwei schokoriegel
    währen den werbepausen
    früher rannte um diese uhrzeit
    das testbild
    jetzt laufen die wiederholungen
    von vorgestern
    wahllos müde
    aber die fernbedienung
    ist verschwunden
    zwischen den ritzen
    des sofas
    schicksal
    der fernseher läuft weiter
    in malibu werden zwei blondinen
    vor dem ertrinken gerettet
    orange bikinis bedecken
    riesige brüste
    jetzt wird es interessant

  • böse zellenDatum28.03.2010 17:53

    die stimme sie nennt
    mich freund und geliebter
    sie nennt mich herr und gebieter
    erbitterter feind
    sie ruft sie schmeichelt
    sie zankt und sie streichelt
    sie bleckt ihr gebiß
    lässt mich wissen gewiß
    ist sie ist ich und ich
    bin entbehrlich
    sie hingegen
    nicht

  • von nebenan (sonst nichts)Datum30.03.2010 14:30

    zuhause warten
    angebissene wurstzipfel
    am teller verdorrt
    das letzte bißchen
    selbstachtung neben
    dem rissigen braun des senfs
    sonst nichts

    auf der anrichte liegen
    harte brotkanten
    von letzer woche
    weiß ich noch
    nur das junge mädchen
    nebenan schenkte mir
    ihr falschestes lächeln
    sonst nichts

    beim zähneputzen reibe ich
    an den seifenringen
    sehe ich
    die zeit vergeht
    im summen einer neonröhre
    fühle ich mich
    krank
    allein
    sonst nichts

  • überlegenDatum31.03.2010 13:17

    Ein schöner Tag. Das Essen könnte besser sein, aber was solls, man kann nicht alles haben.
    Heute stört es mich nicht einmal, daß die Aufsicht besonders schlechte Laune zu haben scheint. Die Sonne ist warm und der Wind ist kühl. Zwei kleine Wolkentupfen gleiten über den Himmel. Sie sind fast durchsichtig, mehr blau als weiß. Meine Fußgelenke schmerzen, aber ich will mich nicht beschweren. Nicht heute. Hershel murmelt etwas vor sich hin. Ich verstehe ihn nicht aber ich nicke ihm zu und lächle dabei. Armer, alter Hershel.
    Der Schichtleiter stößt mich an.
    „Friß schneller Saujud, oder ich mach dir Beine!“

  • pirates and monstersDatum05.04.2010 13:39
    Thema von Rainek Radar im Forum Kunst



  • thögalDatum09.04.2010 08:49

    schweigende dielen
    welten unter dem estrich
    ein rauschendes meer

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Beiträge: 354
Ort: Wien
Geschlecht: männlich
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