habe im gefängnis nur
auf besuch gewartet
sieger hasten
tasten gefühllos
voran vor ranner
zusammen gebissene
zähne lächeln
globale spielen
im kinderwahn
spielverderber
sind einsamer
nach innen gesogen
vom außenspiegel
gefangen auf rundgang
im vorderhirn
hinter stirnfalten
erstickstoff strömt
trocken gehustet
aus lungenflügeln
an schwungfedern
gestutzt der fantast
mittelpünktlich vergessen
gefangen in rätselhaft
fernseh gerechter
ins frühjahr prall vor
knospend grün endet
die frage zeichen
der zeit fallen kürzen
lebenschancen nur
für gewinner ins
sternbild vorher
sehbare wege
im menschen dickicht
wäre ich
abgrundlos und
auch sonst
untiefen bis knapp
unter die oberfläche
von sinnen sinnlos verfolgt
in kalte höhlen
unter die herzhaut
schein bares
auf konto des
heizkörpers
hinterm fenster
schießen unbestäubt
geile hyazinten
gelbgrünweiße salven
von selbst erdachten göttern
erschaffenverwandte selbst
delphine lächeln über
diese arroganten sozialwesen
hintergehen artgenossen
verbündet gegen feinde
fremdenangst im starren
blick vorbei an innenleere
werben maulhelden für sich
wissend nichts wissen
wissenschaftliche
wachstumsfanatiker
allen mahnern zum trotz
flüchten künstler
in fantasiewelten und träume
verundgeliebte sehnen
sich als zufriedene
verzweifelt hoffend noch
nicht von intelligenteren
wesen entdeckt zu sein
können wir
immerhin noch
über uns
laut lachen
[/size]Ja, wer sind wir denn?
Hochmütige aus unseren eigenen Hirngespinsten erwachsene Geschöpfe, die sich auf dem Umweg über einen selbst gedachten Gott erschaffen ließen, um zunächst nicht als Verwandte der Affen zu gelten.
Inzwischen wissen wir, dass Affen immerhin einen (menschlich) messbaren Intelligenzquotienten von 95 erreichen. Der Normmensch schafft gerade einmal einen von 100. Mit 95 könnte er immerhin mit Mühe den Hauptschulabschluss schaffen.
Ja, wer sind wir denn?
Eine Spezies, die sich vom Tier unterscheiden will und eigentlich in der Evolution nach ausschließlich eigenen Erkenntnissen bisher die höchste Entwicklungsstufe erreicht haben will. Und wenn es nicht so ist? Vielleicht wissen Delphine wesentlich mehr und ihre lächelnde Mimik deutet in Wirklichkeit nur an, wie sie über unsere überhebliche Arroganz denken.
Ja, wer sind wir denn?
Soziale Wesen, die in asozialer Weise immer wieder Artgenossinnen und –genossen hintergehen, bekämpfen, töten oder verhungern lassen.
In der von uns so gern abgewerteten Tierwelt gibt es genügend sozialere Wesen, die einfach nur Respekt vor dem Revier des jeweils anderen Mittieres haben.
Ja, wer sind wir denn?
Zum Beispiel Christen, die einen Gott der Liebe verehren, aber sich nicht in der Lage sehen, Angehörigen anderer Religionen den notwendigen Respekt entgegen zu bringen, die Andersgläubigen den rechten Glauben absprechen, obwohl bekanntlich nur Glaubenszweifel den Glauben steigern können.
Ja, wer sind wir denn?
Verbündete, die sich oft nur gegen äußere Feinde verbünden können und nichts weiter von sich kennen, als Fremdenangst, die sie benötigen, um ihren starren Blick auf den Außenfeind zu richten. Würden sie diesen Blick abwenden und auf ihre vermeintlichen Freunde oder gar in ihr Innenleben schauen, würden sie ihre Leere oder ihre eigentlichen Feinde erkennen.
Ja, wer sind wir denn?
Untertanen, die sich als Maulhelden groß tun und mit Eigenwerbung Etikettenschwindel zu nichts als der reinen Wahrheit erklären. Und je mehr wir der Lüge bezichtigt werden, desto mehr blähen wird unseren Wortschatz auf, mit dem wir die eigene unbedingte Glaubwürdigkeit zu beteuern versuchen. Dabei wären wir wesentlich ehrlicher, wenn wir zugeben würden, uns täglich herauszureden und dabei keine Lüge zu scheuen.
Ja, wer sind wir denn?
Jene, die eigentlich wissen, dass sie nichts Genaues wissen und dennoch mit wissenschaftlichen Errungenschaften herumprotzen, die nichts als Erklärungen sind, die wir unserem derzeitigen Erkenntnisstand entnehmen, an den wir allerdings auch nur glauben können. Neue Zeiten bringen neue Irrtümer mit sich.
Ja, wer sind wir denn?
Wachstumsfanatiker, die entgegen allen ernst zu nehmenden Mahnern nicht wahrhaben wollen, dass unsere Ressourcen begrenzt sind. Die Naturgesetze auszuhebeln versuchen und sich wundern, wenn die Natur zurückschlägt. Ja, die selbst gegen die eigene Natur vorgehen, da sie sich mit ihren kulturellen Leistungen absolut überlegen fühlen wollen. Sieger sind wir, die ihre Niederlagen nicht akzeptieren wollen.
Ja, wer sind wir denn?
Künstler, die häufig alles andere als Lebenskünstler sind und sich deswegen in Fantasiewelten und Träume zu flüchten, um dort zu Erkenntnissen zu kommen, die manchmal in der Realität verwirklicht werden können, oft aber Fantasien bleiben müssen.
Ja, wer sind wir denn?
Manchmal Glückliche. Manchmal liebende Ver- und Geliebte. Manchmal ver- zweifelnde
Wesen, die sich stets nach mehr sehnen, selbst wenn wir uns als zufrieden ausgeben.
Wir sind Geschöpfe, die gern glauben, für die Ewigkeit geschaffen zu sein, und doch nur in räumlichen und zeitlichen Grenzen wahrnehmen können. Wir sind Bewohnerinnen und Bewohner eines kleinen Planeten im endlosen Raum und vermuten bisher noch nicht von Wesen entdeckt worden zu sein, die auf anderen Planeten existieren und über höhere Intelligenz verfügen.
Ja, wer sind wir denn?
Wir sind sicherlich noch viel mehr, haben Humor und daher können einige sogar über sich selbst lachen.
In jedem Fall: Wir sind wir… und (zum Glück noch) entwicklungsfähig!
wieder ein mal
wahn sinn licht schein
geworfen ins
niemands land
suche grund stück
weise aus morgen
land hält es
im norm bereich erde
nicht mehr aus sichts
los gelassen
Bereits in der Schule meinten die meisten seiner Lehrerinnen und Lehrer: Der Junge muss mehr aus sich heraus. Aber es gab auch Schulpädagogen, die froh waren, dass er in sich blieb und ihren Unterricht nicht störte. Allerdings beschwerten sich alle regelmäßig darüber, dass er viel zu leise sprach.
Mit dreiundsechzig nahm Christian Schwab schließlich an einem Senioren-Theaterprojekt teil. Wild gestikulierend flehte ihn Frau Labrecht, Theaterpädagogin und heilpraktische Psychotherapeutin mit tizianroter Kurzhaarfrisur an: „Reden Sie laut und deutlich und kommen Sie endlich richtig aus sich raus!“
Genau. Richtig will er, genau richtig aus sich rauskommen.
Der Theaterkurs brachte Schwab nicht den ersehnten Ausbruch. Im Gegenteil. Als Lichtregieassistent blieb er in dem Stück „Die Ausbrecher“ ein Unsichtbarer, der ausbrechenden Seniorinnen und Senioren ins rechte Licht rückte. Und je mehr die alten Ausbrecher ihre Theatertalente offenbarten, desto mehr Applaus ernteten sie. Schwabs Licht wurde als selbstverständlich hingenommen und nicht einmal beklatscht. Einen Teil des Schlussapplauses konnte er vielleicht für sich verbuchen. Ansonsten ging der Beifall mit drei Vorhängen an alle Akteure und brandete besonders auf, als sich die Hauptdarsteller verneigten oder jene an die Rampe traten, die besonders viel zum Lachen geboten hatten.
„Sie haben Hemmungen, nichts als Hemmungen!“ behauptete Frau Labrecht. „In Ihrem Alter können sie doch vollkommen schamlos werden. Welche unangenehmen Folgen Ihres Verhaltens fürchten Sie? Irgendwann werden Sie auf dem Sterbebett grollen, weil Sie nichts ausprobiert haben. Gehen Sie volles Risiko. Mehr als tot schämen geht sowieso nicht.“
Von wegen. Laut Lichtregieanweisung hatte Schwab eine mutige Seniorin beim angedeuteten Striptease dezent rot zu beleuchten. Er präsentierte sie in grellweißem Licht, das jede ihrer zahlreichen Hautfalten gnadenlos mit Schattenwurf hervorhob. Nach der Vorstellung brachte ihm das eine kräftige Ohrfeige der Faltenreichen ein. Und Frau Labrecht degradierte ihn zum Eintrittskartenverkäufer. Natürlich stimmte die Kasse bei der Endabrechnung nicht. Um sich weitere Peinlichkeiten zu ersparen, steuerte er die fehlenden 41 Euro 72 aus eigener Tasche bei. Bei den nächsten drei Vorstellungen hatte er Kosten in ähnlicher Höhe. Am Ende brachte ihm der misslungene Ausbruchsversuch Kosten von 200 Euro für die Senioren-Theaterkurs-Teilnahme sowie insgesamt 335 Euro 27 ein und darüber hinaus die Verachtung der gesamten alternden Theatertruppe.
Frau Labrecht jedoch verabschiedete ihn lächelnd mit pädagogisch wertvollen Ermunterungen: „Geben Sie nicht auf! Denken Sie immer daran, allzu viel Lebenszeit wird Ihnen nicht bleiben. Nur Mut zum Risiko und zur Blamage, mein Lieber! Also, werden Sie etwas unternehmen?“
Schwab räusperte sich. „Ja, Frau Labrecht.“
„Lauter, mein Lieber!“
Er holte tief Luft. „Ja, Frau Labrecht.“
Nicht von ungefähr rühren ihn Filme und Theaterstücke, deren Darsteller zunächst verkannt und am Ende doch noch anerkannt werden, unweigerlich zu Tränen. Selbst bei noch so rührseligen Schmachtwerken.
Obwohl er schon unter seniler Bettflucht litt, flüchtete Schwab in den folgenden Wochen selten aus der Federbetthöhle. Er blieb liegen und grübelte.
Wenn seine Frau am Nachmittag von ihrer Büroarbeit nach Hause kam, scheuchte sie ihn aus dem Bett und bei ihren Unterhaltungen, die sie ohnehin beinahe ausnahmslos allein bestritt, beschwerte sie sich über seine leisen undeutlichen Antworten. Er verstieg sich zu dem Verdacht, sie würde inzwischen zur Schwerhörigkeit neigen. Doch seinen Verdacht äußerte er nicht.
Heute Morgen wäre wenigstens einer von ihm am liebsten liegen geblieben. Ein Bein wollte laufen. Das andere versuchte hinterlistig, das eine über sich stolpern zu lassen. Obwohl statistisch die meisten Unfälle in der eigenen Wohnung passieren, kam er unbeschadet ins Bad und von dort an den Frühstückstisch.
Er wollte viel und herzhaft essen, bekam aber nicht mehr als ein Brötchen herunter und schlug schließlich die Zeitung auf.
Das stand es: Die Stadtverwaltung brauchte Geld und hatte, hinterhältig wie Bürokraten sein können, eine Verordnung gegen Wildpinkler erlassen, die sich von Mitarbeitern eines extra dafür eingerichteten Ordnungsdienstes erwischen ließen. An die war dann ein Bußgeld von mindestens 20 Euro zu entrichten. Und die Kommunalpolitiker ließen sich noch dafür feiern, mit dem Ordnungsdienst zusätzliche Arbeitsstellen geschaffen zu haben.
Nun ist Schwab altersbedingter Wildpinkler. Sein Harndrang lässt ihn immer häufiger die nächste öffentliche Toilette nicht mehr rechtzeitig erreichen. Zudem sind öffentliche Toiletten in der Regel in wahrlich beschissenem Zustand. Und für das Tragen von Seniorenwindeln konnte er sich noch nicht erwärmen.
So ist er in der Stadt ständig auf der Suche nach versteckten Ecken, in denen es ohnehin schon nach Ausflüssen anderer Wildpinkler stinkt. Vermutlich wird genau dieser Geruch die Mitarbeiter des Urinierverhinderungsdienstes anlocken.
Entschlossen stand er vom Frühstückstisch auf und verließ, ohne vorher zur Toilette zu gehen, seine Wohnung. Nach wenigen Metern stellte sich bereits unterhalb seines Bauches jener Druck ein, der erfahrungsgemäß nach wenigen Minuten zum Überdruck wird.
Da er manches Mal auf dem Weg nach Hause es nicht bis zur wohnungseigenen Toilette schaffte, suchte Schwab nicht selten gut hundert Meter vor dem Haus einen Park auf. Dort hinter einem kleinen Gebäude, das den Elektrizitätswerken für die Stromversorgung irgendeinen Dienst erweist, erleichterte er sich.
Zielstrebig ging er auf den Park zu, öffnete bereits vor dem Elektrizitätshäuschen den Reißverschluss und begann auszupacken, bevor er die Rückwand des Häuschens erreichte.
Beinahe hätte Schwab ihn umgerannt. Wie von Männertoiletten gewohnt, stellte Schwab sich neben ihn und pinkelte gegen die Backsteinwand. Sein Mitpinkler begann gerade mit dem Einpacken, ging aber nicht sondern blieb neben Schwab stehen.
Nachdem der seinen Hahn geschüttelt und eingepackt hatte, stellte der Mann sich Schwab in den Weg.
„Wissen Sie eigentlich, neben wem Sie wild gepinkelt haben?“ Er holte aus der Innentasche seiner Jacke einen Quittungsblock sowie einen Ausweis, räusperte sich und versuchte, seine Stimme amtlich klingen zu lassen. „Ich muss Ihnen zwanzig Euro abnehmen!“
„Aber Sie haben doch gerade auch hier gepinkelt!“
„Noch nie etwas von einem verdeckten Ermittler gehört?“
Schwab holte tief Luft. Der scharfe Uringeruch stach ihm in die Nase. „Sie als Geschlechtsgenosse verraten mich bei einem unserer männlichsten Bedürfnisse. Und das mit einer Hinterhältigkeit… !“
„Nun brüllen Sie mal nicht gleich so.“ Der Mann schlug die Augen nieder und begann kleinlauter zu fragen: „Sind Sie mit zwanzig Euro einverstanden?“
„Nein!“
„Dann muss ich Sie anzeigen!“
„Zuhause darf ich nicht im Stehen pinkeln. Das verbietet mir meine Frau. Aber mein Sohn und ich, wir haben öfter heimlich im Stehen gepinkelt. Und ging was neben das Becken, hat derjenige, der die Tropfen entdeckte, sie klaglos weggewischt. Das war Ehrensache.“
„Nun brüllen Sie doch nicht so!“
„Ich brülle, wenn ich brüllen will.“
Erst jetzt sah Schwab, dass der Mann eine uniformähnliche Jacke trug. An der Brusttasche prankte ein Messingschild mit seinem Namen. Labrecht.
Schwab begann zu lachen. „Christian Schwab ist mein Name. Erzählen Sie bitte Ihrer Frau, dass ich Sie laut angebrüllt habe, sehr laut.“
Labrecht grinste verlegen. „Meine Frau meinte vor drei Jahren, aus unserer Ehe ausbrechen zu müssen. Sie will mich nicht mehr sehen. “
Zu einem entspannten und zugleich spannenden Spaziergang durch Neurosengärten und –treibhäuser lädt Roman-Debütantin Vera Hesse Leserinnen und Leser ein, die sich mit Vergnügen einem Antiheldenepos widmen wollen. Doch nicht nur die Flora in diesen über- und unüberdachten Gärten entwickelt sich zunächst prächtig. Auch die Tierwelt – vor allem die der Insekten – hat ihre ganz spezielle Wirkung auf menschliche Wesen, die sich (immer noch) für die Vollendung der Schöpfung halten.
Georg Schneider (46), von persönlichen Krisen heftigst geschüttelt und dennoch leidenschaftlich starr, umtriebig triebhaft, sehnsüchtig süchtig und zwanghaft phobisch, will fast alles, nur Fremdes und Neues ist ihm beinahe ausnahmslos suspekt. Eisern hält er sich und den meisten seiner Macken die Treue und langweilt sich, in der Mitte seines Lebens angekommen, bereits dem Tod entgegen. „Als er in diesem Seelenloch vor sich hin brütete und kein Lichtstrahl mehr zu ihm drang“, suchte er etwas, das groß genug war, dieses Loch zu stopfen.
Als Lebensersatz schlug er sich zunächst mit einer Wochenzeitung herum, die ihm – leider nur vermeintlich – das pralle Leben ins Haus lieferte. Und zwangsläufig gelang es ihm dabei nicht, zwischen wichtiger und unwichtiger (Zeitungs-)Information zu unterscheiden. So konnte er bereits gelesene Zeitungen nicht wegwerfen. Bei seinem Kampf, die vielfältigen Informationen zu ordnen und zu archivieren, unterlag er und wurde zum Informationsmessie.
Während bei anderen Menschen Leidensdruck ausreichend Anlass zu positiven Veränderungen bietet, kommt Georg ausgerechnet seine leidenschaftliche Insekten-Phobie zur Hilfe, die ihn jedoch zunächst auf direktem Weg in die Katastrophe taumeln lässt.
Der bisexuelle Georg hatte es mit einem Schwulen ausprobiert und will es gerade wieder mit einer für ihn äußerst reizvollen Frau versuchen. Da legt ihm ein zunächst scheinbar nicht zu ergründender Zufall die Riesenkakerlake Körk ins Bett. Auch Körk ist auf seine Art liebesbedürftig. Und da Georg zwanghaft loyal reagiert, gibt ihm das neue Haustier manche Gelegenheit, seine Treue zu dem Rieseninsekt zu beweisen.
Der Leser mag zwar an Kafka erinnert sein. Doch Körk durchlebt keine Verwandlung. Dafür wandelt sich schließlich Georg allmählich. Allerdings nicht zum Käfer, sondern durchaus zu seinen Gunsten in einen liebenswerten Mann.
Selbst wenn Happyends in modernen ernsthaften Romanen eher nicht mehr „in“ sind, ist der Ausgang dieses äußerst skurrilen Entwicklungsromans durchaus von beglückender Wirkung für Georg und für Leserinnen und Leser.
Für alle, die das hohe Lied der Liebe und Freundschaft weniger gern in schwülstigen Opern oder gar Operetten genießen, lässt die Autorin – in ganz eigener Sprachmelodie – eher gelungene Parodien von Alltagsliedern erklingen.
Obwohl Vera Hesse in jedem Fall mit psychologischem Tiefgang daherkommt, bringt sie mit ihrem Roman nicht nur Männer in persönlichen Krisen sowie Paare im Beziehungsclinch trotzdem zum Lachen. Aber auch vor und nach Krisen kann der Roman – vorzugsweise im Bett gelesen – seine humorvoll entspannende und damit heilsame Wirkung entwickeln.
Vera Hesse, Körk!, Roman, van Aaken Verlag Köln 2008, 249 Seiten, € 12, 95
im gelichteten
januarwald vernebelt
friere ich
voll lust voll
der lehre entgegen
im hirn gebietet
ein gedenk gott
wind gebets mühlen
von geästen grieselt
raureif auf moose
im nassen laub
unter modernden
baumleichen stochert
eine amsel
aber
ein roter milan
wartet auf beute
leichter dunst
am blauen gewölbe
des vorletzten
jahrestages rückblick
vor allem bank
noten miss klänge
der ermordete jeh eff keh
blieb weiterhin
ein behliner
die mauer wuchs
in köpfen und im niemandsland
zwischen wohl habend
und nicht wohlhabend
afrika stirbt immer noch
an aids, flucht und ertrinken
das jahr in wechselhaft
und der jahres wechsel
wird nicht eingelöst
„Die meisten Begegnungen sind Missverständnisse!“ Das jedenfalls sagte er vorgestern. Und gestern Morgen lief er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu und drückte mich sehr fest an sich. Zu fest für noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden. Länger kannten wir uns nicht. Außerdem war ich vorgestern gar nicht mit ihm sondern mit Sascha verabredet. Sascha war jünger als ich und kam öfter nicht. Gestern auch nicht.
Der Alte lud mich zu einem Bier ein. Später zu weiteren. Nach Mitternacht brachte er mich nach Hause. Bis vor meine Wohnungstür. Keine Umarmung. Nicht einmal die Hand gab er mir.
Gestern Mittag trafen wir uns am Busbahnhof wieder. Zufällig, wie er behauptete. Eigentlich warte er auf seine neue Lebensgefährtin. Allerdings warte er schon über eine Stunde.
Natürlich wusste er, dass ich Sascha zur Rede stellen wollte. Nicht einmal angerufen hatte der mich gestern. Und bei Sascha meldete sich den ganzen Abend nur die Mailbox. Der Bus in die Nordstadt fährt ab Busbahnhof und Sascha wohnt dort. Sascha lacht immer. Selbst als ich ihn vor zwei Jahren für zwei Auslandssemester in Boston verließ.
Der Alte hielt mich lange fest. Zu lange. Er roch nach warmem Spätsommerabend. Dabei weiß ich gar nicht, wie warme Spätsommerabende wirklich riechen. Plötzlich ließ er mich los und lud mich zum Kaffee ein. Ich zögerte und wusste längst, dass ich mitgehen würde.
Wir setzten uns auf eine Polstereckbank in einer kaum beleuchteten Ecke der altdeutsch eingerichteten Busbahnhofskneipe und plauderten über Unverfängliches. Zunächst. Dann ließ er längere Gesprächspausen entstehen und ich sah mich gezwungen, sie mit Worten zu füllen. Zwischen den Pausen war er bemüht, im freundlichen Predigerton Geistreiches von sich zu geben.
„Wahrheiten…,“ sagte er, „sind unmodern. Selbst um letzte Wahrheiten reden sie herum!“
Er - mindestens vierzig Jahre älter als ich - fuhr sich nach jeder seiner Weisheiten mit beiden Händen durch die grauen Haare, die für sein Alter ungewöhnlich dicht waren.
„Selbst wenn einer todkrank oder uralt ist, versuchen sie, ihm einzureden, er habe noch Jahre zu leben. Können Wahrheiten einfach nicht mehr wahr sein lassen.“ Er stöhnte leise.
Nach einer besonders langen Pause begann er mit abfälliger Stimme von einer Frau zu erzählen, neben deren Auto er so nah geparkt hatte, dass er sich genötigt sah, sie zu fragen, ob der Abstand zwischen den beiden Autos noch reiche, um bequem in ihren Wagen einzusteigen. Voller Entrüstung habe die Frau, die etwa so alt wie er gewesen sei, den Bauch eingezogen, vorsichtig die Autotür geöffnet, aus- und wieder eingeatmet und triumphierend behauptet, in den letzten Monaten fünf Kilo abgenommen zu haben. Ob er das denn nicht sehe.
Doch, doch, allerdings sei er schon ein wenig kurzsichtig.
Gerade in den letzten Monaten, erzählte er mir nach einer Pause weiter, schaue er ständig Frauen - jungen Frauen - hinterher und stelle sich vor, mit ihnen zusammenzuleben. Am liebsten würde er sie sich einverleiben, um deren Energie in sich aufzusaugen. Natürlich habe das Kannibalisches, obwohl es ihm reiche, allein ihre Seelen zu vereinnahmen.
Er schüttelte den Kopf und redete leise weiter. Am sonderbarsten werde er, wenn er in der Nacht zuvor schlecht geschlafen habe. Und er schlafe seit Jahren in beinahe jeder Nacht nicht gerade gut.
Übrigens, wenn alte Männer meinen, auf plumpe Art zudringlich werden zu müssen, finde er das abscheulich. Dennoch legte er behutsam seine Hand auf die meine und begann sie zu streicheln. Ich ließ es geschehen. Aber er hörte schnell wieder auf und redete weiter.
„Wissen Sie, heute Nacht wurde ich gegen zwei Uhr wach. Gedanken nachtfalterten in meinem Kopf. Ich fror und stellte mir vor, eine Höhle in ein Steilufer hoch über dem Meer zu graben. Im Schoß der Erde fühle ich mich am sichersten.“
Meine Augen begannen unwillkürlich feucht zu werden. Aus Verlegenheit griff ich nach der leeren Kaffeetasse, tat, als würde ich ein Schlückchen trinken.
Als ich aufblickte, starrte er mir in den Pulli-Ausschnitt. Ertappt lächelte er und erzählte hastig, er sei auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Einer mit Balkon. Auf Balkons fühle er sich wie ein kleines Kind, das von seiner Mutter getragen werde.“
Ich lachte. „Sie könnten zwar mein Vater sein, aber ich würde nie auf die Idee kommen, mich von ihnen tragen zu lassen.“
Bedauernd zuckte er mit den Schultern und griff sich stöhnend oberhalb der Taille in den Rücken. „Könnte Sie auch gar nicht mehr tragen! Übrigens neulich habe ich im Museum in einer Vitrine einen nackten kleinen schwarzen Engel aus Porzellan gesehen. Der war höchsten zwanzig Zentimeter groß, hatte den schlanken, wohlgeformten Körper einer Frau und stieß mit der rechten Hand einen goldenen Spieß in den Rücken eines nackten Mannes, wie ein Erzengel, der einem Drachen den Todesstoß versetzt.“
Ich versuchte zu lächeln. „Wenn ich an Engel denke, sehe ich vor mir immer diese Marmor-Putten mit Baby-Speck-Falten und Mini-Penis, Engelchen, wie sie auf Altären von Barockkirchen herumschwirren.“
„Wahrscheinlich haben sich an denen pädophile Barockbildhauer ausgetobt. Und manchem katholischen Priester hat deren Anblick bei seinen frommen Übungen geheime Lust bereitet.“
Er grinste. „Wie alt sind Sie eigentlich?“
„Fünfundzwanzig!“
„Und Ihr Name?“
„Anna!“
„Das war doch die Mutter der Gottesmutter Maria. Die Oma von Jesus.“
Ich zuckte mit den Schultern. Bereits in der Schule war Religion nicht mein Fach gewesen.
„Und Sie, wie heißen Sie?“
„Hans Hanstedt!“ Er sprach langsam, als müsste er sich erinnern. „Ja, Hans Hanstedt.“
„Ich bin neunundsechzig.“ Im Krieg geboren. Am besten wurde man damals gar nicht geboren oder kam gleich im Soldatenalter zur Welt. Der Führer brauchte Soldaten. Meine Mutter baute in unterirdischen Fabrikanlagen Granaten zusammen, während mein Vater in Russland angeblich deutsche Frauen und Kinder verteidigen musste. Heute verteidigen sie auch wieder Deutschland am Hindukusch.“
Er stieß mit beiden Ellenbogen gleichzeitig auf den Tisch, nahm den Kopf zwischen die Hände, hielt sich die Ohren zu, schloss die Augen, öffnete sie wieder und lächelte. „Für meine Mutter war ich damals, als mein Vater im Krieg war, Kopfkissen. Sie nahm mich mit in ihr Bett und legte ihren Kopf auf meine Brust. So konnte sie am besten einschlafen. Jedenfalls behauptete sie das.“
Erneut wurden meine Augen feucht. Er rutschte neben mich auf die Bank, roch nach Spätsommerabend, räusperte sich und fragte leise, ob er seinen Kopf auf meine Schulter legen dürfe.
Unwillkürlich rutschte ich ein Stück von ihm weg und dann wieder zurück.
„Nur meinen Kopf?! Meine Frau hat mich früher im Bett immer aufgefordert, ich sollte mich doch einmal richtig auf sie legen. Konnte ich nicht. Schließlich lief sie mir weg. Vor acht Jahren. Nach über fünfunddreißig Jahren. Hat nur einen Zettel hinterlassen. Habe dich nie gespürt, stand darauf.“
Vorsichtig schob ich den Alten ein wenig von mir weg und stand auf. „Ich fahre jetzt zu meinem Freund!“ sagte ich und wunderte mich über meinen harten Tonfall.
Er nickte. „Den Kaffee zahle ich! Und ich würde mich freuen, wenn wir uns morgen hier wieder treffen!“
„Von mir aus! Gegen Mittag?“
„Morgen gegen Mittag!“
Sascha traf ich nicht an. Als ich auf der Rückfahrt am Busbahnhof umsteigen musste, ging ich noch einmal kurz in die Kneipe. Hans Hanstedt war nicht mehr da. Der Kellner winkte mir mit einem Zettel. „Von dem Grauhaarigen! Soll Ihnen den eigentlich erst morgen geben.“
„Könnte dich belasten! Hans.“ Stand in zittriger Schrift auf dem Zettel.
Der Kellner sah mich neugierig an.
„Wissen Sie, wo ich den Alten finden kann?“
„Nein. Habe ihn, soweit ich mich erinnern kann, erst zweimal hier gesehen. Mit Ihnen.“
Heute Morgen ging ich sofort in die Busbahnhofskneipe.
„Er war gestern Abend noch einmal hier! Mit einer älteren Frau.“ Der Kellner lächelte verlegen.
„Haben ziemlich viel getrunken, die Beiden. Betrunken waren sie aber nicht. Als er die Kneipe verließ, riss er sich von der Frau los und rannte über die Fahrbahn. Wurde vom Bus angefahren. War nicht so schlimm. Dennoch haben sie ihn mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren. Die Frau fuhr mit.
Ich nahm den Bus zum Krankenhaus.
„Den haben wir gerade wieder entlassen. Wir haben ihn gründlich geröngt und eine Nacht hier behalten. Hatte keine inneren Verletzungen. Eine ältere Frau hat ihn abgeholt. Sie hatte ihn auch am Unfallabend ins Krankenhaus begleitet. Sind Sie seine Tochter? Ich darf nur Angehörigen Auskunft geben.“
„Nein, nur eine Bekannte. Leider!“
Die Krankenschwester zuckte mit den Schultern. „ Er hat mir gesagt, er würde heute seine neue Wohnung beziehen. Er habe endlich eine mit Balkon gefunden.“
schon wieder auf
der überholspur
zwei atemzüge
gleichzeitig fragen
und keine zeit
zur antwort
ohne lange weilen
kein auf and halt
das echo rauscht
im mittelohr
überschall
vor der front
frisch gestrichen
gefugt geglättet
gläsern
ordnung voraus
eilend gehorcht
rituale sind wieder
modern bleibt mode
gewohnt anstößig
nimmt keiner anstoß
zu neuem spiel
verpflichten nachbarn
im kollegenkreis
schwindelig gedreht
der augen
blick
alltag haucht lau
über die visage
gecremt nicht ohne
pickel in verschwitzten denkerfalten
nistet staub und
hinter milchglas
verbotene blicke
suchen noch sehnen
im verlorenen
gesicht