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  • Kurz und SchmerzlosDatum16.05.1970 19:38
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Kurz und Schmerzlos
    - Räuberpistole –


    Negativrolle

    Während der Frachttransporter wieder gemächlich über die Ostsee rollt, werden,
    seine pünktlich abgeladenen Offset-Papierrollen mit über 50 km/H über mehrere
    Bahnen durch ein Labyrinth von Dutzenden Drucktrommeln gejagt. Schicht für
    Schicht, Farbe für Farbe werden sie mit Informationen, Bildern und Werbung
    bedruckt.

    Hintern den seitlichen Verkleidungen der meterlangen Heidelberger
    Druckmaschinen arbeiten Motoren, die über Wellen, Getriebe und Kupplungen das
    Räderwerk am Leben halten. Die Tage der Mechanik sind aber gezählt. Zu
    kostspielig sind Schwingungsdämpfer, ihre Wartung und die daraus resultierende
    Makulatur. Nicht zuletzt der zeitintensive Austausch, der auf die Trommeln zu
    spannenden, Druckplatten um ein anderen Druckprozess beginnen zu können.
    So auch jetzt wieder. Der Druckprozess der HörZu wird angehalten. Neue
    Druckplatten werden auf die Trommeln gespannt. Der Aufwand wird aber nicht
    betrieben, um eine andere Zeitung oder Zeitschrift zu drucken. Nein, nur eine
    spezielle Ausgabe der HörZu für einen besonderen Ort muss jetzt gedruckt werden.
    Der Inhalt ist gleich, aber die Werbung, die Anzeigen sind anders. Diese HörZu wird
    später nur in einem Ort verkauft. Er hat die Koordinaten 49° 21′ N, 8° 15′ O und ist
    das größte Dorf dieser Republik. Das gleiche Spiel wiederholt sich in vielen
    Druckereien dieses Landes mit anderen Druckerzeugnissen.
    Wenige Stunden später rollen Vierzigtonner in Hassloch ein, um ihre Zeitungsballen
    abzuwerfen. In Hassloch ist alles typisch. Hassloch ist die Negativrolle unserer
    Republik. Darum entscheidet sich die Zukunft in Hassloch. Alle Erzeuger wissen,
    dass der Hasslocher entscheidet was gegessen, was gewünscht und was gekauft
    wird. Das hat Vorteile nicht nur für die Erzeuger. Die HörZu gibt es kostenlos und
    einen Kabelgebührzuschuss von Drei Euro 85 Cent monatlich obendrein. Und Alle
    Daten der Konsumenten, ihr Fernseh-, Freizeit und Kaufverhalten, ihr Leben sammelt
    still und leise die Gesellschaft für Konsumforschung, die GfK.
    Wie der Hasslocher entschieden hat, welches Produkt angekommen und welches
    Produkt auf keinem anderen Warenband der Republik mehr landen wird, dass weiß
    am Ende nur die GfK. Darum dulden die GfK und die schon im Verein zusammengeschlossenen
    Hasslocher-Probekonsumenten nicht, wenn einer wo anders einkauft
    als in Hassloch. Da erkundigt sich dann schon mal ein Mitarbeiter der GfK persönlich.
    Der Clown
    Tief unten im Nürnberger Erdreich, im tiefsten Kellergeschoss stehen die number
    cruncher, die Hochleistungsrechner und Datenbankserver der GfK-Zentrale.
    Sie werden ununterbrochen von einer Datenpipeline gefüttert, die sekündlich das
    Konsumverhalten der Hasslocher in die Rechen-Getüme pumpen.
    Modernste Lüftertechnik minimiert das Rechnen der Prozessoren und die
    Abspeicherung der Daten auf die Festplatten zu einem leisen Sirren.
    An der Frontseite des großen Rechnerraumes öffnet sich eine Fahrstuhltür. Zwei
    Uniformierte betreten den Raum. Sie sind augenblicklich irritiert, denn sie sind allein.
    Eigentlich müsste hier mindestens ein Systemadministrator anwesend sein.
    „Haben die heute alle frei? Hier stimmt doch was nicht?“, fragt der Ältere sichtlich
    nervös. „Hier stimmt doch was absolut nicht.“
    Der jüngere glotzt nur tumb. Er wandert weiter in den Raum hinein. Sein Kollege
    nestelt unschlüssig an seinem Funkgerät. Die Situation ist ihnen neu.
    Der Jüngere bleibt unvermittelt stehen und starrt auf einen Monitor.
    „Komm mal schnell.“
    „Was denn?“
    „Komm doch mal. Schnell. Guck Dir das mal an.“
    Der alte Wachmann, jetzt so alarmiert, dass sein Puls am Anschlag ist, zögert nicht
    länger und läuft zu seinem Kollegen.
    Als er das Bild auf dem Display sieht, ist ihm als ob die Zeit aussetzt. Die Momente kleben aneinander. Alle Geräusche, alle Hintergründe verlieren sich. Er sieht ist nur noch einen Clown. Ein großes Clownsgesicht mit einer großen, roten Nase, füllt den
    gesamten Bildschirm aus. Die Pupillen des Clowns rollen zu einem Zählwerk, dass
    auf Null runterzählt. 19. Dann schaut der Clown ihn wieder an und wieder auf das
    Uhrwerk. 18. Die Mimik des Clowns wird zunehmend entsetzter.

    „Cool, oder?“
    Die Worte des Jungspunds vernimmt er erst nur gedehnt, dann scheinen die Worte
    sich zu überholen. Schlagartig ist ihm der ganze Raum und das monotone Sirren der
    Lüfter wieder präsent.

    „Raus hier! Schnell!“, schreit er und sprintet zur Tür.
    Jetzt erkennt auch der Jüngere welche Gefahr ihnen droht. Sie stürmen zum
    Fahrstuhl und hämmern auf die Ruftaste. Indes der Clown bei 10 angelangt ist. Nun bläst er seine Wangen überdimensional auf und stopft sich bei 5 die Finger in die Ohren.
    Die Fahrstuhltür geht wieder zu. Die Wärter drücken sich an die gegenüberliegende
    Wand.
    Ein fürchterlicher Knall. Den Wachleuten erstarrt jeder Muskel im Gesicht. Sie wissen es ist ihr letzter Moment. Dann spüren sie wie die Tür der Kabine sich nach innen drückt; das Aufzugsseil über ihnen reißt. Die Tür bricht. Eine Feuer- und Hitzewand quellt hinein. Ihr Sauerstoff wird augenblicklich verschluckt und ihre beiden
    Seelen werden wie Lichter am Docht ausgedrückt.


    ... und wer weiter lesen will kann das hier

    http://www.guennimats-tippit.de/KurzundSchmerzlosneu.pdf

    tun, bzw. sich den Text als Pdf von da runterladen. Danke.
  • Ein Müsser mußDatum16.05.1970 17:05
    Thema von Brotnic2um im Forum Liebe und Leidenschaft
    Du musst, hast Du geschrieben.
    Aber nichts muß müssen.

    Das Schöne ist,
    daß Texte nicht müssen
    sondern sind.

    Such nicht Deine Texte,
    denn wenn sie sind,
    werden sie Dich finden.
  • MacGuffinDatum16.05.1970 16:21
    Thema von Brotnic2um im Forum Zwischenwelten
    MacGuffin
    (kleines kino)


    Bewegt, meinem kleinen, dekadenten Herzen einen Stoß versetzt, kurz aufblitzen lassen, dass mein Arsch am Kopf hängt, diesen Stoß hat mir MacGuffin im Brunnen versetzt.

    Es sind keine Bilder hungernder Kinder oder beschnittener Mädchen südlich des Weißwurst Äquators. Angesichts dieser Brot für die Welt Spots bin ich nur versucht, meine Cheese Nachos in die erzwungene Betroffenheitsvisage meines Sitznachbarn zu reiben. Weil mir der Appetit vergangen ist. Nicht weil ich ein schlechtes Gewissen oder unversehrte Schamlippen hätte, nein, weil es mich ankotzt, in einem Cineplex-Multiglas-Hybrid-3D-Palast von so einer aufgesetzten Scheiße kurz vor dem Langnese beworbenen Hauptfilm belästigt zu werden.

    Das widert mich nur an, das lässt mein Herz kein Hopperchen machen, dass lässt mich nicht spüren, dass ich vergänglich und ein Arschloch bin.
    Schon gar nicht im Vergleich zu der Popcorn im Familienformat vermümmelnden biologischen Einheit hinter mir. Popcorn riecht nicht nur nach toter Maus und fragt besser nicht woher ich das weiß – probiert es einfach aus – es ist eindeutig: tote Maus. Aber das bewegt mich alles nicht. Angst habe ich nur vor MacGuffin aus dem Brunnen.

    Kein Asteroid, auf 2029 prognostiziert, vermag mich in meiner Routine zu beeinflussen. Auch nicht 2028. Den jetzt, oder später angestochenen Schweinen, die quiekend durch die Endzeit winseln, sei schon versprochen, dass ich mit meiner Elektrozange auf euch warte. Quäken, kreischen, alle Sitten fahren lassen, ist stillos selbst wenn die Hunnen an die Pforte klopfen. Ich schenke euch schon jetzt meine stiff upper lip.

    Das widert mich nur an, daß lässt mein Herz kein Hopperchen machen.

    Angst habe ich nur vor MacGuffin aus dem Brunnen.

    Einen Deckel auf den Schacht schieben. Ihn einschließen, daß sich kein Licht mehr aus seinem Schacht bricht. Ein Mantra murmeln, daß ihn auf ewig bindet. Das alles will ich tun, um ihm nicht in die Augen zu sehen, um ihn nicht auf die Leinwand zu lassen.
  • Durch die NachtDatum16.05.1970 14:08
    Thema von Brotnic2um im Forum Arbeitshügel
    Irgendwann begriff ich, daß ich alleine bin. Und immer alleine war. Ich begriff, daß ich vor dieser Einsicht flüchtete. Daß ich nur tat, worum Ihr mich gebeten habt.

    Dazu musste keiner von Euch aufstehen und mich fordern. Ihr musstet nur sein wie Ihr seid: Gemeinsam.

    Da ich nicht wusste was mein Geist und auch mein Körper wollte, da ich nicht begriff, daß ich anders hätte sein können als Ihr, zwang ich mich, Euch zu folgen und wähnte auch kurz, als ich eine Frau fand, mich zu Hause.

    Welch Irrtum. Entfernt hatte ich mich von mir.

    All die Traditionen, die Folklore, sie waren nur aufgesogen, aber nicht inhaliert. Ich versuchte zu verstehen obwohl mein Magen rebellierte.

    Ich blieb ich und Ihr ward Ihr.

    Die Mauer zwischen mir und Euch konnte ich weder durch kauen noch durch Osmose durchdringen. Mein Herz blieb stets nur bei mir.


    Als ich, wie so oft, mit Euch durch die Nacht fuhr, und Du, Weib, hinten saßt mit der Tochter, die nicht alleine sitzen kann, da spürte ich, daß ich nie bei Euch war. Da spürte ich, daß alles was ich wirklich bin , besser vorne bleibt und Euch keine ehrlichen Blicke schenkt.

    Es schneite und ich fuhr Euch durch die Nacht. Wir, zwei Erwachsene, Eltern gar, hatten Angst. Angst, daß die Verhältnisse unser aller Glück ein Ende bereiten könnte. Wir hatten Angst vor dem Schnee, vor dem Eis, aber nicht vor Uns.

    Ich hörte wie Du mit Ihr sprachst, wie Du auf Sie eingingst, suchtest Ihr die Furcht zu nehmen. Ich hörte das. Aber es berührte mich nicht.

    Die Straße, der Schnee, die abgefahrenen Reifen, das Dröhnen der Radlager, die Stimmen hinter mir, die sich in Liebe zugetan und ich selbst, der sich mitunter im Spiegel sah. Teile, die nicht zueinander passten, je zueinander passen würden. Welcher Druck brachte zusammen was nicht zusammen gehört?

    Welche Energie mich von Euch trennte? Gewalt. Freiheit!

    Der Wunsch zu mir zu kommen, zu mir allein. Bei mir will ich bleiben.

    Kein Richter hätte besser trennen, was dieses Messer nicht sauberer hätte können.



    [Ist das zu fett? Kann das alleine taugen? Mit einem bestimmten Avatar an einem anderen Ort war ich mit dieser Geschichte, d.h. mit dieser kurzen Zustandsbeschreibung ganz zufrieden.]
  • Tod eines BlütenblattbewohnersDatum16.05.1970 11:15
    Thema von Brotnic2um im Forum Märchen, Fabeln, Sci-F...
    St. Michael und der starke Samurai,

    pflügten mit Flut und Axt mein Feld um, bis keiner meiner Erdäpfel es mehr wagte, sein knollenhaftes Haupt zu heben.

    Schon lange vorher vertrieben sie den natürlichen Meister auf eine unfruchtbare Scholle, wo er nur sein trauriges, crumbuckliges Gewächs züchten konnte.

    Hingegen der Wärter der blauen Blume und sein freundlicher Freund ehrbar nicken und im Gleichklang reinen Gewissens wieder neue und unverdorbene Saat säen.

    Worthygiene und Regeln sind unseren Trollspaltern oberstes Ziel. Gewissenhaft spähen sie über Auen. Soll kein Orc sich trauen ins kuschlige Auenland. Selbst das lüttkische Ficken wurde erfolgreich verbannt. Nur echte Tierliebhaber reichen sich hier noch zum Gruß die Hand.

    Schwer ist ihre Aufgabe, ja unlösbar fast, denn der König dieses flachen Lands beschwor die beiden mit großen Worten, stets und sonders das Gesetz zu achten und niemandem außer sich selbst und den anderen Wächtern der Wortgemarkungen, - und wenn dann auch nur mit verhülltem Gesicht während mondbeschienener Nacht - die Namen und Adressen der Bösen zu nennen. Ach, wie in Ketten lag so ihre Macht. Doch groß Michael und mächtiger Samurai folgten dem Gebot und schafften was nicht zu schaffen war.

    Ja, jetzt wächst das Wort von allen Seiten grün. Auch das in den Brunnen gefallene teuflische Kind ist endlich still. Ein fünfzigmaliger Deckel, allein gehoben und gestemmt, vom starken Samurai, versperrt für immer dem Brunnenwicht den Weg ans Tageslicht.


    St. Michael und Samurai, euch schrieb ich gerne lange Briefe und drückte auch mal dort und hier auf jenen Klingelknopf: Kontakt. Ich war nicht wirklich überrascht, dass so eherne Rittersleut wie ihr es seid nicht mit Fröschen reden wollt. Ja, das sehe ich nun auch und halte mich drum an die Worte eures Königs, der mir empfahl, einfach ein anderer zu werden.

    So sei es.
  • VerdichtungDatum16.05.1970 10:49
    Thema von Brotnic2um im Forum Diverse
    Muß es so sein wie es ist?
    Wer bin ich schon, zu denken, dass es anders sein könnte?
    Na, dann ist es so wie es ist.
    Ist das nicht banal?
    Ja, wenn Du es nicht ändern willst, dann schon.
  • Thema von Brotnic2um im Forum Ausgezeichnete Prosa
    Zackes von der Saale


    - Gespräch zweier Herren in einer Gaststätte –

    „Der Dackel war ein Nazi!?“
    „Was?“
    „Das hast Du grad gesagt: Der Dackel war ein Nazi.“
    „Schmarren. So hab’ ich es nicht gesagt. Ich erklär dir das noch mal Stück – Ja, bitte das gleiche noch mal, danke – Stück für Stück. Also:


    Es fing mit diesem Anruf an. Mein Ex, Röhrchen, der bat mich um einen Gefallen. Den hätte er ja noch gut bei mir. Nur weil ich ihn halt, hab sitzen lassen. Tucken. Nicht? Egal: Er sprach; Wenn ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen hätte und ich nicht nur so daher gesagt hätte, dass wir Freunde bleiben könnten, dann könnte ich ihm einen riesigen Gefallen tun und alles wär vergessen.


    „Und?“
    „Der ist sonst nicht so.“
    „Wie jetzt?“
    „Na, wie schon? Tuntig!“
    „Ja? Ihr wart mal zusammen?“
    „Können wir weiter machen?“
    „Na gut, wie hast Du reagiert?“
    „Wie ein Mann von Charakter. Ich sagte zu,“
    „Wo? Zu?“
    „Zum Brandenburger Dackeltreffen, quatsch, Entschuldigung, es war nicht Brandenburg, es war...


    Rudow, ja, da sollte ich hin, an seiner Statt. Darauf hatte er keinen Bock gehabt. Der Chefredakteur des Rudower Käseblattanzeiger wollte nämlich einen Bericht über das Treffen des Dackelclubs Zackes e.v. 1969 von ihm. Der Club trifft sich jedes Jahr zum 20.4. und gedenkt nun zum 25’ten male des Schirmherren, falsch : des Schirmdackels. Und darüber sollte mein Ex berichten. Aber dafür hatte er ja mich eingeplant.
    Und als Mann von Ehre? War ich natürlich da. Am 20.4. begleitete ich die Dackel-Standarten-Träger zum Grab des Dackels Zackes.

    Die hatten alle einen waldgrünen Zwirn an und einen braunen Hut auf und guckten sehr ernst. Herausstach aus dieser Gruppe der blasse Dackelpräsident eher nicht. Nicht wirklich, nein. Aber neben ihm, links und rechts, da stand so ein Dicker und rechts ein Bückling. Sie schienen sehr wichtig zu sein. Und dann war da noch der Trompeter. Und der blies und blies und wie hieß der noch? - - wie hieß? – Michael!
    Genau. Der blies so tüchtig ins Rohr, dass es eine Art hatte. Obwohl der Kerl ja grottenhässlich ist. Grottenhässlich. Kahlrasiertes Haupt und engstehende Schweinsäuglein bei denen ich dem Schöpfer klag: Warum hast du zwei vergeben?



    „Äh redest Du jetzt in Metaphern?“
    „Nur ein bisschen. Höre weiter:“


    Mit meinen schnittlauchgleichen Haaren, meinem verwaschenen Überzieher, stand ich inmitten dieser uniformen Reihe und beobachtete und lauschte ihrem Treiben. Sie trugen einen Kranz zum Grab des Dackels Zackes, legten ihn dort ab – und, verzeih mein Gedächtnis macht mich lügen – aber es war der Dicke und nicht der Präsident, der fiel aufs Knie vor dem Gesteck und vor dem Grab. Scheiße, ich hab’s knacken hören, das Knie! Und den Schmerz in seinem Gesicht gesehen. Aber dem toten Dackel zur Ehre hielt er dem arthritischen Schmerz männlich stand. Dann aber trat des Dicken Bückling vor.


    „Bitte? Des Dicken Bückling? Wer ist das denn jetzt?“
    „Habe ich das nicht gesagt? Doch, hab’ ich: Neben dem blassen – ungewöhnlich jungem Dackelpräsidenten – stand zum einen dieser dicke Kerl und zum anderen der Bückling.“
    „Bückling, Bückling? Wie habe ich mir das vorzustellen?“
    „Wenn ich nüchtern wäre, würde ich sagen: Ihn als Goebbels sich vorzustellen wäre bitter. Aber dieser, jener, welcher von dem ich spreche, der ist dem Dicken so devot, hat die Haare streng zurückgetrimmt, achtet stets darauf, dass Beifallsklatscher sich erheben, drum kann ich angetrunken halt kein besseres Bild Dir als den Hinkefuß, den Goebbels geben.“
    „Ach, so einer!“
    „Genau,“
    „Nun, weiter:“


    Der Dackel Propaganda Minister trat nun hervor und sang dem Dackel ein Lied. Ein furchtbar langes Lied. Mir ist: er singt noch heute:


    Ganz Deutschland lag darnieder
    Doch siehe, immer wieder,
    erhob sich dieses Land,
    denn in den Trümmern fand
    man Gutes und Bewährtes.

    In diesem Jahre jährt es
    Zum fünfundzwanz'gem Male,
    dass Zackes von der Saale
    im Bau verklüftet hing
    und von der Fährte ging


    So hub er an, so fuhr er fort. Ich ahnte nicht wie oft ich diesen Text, dieses Geleier hören sollte. Der Dicke war aber so gerührt, dass er sich die Tränen von den Plusterbäckchen rieb. Sehr ergreifend, wie du siehst. Ich hingegen dürstete nach dem inoffiziellen Teil, um mehr von Zackes zu erheischen. Kurz darauf, fand ich mich im Bierzelt der Dackelfreunde an des Dicken Seite wieder. Argwöhnisch beobachtete der mich. Drum fragte ich ohne Arg: Was ist des Zackes Geheimnis? Sprich?

    "Pass mal auf mein Paparazzi, ich bin nicht dein Freund doch ich will dir von unserem Schirmdackel was erzählen:
    Es war in Berlin wohl im Jahre 1945. Jede Nacht, so schien es, gab es Bombennächte, hieß es Schutz zu suchen. Aber nicht jeder fand den Luftschutzkeller, sondern musste sehen wo er bleibt. Nicht selten nun begab es sich, dass manch ein Unglücklicher unter dem Schutt der Bomben lebend begraben wurde.
    Unser Dackel Zackes, es ist verbürgt, hatte aber so ein Näschen, so ein Gespür, dass er so manchen Armen fand, dass sie ihn ausgruben und zum Leben bringen konnten. So ein Dackel war unser Zackes. Doch es war just am 20. April im selben Jahr, so viel konnten wir später dann erfahren, dass Zackes bei seinen treuen Taten einem Haderlumpen ohne Ehre in die Falle ging. Der wilde Kerl tötete, ja schlachtete das Tier.
    Erst im Jahre 1969, fand man den Kadaver dieses Dackels und seine Marke. Drauf stand der Name: Zackes. Das Schicksal dieses treuen Tieres ließ sich schnell ergründen, lebte doch sein einstiger Führer noch. So ehren wir heute am 20. April dieses, ach, so tapfere Tier."

    Der Mann war tief ergriffen von der Story, die er preisgab, doch ich verstand diese Betroffenheit leider nicht. Wohl aber, dass sich wie zufällig sein kleiner Kadett zu uns gesellt hatte und jede Bemerkung des anderen mit einem ernsten Nicken unterstrich. Du weißt, dass diese stest und immer Nicker mir schon immer sehr verdächtig sind. Drum war’s mir recht, dass der Dicke mir ein Gedeck nach dem anderen gab. Und immer wieder erscholls im Chor, das endlose Lied vom Zackes und seinem bitteren Los:


    Der Hundeführer musste
    Erzählen, was er wusste.
    Der Führer war zwar krank,
    doch lebte, Gott sei Dank!
    So konnte er berichten:

    Es waren Teckelspflichten,
    in Trümmern und Ruinen
    dem Vaterland zu dienen.
    So vieles ging verschütt
    Und viele gingen mit.

    Ja, auch ich ging verschütt in diesem Laden und verfluchte meine Freundschaftstat. Typen saßen da um mich herum, die grölten über jeden schlechten Witz. Einmal schien es mir sie lasen sich ihre Satzung vor und feixten sich eins, bei jedem neuen Paragraphen. Bisweilen verstand ich nichts, denn diese Dackel Sprache mein Lieber, die ist sehr speziell und nur zu eigen, wer sich entschlossen hat dem Tier in Treue stets und fest zu dienen.
    Die waren sich daher alle einig in ihrer Sprache, ihrem Geist und Wirken. Vielleicht war Einer da, der etwas abseits saß und selten mitsang. Aber sprechen, tat der auch nix. Der Michael, der schlug ihn gerne auf Rücken oder Kopf und machte seine Scherzchen mit dem Mann, der sich nicht wehren konnte, durfte oder wollte. Egal, ich fand es zwar weder recht noch billig, aber Wurscht.
    Und die gab’s auch. Fette Wurst, dicke Wurst, Leberwurst und Schinkenspeck. Die Humpen war bald ganz schmierig von dem Gefinger und dem permanenten Klatschen. Da waren mir des Dicken Runden, die er laufend uns spendierte, sehr willkommen. Doch nicht enden wollte sie die Ode an den Zackes:


    die Toten zu begraben.
    So ging mit vollem Schmackes
    Alleinejäger Zackes,
    die Baujagd fortzusetzen,
    den grimmen Tod zu hetzen.

    Von dessen Schippe sprangen,
    wen dieser Hund gefangen.
    Doch einer war vergiftet
    Und hat den Hund verklüftet,
    gefangen unter Tage.

    Drum hüte dich und jage
    Nicht jeden Mensch zum Glücke,
    sonst reißt es dich in Stücke.
    Wer immer da geheuchelt,
    hat unsern Ahn gemeuchelt

    Vollkommen fertig und satt an Schnaps, Bier und Wurst bekam ich endlich mein Taxi und fuhr zu meinem Freund.



    „Dann ist der Dackel doch kein Nazidackel? Was redest Du denn nur?“
    „Bin ich fertig, oder was? Fahr ich für eine Nacht nach Berlin? Also, wart es ab.“
    „Ich höre!“


    Schwer verkatert lag ich auf der Couch. Von Hunden respektive Dackeln wollte ich nichts mehr hören. Mir war das alles arg zuwider. Doch mit dem sanftem Qualm, heiß und frisch gebrühten Kaffees, wickelte mein Gastgeber mich ein.
    Er sprach: Sprich, erzähle, was hast du erlebt?
    Im verkaterten Delirium erzählte ich dann. Und wie ich erzählte. Erzählte von dem Helden Hund, sang ihm die Brocken des Lieds was ich immer noch in den Ohren hatte, beschrieb ihm den Dicken, seinen Chefnicker, das wachsame Schweineauge und sein Opfertier und schließlich bat ich ihn, mich doch allein und ruhen zu lassen. Doch der wollte nicht, wollte nur noch das Lied des Zackes hören. Alles was mir einfiel sollte ich ihm vorleiern.


    die Toten zu begraben.
    So ging mit vollem Schmackes
    Alleinejäger Zackes,
    die Baujagd fortzusetzen,
    den grimmen Tod zu hetzen.

    Von dessen Schippe sprangen,
    wen dieser Hund gefangen.
    Doch einer war vergiftet
    Und hat den Hund verklüftet,
    gefangen unter Tage.


    Diese Strophen immer wieder rezitierend, ging er im Zimmer auf und ab. Kein Freund des gebundenen Wortes, ignorierte ich sein Tun und konzentrierte mich wieder auf mein Katerleiden.
    Infolge meines Suffs, schwebte ich zwischen Leben und Tod. Ich verfluchte den Schnaps und meinen Magen. Erst nach etlichen Stunden konnte ich das Bier aus dem Kühlfach vertragen. Auch mein Freund ward bald nicht mehr gesehen. Nach ein paar Telefonaten und einem Heureka verließ er grußlos seine Wohnstatt und ließ mich wieder allein. Zwei Tage kochte ich nichts ahnend in meinem Saft.

    Dann kam er endlich abgerissen und übernächtigt wieder. Was ist mein Bester? Was ist dir widerfahren fragte ich. Er ließ sich in seinen Sessel fallen und blickte mich wohl minutenlang schweigend an. Mit einem Male fing er an:
    „Zackes!, der zackige Zackes, der nette Hund von nebenan, der jeden unter tausend Tonen Schutt erschnüffeln kann, hat eine andere Vergangenheit, als du erahnen kannst.“
    Der tolle Hund? Ich stand senkrecht auf dem Sofa.

    „Der harmlose Zackes“, so klärte er mich weiter auf, „war kein netter Trümmerdackel. Zackes kam 1942 zur Welt und wurde erzogen von einer SS-Schar, die vorrangig damit beschäftigt war, sogenannte Volkszersetzer, Deserteure aufzuspüren. So ein Dackel kam in alles rein und war daher ideal. Da die Moral der Truppe gegen Ende des Krieges nicht die Beste war, hat unser Zackes den Auftrag gehabt den verdufteten Kameraden hinterzuschnüffeln und zu steigen. Der Zackes muß wohl ein Meister seines Fachs gewesen sein, denn Zackes silberne Marke, war nicht Marke, sondern das eiserne Kreuz seines Führers. Sein Führer, dem es eigentlich zugedacht, hat es in treuer Ergebenheit seinem Dackel vermacht. Zackes mein Lieber, war bekannt, weil sein Name sein Ehrenzeichen war.“

    Ich war perplex, ich bat um einen Schnaps. Und gleich noch einen, denn ich stellte mir den Dicken und den Bückling vor, wie sie solches lasen. Ich fasste mir an den Kopf und rief: „Das hast Du nicht geschrieben?“
    „Ich kam ja nicht dazu.“, antwortete er leicht gereizt.
    Nun verstand ich gar nichts mehr. Doch er klärte mich ja gleich wieder auf

    „Ich bin bei meiner Recherche auch mit dem armen Mann zusammengekommen, den sie immer kloppen würden auf ihren Treffen und der spielte mir den Namen des Führers von Zackes zu. Der Rest war dann schnell herausgebracht. Ohne diese Hilfe hätte ich Zackes Geheimnis aber nicht erraten. Das Lied mein lieber war ein feiner Hinweis, denn es holpert doch an einigen Stellen ganz arg und: wer bringt seinen Lebensretter schon um, gell?“
    „ Ja, diese Stelle lag mir auch schon quer im Magen“, pflichtete ich ihm altklug bei und verstand erst später was er meinte und fragte dann noch ohne Arg:
    „Gut mein Bester, jetzt wusstest du alles, schriebst deinen Text und veröffentlichtest ihn im Rudower Volksanzeiger?“

    Getroffen stöhnte er darauf hin auf, wanderte laut fluchend durchs Zimmer, verwünschte seinen Chefredakteur und brüllte immer wieder: „Dieser verfickte Fritten Frieder“.



    „Fritten Frieder? Der Fritz Frieder, genannt Fritten Frieder?“
    „Nun behalt mal dein Bier bei dir. Der Name bekommt dir nicht beim trinken. Mir sagte der Name damals nichts.“
    „Himmel, Fritten Frieder ist der Pommes König von Neuköln. Der macht in Pommes. Hat ein Vermögen mit seinem pappigen Zeug gemacht. Von den quittegelben Stäbchen hab ich schon übel brechen müssen.“
    „Ja, ja das weiß ich doch jetzt auch.“
    „Aber wie kam Frieder in dieses Schmierenstück?“
    „Ganz einfach: Frieder und der Dicke, sind ein und dieselbe Person und Frieder ist...“
    „Na, was?“
    „Der Neffe von Zackes Führer.“
    „Ach du Kacke. Und der Chefredakteur?“
    „Bekommt von Frieder fette Anzeigen a la: Pommes Rot, Weiß, bei Fritten Frieder immer heiß. So ein Scheiß halt. Aber Kohle stimmt. Mein Freund, der dumme Hund, hat dem armen Knilch aus dem Dackelclub eine vorab Version seines Artikels gemailt. Der Dämlack hat nichts besseres zu tun, um dem Michael, dem Schweinebären, brühwarm zu erzählen, dass wohl bald ein anderer Wind wehen würde. Der hat nicht bis drei zählen können, schon war er rausgeflogen aus dem Club. Dann ein Anruf von Fritten Frieder in der Redaktion und der Artikel war Geschichte. Mein armer Freund musste dann noch zu Frieder hin. Entschuldigen. Erniedrigen. Aber den Job hat er wenigstens behalten.“
    „Erinnert mich an Schimmerlos und Heini Haffenloher.“
    „Wen?“
    „Ach, Du kennst ja wirklich nichts.“
    „Das mag ja sein, aber gemerkt hab ich mir eines:
    Drum hüte dich und jage
    Nicht jeden Mensch zum Glücke,
    sonst reißt es dich in Stücke.“

    Ende.


    Post Scriptum:
    Für Freunde der hohen Reimkultur, hier die Ode an den Zackes in voller Länge. Die ursprünglich von den Blutschergen gesungene Version ist leider verschollen. Vielleicht ist ein Exemplar noch in Frieders Familienbesitz. Wer genau liest, spürt, so mancher Reim ist nachträglich arg entnazifiziert worden:


    Zackes von der Saale

    Ganz Deutschland lag darnieder
    Doch siehe, immer wieder,
    erhob sich dieses Land,
    denn in den Trümmern fand
    man Gutes und Bewährtes.

    In diesem Jahre jährt es
    Zum fünfundzwanz'gem Male,
    dass Zackes von der Saale
    im Bau verklüftet hing
    und von der Fährte ging.

    Als später Trümmerfrauen,
    um Deutschland neu zu bauen,
    die ganzen Steine räumten,
    weil wir von Zukunft träumten,
    hat man das Tier entdeckt.

    Der Schutt war blutbefleckt,
    der Dachs, der da berochen,
    der hat ihn abgestochen!
    Wie konnte das geschehen?
    Wer hat die Tat gesehen?

    Der Hundeführer musste
    Erzählen, was er wusste.
    Der Führer war zwar krank,
    doch lebte, Gott sei Dank!
    So konnte er berichten:

    Es waren Teckelspflichten,
    in Trümmern und Ruinen
    dem Vaterland zu dienen.
    So vieles ging verschütt
    Und viele gingen mit.

    Nicht alle waren tot,
    jedoch vom Tod bedroht.
    Die galt es, schnell zu finden,
    den Dachshund loszubinden,
    denn der war stets entschlossen.

    Der Hund hat es genossen,
    gestöbert und gesprengt,
    wen das Geschick gelenkt
    in untergründ'ge Bahnen.
    Wir können nur erahnen,

    wie viele er gefunden
    in diesen dunklen Stunden.
    Zum Ende jenes Krieges,
    so heißt es, überstieg es
    die Kraft der Kameraden,

    die Toten zu begraben.
    So ging mit vollem Schmackes
    Alleinejäger Zackes,
    die Baujad fortzusetzen,
    den grimmen Tod zu hetzen.

    Von dessen Schippe sprangen,
    wen dieser Hund gefangen.
    Doch einer war vergiftet
    Und hat den Hund verklüftet,
    gefangen unter Tage.

    Drum hüte dich und jage
    Nicht jeden Mensch zum Glücke,
    sonst reißt es dich in Stücke.
    Wer immer da geheuchelt,
    hat unsern Ahn gemeuchelt.

    Wir sinnen unterdessen
    Auf Ruhm, der angemessen
    Dem Dackel, der besessen
    Solch Tugend. Hier indessen
    bleibt Zackes unvergessen!
  • ScroogedDatum16.05.1970 10:01
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    Scrooged

    Ständig muss ich husten. Ständig spüre ich den Schleim in meinen Bronchien, meiner Lunge. Es kratzt, es juckt, es stört, drum huste ich wie verrückt so schön. Die Anderen schauen mich ganz entsetzt an. Ich solle zum Arzt gehen. Das sei nicht gesund. Ach was. Vielleicht war ich da schon?

    Husten hat so etwas ansteckendes. Vergessen Sie nie, sich die Hand vor den Mund zu halten und sich nach dem Hustenanfall die Hände abzuwischen. Oder husten Sie immer in die linke Hand. Immer links husten dann klappt ’s auch mit dem Händeschütteln. Der Virenbefall lauert überall. Diese Myriaden von winzigen Tröpfchen die ich jedes Mal vulkanös aus mir rausschleudere. Dieser unsichtbare Strom fauler Bakterien, Viren und Würmer. Ich sehe Sie zum Glück nicht und ich hab die ja schon. Der Ekel hält sich somit in Grenzen.

    Ekel hat auch etwas ansteckendes. Aber auch anziehendes. Die Allermeisten bleiben ja doch stehen und gucken. Auch wenn eindringlich abgeraten wird, sich den an der Schreibtischkante abgeschmierten dicken Popel, der sogar eine Spur Blut enthalte, anzusehen. Ein richtig fetter grüner Popel. Wohlmöglich sehr viskos, doch jetzt einigermaßen ausgehärtet. Es besteht nicht die Gefahr dass er sich stalaktitengleich dem Teppich nähert, sich ablöst und auf Wanderschaft geht, vielleicht um in Kinderbetten sein Unwesen zu treiben.

    Juvenile Riechkolben haben des Öfteren grünlichgelben Schleim hängen. Das Kindergesicht lacht dann auch noch frech, dass kleine Blasen aus den Nasenlöchern schlagen. Rotzlöffel halt. Mit der Handkante wird’s schnell abgewischt und in der Hose verrieben. Das ist die sehnsüchtig verlorene Reinheit und Unschuld einer kindlichen Seele? Von Reinheit mag ich da nicht mehr sprechen. Zeihen Sie mich nicht der Pedanterie oder Krümelkackerei, zeihen Sie mich das erst, wenn so ein Racker vor Ihnen mit ausgestreckter Hand steht. Sei es um Ihnen artig Hallo zu sagen, oder einen oder mehr Euro abzufordern.

    Ständig kommen mir in diesen Tagen Leute mit ausgestreckter Hand über den Weg gelaufen. Wenige, die sich nur artig bei mir für die Zusammenarbeit im letzten Jahr bedanken wollen, viel mehr aber, um in dieser besinnlichen Zeit mich an meine Pflichten als mitfühlender und besitzender Mensch zu erinnern. Milde Gaben auch genannt. Und eh ich mich versehe, greife ich in meine Tasche und lass einen Euro für diese Weihnachtsgespenster springen. Altruismus ist das nicht. Es ist ein Euro für mein verdorbenes Seelchen. Ein Vademecum für mich. Was die armen oder reichen Teufel damit machen ist mir Jacke wie Hose. Ich will nur, wenn mich dereinst mein quälender Hustenreiz gänzlich zu Grunde gerichtet hat, und tatsächlich irgendeine supernatürliche Wesenseinheit meint mir auch noch den letzten Frieden rauben zu müssen, statt mich einfach in Ruhe in meinem Erdmöbel verwesen zu lassen, dann will ich die billigen ein Euro Seelenverkäufer an dieser verlogenen Gottheit vorbeiparadieren lassen, wie einstmals die FDJ vor der SED Bezirksleitung, und dieser allmächtigen Supermacht entgegnen: Ich hab denen wenigstens einen Groschen gegeben. Was hast Du Ihnen denn beschert?

    Als ob es ausgemachte Sache sei, dass wir, bzw. ich, Rechtschaffenheit ablegen müssen? Mir will nicht in den Sinn, dass es so und nicht andersherum ist. Denn anders, wäre es mir viel logischer, bzw. fairer. Gibt es den Himmel, das Paradies wirklich, dann fürchte ich, dass die Beschwerdestellen gänzlich überlastet und - wer oder was auch immer Gott spielen mag -, wäre schon von einem Haufen wirklich guter Anwälte verklagt worden. Rührt die ganze Kohlenstoffbrühe an und verlangt auch noch, dass man dankbar dafür ist in diesem Sumpf aus Rotz und Schleim zu sitzen. Der Husten bringt mich noch mal um.
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  • Kamera-AugenblickeDatum15.05.1970 18:14
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Kamera-Augenblicke

    - Collateral -

    - angeregt durch Roderichs Paranoia Reihe -


    [Kamera Überwachungsraum am Flughafen. Monitore fallen plötzlich aus]:

    -Was ist das? Hallo? Kamera?, Monitor? Scheiße. Nicht gut. Wie war die Telefonnummer? Ach so, 76165 .....
    [Knackende Leitung. Es wird abgenommen]:
    ‑Ja?
    ‑Ja, hi, ich hab hier einen Ausfall...
    ‑Moment... ... ... ..



    [Kamera 14 filmt einen aus Paris angekommenen Passagier]:

    Du bist angekommen. Wo ist dein Gepäck, dein Notebook? Das Notebook ist wichtig. Es enthält die Unterlagen für das Meeting. Es ist ü-ber-le-bens-wich-tig. Beim Landeanflug, als dein Gehirn sich durch die Schläfe nach außen bohren wollte, war dir alles egal.. Die Schmerzen die durch den Unterdruck beim Landeanflug entstehen, sind unerträglich. Geh endlich zum Arzt und lass dich untersuchen. Ja. Später. Wenn du Zeit hast, dann lässt du dir den Kopf und die Nebenhöhlen untersuchen. Irgendwo muss der Schmerz ja her kommen. Konzentrier dich, orientier dich. Denken, planen, handeln. Es ist ganz einfach.
    Überall Hinweisschilder. Durchsagen, die kein Mensch versteht. Schlechte Akustik. Kein Problem. Du kennst dich aus, weißt wo es langgeht, weißt wo das Gepäckförderband ist.



    [Kamera Überwachungsraum am Flughafen. Fehleranalyse per Telefon]:

    -OK. Kamera 7,8,9 tssss und 17 und ... 12 scheiße. Welcher Messie hat den Mülll verkabelt!
    -ähhh, was ist denn so schlimm?
    ‑7,8,9 sind Außenkameras an den Ausgängen M,N,O und 17 hängt im Damenklo 2, während 12 Gepäckband 4 im Visier hat. Toll nicht? Fuck.
    ‑Was soll ich jetzt tun?
    ‑Du? Du tust gar nichts. Moment... ich muss die Supervising Unit anrufen ... Moment ... Ja? Ja.... Genau. Ich brauch ` ne Freigabe Teilsystem 5, 3 und 7 neu zu boot... JAA 7, weil die 12 tot ist und ihr das auch schon längst sehen müss... Ja, OK. Ich warte, okokokok.... .... ... ...



    [Kamera 12; Gepäckförderband; außer Betrieb]:

    Es ist noch nichts zu sehen. Das Band steht still. Schlecht, wenn es länger dauern würde.
    Das Band ruckt an. Erleichterung. Die ersten Taschen und Koffer ziehen an dir vorbei. Menschen greifen danach und verschwinden. Viele Handys werden eingeschaltet. Du bist schon lange wieder online. Wo bleibt dein Gepäck? Du hasst Hektik. Wieder eine Handvoll Menschen, die gefechtsbereit abmarschiert. Du siehst dich schon in Gesprächen mit subalternen Servicemitarbeitern verwickelt, die alles bieten, nur keinen Service. Ätzend. Du wirst aggressiv, obwohl noch gar nichts passiert ist. Der Gedan... Das Gepäck! Dein Gepäck. Erlösung. Was jetzt? Klar, Taxi. Du musst ins Hotel. Raus hier.



    [Kamera Überwachungsraum am Flughafen. Fehleranalyse per Telefon Teil II]:

    -Was ist nun? Muss ich [räusper] muss ich was machen?
    ‑Bloß nicht. Du machst nichts. Nichts. Wir war ... Ja?... Alles klar. Vielen Dank... Tschüß. ... Die Wichser. Hallo?
    -Ja?
    ‑Ich boote jetzt die Teilsysteme neu, ok?
    ‑OK
    ‑Du müsstest in einer Minute ein Bild haben. Geit los.
    ‑...
    ‑...
    ‑Und?
    ‑Nöööö.. doch Bild, Bild, Bild und Bild. Alles klar! Woran lag’s?
    ‑Ist das dein Ernst?
    ‑Na, die müssen doch was gesagt haben?
    ‑Träumst du? Machen die nie. Die haben doch selber keine Ahnung warum der Pfusch überhaupt läuft
    ‑Ja, aber die Sicherheit...
    ‑Ja, ne? Scheiße oder? Kannst nur hoffen, dass die Bombe jetzt nicht durchgegangen ist. Schon lustig. Was zeigt denn die, die --- die 8?
    ‑Den Taxistand, natürlich. Da ist so ein Typ, der schiebt. Bei dem Wetter! Na, ja sieht wie ein Araber aus. Denen macht das ja nichts.



    [Kameraüberwachungsanlage; Konsulatsgebäude mitten in der Stadt. Eine Kamera ist auf das Wohnhaus gegenüber gerichtet. Die Linse wird auf ein Fenster fokussiert, hinter dem eine Frau wahrnehmbar ist]:

    Die Hitze drückt auf die Fenster. Die Stadt brütet. Du stellst das Foto von deinem Mann wieder zurück. Drei Jahre. Das Foto hat nichts von seiner Qualität eingebüßt, aber trotzdem erscheint es dir, als würde es verblassen. Erst hattest du gedacht, es würde dich umbringen. Wäre deine... eure Tochter nicht gewesen? Du wärst auseinandergebrochen. Magenkrebs. Und nur weil er nichts gesagt hatte, nur weil er alles in sich hineinfraß. Nie kommunizierte, deine Sorgen ignorierte. Du wirst zornig. Warst du je so zornig als der Kerl noch lebte? Was hat dich eigentlich am Leben gehalten? Der Zorn oder deine Tochter? Es ist vorbei.
    Du musst zur Gymnastik. Annemarie. Sie hasst es zu warten. Du weißt es. Die Provinz klebt ihr nicht nur in den Kleidern, sondern auch im Kopf. Du grinst. Du nimmst dich wieder so wahr, als wärst du noch ein junges Mädchen. Das sind die Momente, die dich aufladen. Hast du alles? Ja. Also los.



    [Bushaltestellenüberwachungsanlage; das Bild eines jungen Mannes wird gesendet. Er ist muskulös, braungebrannt, hat Tatoos und Piercings. Er scheint gleichsam glücklich und nachdenklich zu sein]:

    Aua. Scheiße. Du schwitzt. Es ist für dich noch früh am Morgen. Die Erinnerungen an die Zeilen, die du auf dem Monitor ihres PCs, der gleich neben ihrem Bett...ihrer Matratze steht, hinterlassen hast, beginnen dich zu quälen:

    Eigentlich wollte ich ja Deinen BH mitnehmen, aber ich fürchte, er passt Marvin nicht. Bitte ruf mich an... nicht nur, um Deinen BH und seine Schätze wieder auszugraben, sondern einfach nur um Dich wiederzusehen. Du hast mich... aber das sage ich nicht Deinem Rechenknecht, das sage ich nur Dir.

    Das hast du geschrieben? Was wird sie denken , wenn sie das liest? Aber du wolltest nicht einfach so gehen. Na klar, es war ausgemacht, dass du gehen musstest. Aber - wie hast du sie genannt? Königin von Saba. Hammer! Mist, wenn man anderen ein Stück von sich gibt. Man ist so nackt. Aber sie ist einfach die Schärfste. Die Allerschärfste. Echtes Chili. Dein(!) Bus kommt.



    [Kameraüberwachungsanlage am Konsulatsgebäude. Ein elektronisches Auge wird auf ein junges Mädchen gezoomt, das noch ein ganzes Stück entfernt ist. Sie wirkt sorgenvoll.]:

    Seit drei Tagen hast du nichts mehr von ihm gehört. Sein Handy? Tot. Sein Vater? Zuckt nur mit den Achseln. Hat er ihn eh nicht für Generationen verstoßen? Der Lügner! Dass er ihn doch liebt hast du gesehen. Aber sie haben nie viel von ihm gehalten. Du kannst es auch nicht leiden, wenn er einen auf dicke Hose macht. Aber du kennst ihn besser. Du bist wie eine Schwester für ihn. Seit Jahren erzählt ihr euch alles voneinander. Er hat dich immer angerufen. Immer. Du kennst ihn von einer anderen Seite als seine Kumpel. Was verstört dich nur, drei Tage nichts von ihm gehört zu haben? Du machst dir halt Sorgen. Sonst nichts? Sonst nichts. Aber du musst ihm mitteilen, dass du dich sorgst, dass du ihn ... brauchst.



    [Flughafen - Kamera 8 wird auf ein Taxi gezoomt. Der Fahrer schiebt sein Taxi. Die Kamera zoomt sich dichter ran. Der Fahrer sieht orientalisch aus. Sein Gesicht füllt jetzt den Monitor aus]:

    Dein Kollege grinst. Wahrscheinlich hat er die Klima voll aufgedreht. Es ist heiß. Du denkst, der Typ ist wahrscheinlich innen so hässlich wie außen? Kommt wahrscheinlich aus KW? Ein Arschloch? Vermutlich hast du recht. Du stehst vor ihm in der Reihe. Das ist gut. Das wird den Deppen ärgern. Den Araber sieht man dir an, das braune Herz ihm aber nicht. Ist es denn braun? Grinst vielleicht nur, weil sein Chef den Sprit komplett bezahlt? Aus lauter Liebe zur Umwelt schiebst du ja auch nicht. Du musst den Sprit selber zahlen. Dafür hast du einen festen Satz plus Umsatzbeteiligung. Du kennst dich aus in der Stadt. Du weißt wie man die Droschke reiten muss.
    Diesmal bist du aber nicht um den Flughafen rumgekommen. Diesmal musst du ja auch tagsüber fahren. Hast Heiner helfen wollen und seine Schicht übernommen? Netter Kerl, der Heiner. Ein Pfundskerl. Ja, aber er wird es nicht packen, oder? Aber du? Du bist clever. Du wirst das Studium beenden und nicht im beigen Kotzeimer verrecken, wie dein Onkel. Das wirst du nicht.



    [Kamera Überwachungsraum am Flughafen. Zwei Kontrolleure tauschen sich über das aus was Kamera 8 übermittelt]:

    ‑Ali kriegt `nen Kunden.
    ‑Na tolli und wen soll das interessieren? Und wieso Ali?
    ‑Man, ich weiß doch auch nicht, wie er heißt, und dann nenne ich ihn halt Ali und gut is'.
    -Geschenkt. Schalt den Großen lieber noch mal auf die 17. ... Dan-KE!



    [Flughafen - Kamera 8 filmt wie der Passagier ins Taxi steigt]:

    ‑Soll ich den Koffer hinten reinlegen?
    ‑Nein, den behalte ich lieber bei mir. Danke,
    ‑Alles klar, kein Problem.
    ---
    ‑Wohin soll’s gehen?
    ‑Haben Sie die Klimaanlage an? Ganz schön hei...
    ‑Haben wir gleich, haben wir gleich... Wird gleich besser. ... Besser?.

    ‑Ja...es wird. Danke.
    ‑Und nun? Wohin soll es gehen?
    ‑Ins Adlon.



    [Über die Spiegel im Taxi beobachten Passagier und Fahrer sich gegenseitig ]:

    Seine Hilfsbereitschaft amüsiert dich. Dieses leicht devote. Das schätzt du. Das ist eine Höflichkeit, eine Demut, die du in Old Europe arg vermisst. Josef hat Recht. Er hat so recht. Ist es nicht so, dass jedes Mal, wenn Ihr Euch hier trefft, er dich angrinst und willkommen heißt auf Planet Neid? Ja, das ist so. Elementar. Aber die Stadt ist grandios. Wie eine alte Dame. Eine heiße, alte Dame. Dieser morbide Charme hinter der jugendlichen Kuli ... TIDIDIDIDIIII... [das Handy des Fahrers]

    - Mar-haba Shamal. Kaifa-haluk?

    Muss er jetzt telefonieren?... Du kennst den Akzent, oder?

    - zahied raheba? ...hazena?...kala.....

    Lächerlich. Es geht um seine kleine Schwester. Sie gehorcht nicht. Sie scheint ziemliche Flausen im Kopf zu haben. Du schüttelst den Kopf. Al Mansura, denkst du. Der Dialekt ist eindeutig. Das ist doch ein Witz. Du erkennst die Immigranten noch in zweiter, dritter Generation an Ihrem Dialekt. Du lauschst, was er sagt? Es geht nicht anders, wenn man es versteht. Es ist die Familie, wie immer... was?, was redet der da...?!

    ‑Nein, ist nicht schlimm, ich fahr nur so ein dummes, reiches Toastbrot ins Ho... Ja.,ja so ein Wichtigtuer halt... ja ... hat wahrscheinlich geglaubt, dass mein Kofferraum seine Notebooktasche islamisiert.. Ja, ...ja. ...Danke. Du auch.

    Das ist unhöflich. Diese Geringschätzung-. Fährt ein blödes Taxi und kommt nicht auf die Idee, dass so ein Touristen-Toastbrot mehr drauf hat als er. Zuviel Kraft im Körper, zuwenig Saft im Kopf. Jetzt schaut er dich an. Sucht Kontakt.

    ‑Entschuldigen Sie. Mein Bruder, er hat ein Problem... Wenn er klingelt - das ist sein Klingelton - dann gehe ich ran. Familie. Entschuldigung. Ich mache es aus.
    ‑Ach, lassen Sie nur. Familie ist wichtig.
    ‑Ja, Sie sagen es. Hatten Sie einen guten Flug?
    ‑Paris, Berlin ohne Probleme. Wie immer.
    Legst du nach? Du hast Zeit. Alles reibungslos geklappt, oder? Leg nach...
    ‑Kennen Sie Paris?
    ‑Nein.
    ‑Keine Verwandten?
    ‑Warum?
    ‑In Paris leben doch viele Araber. Waren doch erst kürzlich diese Unruhen...
    ‑Nein, nein, wirklich nicht. Meine Familie kommt aus Ägypten. In der Nähe von Kairo.
    ‑Ach, und ich.. dann sind Sie gar kein Araber?
    ‑Ägypter. Ich spreche arabisch. Wir kommen aus Ägypten.
    ‑Aber Moslem sind Sie, oder?



    [Vor dem Konsulatsgebäude. Ein Polizist beobachtet die Straße]:

    Bewegungen. Das ist es, worauf geachtet werden muss: Bewegungen. Wer ein Ziel hat, ist zielstrebig. Das wirkt sich aus in den Bewegungen. Wer kein Interesse hat am Gebäude, dass du bewachst, geht zielstrebig daran vorbei. Es gibt keine Pausen, keine Unterbrechungen im Bewegungsablauf. Kein Verharren und kein Umherblicken. Die Meisten glauben, du achtest auf Äußerliches wie Kleidung oder gar Nationalität. Aber so ist es nicht.

    Der Vorteil gegenüber einer Kamera ist, dass du instinktiv bist. Du riechst, wenn etwas faul ist. Zum Beispiel die alte Dame dort, die gerade das Wohnhaus gegenüber verlässt, sie achtet auf nichts. Sie ist so routiniert. Sie wird sich an den Weg nicht mehr erinnern, wenn sie an ihrem Ziel angekommen ist. Sie wird sich nicht an das junge Mädchen erinnern, das jetzt knapp an ihr vorbeiläuft.

    Aber Attentäter haben doch auch Pläne? Andere Pläne. Pläne, die planen vorzugeben, einen anderen Plan zu haben. Und das verrät sie. In der Regel. Kameras sind unauffälliger, aber sie sind nicht so effektiv. Die Uniform, die Waffe, ist mächtiger als eine Kamera. Eine Kamera ist nicht so unmittelbar.



    [Kameraüberwachungsanlage Konsulatsgebäude: Eine Kamera beobachtet den Zusammenstoß der Frauen]:

    Du hättest die alte Dame fast umgerannt. Bist doch sonst nicht so unachtsam? Du blickst kurz zurück. Sie geht weiter. Wohl ist dir nicht. Du verschwindest im Hauseingang. Vielleicht ist er ja sogar da. Dein Herz pocht schneller, und du eilst die Treppen nach oben.


    Rennt dich fast um, die Göre. Aber das bist du von dieser Stadt gewöhnt. Du warst wahrscheinlich auch nicht so vorausschauend wie sonst? Es ist doch verrückt, damals haben sie dir die Hammelbeine langgezogen, wenn du frech geworden bist, heute musst du(!) aufpassen, dass die jungen Dinger dich nicht über den Haufen rennen. Verrückt. Aber so ist das nun mal. Annemarie kommt damit gar nicht klar. Erzählt stundenlang von diesen Kleinigkeiten. Sie ist das nicht gewohnt. Andererseits hat Anne dann diese Anwandlungen. So komische Ideen. Leiht dir ein Buch über Fremdreligionen. Tinnef. Du wusstest erst gar nicht was das nun wieder sollte, aber bedanktest dich artig. Irgendwie war das auch respektlos von ihr, oder? Als ob du dich nicht mit anderen Dingen auseinandersetzen würdest. Das ist so provinziell. Gelesen hast du es nicht, aber durchgeblättert. Sollen sich andere damit auseinandersetzen.



    [Ein Busfahrer registriert, dass der gerade zugestiegene junge Mann seine Stiefel auf die Glasscheibe des Sichtkanals gestellt hat, über den er das obere Deck beobachten kann.]:

    Das typische Anfahrgeräusch des Doppeldeckers. Unverkennbar. Wie lange hast du jetzt nicht mehr im Bus gesessen? Zwei, drei Jahre? Kann das sein? Oder ist das noch länger her? Scheiße man: Du fährst Bus. Opferbehälter. Und es macht dir nichts aus. Nicht die Spur. Das musst du Leila erzählen. Das glaubt die nie. Leila ist anders. Keine Tussi. Aber deine Karre ist mit Sicherheit abgeschleppt. Na und? Kleinigkeit. Die Kleine, die Kleine hat’s drauf. Mein Gott, was die alles mit dir abgezogen hat. Permanent wild. So was von ausgeflippt...
    Was spielt denn das Kind neben dir auf dem DS? Duke Nukem? Gäääähn. Immerhin ist das Blut rot.
    Du musst dich unbedingt mit Leila treffen.


    [Durch den Türspion beobachtet Herr P. ein junges Mädchen, das vor der Wohnungstür seines Nachbarn steht und eine Botschaft hinterlässt]:

    drei tage habe ich nichts von dir gehört. das ist verdammt lang. sonst hast du dich jeden tag gemeldet. was ist los? ich mache mir sorgen. melde dich. Leila.

    Du holst tief Luft und schiebst den Zettel unter der Tür durch. Wie wird er es auffassen? Egal. Es hat doch schon gereicht, hierher gekommen zu sein, vor seiner Tür zu stehen und zu klingeln wie ein, wie ein, ... .Geh. Er wird sich melden, ihr werdet lachen. Es wird so sein wie immer.



    [U-Bahnstation. Schlechtes Schwarzweißbild. Ein kleiner Junge ist begeistert, sich auf dem Monitorbild zu sehen, und macht Faxen. Im Hintergrund schlägt sich eine alte Dame an den Kopf]:

    Das Buch. Du hast das Buch vergessen. Dieses blöde Buch über Fremdreligionen. Was hat Anne bloß dabei geritten? Aber was ist jetzt schlimmer? Vergesslich geziehen zu werden oder mal zu spät zu kommen? Na, zu spät bist du immer zu den Treffen mit Annemarie gekommen. Das ist sie gewohnt. Du malst dir ihre Reaktion aus? Sie wird etwas sagen wie:

    Na, dass die Uhr nicht Dein Freund ist, wusste ich ja schon, aber dass Du auch noch mein Buch vergessen hast? Ja, liegt es denn nur so rum und findest Du es nicht wieder, oder verstehst Du es nicht?

    Furchtbar. Sie würde es niemals so sagen, aber, aber sie würde es dich spüren lassen und zwar genau so. Du musst dieses blöde Buch holen und ihr zurückbringen.



    [Über den Innenspiegel im Taxi versucht der Fahrer, hinter die Fassade seines Gastes zu schauen]:

    Er sieht so gelb aus wie dein Treppenhaus. Seine Mundwinkel sind zerfurcht, sein Haar schütter. Aber seine Augen blitzen dich an. Die Klimaanlage funzt auch nicht so, wie es sein sollte. Trotzdem scheint es dir, dass mit jedem Grad mehr dein Fahrgast an Lebenskraft gewinnt. Er ist so ätzend. Alle Muslime scheinen ihm verwandt und das gleiche zu wollen. Er legt wieder los:

    ‑Es erstaunt mich immer wieder, dass hier die Brüche in der Argumentation der Muslime nicht erkannt werden. Diese selbstherrliche Erwartungshaltung! Diese Einforderung größtmöglicher Freiheit für Muslime in den nicht muslimischen Staaten. Keine Rede von christlichen, noch besser jüdischen Freiheiten im Staate Muslim. Liege ich da falsch?

    Antworte dir doch selbst, das tut ihr doch sowieso zu gerne. Also sag nichts. Du hast nichts verstanden. Du fährst. Was soll das von ihm? Konzentrier dich. Auf der neu ausgebauten Stadtautobahn fahren sie wie blöde. Konzentrier dich!

    ‑Sie sagen ja gar nichts? Am Pariser Flughafen hat man jetzt vier Moslems entlassen müssen, weil sie nicht bereit waren zu erklären, warum sie so häufig Urlaub in Pakistan machen. Wie sehen Sie das? War das gerechtfertigt?

    Ja, Effendi, nein Effendi.. Was bildet sich der, der, der...es platzt aus dir raus:

    ‑Nein, natürlich nicht. Ich frage Sie ja auch nicht wo Sie Ihren Urlaub gemacht haben, oder?
    ‑Nein, die Frage ist: möchte man einen Islamisten in einer Lebensmittelfabrik, im Wasserwerk oder eben am Flughafen haben? Auch wenn er einfach nur streng gläubig ist?
    ‑Sie sind für Gesinnungsprüfung? Sind alle Moslems jetzt Fanatiker? Was soll das?
    ‑Haben Sie vergessen wie viele Muslime nach einem solchen Urlaub wie verwandelt zurückkamen? Sie können übrigens erstaunlich gut deutsch.
    ‑Ich lebe seit zwanzig Jahren hier. Ich studiere hier. Erfolgreich.

    Jetzt beißt du dir auf die Zunge und bereust. Das war ein beschissener Reflex. Er wusste es. Reicht deine Erklärung im allgemeinen, um irgendwelchen Idioten vor den Kopf zu stoßen, ihnen wenigstens ein bisschen klarzumachen, dass ihr Planet größer sein könnte als ihr Frühstücksteller, grinst dein Fahrgast nur höhnisch.


    [Der Innenspiegel im Taxi verrät dem Passagier, dass er seinen Fahrer verbal getroffen hat]:

    Du grinst. Es ist wie bei Pawlow. Es war dir klar, dass er so reagieren würde. Aber vielleicht sitzt du ja wirklich im Taxi des zukünftigen Atas? Er ist gewitzt und wie immer: viel zu stolz. Was hast du eigentlich davon, den Kerl auf die Palme zu bringen? Er hat dich beleidigt, für dumm verkauft, versuchte stärker zu sein als du. Das kannst du nicht akzeptieren. Er nimmt wieder Kontakt auf. Fein. Was kommt denn jetzt von ihm?

    ‑Sagen Sie ..... wollen Sie damit behaupten, dass ich ein Terrorist bin? Wollten Sie mir deswegen Ihre Tasche nicht geben?

    Er ist so gereizt wie du es erwartet hast. Es kann losgehen.


    [Taxizentrale Quadratfunk. Frau M. sitzt vor der Lautsprecheranlage. Schon ein paar Minuten schallt ihr ein heftiger Disput entgegen. Der Fahrer scheint nicht bemerkt zu haben, dass er das Mikro eingeschaltet hat]:

    ‑Nein. Ich lehne nicht den Islam ab, aber den totalitären Islamismus. Ich lehne den Islamismus ab, weil er nicht trennt zwischen Staat und Religion. Er mischt sich irrational in die Geschäfte der Menschen ein. Alles Dinge, die einem aufgeklärten Menschen selbstverständlich zuwider...
    ‑So selbstverständlich wie Bombenattentate auf Abtreibungskliniken? So selbstverständlich wie das Leugnen der Christen und ihres Oberchristen, dass Kondome Aids verhindern? Ja, so, also? Oder wie? Ich glaube ich kann ihnen nicht folgen.


    [Kameras auf der B96 nehmen einen Beinahezusammenstoß eines zu schnell fahrenden Taxis auf:]
    Kannst du eigentlich dem Verkehr noch folgen? Das war knapp, oder? Ja, das war knapp. Verdammt knapp.



    [Nachbar P. trägt das durch den Spion Gesehene in sein Notizheft ein, nachdem das Mädchen wieder die Treppen hinuntereilt]:

    Du fühlst dich etwas besser, ihm deine Sorgen mitgeteilt zu haben. Du läufst die Stockwerke hinab und bleibst unvermittelt stehen. Warum steht die Tür da offen? Es war dir beim Hochlaufen gar nicht aufgefallen. Wieso steht die Tür offen? Ist da etwas passiert? Geht dich das was an? Natürlich nicht. Aber dir waren diese Dinge schon immer nicht egal. Hast dir immer einen Kopf gemacht, ob es deinen Nachbarn gut geht.
    Nur kurz schauen, ob alles in Ordnung ist. Nur kurz.
    ‑Hallo? Ist da wer? Hallo?
    Du hörst deine eigene Stimme. Sie klingt zaghaft.
    Keine Antwort. Alles sehr ordentlich. Eine schöne Altbauwohnung mit verstuckten Decken. Deine Hand streift beiläufig ein Buch, das auf einem Sideboard liegt. Fremdreligionen . Was ist das denn? Du nimmst es in die Hand, öffnest es, blätterst, fragst dich, wer freiwillig so etwas liest.



    [Vor dem Konsulatsgebäude. Ein Polizist beobachtet eine alte Dame. Er hat sie eben in Richtung U-Bahn gehen sehen. Sie muss etwas vergessen haben. Sie geht wieder in ihr Wohnhaus]:

    Die Treppe bei dieser Hitze hochzugehen, strengt dich noch mehr an als sonst. Du fängst an zu schnaufen. Deine linke Hand umklammert fest das Geländer. Halb schiebst du dich, halb ziehst du dich hinauf. Treppen sind Scheidebecher. Bis zur Treppe kannst du dir vorstellen jung zu sein, nach zwei Stufen bist du alt. Kurz vor deiner Wohnungstür bleibst du stehen. Was ist das? Sie ist offen. Du hast doch abgeschlossen?
    Natürlich hast du abgeschlossen. Dein Herz jagt, du kannst spüren, wie dein Blutdruck weiter steigt, das Luftholen schwieriger wird. Du drückst dich an die Wand, du spürst, dass jemand in deiner Wohnung ist. Du greifst in deine Handtasche, fingerst nach deinem kleinen Schminkspiegel...

    [Über einen kleinen Spiegel versucht eine alte Frau zu erspähen, wer in ihrer Wohnung ist. Sie sieht ein junges Mädchen von hinten]:

    Scheiße. Das Kribbeln auf deinem Rücken verrät dir, dass unmittelbar hinter dir jemand ist, dich beobachtet. Warum musstest du auch reingehen? Was hast du hier zu suchen? Alle deine Sinne sind aufs äußerste geschärft. Du nimmst rasselndes Atmen und aufdringliches Parfum wahr: eine alte Frau.
    Bleib ruhig, hau ab. Hau ab! Schnell.



    [Immer noch versperren die dicken Stiefelsohlen dem Busfahrer die Sicht]:

    Hier oben im Bus kapierst du, was Marvin so geil fand am Sinatra Song:
    Wenn Du es hier schaffst, dann schaffst Du es überall . Erst hattest du ihn nur blöde angeguckt, was er an dieser Altmännerhose von Song findet. Er hatte ganz tief eingesogen und geantwortet:

    Nicht die Mucke. Der Text. Die Stadt hier ist so scheiße. Die lässt dich immer stehen. Wenn Du sie angräbst, kriegst Du auf die Fresse. Ihr Rhythmus ist hammer, aber wenn’s Dir gelingt, den mitzugehen, dann, dann..., vergiss es, dann ist das, das Geilste, was Du erleben kannst. Dann bist(!) Du der Größte, dann willst Du, dann kannst Du die Gold-Else und die Millionen Zwerge unter ihr ficken. Klar?

    Nöh, hast du geantwortet. Nöh. Aber das war vor den letzten drei Tagen. Jetzt, oben im Bus, vor der Cinemascope Panorama Scheibe, hinter der die Stadt vorbeigleitet, fühlst du dich so frei, geil und schlichtweg gut, dass du nun ahnst, was er gemeint hat.

    Du musst jetzt aussteigen. Deine Fahrt ist leider zuende. Du stehst auf und instinktiv greifst du dem Nintendo spielenden Kind durchs Haar. Du weißt, dass er dir zornig hinterher schaut. Auch das ist dir egal. Jetzt raus hier.



    [Taxizentrale Quadratfunk. Frau M. hört immer noch das mittlerweile zum Geschrei geratene Zwiegespräch.]:

    ‑Der Islam befiehlt jedes Detail des menschlichen Lebens in seinem Einflussbereich, von Essen, Trinken, Schlafen, Reisen bis Denken. Der Islam verbietet die Gleichberechtigung der Frau!
    ‑Sie reden von einer bestimmten Ausprägung des Islam, die zugegeben einflussreich ist. Aber für alle Ihre Beispiel lassen sich auch in Ihrer Bibel Zitate finden. Und wenn Sie von Staatsreligion sprechen - die gibt es doch in christlichen Ländern genauso. Ganz genauso.



    [Das junge Mädchen im Spiegel der alten Dame dreht sich mit einem Mal um und stürmt los]:

    Du entscheidest dich abzuhauen. Diskutieren wird nichts bringen. Du lässt das Buch fallen, drehst dich um deine Achse und rennst los. Du rennst an der alten Frau vorbei, denkst, dass du die heute schon gesehen hast. Es ist noch gar nicht lange her. Egal.


    [Das Mädchen füllt plötzlich den geamten Spiegel. Der Spiegel fällt hin]:

    Das junge Mädchen rast an dir vorbei. Das war doch die von vorhin? Du erlangst deine Fassung schnell wieder. Du brüllst. Deine eigene Lautstärke überrascht dich. Du weißt gar nicht, was du ihr hinterher brüllst. Ja, du bewegst dich sogar hinter ihr her. Es ist ein Leben in dir wie lange nicht mehr.



    [Lautsprecheranlage Quadratfunk]:

    ‑Der Koran wird von seinen Vertretern zusammen mit der Sharia über die universellen Menschenrechte gestellt! Die Men-schen-Rech-te!
    ‑Die Sharia hat mit dem Koran zunächst mal gar nichts zu tun. Gar! Nichts!
    ‑Der Islam bestraft die Ausübung von Grundrechten mit dem Tode oder der Verstümmelung!
    ‑Welche Grundrechte meinen Sie denn? Und wo finde ich diese ihre Strafordnung im Islam? Wo? Und seit wann ist die Bibel ein Buch der Freiheit? Das ist doch mies, ganz mies. was Sie hier sagen!
    ‑Ich bleibe bei meiner Ablehnung gegenüber ihrer mittelalterlichen Lehre. Sie hängen doch Jahrhunderte zurück. Jahrhunderte!



    [Kameraanlage am Konsulat erfasst einen jungen Mann, der aus der Richtung der Bushaltestelle kommt]:

    Du bist fast zu Hause. Ein paar Schritte noch. Als erstes wirst du Leila anrufen. Sie soll es als erstes erfahren. Was sie wohl sagen wird? Kann man Gefühle konservieren, kann man Sonnenschein in Dosen packen? Kacke man, bist du gut drauf. Du fühlst dich jedem sprießenden Halm verwandt? Auf Jeden! Auf Jeden!



    [Wachmann vor dem Konsulatsgebäude]:

    Du hast gesehen, dass die alte Dame umgekehrt und wieder zurückgegangen ist? Sie muss etwas vergessen haben. Du hast den haltenden Bus registriert, die Straße hoch? Ja, natürlich. Pünktlich wie immer. Da ist ein Typ, der auf dieserr Straßenseite in deine Richtung wackelt. Offensichtlich. Und ihm scheint das Glück aus jeder Pore zu quellen. Aber? Aber es stimmt etwas nicht. Auf der anderen Straßenseite bleiben Passanten stehen. Sie scheinen etwas aus dem Inneren des Hauses zu hören. Da ist etwas passiert.



    [Der Wachmann vor dem Konsulatsgebäude sieht wie die Haustür gegenüber aufgestoßen wird. Gleichzeitig schwenken Kameras auf die Szene]:

    Man, kann die Alte kreischen! Du stösst die Haustür auf. Hauptsache hier weg. Abhauen. Du warst ja auch bescheuert! Am besten gleich über die Straße, da kommt sie nie hinterher. So befahren ist die Straße nicht. Nur stramm durchlaufen, nur stramm durch. Hab Mut. Nimm deine Beine in die Hand. Soll die Alte doch schreien, in dem Lärm und der Hektik wird sie untergehen!



    [Im Innenspiegel des Taxis starren Fahrer und Passagier sich direkt an. Das Gesicht des Passagiers ist rot angelaufen]:

    . ‑Der Islam schreibt seine Verbreitung mit Gewalt vor. Der Islam bedroht jeden, der ihn verlassen will, mit dem Tode. Der Islam verachtet das Menschsei...

    Du drehst dich um . Es ist zuviel. Du erträgst diese Litanei nicht mehr. Du siehst ihn an. Der Kerl lebt nicht. Er ist aus Hass und Worten zusammengeklebt

    ‑Hören Sie auf! Hören Sie auf! Sie verstehen nichts! Niemand wird Sie verstehen! Niemand. Sie denken nur schwarz und w...!
    TIDIDIDIII
    Dein Handy. Dein Bruder. Was ist denn nun schon wieder mit Le... . Dein Passagier sieht dich nicht mehr an. Sein höhnisches Grinsen schlägt um.. Angst.
    TIDIDIDIII
    Angst, aber nicht vor dir. Du fährst doch Auto, oder? Schlagartig drehst du dich wieder zurück.



    [Eine Kamera auf dem Konsulatsgebäude wird auf das Mädchen gezoomt]:

    Du rennst mutig über die Straße. Fast fühlst du dich frei. Aber deine Augen sind offen. Sie sehen einen Polizisten auf der anderen Straßenseite. Natürlich. Er stand vorhin schon da. Er steht immer da. Aber nun schaut er dich an. Seine linke Hand geht nach oben ,seine rechte... . Obwohl du mitten auf einer Straße bist, bleibst du abrupt stehen. Das Taxi siehst du nicht. Was machst du jetzt, Leila?



    [Eine andere Kamera zoomt auf den jungen Kerl, der nun fast auf der Höhe des Wachmanns ist]:

    Kennst du das Mädchen nicht, dass da abrupt auf der Straße stehen bleibt? Man, die kennst du doch. Das ist doch... was will denn der Bulle von ihr?



    [Wachmann]:

    Bewegungen. Du hast sie schon wahrgenommen, bevor sie auf der Straße war. Du hast tatsächlich das Gebrüll der alten Frau wahrgenommen. Aber das Taxi, dass zu schnell und schlenkernd die Straße hinuntergebrettert kam? Das hast du zu spät wahrgenommen. Außer deine Hand zu heben, sie zur Vorsicht mahnen, konntest du nichts mehr machen. Wie hättest du es überhaupt verhindern können?



    [Taxifahrer]:

    Du siehst das Mädchen auf der Straße. Sie hat keine Chance. Du wirst sie überfahren. Welcher Reflex es auch ist, aber irgendwas lässt dich das Lenkrad rumreißen. Du trittst die Bremse durch und durch und rutscht mit deiner Droschke an ihr vorbei. Sie starrt dich ungläubig an. Du kennst sie. Das ist nicht wahr, sagst du dir.
    Du hast das Auto nicht mehr unter Kontrolle und es schiebt sich unaufhaltsam in die Richtung eines Anderen. Eines jungen Kerls, so wie du. Du schießt ihn regelrecht ab.



    [Das Kamerabild ist rot. Die Lache nimmt das ganze Monitorbild ein]:

    Kupfer? Es riecht nach Metall. Es riecht intensiv metallisch. Ja, Kupfer. Bist du es? Es ist wie beim Tauchen. Du siehst, aber du hörst nichts. Du siehst einen jungen Kerl, der weint und deinen Kopf anhebt, du siehst einen Polizisten, der fernhält, und du siehst sie. Leila. Sie ist starr. Sie weint. Und du?

    Du bist tot.



    [Verkehrszentrale. Auswertungsraum. Kurzes Gespräch zwischen zwei Analysten:]

    ‑Das Taxi war zu schnell und die Passantin ist abrupt stehen geblieben. Mehr ist nicht. Warum sollte die Aufzeichnung nicht gelöscht werden können?
    ‑Hab ich das nicht schon gesagt?
    ‑Hast du?
    ‑Ich glaub, ich hab: Weil die einfach nicht wissen, warum der Pfusch überhaupt läuft.


    ENDE



    All denen, die es auch nur versucht haben zu lesen, herzlichen Dank. Wenn ich Sie gelangweilt habe, lassen Sie es mich spüren.
  • PrekariatDatum15.05.1970 10:40
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    Schön das wir wieder Untermenschen in Deutschland haben. Menschen, Menschen haben wir ja reichlich. Jeden Tag im Reichstag frech von der Kanzel weg gesprochen höre ich es von allen Parlamentariern : Die Menschen draußen im Lande. Nicht falsch verstehen : damit sind Sie, damit sind wir gemeint. Offensichtlich gehören diese Parlamentarier nicht dazu.

    Doch jetzt, jetzt wird diese graue Masse differenzierter. Die Menschen – also wir – haben eine Unterschicht. verschämt im Soziologendeutsch: Prekarier genannt. Prekarier. Erst hatte ich gedacht, daß es die Nachfolger der Praetorianer, Klingonen oder Borgs aus der Enterprise Saga sind, dann an eine besonders fiese Form von Kariesbefall aber nein, die Prekarier sind die Unterschicht um genau zu sein die neue Unterschicht.

    Richtig Bodensatz ist das aber noch nicht. Ne,ne, da sind und bleiben wir beim Sozialhilfe- beim Hartz IV Empfänger. Das ist die letzte Stufe. Abschaum. Da will keiner hin. Cottbuser Plattenbau Bronx. Bäh. Sollen die doch ihre Kinder essen oder killen und verbuddeln. Das ist wenigstens Schlagzeilenfutter, Fett und Schmiere für die Bodensatzunterhaltungsindustrie.

    Der Prekarier hatte nicht selten bis vor kurzem noch richtige Arbeit, darf aber jetzt immer nur Teilzeitarbeit für 5,50 € die Stunde machen. Der Allianzmitarbeiter ist der typische Prekarier der Zukunft. Oder sind die schon entlassen? Egal. Er ist es, er wird es sein. Immer darum fürchtend vollends abzurutschen. Wie die kleine Ameise im Trichter des Ameisenlöwen. Das große Krabbeln: diesmal für Erwachsene.

    Aber so was sagt man natürlich nicht Untermensch und Abschaum. Das ist faschistisch, ideologisch, sprachlich, menschlich und politisch ganz prekär. Pfuisprech ist das. Aber wenn ich es doch denke, assoziere und wenn es täglich mir doch unter die Nase gerieben wird was wir voneinander halten? Dann soll ich nicht so denken?

    Was soll ich denn von Kleinfeldt und Ackermann halten? Was soll ich halten und ach ich erwähn nur einen als pars pro toto : Laurenz Nimmersatt? Nein noch besser: was soll ich halten von Phillip Missfelder, der meinen Eltern das längst bezahlte Hüftgelenk klauen will? Was soll ich denken von Ruth Herz? Bitte wem? Ja, schon richtig gehört.

    Was verschlägt eine Frau Herz, so gebildet, so intelligent ins RTL Jugendgericht? Auf dem Unterschichten-Prekarier-Abschaum Surfbrett in die große Popularität surfen? Weg, ganz weit weg wollen von denen die nicht zum Stehempfang eingeladen werden? Ja, wenn das ein Pocher macht, oder eine Frau Kraus, gewissermaßen die Toillettenkolonne des Fernsehens, das wundert mich nun wirklich nicht. Da haben zwei Ameisen den Weg aus dem Trichter vorerst geschafft, wenngleich sie dafür dem Raab auch ihr Seelchen verkauft haben. Die anderen, die noch oder schon wieder krabbeln, die können Sie bei neun live bewundern.

    Aber Frau Herz? Sie gehört zur Bildungselite. Was macht die da? Wie meinen? Die macht das gleiche wie ich? Ach ja richtig, den Text will ich ja einreichen als komische Nummer. Und wenn ich gewinne, dann ja auch nur dank des Prekariats.
  • MobilisationDatum15.05.1970 09:56
    Thema von Brotnic2um im Forum Diverse
    Sie schiebt mich hinaus.
    Ich blicke ins Grün.

    Die Wasser der Schwertlilien sind blau.
    Inmitten ein schwarzer Kreis

    und kein Mond der sie je verdeckt.
    Die Starre wird bleiben.

    Die Straße tanzt.
    Es hüpfen die Figuren.
    Das Leben lacht.
    Die Sonne scheint.

    Der Bässe Rhythmus
    treibt den Trismus und
    der Wesen seltsame Gerüche
    dünsten aus und bleiben haften.
  • RiddlerDatum15.05.1970 08:36
    Thema von Brotnic2um im Forum Zwischenwelten
    "Kennen Sie den Riddler?"
    "Wen?"
    "Den Riddler, den Riddler aus den Batman Comics? "
    "Nö. Nie gehört. "
    "Ist sogar verfilmt worden."
    "Meine Güte jeder Blech wird verfilmt. "
    "Ich mein ja man nur. Ich mein ja man nur."
    "Also schön: Wer ist der Riddler? "
    "Er ist ein Verbrecher!"
    ...
    "Und weiter? "
    "Äh, er ist ein Verbrecher und er stellt Rätsel auf. "
    "Seine Verbrechen sind mörderische Rätsel? Wer das hier löst ist tot, oder was? "
    "Nein! Er macht sich einen Spaß, seine Verbrechen vorher durch Rätsel anzukündigen. "
    "Ach was."
    "Ja. Also, also, wenn er nun ein Verbrechen planen würde, also z.B., z.B. "
    "Dann, lassen Sie mich raten bildet er flugs ein Rätsel wie:
    Mein guter Zwilling wir sind zwar dann noch nicht in der fünften Jahreszeit, aber sei Gewahr: Als Zwerg werde ich mich nicht verkleiden, teile aber seinen Wunsch nach unverderblichem Genuss. "
    "Er reimt es.“ "
    "Ja, und? "
    "Es klingt besser. "
    "Aber das ist doch eher ein Detail, oder? "
    "Was? Das Reimen? "
    "Nein das Stricken der Pullover, herrgottnochmal. "
    "Nein, es ist kein Detail. Die Form macht das Rätsel erst interessant und unterstreicht das Außergewöhnliche am Riddler. "
    "Ah. Aber eigentlich wäre es doch noch außergewöhnlicher er schrieb in Klartext was er meint. "
    "Er soll denen sagen was er vorhat?? "
    "Ja. Klar heraus und gradheraus: Hallo Jungs am 2.11. klaue ich das Gold aus der Bank. "
    "Dann verhaften sie ihn doch."
    "Das tun die immer, oder? "
    "Ja, schon, aber er stellt immer die Rätsel und dann müssen ... "
    "Darum geht’s nicht. Der Verbrecher weiß was er vorhat, er weiß was er tun will, der größte Coup wäre also zu sagen wo der Hase im Pfeffer, des Pudels Kern ist und nicht um den heißen Brei herumzureden. Wenn er dann immer noch die Bank und nicht mehr nur Rätsel knacken lassen würde, dann wäre er ein echtes Genie. "
    "Vielleicht kann er es ja nicht anders sagen? "
    "Na klar. Macht einen Riesenplan wie Egon, aber kann nicht sagen wo ihm der Schuh drückt. Andersherum wird ein Schuh draus: der Selbige drückt, aber anstatt zu sagen: Scheiße, mein Fuß tut weh, wird daraus so was wie... Oh, mein Bus kommt. Ich muß los, "
    "Du fährst auch in diesem Bus? "
    "Ja, auch ich. "
  • Eine Beleidigung...Datum15.05.1970 04:43
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    Eine Beleidigung...

    Eine der schlimmsten Beleidigungen, die ich in letzter Zeit erlebt habe, war die Tatsache, dass C. Theron eine hässliche Frau spielte und – sozusagen als I – Tüpfelchen – alle Welt voller Bewunderung für Sie und Ihre Leistung war.

    Das war und ist nichts anderes als eine Beleidigung, aller hässlichen Menschen. Man komme mir jetzt bitte nicht mit solchem Schnuddelkram wie: Es gibt doch keine hässlichen Menschen. Natürlich gibt es die. Gäb’s die nämlich nicht, dann... aha, danke, na also.

    In der Bewunderung für Ihre Leistung schwang meistenteils ein: Wie hat Sie sich so etwas nur antun können? Bis hin zu: Mut zur Hässlichkeit.

    Nun, Häßliche können gar nicht aus ihrer Haut raus und tun sich das ergo jeden Tag und auch bei Dunkelheit an. Häßliche sind 24 Stunden bärenstark und bärenmutig. Wie beleidigend ist es dann also, wenn sich ein schöner Schwan hässlich macht und der Rest der Welt Beifall klatscht?

    Da nehmen sich doch Quasimodo und ich in den Arm und denken: Man was für Arschgeigen!

    PS: Den Oscar hat die dumme Sau natürlich nicht in ihrer Maske abgeholt.
  • Herr B.Datum15.05.1970 04:39
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Brotnic, das bin ich. Gleich vorneweg: Ich kann Sie nicht leiden. Ich kann überhaupt gar niemanden leiden. Am meisten kotzen mich Kinder an, weil Kinder keinen Anstand haben. Sie glotzen mich unverhohlen an, kriegen einen Schrecken oder kichern blöde. Wie ich das hasse. Manche Eltern entschuldigen sich dann bei mir. Das macht es nicht besser. Leider bieten sie mir nie an, ihrem Blag in den Hintern treten zu dürfen. Ich bleibe stur und ignoriere sie alle. Vordergründig. Manchmal schaffe ich es und es gelingt mir, sie stolpern zu lassen. Besonders schön wenn sie gerade Erworbenes ganz stolz vor sich hertragen. Die großen Kulleraugen, die gar nicht wahr haben können, dass das kostbare Kleinod durch Dämlichkeit in Arsch gegangen ist. Wunderbar. Dieser eine Moment der stillen Fassungslosigkeit. Das Geplärre danach nervt nur. Die Fassungslosigkeit, das schlagartige Erkennen des Unglücks und seiner Konsequenzen: Labsal für meine Seele.

    „Lach mal wieder, Dicker“, hatte mich das Gör angeplauzt und lachend mit ihren Freundinnen die U-Bahn verlassen. Wie vom Donner gerührt saß ich da. Glotzen war ich ja gewohnt. Diese Frechheit nicht. Andere Fahrgäste stierten mich natürlich jetzt erst recht an. Ekelerregend. Ich sah sie noch auf dem Bahnsteig Faxen machen, während sich die Türen schlossen und die Bahn wieder losfuhr.

    Sie ging mir den ganzen Abend nicht aus dem Kopf. Ihrer selbstbewussten Schnoddrigkeit hatte ich immer noch nichts entgegenzusetzen. Also schnitzte ich sie mir zurecht. Das ist mein Hobby. Holzfiguren schnitzen. Ich lebe allein in meiner Wohnung. Ich habe Platz. Habe angefangen, mir eine Modelllandschaft zu bauen, so wie ich sie mag. Auf einer Platte von Zweimeterzehn mal Zweimeterneunzig habe ich nicht so einen Heile-Welt-Scheiß, sondern ein Paradies des Leidens erschaffen. Meine Häuschen sind zerbombt, die Bäume kahl – wenn es überhaupt Bäume sind. Ich habe Schienen gelegt. Ein einfacher Kreis. An einer Stelle führt er durch meinen Müllberg. Diese Welt bevölkere ich mit meinen Holzfiguren. Allen fehlt etwas. Keine lächelt. Sie gehen auf Krücken und ziehen armlose Kinder hinter sich her. Ihr brannte ich ein Auge aus und zerfräste eines ihrer Beine. Es war mir ein Fest diesen blöden Backfisch zu zerstückeln. Sie bekam Ihren Platz in einem Wagon meiner Bahn. Ich war’s zufrieden.


    „Das ist doch Ihr Müll oder Brotnic?“ Mein Nachbar zeigt auf die Mülltüte vor meiner Tür. Dieser Blockwart, diese Pissameise. Ich versuche ihn zu ignorieren. Nuschle nur irgendetwas.
    „Brotnic! Wenn Sie Ihren Müll weiterhin einfach so abladen: Ich zeig Sie an!“
    Den Klang der Schritte kenn ich. Von oben nähert sich die herzwelke Esomami. Ich muss schnell in meine Wohnung. Ich ertrage ihren arroganten Blick nicht. Hat noch nie ein Wort zu mir gesagt. Wobei? – ich zu ihr eigentlich auch nicht. Dieser Sittenwächter blubbert mich immer noch an.
    „Regen sie sich doch ab, ich nehm ihn schon rein.“
    „Mich abregen? Ich hab noch nicht mal angefangen. Und wo ich grad dabei bin: Wenn Sie meiner Tochter ...
    Oh Gott, eine halbe Treppe über uns ist sie stehen geblieben. Bleibt einfach stehen. Sie wird warten bis ich in meiner Wohnung verschwunden bin. Da ist ja endlich dieser verdammte Schlüssel.
    „Ich hab ihrer Tochter nie was getan.“, sag ich und verschwinde in meiner Wohnung. Ich höre wie sie weitergeht. Sie tuschelt irgendetwas mit dem Nachbarn. Sollen sie, doch. Alles Pissameisen.

    Die ist bestimmt alleinstehend, denke ich, während ich mir eine Bemme reinschieb. Permanent unzufriedene Ziege. Wahrscheinlich so eine Herbstblüte, die mit Tee Krebs heilt. Genauso schwachsinnig wie mein Nachbar, der den Zivilisationshüter spielt. Drei Blagen hat der Hirsch. Mal die Bahn etwas beschleunigen. Meine Holzmichel können ruhig mal umfallen. Vor allem die Göre.

    Wie die Kinder von meinem Nachbarn mich schon beleidigt haben! Aber das sieht der Arsch ja nicht. Wenn nur alle so wären wie dieses kleine Paar aus dem Dritten. Die haben wenigstens Angst vor mir und entschuldigen sich für alles. Die wollen einfach nur fort von mir. Manchmal frage ich mich, ob die mir Geld geben würden, wenn ich sie in Ruhe ließe?

    Die Kleine steht ja immer noch. Moment mal. Ich lasse den Zug vor mir halten,. Merkwürdig. Spinn ich jetzt? Die grinsen doch. Wie können die grinsen? Allen Figuren habe ich heulende, verzerrte Fratzen geschnitzt. Aber die im Wagon grinsen. Auch das Mädchen. Es grinst mich doch nicht etwa an? Was ist denn das jetzt? Sie hören auf zu grinsen. Ihr seid aus Holz, ihr könnt euch nicht verändern! Aber sie tun es. Ihre Mundwinkel gehen eindeutig wieder nach unten, je länger sie mich anstarren.
    Ich bin bekloppt. Ich schließe die Augen. Atme kurz durch. OK Brotnic: Du vergisst das wieder. Alles normal. Alle schauen wieder traurig drein. Ich beschleunige den Zug wieder. Ich könnt schwören, die hätten sich verändert. Kann man sich so was einbilden? Der Stress mit meinem Nachbarn... MOMENT! Die grinsen ja schon wieder! Ich lass den Zug wieder vor mir halten. Die lachen. Sie grinsen. Ich gucke einer Figur fest in ihre grinsende Visage. Scheiße! Schlagartigst. hört Sie auf. Ich hab’s sehen können. Die anderen haben auch wieder aufgehört....

    Ich hab’s herausbekommen. Es passiert immer wenn die Bande durch den Tunnel fährt. Sie fahren traurig rein und kommen grinsend raus. Die wollen mich verarschen. Also irgendwas muß in diesem Tunnel sein, oder? Es reicht doch schon, dass ich Selbstgespräche führe, DA BRAUCHE ICH KEINE VORLAUTEN FIGUREN MEHR!!!! Fuck. Wahrscheinlich klingelt gleich mein Nachbar.

    Nichts rührt sich. Schön. Ich werde jetzt unter die Platte kriechen und scheiße verdammt nochmal herauskriegen, was so wahnsinnig komisches in diesem Berg, in diesem Tunnel ist. Das Problem ist nur, dass es hier scheiß eng ist und dass ich mich tierisch leicht stoß...


    „Vierzehn Tage?“
    Wo bin ich? Wer ist das?
    „Ja, das ist so ungefähr das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.“
    Das, das ist doch die Stimme meines Nachbarn...
    „Warum denn?“
    „Warum was?“
    „Entschuldigung: Weshalb haben sie ihn getroffen?“
    „Warten Sie mal....ich glaube es ging mal wieder um seinen Müll.“
    „Vielleicht um das hier?“
    Das war wieder eine andere Stimme.
    „Ja, ja genau. Puh, das stinkt.“
    Mein Nachbar. Eindeutig. Was macht der hier. Wer sind die anderen? Warum kann ich mich nicht bewegen. Ich bin stocksteif.
    „Merkwürdiger Kerl, oder?“
    „Naja, so merkwürdig auch wieder nicht. Sehr verklemmt. Eigentlich ängstlich. Ohne Selbstbewusstsein. Ich glaube er ließ seinen Frust an Kindern aus.“
    Diese Pissameise.
    „Wie meinen sie das denn? Hat er ihren Kindern etwa was angetan??“
    „Nein. Anders.“
    „Wie anders.“
    „Ich weiß es nicht.“
    „Sei’s drum.“
    „Haben Sie das hier schon gesehen?“
    Ein großer Schatten baut sich vor mir auf. Was ist hier los?
    „Oh.... Vielleicht weiß ich jetzt was sie mit anders meinten. Wussten sie von diesem, diesem ... Hobby etwas?“
    „Ich kannte Brotnic nicht, bzw. nur bis zu seiner Haustür. Ich weiß eigentlich nichts von ihm.“
    „Irgendjemand anderes hier im Haus, der mit ihm Kontakt hatte?“
    Ich bin doch hier. Ich bin HIER!! Direkt vor Euch. Wo seid ihr eigentlich. Wieso hört ihr mich nicht???
    Unvermittelt greift eine riesige Pranke nach mir. Mir ist Speiübel.
    „Das ist die einzige die heile ist, glaub ich.“
    Wie? Heile?
    Das Gesicht meines Nachbarn erscheint. Es ist so groß. Diese Poren. Eklig.
    „Merkwürdig, diese Figur hat sogar Ähnlichkeit mit ihm.“
    „Legen Sie die Figur wieder hin.“
    „Alles klar.“
    Ich werde auf die Platte gelegt. Mir ist schlecht.
    „Lassen Sie uns gehen. Wir haben alles gesehen. Danke für ihre Hilfe.“


    Sie haben den Raum verlassen. Das Licht ist aus. Ich kann nichts sehen. Wie lange liege ich hier schon? Ich weiß es nicht. Ich bin allein. Ich glaube ich heule. „Wir nicht mehr!“, höre ich die Puppen noch sagen. „Wir nicht mehr“.
  • Pardon PadreDatum15.05.1970 02:35
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...

    Zitat:

    „Es war und ist nicht nötig, jemandem zum Nachweis tiefsitzender homosexueller Tendenzen direkte Beweise vorlegen zu müssen. Es genügen klare Sekundärindizien, die im Gesamtbild oft nicht nur Zweifel an der Eignung eines Kandidaten aufkommen lassen, sondern öfters auch zu einer gegenteiligen moralischen Gewißheit führen, daß nämlich dieser bestimmte Kandidat mittelfristig einer bei ihm gegebenen homosexuellen Dauerversuchung erliegen werde.“


    Mag. Mag. Dr. Alexander Pytlik


    Starkes Stück Herr Pytlik, dass Sie da (http://www.kath.net/detail.php?id=12117) aus sich rausgebrochen haben. Fräg ich mich doch gleich, ob Priester mit hochsitzendem Schwulsein ihrer homoerotischen Dauererektion nicht erliegen? Und wenn ja, warum nicht? Ach, ich vergaß, Sie müssen ja keine Beweise vorlegen. Den Schwulinski erkennt der Pytlik 2 Meilen gegen den Weihrauch.

    Rein sekundärindizientechnisch, rein interessehalber:Was sind Sekundärindizien? Sind das Pumps oder Lippenstift? Klar ist mir das nicht. Noch unklarer ist mir aber, warum, wenn der Zweifel schon am Pytlik nagt ob der Kandidat den Stall zulassen kann, dann doch die gegenteilige moralische Gewissheit sich aufzwängt, dass er – ja was nun – die Hose zulässt? Also brav ist und Priester werden darf. Oder doch so gemeint, dass er es halt mittelfristig - wie lang ist das ? 2 Stunden oder Jahre??? – nicht bezwingen kann den Drang sich auf den Doppelmagister vom Alexander zu stürzen?

    Das ist wirklich sehr vertrackt. Versteh schon, das geht ohne Beweise doch wesentlich einfacher. So unter uns, ich will da jetzt nicht allzu sehr drauf rumreiten, aber Jesus kann schon froh sein, dass er Ihrer Sekundärinquisition nicht mehr ausgesetzt ist. Lange Haare, alles Männer, gleich im Dutzend, mit Maria Magdalena soll und darf er ja nun auch nichts gehabt haben, also da verlass ich mich ganz auf Sie Herr Pytlik, dass uns da nichts anbrennt. Wenngleich mir das ja egal wär.
  • Furz und Pups Herr BoldtDatum15.05.1970 02:04
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    So, so Herr Boldt,

    meine Dichtung unterschreitet also Ihr Niveau. Ist’s das Thema, dass sich bei Ihnen einhakte, reinsprang, festbiss? Soll ich das glauben? Oder nicht? Um mal so salopperdings, auf Ihre größten Taten zu verweisen. Fair find ich nicht, dass Sie mich nolens volens runtergespült haben, mich selbstherrlich in der Scheiße sitzen lassen und noch nicht mal dorten damit spielen lassen!

    Ein arschgefickter Mozart bläst ihnen wohl mildere Züge ins Gesicht, wie? Oder hätt ich auf den unvergessenen Brockmann hören sollen, der mir schon füher am Abend zuraunte: Was uns nicht umbringt macht uns hart, aber, was uns hart macht bringt uns am Ende dann doch um! Ja,ja. doch, doch, das steht hier immer noch frei rum. Hätt ich drauf hören sollen, meinen Sie? Aber da sind doch so viele Weisheiten in meinen Zeilen. Nur immer anders halt verpackt – hier dank ich Gemini für Definition und Beistand - und von Kuh doch auch so schön ausgepackt, dargelegt und bloßgestellt, wie ich es besser selten las.

    Was, Herr Boldt, ist an meinem Furz oder Pups denn so Niveau unterschreitend? Ich werde so lang fragen bis mir hier die Zeit und die Freiluft ausgeht, meine Brüste anfangen zu fliegen oder ich meine finale female ejaculation bekomme. Das werden Sie doch nicht wollen, Boldt?

  • MaxDatum14.05.1970 23:57
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Max

    Seine Mutter erzählte ihm, dass er Angst gehabt hätte. Angst vor schwarzen Fenstern. Sie nannte sie blinde Fenster. Weil ihr kleiner Max nicht durch Sie hindurch schauen konnte. Gerade im Winter wo es schnell dunkel wurde und sie immer gemütlich beisammen waren, wollte ihr Sohn nie auf die Scheiben sehen. Manchmal sei es so schlimm gewesen, dass sie ihn auf den Schoß nehmen und beruhigen musste.
    Er hatte keinerlei Erinnerungen daran. Seine Mutter lächelte ihn an und strich ihm wie früher durchs Haar. Er lächelte gequält und starrte in die Schwärze seines Kaffees. Bei seiner Mutter hatte er sich immer geborgen gefühlt. Er nahm ein Stück Zucker und tunkte ihn mit einer Ecke in den Kaffee hinein. Die schwarze Flüssigkeit sog sich durch den weißen Zucker nach oben und begann ihn aufzulösen.



    Mit Kreide schieb ihr Lehrer präzise a’s auf die dunkle Schiefertafel. Nicole saß neben ihm und er war verliebt. Sie saß nicht freiwillig neben ihm. Der Lehrer hatte das so gewollt. Alle sollten einmal eine Woche nebeneinander sitzen. Das würde den Zusammenhalt verbessern. Max war das egal. Hauptsache Nicole saß neben ihm und malte ihre wunderschönen Buchstaben in Ihr Schreibheft. Seine waren nicht so schön. Dabei hatte er sich wirklich Mühe gegeben. Den Kopf schief hängend, die Zunge leicht herausgestreckt, hatte er a’s auf das Papier gekratzt. Weil er dem Blatt beim Schreiben so nahe war, sah er erst als er sich wieder aufrichtete, um voller Stolz sein Werk zu betrachten, dass die a’s doch über die Linien tanzten. Anderen erging es schlechter. Er sah es am mitleidigen Gesicht des Lehrers als er die Hefte kontrollierte. Max konnte ihre Unterlegenheit spüren. Nicoles Buchstaben waren die Schönsten. Solange Max neben ihr sitzen konnte, war ihm alles egal.

    Einmal, in einer Pause, erzählte sie ihm, dass sie neulich im Wald ein Krähenjunges am Wegesrand gefunden hätte. Es sei ängstlich umhergehüpft, aber nicht weggeflogen. Sie wollte es schon mitnehmen. Aber da sei ein Mann mit Hund gekommen, und hätte es ihr verboten. Hätte gesagt, dass sie es nicht anfassen dürfe, dass es krank sein könnte und sie ihm nicht helfen würde können. Er sei sehr streng gewesen. Während er dies Nicole erzählte sei das Junge immer hin und hergehüpft . Ganz ängstlich. Der Mann sei dann gegangen und sie auch. Sie ist dann aber gleich wieder zurückgegangen und habe den Vogel doch geholt. Sie wollte den Vogel gesundpflegen. Aber leider habe sie den Vogel, als sie ihn waschen wollte im Waschbecken ertränkt. Das erinnerte Max an die Fliege.


    Es war nachmittags und er war allein. Seine Mutter war kurz weg. Er sollte in der Zwischenzeit seine Hausaufgaben machen. Max tat wie ihm befohlen, doch allenthalben schielte er aus seinem Fenster ob im Hof nicht schon Kinder wären. Während seine Aufgaben so nur mäßig vorangingen, ließ sich plötzlich ein dicker Brummer auf sein Heft nieder. Unmittelbar vor seinen leicht schweißigen Händen krabbelte das Tier über die Seiten. Der Fliegenpanzer schimmerte grünlich. Max war angeekelt.
    Wieso hatte er das Insekt vorher nicht bemerkt? Er zog seine Hände zurück. Nun merkte er selbst wie feucht Sie waren. Die Fliege ließ sich nicht beeindrucken und fand wohl genügend von Interesse auf Maxens Heft.

    Calliphoridae ahnte nichts von ihrem verängstigten Betrachter. Sie speichelte auf Maxens Heft herum und sog ihn wieder auf. So wie sie es zuvor an anderem Orte in Max Zimmer schon getan hatte. Sehr ergiebig war diese Stelle nicht und mit lautem Gebrumm hob der Schmeißer vom Heft wieder ab.

    Max verjagte sich fürchterlich. Er hatte einen Moment gedacht die Fliege würde direkt auf ihn zufliegen. Am Besten gleich in seinen Mund hinein. Es war eine Mischung aus Angst und Zorn in ihm. Zorn, dass er sich nicht erklären konnte, dass ihm die Fliege Angst einjagte.
    Die Fliege brummte im Zimmer herum. Sie schien wie absichtlich immer nah an seinem Kopf ihre Runden zu drehen. Instinktiv hob er abwehrend seine Hände. Es musste was geschehen. Er schnappte sich ein Buch und lauerte, dass sie sich wieder niederließ. Er musste lange warten. Dann saß Sie endlich still und strich sich mit ihren Beinchen über Facettenaugen und Hinterleib. Sie putzte sich gründlich. Max warf das Buch.

    Ein vergeblicher Versuch. Der Schatten, der Luftzug. Die Fliege war lange weg als das Buch an die Wand klatschte. Max sah ein, dass diese Methode ihm keinen schnellen Erfolg bescheren würde. Er zog sich zurück und eilte ins Badezimmer. Dort standen die vielen Fläschchen und Döschen von Muttern herum. Dinge die er nicht anfassen sollte. Max griff nach einer großen Dose. Haarfestiger. So bewaffnet ging er wieder in sein Zimmer. Weder hörte noch sah er die Fliege. War sie weg? Aber wie? Er hatte die Tür hinter sich geschlossen gehabt. Kein Fenster stand offen. Die Fliege war aber nicht da. Mehr erleichtert als enttäuscht ließ er sich auf seinen Stuhl plumpsen und verfehlte die Fliege dabei nur knapp mit seinem Hintern. Da war sie! Max war sofort wieder in der Senkrechten. Kräftig drückte er auf den Knopf und verfolgte die Fliege mit dem Haarlack. Immer wieder drückte er den Knopf sekundenlang. Sein ganzer Körper war angespannt und seine Kiefer mahlten. Die Luft begann süßlich zu riechen.

    Das war schon ein merkwürdiger, extrem stinkender Frosch der sie verfolgte. Überall in der Luft waren kleine Aerosole. Sie zerstörten peu a peu ihre Facettenaugen und verstopften zunehmend ihre Tracheen, aus denen sie sonst die Luft beim Fliegen presste. So wurde ihr Gebrumm dumpfer und klang bald wie ein verstopfter Motor.

    Max tränten die Augen. In seiner Lunge bildete sich ein fürchterlicher Hustenreiz. Wenn es ihm schon so ging? Wie musste es dann der Fliege ergehen? Er drückte diesen Gedanken beiseite und dafür lieber noch mal kräftig auf den Knopf. Sie musste doch irgendwann sterben. Sie musste. Ihm war es zunehmend zuwider. Aber er konnte nicht aufhören.

    Die Fliege hatte genug. Sie schmierte regelrecht ab. Das jähe Ende verdutzte ihn. Er verharrte und beobachtete starr wie die Fliege unter sein Bett krabbelte. Sie war also immer noch nicht tot. Er schluckte. Er konnte sie nun weder sehen noch hören. Aber er wusste genau wo sie war. Unter seinem Bett. Da konnte sie unter keinen Umständen bleiben. Vorsichtig ging er in die Knie und lugte nach dem Insekt. Sie saß regungslos da. War sie tot? Es schien so. Er traute sich jetzt erst seinem Hustenreiz nachzugeben, schaute sich um und entdeckte sein 30cm Lineal. Mit dem Lineal konnte er sie unter seinem Bett gefahrlos hervorholen.
    Gedacht, getan. Er näherte sich mit dem Lineal dem Hinterleib des Insektes und gab der Fliege einen leichten Schubs. Doch statt einfach tot hervorzurollern, versuchte das verklebte Insekt noch mal zu fliehen. Es waren aber nur hilflose Kabolze die es zu Wege brachte. Sehr schnell blieb sie auf dem Rücken liegen. Das war’s für Max. Das sollte der letzte Schrecken sein, den sie ihm eingejagt hatte. Er griff nach dem Kinderbuch und presste es auf die Fliege.

    Calliphoridae hatte vielleicht noch den dunklen Buchdeckel auf sich zukommen sehen.

    Die Meute war schon lange weg. Sie hatten ihn einfach weiterpennen lassen. Zu schnell, zu viel Bier. Benebelt blickte er sich um. Zum Glück hatte er nicht gekotzt. Es war die Kneipe wo sie angefangen hatten, ihren Abschluss zu feiern. Nur viel später. An der Theke saßen die üblichen Verdächtigen, die er nur mit Spitznamen kannte. Schoko zum Beispiel. Den ewig Auszubildenden. War immer in einer Lehre oder Praktikum und wie es schien richtig besoffen. Er spielte irgendein Würfelspiel mit dem Koch und dem Anderen dessen Name ihm nicht einfallen wollte. Das war immerhin intelligenter als das Kümmerling-Spiel, wo sie sich die Zahlen auf dem Flaschenboden sagten und der mit der höchsten oder niedrigsten Nummer musste die Runde bezahlen. Dann wurde die Flasche zwischen die Zähne genommen und der Kopf nach hinten gekippt.

    Er und die Anderen waren häufig hier gewesen. Ungern erinnerte er sich an den Abend wo er mächtig angeschossen quasi mit Anlauf seine Unschuld bei einer Mitvierzigerin verlieren wollte. Er war dankbar, dass seine Erinnerungen an seine und ihre Bemühungen Sex zu haben vom Alkohol verwaschen waren. Lass die Toten ruhen, hatte ein Freund mal zu ihm gesagt.
    Schoko rempelte ihn aus seinen Erinnerungen heraus. Dabei hatte der Kerl gar nicht ihn gemeint. Er hatte nur versucht vom Barhocker aufzustehen und war dabei gegen Max gefallen. Durch ihn hindurchsehend hob Schoko entschuldigend seine Hände, brabbelte etwas und nickte einem nur ihm zugänglichem Richter zu. Dann schritt er, mit argen Schwierigkeiten die Erdrotation auszugleichen, zu den Toiletten im hinteren Teil der Kneipe. Er entschuldigte sich dabei noch ein ums andere Mal bei leeren Tischen und polterte schließlich die Treppe zu den gekachelten Räumen herunter. Koch und der Andere grinsten blöde.
    Max, wieder richtig erwacht, orderte aus Langweile ein Pils. Durch Schokos Abgang war den beiden Anderen offensichtlich der Bestellrhythmus verlorengegangen und so dauerte es nicht lange und der Koch fragte ihn ob er „mitmaxen“ wolle.
    Es war nicht allzu kompliziert. Max musste verdeckt würfeln, ansagen und die anderen konnten es glauben oder nicht. Wenn er gewann wurde er Bierdeckel los. Bis er keine mehr hatte. 1-1-2 das war der höchste Wurf, der Max. Und Max hatte Glück. Er warf ihn oft. Schließlich sei das ja auch sein Name und wenn er so heiße, dann müsse er den auch werfen. So gewann er Runde um Runde.
    Der Andere fing dann aber auch an zu gewinnen und Max, als er die dritte Runde hintereinander bezahlen musste, fragte mit hängenden Lidern den Koch, warum der Schoko eigentlich der Schoko heiße? Der Koch und er sahen sich eine zeitlang an. Wann hatten sie den denn zum letzten Mal gesehen? Die Wirtin ließ vor Schreck ein Glas fallen, fluchte und rannte zu den Toiletten
    In Max Cerebraler Würfelstube fielen die Würfel für Schoko in Zeitlupe. Die beiden Anderen begriffen schneller und stolperten der Wirtin hinterher. Er blickte zur Bar. Einem Impuls folgend, griff er sich einfach eine Flasche. „Lass die Toten ruhen“, flüsterte er in Richtung Toiletten. Den Schrei hörte er noch als er die Lokalität verließ.



    Die Straße war verlassen und die Häuser dunkel. Ausgerechnet Southern Comfort, dachte er. Einen widerlich süßen Whiskey-Liquoer hatte er erwischt. Nur mit Mühe gelang es ihm das Zeugs runterzuschlucken und mit noch größerer Mühe geradeaus zu laufen. Wegen oder trotz seiner Schlangenlinien stieß er sich bald seinen Kopf an einer Laterne. Ein wenig holte es ihn in die Welt zurück.
    Ihm fiel der grüne Mulleimer ins Auge, der an der Laterne hing. „Mach mit“ stand drauf. Auf dem Behälter war ein Männchen gemalt, dass seinen Abfall in die Tonne warf. Die Flasche war zwar noch halbvoll, aber seine Lust zu trinken war auf dem Nullpunkt.

    Entschlossen mitzumachen, versuchte er die Flasche durch die Öffnung zu zwängen. Die Flasche war zu breit. Unschlüssig stand er vor dem Eimer. Er wollte nur noch diese Flasche entsorgen. Mußte doch möglich sein? Mit voller Wucht trat er gegen den Boden. Es schepperte heftigst. Aus den Augenwinkeln meinte er Bewegung hinter einem Fenster gesehen zu haben. Es schepperte nocheinmal und dann richtig. Der Boden des Eimers war nach dem zweiten Tritt aufgeklappt. Der Müll war auf der Straße gelandet und hinter ein paar Fenstern war Licht angegangen. Er beugte sich vornüber und legte die Flasche säuberlich auf den Haufen. Bei dieser Bewegung musste er sich leicht übergeben. Es gelang ihm aber, den größten Teil wieder herunterzuschlucken.
    Die Menschen hinter den erleuchteten Fenstern waren in Bewegung. Aquarien. So sahen die Wohnungen für ihn aus. Wie Aquarien. Irgendwann würde er selbst in so einem Aquarium umherschwimmen. Und wenn nicht? Dann..., dann, so vermutete Max, würde Nicole kommen und ihn in ihrem Waschbecken ersäufen.
  • BrefDatum14.05.1970 23:18
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    BREF!


    Nicht wissend, was mir begegnen würde, zappte ich durchs Programm, verweilte bei den Verbraucherhinweisen und dann machte es Peng. Nein Bref. Es machte Bref. Ich meinte erst mich verhört zu haben. Glaubte einer ottomäßigen Werbepersiflage aufgesessen zu sein. Aber die Buben und Mädels aus der Henkelforschung und Marketingabteilung meinten es ernst.
    Dieser merkwürdige Zausel im weißen Laborkittel delektierte sich genüsslich am Produktnamen. Ein Name wie ein Verzweiflungsfurz wenn gar nichts mehr geht. Und mir gefiel er immer besser: Bref! Das ist anarchisch. Oder so subtil, dass kleingeistige Misanthropen und Toleranzverweigerer wie ich diesen Werbecoup auch in hundert Jahren nicht durchschauen würden? Egal! Ich wiederholte den Namen wohl hundertmal an diesem Abend: Bref! Stellte mir vor wie endlos mäanderndes Stehtischgefasel mit einemmal ausgebrefft werden könnte. Bref!

    Erinnert mich an... wie heißt der Film mit Piccoli? Themroc? IMDB sagt :Ja, Themroc (1973).
    Das ist übrigens ganz was feines, diese Filmdatenbank. Seit ich im Internet entdeckt habe, dass ich mir nur noch Bruchstücke eines Filmes merken muß, werde ich nicht mehr ganz hibbelig wenn mir nicht gleich einfällt, ob Howard Feuer oder Lynn Stallmaster für das Casting verantwortlich waren. Breff drauf. Jeder Kameramann, jeder Schauspieler, alles sofort verfügbar. Seitdem fange ich an meine bescheidene Bibliothek wegzulöschen, wegzubreffen. Warum sollte man sich in Zeiten dieser gewaltigen Online-Datenbanken noch mit diesem elenden Detailwissen belasten?
    Was mich auch so elendig an diesen modernen Romanen a la Schwarm stört. Furchtbar. Bref!. Seitenweise Zitierungen aus populärwissenschaftlichen Sekundärwerken über Erderwärmung, Gentechnologie oder zusammengestumpselte Kunstgeschichte a la Brown. Würde viel lieber etwas über stochastische Dichotomie Störungen bei Eulerschen Zahlen oder Transgene Konvergenzreaktionen in der Mikrowelle erfahren. Meine schlauen Nichten, denen der Sandmann durchaus mal Ihre perversen Gedanken aus den Ventrikeln pusten sollte, unken natürlich sofort, dass Ihr Großonkel – den sie natürlich nicht brotnic2um und zum glück nicht dummwiebrotnik – danke dafür Kuh – sondern nur kurz bulbus breffen äh rufen, unken sofort -: „So’n Quatsch. transgene konvergenzdynamik gibs doch gar nicht.“ Ja, eben drum! Ihr Naseweise, Rotzlöffel und Neunmalklugen!! Warum sollte ich in einem Roman detailliertes Schulbuchwissen erfahren? Das ist Bref!

    Wenngleich in meinen halbgebildeten Kreisen diese leicht stinkende Sehnsucht nach einer profunden Allgemeinbildung doch vorliegt: So mal ganz locker mediteran wie Prof. Bellavista im Treppenhaus über Philosophiegeschichte einen abschnöseln und nicht wie Dummbatz in der Ecke stehen, nur weil man noch nie was vom sokratischen Paradoxon gehört hat. Ja, Kunststück! Bref!

    Und wenn ich jedes Detail wegbrefft habe und alleine mit meinem Internet bin, dann gehe ich auf www.gehirnversand.de.
  • Brotis AngstDatum14.05.1970 22:55
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    Brotis Angst

    Stellen Sie sich vor Sie gehen durch England und jeder dort würde ein Queue tragen. Das sind keine kultivierteren Nazis die den Baseballschläger eingetauscht haben, nein, das sind alles registrierte Spieler. Stellen Sie sich vor jeder in Deutschland und Holland, ausnahmslos, hätte sich vor die Glotze gehängt um ein Endspiel – egal worin – zu schauen. Egal was. In China waren diese Hundertmillionen nicht mal 10 %. Und das beim Snooker! Wieviel Chinesen machen Leichtathletik in Vereinen? 2008 könnte uns helfen zu lernen. Also hängt die Körbe höher. Das ist zwar gemein, aber sich ungebremst vermehren ist auch nicht fair. Wenn wir die Tischbeine des Snookertischs nur 20 cm höher schrauben würden, die Titel blieben in Europa. Wie meinen? Es gibt rein quantitativ weit mehr große Chinesen als sonstwo? Das ist schlecht. Das ist ganz schlecht. Also müssen wir Populationsgrenzen einführen. Länder mit mehr als einer Milliarde Einwohner dürfen nur ihre eigene Olympiade, Turniere ausrichten. Nein, nicht nur sondern: sogar! Großzügig. Ganz im Sine der Virgin Islands.

    Ehedem war es einfacher. Da gab es zwar auch schon 1 Milliarde Chinesen aber die hatten ja nichts. Die hatten alle das gleiche Fahrrad, den gleichen Blaumann und die Mütze. Und jetzt? Wollen die alle Auto fahren! Das ist die ultimative Gefährdung meiner Spitzenposition in Ressourcen Vernichtung! Wenn nur 30% der Chinesen im Monat 50l Benzin verballern bzw. Jeder Chinese 15 l im Monat verbraucht, dann kommen wir auf die hübsche Summe von 19 500 000 000 l Benzin im Monat. 234 000 000 000 Milliarden l im Jahr. In nur 75 Jahren hätten diese Chinesen den Irak leer gefahren. Ach du Scheiße. Google-Google. Es ist sogar mehr. Weit mehr. 1,7 Barrel pro Chinese im Jahr. 159l*1,7 =270L pro Jahr=22,5 l im Monat. Hinzu kommen 0,8 Barrel pro Jahr für jeden der 900000000 Millionen Inder. Die sollten weiter Elefanten fahren. Wir sollten eine Kampagne starten: Armut ist geil, Fahrrad ist geil; Natur ist geil. Statt dessen Entwicklungshilfe damit alle so reich wie wir werden. Das ist doch Wahnsinn.

    Wie?, das sei egoistisch? Natürlich. Das ist hochgradig egoistisch! Taucht doch mal auf den Grund des Mittelmeeres und zählt die Leichen und werft mir dann noch mal Egoismus vor. Wir fahren im Highspeed Tempo an die Ressourcen Grenzen. Sagenhaft. Meine Enkel, ach Söhne, Töchter, Nichten, und Neffen werden in der norddeutschen Tiefebene Bananen pflanzen und Dinge benutzen die mit allem anderen angetrieben werden aber nicht mehr mit Öl oder Benzin. Mad Max lässt grüßen. Funktioniert Fernsehen ohne Öl? Ich hab Angst. Mit Seelenruhe werden Windhosen in der Lausitz beobachtet und 6 Wochen 40 Grad Hitze ausgehalten. Süditalien ist kurz davor nördlicher Ausläufer der Sahara zu werden. Das gab’s doch nur bei den Anderen!! Das hatten wir nicht und ich will das auch nicht. Aber Alle sind so merkwürden ruhig. Gibt es einen Masterplan? Also, außer den Irak besetzen? Ist die Kernfusion etwa machbar? Haben die alle ein Ticket für einen Ersatzplaneten außer meiner einem?? Und Broti? Nee, nee der bleibt hier, der macht’s Licht aus.
    Ich muß ruhig bleiben. Tief durchatmen. Ruhig bleiben.

    Andererseits: Wir haben jetzt in Deutschland seit 1945, - 61 Jahren - keine riesige Katastrophe bzw. Krieg erlebt. Unsere Großmütter würden uns was husten. Dauernd gab’s was auf die Fresse. Und wenn’s mal ruhig war – so zwischen 1871 und 1914? Da fingen unsere Ahnen gleich zu maulen an: Gott, ist das langweilig und Es muß etwas passieren haben sie gestöhnt und Hurra geschrieen als Wilhelm Zwo zu den Waffen rief. Hurra! 61 Jahre Ruhe. Wenn ich meine Rente und mein Leben friedlich zu ende bringen darf, dann kommen wir auf an die Hundert Jahre Frieden. Ein Jahrhundert ohne Katastrophe? Ja, wer soll das denn glauben?? Fies ist, dass ich nix machen kann. Egal wie’s kommt. Da kann ich Schäuble gestatten, mich bis auf die Toilette überwachen zu lassen. Er wird’s auch nicht verhindern können. Was der sich einbildet? Deswegen wahrscheinlich auch die Ruhe. Du kannst nix ändern. Fährst vollrohr auf einen Baum zu. Hast aber keine Bremse geschweige denn Lenker. Wäre ja auch zu einfach. Du brauchst Langmut!. So wie diese Wachsoldaten im Kongo, die mir das Frühstücksfernsehen zeigte. Ich sehe ein deutsches Auto langsam auf drei Soldaten zufahren. Es darf passieren und keine zwanzig Meter weiter liegen zwei tote Soldaten mit anderer Uniform. Die liegen da so rum. Was denken die drei anderen Zinnsoldaten? Wahrscheinlich : Bloß weg nach Europa. Da kommt das Mittelmeer ins Spiel als natürliche Schießanlage.

    Da frag mich doch einer ob ein Clash der Zivilisationen und Kulturen bevorstehe, ein Nord- Süd Konflikt drohe oder das Klima sich wandle. Dreimal Ja, verdammtnochmal. Alles schon geschehen oder mitten im Gange. Wär ich nicht Europäer, würde ich mich hassen und derjenigen Bombe applaudieren die meinen fetten Arsch zerreißt. Statt dessen, räusper, statt dessen haben diese Mitteleuropäer und Großindividualisten nichts besseres zu tun als per digitalem Stift sich an der Punze zu reiben oder ihn sich gleich in den Anus zu schieben bzw,. stecken zu lassen. Römisches Volk das! Jubilieren dabei und halten sich für Genies. Dabei wird Ihnen gleich im Labor um die Ecke der Garaus gemacht. Nicht mit Gift und Bomben. Ach was. Reduzieren unser 26 buchstabiges Alphabet auf nur Vier. Aber genug um jedem der sich einzigartig schimpft, das Rückgrat rauszudrehen. Odoakar hat die Schulen geschlossen und 1000 Jahre Finsternis folgte. Heute substrahieren wir uns einfach selbst. Oder glaubt Ihr, dass irgendjemand viel auf Eure phänotypische Einzigartigkeit hält? Der liebe Des Cartes hat ausgedient. Jedes Ich wird zum Wir. Hurra! Wir werden zu Chinesen, aber zu denen mit Blaumann und Mütze! Von überall ziehen sie an der Tischdecke unseres reich gedeckten Tisches. Wir müssen die Tischbeine verlängern.
  • SommerfreudenDatum14.05.1970 13:04
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    Sommerfreuden

    Siebenunddreißig Grad im Schatten. Kein Furz will dieser Stadt entweichen. Schon die oberflächliche Betrachtung der Menschen ist klebrig. Will nicht über nässende, schwelende Furchen und Rinnen nachdenken, kann aber nicht ständig Werbeplakatsmenschen ansehen. Wie eklig muss ich eigentlich für die Anderen sein? Will ich das wissen? Muss an die Wellnessmenschen in den Wellnessoasen denken. Obwohl eine Innere Station im Hochsommer tags wie nächtens lang genossen und gerochen mir eigentlich nicht menschliches mehr fremd sein sollte, erschienen die Menschen mir dort von völlig anderer Art. Sehen völlig anders aus, als auf den Plakaten. Völlig. So wie ich. Aber splitterfasernackt und meistens deutlich älter. Bauchfalten gibt es: Sagenhaft. Fast erwartete ich dort nur Ken und Barbies zu erblicken, so dass ich fürchtete mich und meine Fleischsäcke nur mit schamgesenktem Haupt zu zeigen. Aber weit gefehlt. Es war wie auf einem FKK Strand wo du alles erblicken kannst, aber nichts davon sehen, geschweige denn behalten willst. Es gibt so wenig schöne Menschen. Meistens sehe ich nur Backfischspeckfalten, die sich über Hosenbünde quälen, oder taschentuchgestopfte Hühnerbrüstchen die vor spitzen Schulterknochen präsentiert werden. Zwangsläufig muss ich an den Vorteil arabischer Kluft denken. Alles wallend, die Gestalt, fast komplett auch die hässliche Visage, alles, zu- und eingehüllt. Siebenunddreißig Grad im Schatten. Was machen da eigentlich die Huren dieser Stadt? Küssen – bei Sympathie - und schmusen, französisches Vorspiel auch total am verschwitzten Unterleib – gegenseitig? - ohne Kondom, mit Körper- und Gesichtsbesamung, oder Anal oder doch gleich gegenseitig anpissen? Wie sich das anfühlen muss bei diesem Wetter und wie häufig dort die Laken und die Tücher wohl gewechselt werden? Ob die gemeine Bettwanze dorten gut entwickelt ist? Ein Treibhaus der Körpersäfte. Aber nun denke ich ja doch über die fleckigen, feuchten, nässenden oder verkrumten Körperstellen bei großer Hitze nach. Pathologisch. Pathologisch wie an diesem Samstagnachmittag auf der Lunge. Die meisten Perückenträger waren lange fort auf Wochenendurlaub vom Krebs. Der lange Flur wie ausgestorben und vor allem still. Eine Pille oder dergleichen musste verabreicht werden. Die Dame nicht gleich auffindbar. Schließlich die Toilette. Heiß und lichtdurchflutet und vor allem still. Nichts los. Doch da hockt sie ja und qualmt eine nach der anderen. Was soll Sie auch sonst machen? Froh wieder im Schwesternzimmer zu sein. Die Tür steht offen. Der Linoleumflur gähnt mich an. Weit hinten am anderen Ufer des Flures scharrt Sie noch Ihre Zigaretten. Siebenunddreißig Grad im Schatten.
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