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  • NEUES FORUM // Bugs // VorschlägeDatum20.03.2009 20:42

    Da ich mich nicht automatisch anmelde, habe ich nach 2-4 Fehlversuchen schnell den Editor aufgemacht und meine Tastaturund Eingaben geprüft. Alles sauber. Dann habe ich irgendeine, dass müsste ich nochmal prüfen, bze. wiederholen können, andere Seite des Tümpels gewählt wo auch ein Login abverlangt wird. Da ging es dann sofort. Deshalb vermute ich, dass es an den temporären Dateien des Browsers liegt - oder andersrum ;).
    Mit dem Notebook mit dem ich gerade surfe, ist mir das noch nicht passiert.Beim Notebook werden bei Beendigung von FF 3.0 alle Temp Dateien gelöscht. Den PC von heute Vormittag, wo mir der Fehler passierte, den muss ich manuell säubern. Vielleicht hilft das.

  • NEUES FORUM // Bugs // VorschlägeDatum20.03.2009 20:21
    Die Siebzehn war gefühlt. Entschuldigung. Aber es waren schon ein paar Versuche, weil ich sichergehen wollte, dass ich keinen Tipp- oder Einstellungsfehler habe.
    Betriebssytem Xp;Browser Firefox 3.0.
    Gruß
    Brot
  • NEUES FORUM // Bugs // VorschlägeDatum20.03.2009 19:47

    Hi Maya,

    dass es heute langsamer ging, kann ich nicht finden. Es geht alles ganz flott.
    Scriptfehler wurden nicht angezeigt. Keine Probleme. Nur einmal, heute Vormittag, brauchte ich siebzehn Versuche um mich anzumelden. Die Anmeldedaten seien falsch. War mir aber sicher, dass ich mich nicht vertippt habe. Ist aber danach nicht wieder aufgetreten.

    Gruß
    Brot

  • 19.03.2009Datum20.03.2009 10:11
    Thema von Brotnic2um im Forum Das Tagebuch
    19.03.2009

    Mein Freund, der Unternehmer, der Boss, sah heute in der Frühlingssonne so aus wie Konstantin Wecker vor seinem Entzug. Er war wieder mal wach bis drei Uhr morgens gewesen und hatte an seinen Apparaten rumgespielt. Den Illuminat Server hätte er auf eine andere Maschine geklont. Heute um drei Uhr morgens hätte er das gemacht. Hat geklappt, bemerkte er immer mal wieder ganz stolz. Hat geklappt. Funktioniert. Guckst Du.
    Das kann auch nicht gesund sein.
    Sein Kollege, Uli die Hasenscharte, der mir ganz lieb das Telefonkabel, dass ich im Lager gefunden hatte, aufwickelte schien mir auch übernächtigt, aber sehr glücklich zu sein. Er schwallte, während er wickelte, von Multimedia Servern und sagenhaften V-DSL Down- wie Upstream Raten, die er jetzt zu Hause hätte. Er schwöre übrigens auf Mac. Was ich denn heute noch mache?, fragte er.
    Ich gehe jetzt ein super Modem installieren, antwortete ich ihm.
    Und da glänzten seine Augen und er wollte mehr wissen.
    Ob ich so ein V-DSL 48mbit, alter 48mbit! konstant und Antwortzeiten! von 0,82 hätte?
    Nein, musste ich zugeben, so ein Modem hätte ich nicht gemeint. Mehr den Klassiker: V90 Analog Modem.
    Da lachte er. Ich sei ja ein Schelm und wickelte lachend das Telefonkabel weiter auf, dass der Boss ihm in die Hand gedrückt hatte, um mir ein Gefallen zu tun.
    Aber vielleicht könne ich ihm ja sagen wie lang so ein HDMI Kabel denn maximal sein dürfe.
    Drei Meter, näselte ich gelangweilt, aber souverän zurück. Ich hatte keine Ahnung. Jedenfalls war ich froh, dass er mir das viel zu lange Telefon Kabel aufwickelte, dass ich die Dreier Steckdose mit langer Schnur und zwei USB Kabel bei ihm gefunden hatte und dabei war abzustauben. Andernfalls hätte ich quer durch die Stadt wieder ins Büro fahren müssen, diese Kleinteile, die ich heute morgen vergessen hatte, einsammeln und wieder quer durch die Stadt zurück – wenn man so will – zum Anfang hätte bringen müssen. Fast zum Anfang dieses Tages. Denn der Anfang war sowieso unterbrochen worden, weil



    mein Telefon klingelte. Kurz nachdem ich am Schreibtisch Platz genommen und die Kaffeemaschine angeworfen und den Brackwasserbecher unter die Düsen der Maschine gestellt hatte, kurz danach klingelte mein Telefon mit diesem aggressiven Klingeln. Wie ein „Bei Fuß“ Befehl.. Die Nummer kannte ich. Das Gegenteil von Kaffee stand im Display. Natürlich nahm ich ab – für den Anrufer war ich so was wie der Brackwasserbecher.

    Der Rechenknecht in der Warenannahme verweigere den Dienst. Der fahre nicht mehr hoch. Was soll ich drücken, was kann ich tun?, forderte er mich auf.
    Nichts.
    Nichts?
    Gar nichts. Da muss ich rauskommen.
    Ja, dann machen Sie das, antwortete er noch und legte auf.
    Energie, dachte ich und überschlug die Möglichkeiten, wägte ab, welches Problem der Rechenknecht in der Annahme haben könnte und schnappte mir nach und nach, was ich meinte, dabei haben zu müssen.
    Zum Glück, so dachte ich noch, während ich die Werkzeuge einsammelte, war mir eingefallen, dass ich noch die alte Modem Karte einstecken sollte, die ich Tage zuvor schon erfolgreich auf Funktion geprüft hatte. So könnt ich nach einer erfolgreichen Notoperation am Konsumumschlagplatz endlich zum Hausmeister von dieser Hausverwaltung fahren können, weil der eh seit Tagen darauf wartete, dass ich ihm den neuen PC, den sie bei mir gekauft hatten, betriebsbereit mache. Dabei vergegenwärtigte ich mir noch, dass, wenn ich bei dem Büttner, dem Hausmeister sei, ich unbedingt beim Geschäftsführer der Hausverwaltung bescheid sagen solle, wenn der Büttner, mir von sich aus erzählen würde dass er schwul sei. Das mache der nämlich bei jedem, aber das wolle er, der Chef, von mir bestätigt haben – sofern es denn stimme.


    Die Operation verlief zunächst erfolgreich und ich war guter Dinge, dass der PC am Umschlagplatz schnell wieder genesen und produktiv am Netz sein könne. Während ich so dachte, fiel mir die „Hart aber Fair“ Sendung von gestern Nacht ein: Erstklassig kassieren, zweitklassig kurieren. Also unterzog ich den genesen Rechenknecht einem weiteren Test bei dem er wieder prompt versagte und die Arbeit wieder einstellte. Während ich die Operation wiederholte und wusste, dass ich die Festplatte und das darauf installierte System, wenn Sie es denn noch ein bißchen durchielte, würde klonen müssen, kam der Hauselektriker des Weges mit seinem Laptop. Der würde auch nicht mehr tuen. Der schwule Hausmeister würde warten müssen.

    Nachdem ich nun leidlich zussammengeflickte Rechenapparate ihrem elektronischen Schiksal überlassen konnte, fand ich mich beim Arbeitsplatz des schwulen Hausmeisters wieder.
    Es war ein kalkweiß gestrichenes Loch in irgendeinem Keller der weitläufigen Wohnanlage. Es war eine Abstellkammer. So gemütlich wie eine Gummizelle. Der Büttner war dicklich und weiß und lächelte mich an.
    Sie, der Eigentümer und die Verwaltung, hatten ihm einen nigelnagelneuen PC, Monitor und Multifunktionsderwisch von einem Drucker spendiert, so wie eine nicht mehr ganz neue Telefon. Fax Amatur von Panasonic.
    Mitten in diesem kleinen Raum stand ein neuer, wuchtiger Schreibtisch in Buche mit PC Fach – wo die Dinger regelmäßig zu heiß werden – und ich saß dahinter. Vor mir der lächelnde und schwule Hausmeister.
    Er brauchte es gar nicht zu sagen. Er war dicklich, trug einen Blaumann, schnaufte immer leicht durch die Nase, dessen Ränder so rot waren wie seine durchgetretenen Turnschuhe. Irgendeine Tönung war in seinen Haaren und sein Händedruck war fluffig gewesen. Ob er denn jetzt Internet bekäme?
    Nein, sagte ich.
    Da guckte er mich ganz verwirrt an.
    Nein?
    Nein.
    Aber er müsse doch E-Mails lesen und schicken und der PC, der müsse doch noch aktualisiert werden, Bei seinem Notebook hätte er ganz viele Updates einspielen müssen.
    Das sparen wir uns. Sie kriegen dafür dass hier.
    Was ist das?
    Eine Modemkarte. Damit werden Sie ihre E-Mails abholen und lesen können, sofern Sie keinen zu großen Anhang haben.
    Büttner blieb verwirrt und ich werkelte und fluchte, weil mir jetzt auffiel, dass ich die Hälfte vergessen hatte. Modemkabel, Dreierstecker, USB Kabel. Die Arbeit würde liegen bleiben und ich würde wieder in diesen zugigen Keller müssen. Es wurde zwar Frühling, die Sonne schien, aber dieser Abstellraum war weiß, kalt und windig wie Büttner und ich.

    Herr Büttners Verwirrung blieb, aber er lächelte weiter und blieb sehr freundlich. Ja, fast zutraulich. Zwar funktionierte noch nichts an seinem Arbeitsplatz und er hatte auch verstanden, dass er niemals, nie, nicht in seinem Keller würde surfen können, dass sein PC nicht mal einen Virenscanner bekam, weil er damit einfach nur zwei Tabellen und Texte würde schreiben können, aber Büttner bedankte sich und blieb artig. Wann ich denn wiederkomme? Vielleicht heute oder morgen. Ich melde mich bei Ihnen, brubelte ich und verschwand wie Paulchen Panther.

    Aber dann rief der Boss an und fragte, ob ich Zeit hätte. Klar hatte ich Zeit. Der Boss und sein Unternehmen war ganz in der Nähe von der weitläufigen Wohnanlage mit dem schönen weißen Keller. Der Boss hatte einen Server geklont. So wie ich es ihm Tags zuvor geraten hatte. Er war stolz wie Bolle. Aber die Tastatur würde nicht funktionieren. Das Ding fahre zwar hoch, aber er könne sich nicht anmelden, weil die verdammte Tastatur nicht funktioniere und dann lachte er und dann lachte ich auch. Ob er ein Modemkabel hätte, fragte ich während wir lachten. Klar hätte er das. In seinem Lager hätte er alles. Komm vorbei. Bedien Dich.


    So war ich beim Boss, Hasenscharte und dem großen Lager gelandet. Es war alles da. Dreier, USB und Uli wickelte das lange Kabel auch noch für mich auf – kürzer gab es das leider nicht. Macht nichts. Büttner ist artig, dachte ich. Wir lachten viel und das Tastaturproblem war nach einem Besuch im Bios des Rechners auch schnell behoben. Es ging zack, zack, zack, die Sonne schien auf gräsige Gesichter und flusch saß ich wieder im weißen Keller von Herrn Büttner. Das sei aber schnell gegangen, sagte er ein ums andere mal, während ich mich auf der Zielgeraden befand. Dröhnig erklärte ich ihm wie man so ein USB Multifunzding installiert und dass man sich ja an die Installationsanleitung halten müsse, weil sonst, naja, sonst würde es halt schwer werden. Es wurde schwer.

    Das Ding wollte nicht scannen und Büttner saß die ganze Zeit vor seinem Schreibtisch auf diesem Kinderstuhl, dieser große, schwere, weiße und im Blaumann steckende Mann, saß da und glotzte mich mit großen Kulleraugen ganz lieb an. Naja Hauptsache er druckt, meinte er. Das tat dieses Schweinegerät. Aber nach einem kurzen Gespräch mit der Hotline wußte ich, dass es auch scannen würde, wenn ich ein zwei Sachen aus dem Internet herunterladen und installieren würde: Tools und Treiber sowie eine Anleitung zur kompletten Deinstallation der vorherigen Installationsversuche. Warum müssen eigentlich immer Reste übrig bleiben, dachte ich, sah mich aber in einer fürchterlichen Klemme.
    Sagen Sie, gibt es hier im Haus jemanden der einen DSL Internetzugang hat?, fragte ich Büttner.
    Ja, antwortete er und veränderte nicht einen Hauch seiner Mimik.
    Ich müsste mir schnell mal was vom Hersteller herunterladen und mit dem Modem in ihrem PC
    Dauere es viel zu lange, vervollständigte er meinen Satz. Wir könnten zu seinem Freund gehen, der hätte ein Notebook mit DSL Anschluss.
    Prima, sagte ich und saß kurz danach auf einem Bullenpenis von einem Barhocker vor einem Laptop, dessen Anmeldeavatar ein sabberndes Gesicht eines Bernadiners war. Die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Prima, dachte ich. Hatte ich seinen Freund eigentlich richtig wahrgenommen? Hatte ich das gewollt. Ich war in einem Tunnel und dachte an Pulp Fiction. Gleich würde der schwule Axtmörder mit dem Rasiermesserpenis kommen und mich in einen Ganzkörperlatexanzug stecken, solche und ähnliche gedanken verfolgten mich, wähend ich den 100% der Download Statusbalken entgegenfieberte. Sie tuschelten und lachten hinter meinem Rücken. Der Freund des Hausmeisters hatte so ein bronchiales Husten. Wortfetzen drangen an mein Ohr. Hielten die mich für gestört?
    Ruhig Brauner, ermahnte ich mich und war froh, als ich meinen Stick aus dem fremden Rechner ziehen konnte.

    Zum drittenmal saß ich dann in diesem Keller, an diesem Schreibtisch und zum drittenmal saß der Büttner auf dem Kinderstuhl vor mir und lächelte. Als seien all die Momente geklont. Diesesmal wurde ich fertig. Mit allem. Es lief. Das Anmeldekonto von Büttner schränkte ich schnell noch ein und verließ nach einem letzten fluffigen Händedruck den Verwaltungskeller des Hausmeisters der weitläufigen Wohnanlage.

    Im Auto überlegte ich noch, was sie getuschelt hatten. Vermutlich war ich ein Arschloch für sie. Ein Schizo oder Psycho. Meinetwegen, dachte ich, meinetwegen. Meine Arbeit war fertig geworden, das Tagewerk vollendet und Arschgeigen

    Aber den Gedanken konnte ich nicht mehr fertig denken weil das Handy wieder klingelte. Es klang wie heute morgen, so als sei der Ton wie der Tag geklont worden.
  • Thema von Brotnic2um im Forum Ausgezeichnete Prosa
    I.

    Ich bin jetzt siebenundfünfzig Stunden wach. Ich werde Ihnen alles erzählen und Sie werden glauben, ich halluziniere oder sei durchgedreht. Aber es ist meine Wahrheit. Es ist das, was ich erlebt habe. Still! Ich glaube er kommt. War da nicht ein Geräusch? Ich könnte ja durch den Spion sehen? Geht nicht. Gestern habe ich die Wohnungstür komplett vernagelt. Mist. Aber es ist besser so. Es ist besser zu wissen, dass seine Schlüssel nicht ausreichen hier hereinzukommen. In meine Wohnung wird er sich nicht schleichen können. Hier nicht!

    Er ist einer von der leisen, unauffälligen Sorte: älterer Herr, Schiebermütze, grauer Handwerkerkittel und – wie zum Hohn – hat er immer einen kreisch roten Werkzeugkoffer dabei. Still! Nein. Fehlalarm. Wie lange ist es her, dass ich Mr. Toolbox das erste Mal bemerkt habe? Drei Jahre? Nein. Drei Monate? Drei Wochen? Auf jeden Fall ist es länger her als dreißig Stunden.


    Ich hatte am Schreibtisch in der Kanzlei gesessen und wie so oft eine Nachbarschaftsklage studiert. Es war mir zunehmend schwergefallen, mich auf die Buchstaben zu konzentrieren. Ich ertappte mich dabei, wie ich Sätze las, die nirgendwo standen. Mein Handy piepte. Der Ton riss mich aus der Versunkenheit meiner Arbeit heraus. Es war eine Erinnerung. Zwanzig Uhr. Isabel. Weihnachtsmarkt.

    Bei einem Speed-Dating hatte ich Isa kennengelernt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich ihr oder den anderen Kandidatinnen erzählt hatte. Vielleicht, dass mein Ururgroßvater Schamane war und mit einem Einbaum zweihundert Jahre nach Kolumbus die alte Welt entdeckt hat? Mit Sicherheit hatte ich diese Story erzählt und Isabel musste sie geglaubt haben, denn sonst hätte sie sich nicht mit mir zu einem samstäglichen Date auf den jüngst gestarteten Weihnachtsmärkten verabredet. Dieses Date wollte ich nicht verpassen. Ich hatte mein Handy unmittelbar nach unserer Verabredung, so programmiert, dass es mich von da an, jeden Tag erinnere, dass ich ein Treffen mit Isabel auf dem Weihnachtsmarkt habe.

    Da ich zerstreut bin und gerne mal mich selbst vergesse, versuchte ich mich mittels dieses elektronischen Helferleins auf Spur zu halten. Meine neunmalkluge Tante Rosa sagte immer, wenn etwas schief ging: „Und wer ist schuld?“, und bevor Friedbert, ihr Mann, oder sonst jemand antworten konnte, schloss sie selbst: „Die Schneiderfrau.“ Die sei so neugierig gewesen, führte Tantchen aus, dass sie Erbsen gestreut hat, um den fleißigen und rechtschaffenen Heinzelmännchen auf die Fährte zu kommen. Aber die hätten das gemerkt und seien danach nie wieder gekommen. Wer wolle sich auch ertappen lassen?

    Nach dem kurzen Schreck, den der Erinnerungston meines Telefons ausgelöst hatte und dem Gedanken, dass ich heute, in viel zu knapper Zeit, Isabel treffen würde, beruhigte ich mich wieder. Am heutigen Tage sollte das Treffen ja gar nicht stattfinden. Trotzdem beschloss ich für heute, die Arbeit ruhen zu lassen. Kein Einspruch, keine Schrift oder Petition musste zwingend und auf dem letzten Drücker fristgerecht in den Gerichtsbriefkasten eingeworfen, kein Schreiben noch unbedingt bis morgen früh eingesprochen sein, damit meine Frau Koch aus dem Sekretariat es tippen konnte. Ich gähnte. Es war jetzt weit nach sechs und ich hatte keine Lust mehr. Für einen Moment surfte ich noch durch das Internet und verzog die Miene wegen des marktschreierischen Schreckens-, Mord- und Ekeljournalismus, den auch seriöse Zeitungen mittlerweile pflegen. Blutige Bilder, nackte Frauen, Sex and Crime und eine Portion Angst und Schrecken, das sind die Zutaten des Groschenromans und des modernen, investigativen Journalismus. Alles ist eine Katastrophe, wenn nicht der Untergang des Abendlandes. Ob die tote Frau in der Wanne, der Benzinpreis, das Fernsehen oder der nächste Terroranschlag. Widerlich. Bevor ich meinen PC herunterfuhr, las ich noch eine Mail von Frau Koch. Sie erinnerte mich, dass jemand vom Sicherheitsservice des Hauses heute wiederholt nach einem Termin gefragt hätte.

    Alle im Viertel waren ein wenig nervös geworden, wegen der einen Geschichte, als ein Spezialteam ins Haus gekommen war. Ein Mieter hatte wegen eines verdächtigen Geruches Alarm geschlagen. Am Ende war es ein chemisches Schulexperiment zweier Jungen gewesen. Die vom Haussicherheitsservice sollen sich mal nicht so haben, dachte ich, sammelte meine Utensilien ein, löschte die Lichter, verließ die Kanzlei und wollte zuschließen. Ein Jugendfreund, der jetzt bei der Staatsanwaltschaft ist, hat mich schon zu Schulzeiten damit aufgezogen, dass ich ein Klöterer sei. Damit meinte er meinen Schlüsselbund, der an meinem Gürtel „herumklötere“. Ich tat und tue mich immer noch schwer, Schlüssel wegzuwerfen. Mit der Zeit ist das Bund dicker geworden. Mit der Zeit habe ich Schlüssel am Ring gefunden, deren Schloss ich längst vergessen hatte. Fahrrad? Minitresor? Computer? Dummfug? Schlüssel gibt es ja für alles und ich weiß, dass es meistens lächerliche Sicherheitsbärte sind, die man so mitschleppt. Aber wegwerfen? Könnt’ ja was sein? Während ich meine Schlüssel unschlüssig durchfingerte, schaltete die Automatik der Flurbeleuchtung das Licht wieder aus. Schlagartig war es dunkel im Treppenhaus. Im gleichen Augenblick spürte ich in meinem Rücken Schritte. Ganz leicht. Federnd. Ich bekam eine Gänsehaut. Ich hasse das Gefühl, alleine und einer unbekannten Bedrohung ausgesetzt zu sein. Das hängt mit einem Traum zusammen, den ich als Kind hatte.

    Schon als Kind hatte ich einen Traum, der mir weismachte, dass ich aufgewacht sei.
    Damals träumte ich, dass ich wach werde und meine Kinderzimmertür aufschwingt. Ein Fremder erscheint im Rahmen und hinter ihm ist nur eine gähnende Leere. Er kommt wortlos zu mir an mein Bett. Und ohne dass ich mich wehren kann, hebt er mich heraus und trägt mich fort aus meinem Kinderzimmer.

    Obwohl ich wusste, dass es ein Traum ist und mir ein Traum nichts anhaben konnte, fürchtete ich mich Nacht für Nacht. Viele Male stahl er mich aus meinem Bett und jedes Mal dachte ich, es sei endgültig vorbei. Obwohl ich meinte, laut zu schreien und meine Familie aufwachen müsste, trug er mich wortlos durch die Tür in sein schwarzes Nichts. Jedes Mal, wenn ich dann mit rasendem Herz aufwachte, setzte ich mich auf die Bettkante, stellte meine Füße auf den Boden und vergewisserte mich, dass ich noch am Leben war. Und dann ärgerte ich mich, dass der Traum immer noch Macht über mich hatte.
    Irgendwann, als ich mal wieder auf der Bettkante saß und mich von meinem Alb zu befreien suchte, gewahrte ich den Teppich unter meinen Fußsohlen, spürte seine Beschaffenheit, den weichen Filz, die Härchen. Es war ein spektakuläres Gefühl und es war der Schlüssel, den fremden Mann zu besiegen. Denn ich konnte mich nicht entsinnen, in meinen Träumen jemals meine Füße oder den Boden unter meinen Füßen verspürt zu haben.

    In der nächsten Nacht, als ich wieder wach wurde, die Tür zu meinem Zimmer aufschwang, er in der Tür erschien und langsam auf mich zukam, dachte ich nur an eines: „Wenn du wirklich wach bist, dann stell deine Füße auf den Boden und spüre die Realität. Wenn du wach bist, wird er verschwinden.“ Aber er kam auf mich zu.„Stell sie auf den Boden“, schrie ich mich im Traum an, „Stell sie hin!“ Vollkommen unbeeindruckt, wie in den Nächten zuvor, kam er immer näher. Ich hatte das Gefühl, als würde ich wild strampeln und meine Beine durch die Luft wirbeln und meine Decke abwerfen. Alle meine Bewegungen waren vollkommen unkontrolliert, aber es gab einen Willen und einen Plan, sich dem Schrecken zu entziehen: „Bring sie auf den Boden!“

    Als er mein Bett fast erreicht hatte, war es mir endlich gelungen, meine Beine aus dem Bett zu wuchten. Ich spürte den Boden unter meinen Sohlen, spürte das Kratzen des Flors und dann machte ich meine Augen auf. Ich saß halb aufrecht im Bett, die Decke lag am Boden, mein Herz schlug wie wild aber er war verschwunden. Ich hatte wieder die Kontrolle und war wach. Nie wieder schaffte er es, mich aus dem Bett zu holen. Jedes Mal war ich schneller und am Ende so routiniert, dass er allen Schrecken verlor und nie wieder in der Tür erschienen war. Trotzdem blieb dieser Alb immer in meiner Erinnerung und sorgte wahrscheinlich mit dafür, dass ich den Schrecken vor der Dunkelheit, die Gänsehaut beim Betreten eines muffigen Kellers immer behalten habe. Die kindliche Angst, seine Welt mit einem Schlag ans Irrationale verlieren zu können, ist mir bis heute erhalten geblieben.

    Weshalb ich auch an dem Abend unfähig gewesen war, mich zu bewegen. Steif wie ein Brett stand ich zitternd vor der Kanzleitür. Ich wagte es nicht zu atmen und spürte, wie der Mann den Treppenabsatz erreichte. Ich spürte seine Körperlichkeit und betete, dass er weiter gehen möge. Dann machte es „Klack!“ und das Licht ging wieder an.
    „Viel besser! Im Hellen ist es angenehmer und im Dunklen finden Sie den Schlüssel sowieso nicht. Das ist übrigens ein beachtliches Bund, das Sie da tragen.“ Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Die Stimme war warm, freundlich und sie hatte Witz. Von dieser Stimme hätte ich mich sofort in den Schlaf singen lassen. Trotzdem blieb mein Unbehagen und ich stotterte irgendwas zur Antwort. Offensichtlich war ich immer noch im Bann meiner Angst und hatte keine Kontrolle über meinen Körper.
    „Darf ich mal sehen?“, fragte er und sah mich aus stahlblauen Augen an, die unter seiner Schiebermütze hervorblitzten, und ich musste zweimal schauen, damit ich mich versicherte, dass er nicht der bekannte Schauspieler Armin Müller Stahl war. Er war es nicht. Aber er hätte es sein können.

    „Zeissikon H007“, sagte er nach einem kurzen Blick auf das Türschloss und zog fast gleichzeitig aus meinem Bund den richtigen Schlüssel heraus. „Das ist der Richtige.“
    „Danke“, antwortete ich und fragte spontan: „Wer sind Sie?“
    „Ich? Oh. Hier ist meine Karte. Ich muss weiter“, antwortete er leicht irritiert, steckte mir zum H007 Schlüssel seine Karte zwischen die Finger, drehte ab und mit einem „Klack“ ging das Licht wieder aus. Seinen Schritten nachlauschend blieb ich unentschlossen stehen. Dann erst tatschte ich nach dem Lichtknopf. Als das Licht wieder an war, besah ich die Karte. Sie war wirkte merkwürdig. Ich las: „Haben Sie Angst? Dann rufen Sie mich an.“
    Darunter stand eine Telefonnummer. „Albern“, dachte ich noch und beschloss wachsam zu bleiben. Ich bin Anwalt, trage Verantwortung, denn mein Beruf funktioniert nur, wenn die Regeln nicht beliebig sind. Mein Freund von der Staatsanwaltschaft hat es während unseres gemeinsamen Studiums so formuliert: „Wir tragen zwar keine Pistolen, aber dafür tragen wir Paragrafen – wir sind Lawman.“ Dabei hatte er mich angezwinkert und spielte auf die Western an, die wir beide uns als Kind so gerne angesehen hatten. Die Rollenverteilung in den Western gefiel uns damals. Der Mann mit dem schwarzen Hut war der Böse, der mit dem Weißen, der Gute. Die Zeiten haben sich geändert. Aber einfach so mit Kennerblick für Schlüssel und einer idiotischen Karte in fremden Häusern herumzuspazieren, finde ich nicht seriös.

    Noch in der U-Bahn, eingezwängt zwischen Zeitungslesern, die mit dem Format ihrer Seiten sichtlich Mühe hatten, begann ich, mein Handy mit den vordringlichsten Aufgaben zu füttern: Türschloss gegen alle Wahrscheinlichkeit einer Kompromittierung wechseln, die Telefonnummer auf der Karte des Toolbox-Mannes prüfen, meinen Freund von der Staatsanwaltschaft und die anderen Mieter von meinem Erlebnis in Kenntnis setzen, notierte ich eifrig. Ich war so beschäftigt mit dieser Aufgabenliste, dass ich fast meine Haltestelle verpasst hätte. Dank einer Dame und ihres fast unhöflichen Eingreifens schaffte ich es gerade noch, rechtzeitig auszusteigen. Ihr Gesicht kannte ich, weil ich ihr häufig früh oder abends auf meiner Linie begegnete. „Sieh an“, dachte ich, „Dann bin ich ihr also auch aufgefallen.“ Soziale Kontrolle ist so selten geworden, dass es auffällt.


    Still! Er kommt. Ich höre doch was? Oder nicht? Ruhig bleiben. Nicht durchdrehen. Nicht hinter jedem Knacken ein Genick vermuten. Aber warum habe ich am nächsten Morgen nichts von dem getan, was ich mir vorgenommen hatte? Wieso habe ich weder Nachbarn noch die Polizei informiert? Noch nicht mal das Schloss hatte ich wechseln lassen. Idiotischerweise habe ich die Telefonnummer von seiner Karte kontrolliert. Quatsch – kontrolliert habe ich gar nichts. Angerufen habe ich. Mehrmals. Am Tag danach und später auch noch. Immer war ein Anrufbeantworter dran: „Leider ist unser Team zurzeit vollkommen ausgelastet. Bitte hinterlassen sie nach dem Signalton eine Nachricht. Einer unserer Service Mitarbeiter wird sich in kürzester Zeit mit ihnen in Verbindung setzen.“ Und als ich bereit war, eine Nachricht zu hinterlassen, schaltete sich das Gerät mit dem Hinweis ab, das „die maximale Aufnahmelänge erreicht sei.“


    Seit dem Tag der Begegnung fiel mir der Schiebermützenmann und sein roter Werkzeugkoffer immer häufiger auf. Quasi im Stundentakt. Wenn ich, um mich vom Aktenstudium zu entspannen, aus dem Fenster auf die Straße blickte, wen sah ich? Eine Schiebermütze und einen roten Koffer, der in einem Hauseingang verschwand. Wenn ich eine vor Ort Besichtigung hatte, wegen irgendeiner verblödeten Nachbarschaftskrise, wen sah ich? Den Mann mit dem Koffer. Wenn ich einfach noch mal abends zum Supermarkt ging, wer kreuzte meinen Weg und verschwand wie ein Zauberer in irgendeinem Hausflur? Wen sah ich im Lokalfernsehen? Natürlich nicht als Protagonisten. Aber dafür spazierte er ganz ungeniert im Bildhintergrund herum. Er ging ein und er ging aus und niemand hinderte ihn daran oder schien ihn auch nur zu bemerken. Und immer wenn ich ihn sah, fütterte ich mein Handy mit weiteren Erinnerungen, dass ich etwas unternehmen müsse.

    An einem der nächsten Tage, als ich wie gewohnt Punkt Sieben die U-Bahn bestiegen hatte, bemerkte ich, dass die Dame, die mich kürzlich davor bewahrt hatte, meinen Ausstieg zu verpassen, ungewohnterweise nicht da war. Stattdessen saß er mir gegenüber. Ich ließ mir nichts anmerken und beobachtete ihn verstohlen. So gut es eben ging, denn weder links noch rechts von mir lasen andere Passagiere in überdimensionalen Zeitungen. Wie gerne hätte ich über manch Balkenüberschrift ganz unschuldig zu ihm hinüber hinweggespitzt. Aber ich tat mein Bestes und auch er ließ sich nichts anmerken. So fuhren wir von Station zu Station. Ich zuckte nicht, als meine Station angesagt, erreicht und wieder verlassen wurde. Jetzt wollte ich wissen, wo er aussteigt, was er macht und wo er bleibt. Als er endlich ausstieg, folgte ich ihm so geschickt und unauffällig wie möglich. Wir waren in einem Viertel, in dem ein Block neben dem Anderen stand. Arbeiterregale wurden diese Schuppen auch genannt. Gut, dass mein Handy auch ein Fotoapparat ist. Ich fotografierte, wie er in einem Hauseingang verschwand. Dann stand ich vor dem Zwanziggeschosser, in dem er verschwunden war.

    Ich blieb inmitten eines Wohnparks umringt von Wohnungsriesen stehen, wartete und fühlte mich zunehmend unwohl. Mit Hut, Mantel und Tasche, so wie ich mich am Morgen für die Kanzlei zurechtgemacht hatte, stand ich da und starrte auf den Eingang, durch den er verschwunden war. Natürlich vermutete ich, dass mich die Passanten misstrauisch beäugten. Das ist normal und heutzutage, wo ein vergessener Koffer Panik auslöst, all zu verständlich. Aber je länger er wegblieb, um so nervöser und unwohler fühlte ich mich. Nach einer gefühlten Viertelstunde zog ich die Krempe tiefer ins Gesicht und marschierte kurz entschlossen auf den Eingang zu. Mein Herz und mein Puls rasten. Dieses Gefühl war nicht nur unangenehm. Es war auch berauschend. Es war Adrenalin. „Was wäre, wenn?“, hämmerte es durch meinen Kopf. Als ich das von Klingelknöpfen und Namen übersäte Feld betrachtete und einen Weg suchte in das Haus hineinzukommen. „Irgendwo klingeln“, dachte ich, „irgendwo“. Ich drückte das Schild von I.Godard. Ich wartete. Sollte ich meine ganze Hand auf das Brett pressen? Ich sah mich um. Eine Frau schien sich, dem Eingang zu nähern und für einen Moment dachte ich, dass ich sie kenne. Ich spürte in den Achseln, wie ich schwitzte. Kurzerhand drückte ich mit der Handfläche eine Batterie von Knöpfen und fast zeitgleich ging der Summer.

    Erleichtert atmete ich im Foyer durch. Dann wurde mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wohin der Mann mit der Mütze verschwunden sein könnte und was ich machen sollte. Das Haus hatte zwar nur einen Eingang, aber etliche Etagen und noch mehr Türen. Hilflos stand ich da. Ich befürchtete, dass die Frau, die ich draußen bemerkt hatte, jeden Moment ins Foyer kommen könnte. Da sah ich, dass ich vor einem Fahrstuhl stand, der mir anzeigte, in welcher Etage, er zuletzt gehalten hatte. Der Lift erinnerte mich an Art Deco Selbstfahrer, die ich sonst nur in Filmen gesehen hatte. Die Schiebetüren waren verziert mit mehreren Halbbögen, die aufeinander aufbauten. Die Intarsien innerhalb der Bögen waren symmetrisch und in abwechselnden Schattierungen angeordnet. Über dem Rahmen waren in einem Halbkreis die Stockwerke in glänzenden Zahlen angebracht. Der goldene Etagenstandzeiger stand auf der Dreizehn. So erleichtert ich war, dass ich einen Anhaltspunkt für meine Suche gefunden hatte, um so nervöser wurde ich, als ich feststellte, dass der Knopf, den Fahrstuhl zu rufen, fehlte. Stattdessen sah ich neben der Tür nur ein Schlüsselloch und darüber eine dunkle Lichtanzeige, die bei Aktivierung ein „Fahrstuhl kommt“ signalisieren würde. Das kannte ich von Altbauten und nicht von modernen Wohnhäusern. Nur die Mieter bekommen einen Schlüssel für den Fahrstuhl und können ihn aktivieren. Aber ich bin ein Klöterer. Ich sah auf das Schloss, auf meinen Bund und der von mir ausgesuchte Schlüssel passte sofort. “Fahrstuhl kommt“ leuchtete in rötlichen Buchstaben auf und der große Zeiger auf der Dreizehn schob sich Nummer für Nummer nach unten. Als der Zeiger die Drei erreicht hatte, spürte ich ein Kribbeln auf meinem Rücken, und als der Zeiger die Eins fast erreicht hatte, hörte ich, wie sich ein Schlüssel in der Haustür drehte. Das kann nur die Frau sein, die ich glaubte, zu kennen. Auf einen möglicherweise peinlichen, gar kompromittierenden Moment, a la „Sie hier?“, hatte ich keine Lust. Ich konnte es kaum erwarten, bis der Zeiger die Null erreicht hatte. Als sich die Türen aufschoben, ich Gelegenheit hatte zu verschwinden, hoffte ich, dass sich die Türen wieder schlossen, bevor ich mich zu erkennen geben müsste.

    Mit einem PING kam ich im Dreizehnten an. Die Tür glitt auf und eigentlich hatte ich erwartet, dass der Mann mit der roten Box vor mir stehen würde, stattdessen, war alles ruhig. Ich schritt heraus und links und rechts von mir erstreckte sich ein grauweiß gestrichener Schlauch, der sich, starrte ich lang genug hin, sich endlos in die eine wie die andere Richtung zog. Was machte ich hier? Ich fragte mich, ob ich durchgeknallt sei. Dann hörte ich plötzlich, wie ein Schloss einer Wohnung entriegelt wurde und mein Handy klingelte.

    Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, den Klingelton zu unterdrücken und mich selbst in einem Türrahmen zu verbergen. Verzweifelt versuchte ich meinen Atem zu unterdrücken und sah abwechselnd auf das stumm blinkende Display in meiner Manteltasche, wo anklagend Büro blinkte und in den Wohnungstrakt, in dem er auf einmal stand. Gewissenhaft verschloss er die Wohnungstür, aus der er getreten war, richtete seinen Kittel und ging mit starrem Blick in meine Richtung. Sein Schatten zog an mir vorüber. Was wäre, wenn jetzt der Mieter, in dessen Rahmen ich klebte, hinter meinem Rücken die Tür aufzöge? Was wäre, wenn der Mützenmann sich umdrehte? Immerhin, er hatte mich nicht bemerkt. Wie aufgezogen und mit Tunnelblick war er an mir vorbeigegangen und routiniert wartete er auf den Selbstfahrer. „PING“ machte es und die Fahrstuhltür glitt auf. Er schritt in die Kabine und drückte eine Taste. Jeder normale Mensch dreht sich spätestens jetzt um und schaut wieder zurück. Ich befürchtete natürlich, dass er mich dann sehen könnte, und überlegte, in die Knie zu gehen; oder mein Versteck zu verlassen und in einen toten Winkel zu fliehen. Aber er rührte sich nicht und hielt sein Gesicht stur zur Kabinenwand gerichtet. Meine Intuition versicherte mir: Der dreht sich nicht mehr um. Und richtig: Die Tür glitt zu, ohne, dass er auch nur gezuckt hätte. Beinahe hätte ich mir kurz zuvor in die Hose gemacht und nun dachte ich schon wieder an den Maler Magritte und seine Spiegelbilder. Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte hysterisch losgelacht, aber ich hatte meine Nerven im Griff. Nun, da ich wusste, dass er weg war, löste ich mich aus dem Rahmen und ging zur Tür aus der er gekommen, um mir zu notieren, bei wem er gewesen war.

    Godard stand auf dem Klingelknopf. Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle. Dieser Name war mir unten aufgefallen, diese Klingel hatte ich gedrückt. Hatte er mir aufgemacht? Wahrscheinlich. Deshalb hatte er sich auch nicht im Fahrstuhl umgedreht. Er wusste ganz genau, schon seit der U-Bahn, dass ich ihm gefolgt war, wusste, als es bei Godard klingelte, dass ich es sein musste, wartete ab, lauschte, bis er die Klingeln nebenan hörte und dann erst öffnete er mir die Haustür. Und hier im Flur tat er so, als sei ich gar nicht da. Er drehte mir demonstrativ den Rücken zu und lachte mir dennoch ins Gesicht. Raffiniert.

    Während ich mir Namen und Uhrzeit der von ihm Besuchten in mein Handy programmierte, funkte mir leider wieder mein Büro mit einem Anruf dazwischen. Mist. Ich nahm den Anruf entgegen. Es war Frau Koch, die fragte, wo ich bliebe. Im Fall Mann gegen Heinzel liefen Fristen aus. Das stimmte. Ich sah auf die Uhr. Fast elf. Es würde Mittag vorbei sein, wenn ich im Büro einträfe. Mein Abenteuer am Vormittag hatte länger gedauert, als ich es gedacht hatte und meine Pflichten es vertrugen. Trotz des Stresses und meiner Beschwichtigungs- und Erklärungsversuche gegenüber Frau Koch musste ich, während ich mit ihr sprach, fast zwanghaft an die Peanuts Zeichentrickfolgen im Fernsehen denken. Immer wenn bei den Peanuts die Erwachsenen auftreten, die man nie sieht, ertönen tiefe, lautmalerische Töne, die keinen Sinn, aber eindeutig Respekt einflößend genug sind, um die kleinen Nüsse wieder in die Spur zu bringen. Wenn man solche Dinge reflektiert, wird es einfacher zu gehorchen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls sputete ich mich und versuchte auf dem Weg ins Büro nicht darauf zu achten, ob ich irgendwo den Toolbox Mann sehen würde. Ich sah ihn, aber ignorierte ihn.


    Wenn ich mir heute alles wieder durch den Kopf gehen lasse, frage ich mich, warum ich nicht schon früher meinen Freund ins Vertrauen gezogen habe? Warum ich nicht bei I.Godard geklopft, geklingelt oder angerufen habe? Warum ich nicht bei meinem Lokalsender angerufen habe und den Aufnahmeleiter gefragt, ob er den komischen Typen mit dem roten Werkzeugkoffer bemerkt hätte? Gar nicht zu reden von den Mietern, die oberhalb der Kanzlei wohnen.


    Es mussten wieder zwei, drei Tage nach der Begegnung in dem anonymen Hochhaus und etliche weitere zufällige Begegnungen mit dem Fremden verstrichen sein, als ich mich endlich dazu aufraffen konnte, meinen Freund von der Staatsanwaltschaft aufzusuchen. Es war ein spontaner Entschluss. Ich hatte für einen anderen Fall recherchiert und stolperte im Internet über Schlagzeilen wie Terror, Mord und Totschlag. Es war höchste Zeit, um Rat und Aufklärung zu bitten und ich ärgerte mich, dass ich solange damit gewartet und versucht hatte, hinter ein Geheimnis zu kommen, dass zu lösen nicht meine Aufgabe war. Ich hatte genug andere Akten, die ich wälzen musste. Es war zwar schon spät, aber wenn ich mich sputete, würde ich es noch vor Dienstschluss bis zu seinem Amt schaffen können. Die Straßen waren voller Hektik wegen des nahenden Feierabends. Eine Bahn, die proppenvoll war, fuhr genau vor meiner Nase weg und ich überlegte, ob ich es vielleicht mit einem Taxi versuchen sollte. Aber der Takt der Bahnen war kurz. Die Nächste erschien wenige Minuten später. Sie war ähnlich voll. Irgendwie quetschte ich mich hinein. Mir fiel die Uniformität der Bürger auf. Mantel, Hut, schlichtes Kostüm. Fast alle hatten Knöpfe im Ohr und ließen sich bedudeln. Die Musik schien sie, in eine andere Welt zu tauchen. Ich, der ich das Rauschen, Brummen, Atmen und Sirren hörte, fühlte mich ausgesetzt, aber wirklichkeitsbezogener als die Anderen, die sich mit Musik die Welt erträglich machten. Nur wer den größeren Nutzen hatte oder glücklicher war, wusste ich auch nicht.

    Als der Amtsgerichtsplatz erreicht war, musste ich die Schultern der Männer in ihren Trenchcoats fast gewaltsam auseinanderdrücken, um mich durch die Schiebetür auf den Bahnsteig zu zwängen. Fast gleichgültig ließen sie es mit sich geschehen. Vielleicht hätten sie erst aufgemerkt, wenn ich ihnen den Stöpsel aus den Ohren gezogen hätte? Die Zeit drängte, denn schon blinkten über den Türen, die Lampen, die zur unmittelbar bevorstehenden Abfahrt mahnten. Panisch schubste ich einen zusteigenden Passagier, der sich mitten im Weg befand, zur Seite, um nicht von den Türen eingequetscht und möglicherweise bis zum nächsten Bahnhof geschleift zu werden. Erst als ich auf dem Bahnsteig stand, drehte ich mich um, und erkannte, wen ich weggeschubst hatte. Es war Mr. Toolbox. Obwohl die Bahn sich in Bewegung setzte und sich sein Bild sich schnell verlor, war ich mir sicher, dass er mich unter dem Schirm seiner Mütze beobachtete und einen Schlüssel demonstrativ vor sein Gesicht hielt. Der Schlüssel erschien mir bekannt. Ich schluckte trocken und befürchtete, dass er bei dem unfreiwilligen Zusammenstoß, die Gelegenheit genutzt hatte, um mir meinen Schlüssel zu entwenden. Mit zitternden Händen zählte und befühlte ich die Bärte und beruhigte mich erst wieder, als ich den Zeissikon H007 in meiner Hand hielt. „Warum hätte er ihn stehlen sollen“, schalt ich mich, „wenn er doch eh Zugang zu den Häusern hatte?“ Dieser Gedanke erinnerte mich an mein eigentliches Ziel: meinen Freund.

    Ich hetzte die Stufen nach oben ans Licht. Ans Licht? Es war dunkel geworden. Matschig und dreckig war es in dieser Stadt ohnehin. Ich dachte in diesem Augenblick, ob ich nicht alles an den Nagel und mich nur noch meinem Hobby der Fotografie weit fort von hier in Feuerland oder Patagonien hingeben sollte? Was hatte ich hier verloren? Broterwerb nach Brago? Was scherte mich der Quark den Nachbarn sich gegenseitig unter die Nase hielten? Immerhin, vielleicht würde das Treffen mit Isabel Licht in mein Leben bringen? Aber das war jetzt nicht das Thema und ich musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass die Behörde die Pforten schloss und die Lawmänner nach Hause strömten. Sie sahen alle gleich aus in ihren hellen Mänteln und breitkrempigen Kopfbedeckungen. Wie ein verirrter Junge, der seinen Papa sucht, vergriff ich mich mal an jener, mal an dieser Schulter und musste mich für die zahlreichen Verwechselungen entschuldigen. Sollte ich ihnen die Hüte vom Kopf schlagen? Plötzlich hörte ich die Stimme meines Freundes. Seine Stimme sprach von einem Mord, einer Frau, die in einer Wohnung eines Hochhauses tot in der Badewanne aufgefunden worden war, dann, abgelenkt durch eine Zwischenfrage von einer Überwachung, einer Zelle, deren Gefährlichkeit noch schlecht einzuschätzen sei, dann wieder von der schönen Toten. Ich wühlte mich durch die vielen hellen Mäntel immer seiner Stimme nach. Endlich erreichte ich ihn, aber leider erst, als die Meute die Bahnsteigkante erreicht hatte.

    Mein Freund erkannte mich nicht gleich und war verständlicherweise überrascht, mich zu sehen. Aber kaum das wir uns begrüßt hatten, blinkte an der Tafel ein stilisiertes Bild einer Bahn und kündigte deren Kommen an. Es blieb mir nur Zeit, ihm meine Beobachtungen in knapper Form zuzurufen und um Nachprüfung der Telefonnummer zu bitten. Als sich die Türen der Bahn schlossen, schaffte ich es gerade noch, die Visitenkarte des Werkzeugkoffermanns, zu ihm durchzustecken. Er rief mir durch die geschlossenen Türen zu, dass er sich darum kümmern und sich bei mir melden würde, sobald er etwas wüsste.


    Jetzt habe ich jedes Loch in meiner Wohnung zugenagelt und welche Chancen habe ich? Vermutlich keine. Wie viele Fertiggerichte habe ich? Mehr als genug. Mehr als ich aufbrauchen könnte. Kaffee? Soviel, dass meine Hände jetzt schon zittern und ich habe einen Lid Tic. Wenn ich einschlafe, wird er kommen. Das habe ich erlebt; das weiß ich. Ich werde ihn im Schlaf nicht aufhalten können. Im Gegenteil. Keine Ahnung, warum ich jetzt an meinen Onkel „Friedbert der Flieger“ denken muss. Ausgerechnet „Friedbert der Flieger“. Immer kujoniert von seiner Frau, meiner Tante Rosa, aber begehrt von seinen Neffen. Friedbert war Diabetiker. Der einzige Verwandte, dem wir Kinder Süßigkeiten zustecken konnten.


    II.


    Als Kind war ich häufig bei Friedbert und Rosa zu Besuch. Mein Onkel, der Segelflieger, genoss es, an seiner Zigarre zu knöseln und mir Dreikäsehoch von seinen Abenteuern zu erzählen. Währenddessen lief auch immer der Fernseher. Friedbert und Rosa hatten schon früh Farbfernsehen und ich genoss die bunten Bilder und die Abenteuer meines Onkels. Sein Flugabenteuer vom „Diamanten“, ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Er sei einen Diamanten geflogen, davon hatte er mir am Liebsten erzählt. Das Abenteuer begann in Neuchâtel oder in irgendeinem anderen Schweizer Kaff zwischen den Schweizer und französischen Alpen. Dort hätten sie ihn hochgezogen. Hoch und höher und ein Wetter, Kleiner, ein Wetter, sei das gewesen, dass er jeden Millimeter Erde unter ihm gestochen scharf gesehen hätte. Als sie ihn ausgeklinkt hatten, hätte er sich wie ein Gott gefühlt. Da oben schwebe man über allem. Niemand könne dich dort erreichen. Das sei besser, als tauchen. Und die Kulisse, die Alpen, der Fels, Kleiner, das drehe einem den letzten Rest an Verstand heraus und er hätte, Aufwind um Aufwind, Welle um Welle, gesucht und sich weiter hinaufgeschraubt. Normal seien dreitausend Meter Höhe, aber er war schon auf viertausend Meter und stieg noch, als er die Wolkentürme von West wie Ost bemerkt hätte. Zwei Fronten, eine dunkler als die andere. Es hieß zwar, dass niemand zwischen zwei Gewittersysteme geraten könne, aber ihm sei es passiert und er wusste, dass es seinen Segelflieger wie Papier zusammengeknüllt hätte, wenn er zwischen den Wolkentürmen bleiben würde. Der friedliche Ausschnitt unter seinen Füßen, mit den saftigen, grünen Almen und den schneebedeckten Gipfeln hätte mit einem Mal fremd und unwirklich gewirkt. „Da, Kleiner, hat Dein Onkel gedacht, dass sein letztes Stündlein geschlagen hätte. Aus! Aus und vorbei!“, rief Friedbert mit geharzter Stimme und klatschte in die Hände, als seien seine Pranken, die Wetterfronten, zwischen denen er gefangen gewesen sei. Nachdem seine Pranken zusammengeklatscht waren, schwieg er, sog an seinem Zigarrenstumpen, wuschelte mit seinen nikotingelben Fingern über mein Haupt, sog am Stumpen und schwieg wieder. Endlich sagte er: „Aus wäre es gewesen, Junge. Für immer. Aber zwischen den Türmen, zwischen den Fronten, gab es einen Schacht. Du musst Dir das, wie einen Schornstein vorstellen. Der Aufwind, der dort herrscht, ist mörderisch.“
    Ich war ein kleiner Junge, als ich Onkels Fliegergeschichten zu Ohren bekam und ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich die Geschichten von Friedbert dem Flieger richtig verstanden hatte.


    Das Wochenende mit Isabel stand bevor. Es war Freitag und der Freitag war störungs- und irritierungsfrei verlaufen. Rote Koffer hatte ich nicht gesehen. Nach der Arbeitsroutine, für dich ich sehr dankbar war, beschloss ich, den Treffpunkt, den ich für morgen mit Isabel vereinbart hatte, schon heute, in Augenschein zu nehmen. Es könne nicht schaden, sagte ich mir, den Markt zu kennen, um Isabel weltmännisch zu den interessanten Ständen führen zu können. So machte ich mich nach Dienstschluss zum Diogenesmarkt auf, wo jedes Jahr der Weihnachtsmarkt stattfindet. Als ich auf die Bahn wartete, bemerkte ich, wie sich der Bahnsteig mit einem Schwall roter Mäntel füllte. Wo hin ich auch sah, sah ich rot. Rote Kapuzen und rote Mäntel. Schließlich saß ich in einem Waggon, in dem außer mir, sonst nur Weihnachtsmänner in ihren roten Kostümen saßen. Es stellte sich heraus, dass diese Kostümierung für einen Rekordversuch veranstaltet worden war. Tausende Weihnachtsmänner sollten sich vor der Tonne des Diogenes einfinden, und einen alten Weihnachtsmannrekord auslöschen. So zumindest verstand ich die Dialogfetzen, die mir während der Fahrt ans Ohr drangen. Am Ende stieg ich mit einer Kompanie Weihnachtsmännern im Schlepptau aus.

    Der Diogenesplatz ist groß. Der Platz ist bei Licht betrachtet eine Wüste aus Asphalt und Beton. Wenn man ihn zur Weihnachtszeit nicht mit Buden und Schaustellerattraktionen aller Art zugepflastert hätte, obendrein das größte mobile Riesenrad der Welt und die größte Tanne Mitteleuropas ins Zentrum des Platzes gestellt hätte, alle Besucher hätten sich vor Einsamkeit geschüttelt. Zur Weihnachtszeit war der leere Charakter des Platzes mit bunten Blinklichtern, Maronen-, Glühwein- und Knoblauchdüften, Gesängen und warmen Wünschen nebst grellen Schaubuden übertüncht worden. Ein totes Gesicht, das mit rotem Lippenstift grell überschminkt ist. Selbst die Tonne des Diogenes, sonst berührend und still wie das Innere eines Kirchenschiffes, war nur noch bunt und laut.

    Ich machte mich daran, den Markt zu erkunden. Mittlerweile hatte ich mich an die roten Mäntel, die sich blutstropfengleich um mich scharten gewöhnt, und nahm sie kaum noch wahr. In dieser Traube von Nikoläusen trödelte ich um den Markt und inspizierte die Waren. Immer in der Hoffnung, einen exquisiten Stand zu entdecken, der mir Isabels Respekt einbringen könnte. Am Deutlichsten blieb mir der Stand von den Grimms im Gedächtnis, die aus jedem zugerufenen Wort, Allegorien aus Büroklammern und Alltäglichkeiten zusammenschweißen und in einer Nussschale präsentieren konnten. Die Brüder forderten mich auf, sie mit einem Wort zu füttern. Sie schmeichelten mir, dass ich ganz offenkundig ein Mann des Wortes sei. Sie gaben erst Ruhe, als ich Ihnen nachgab und ihnen das Wort „Paragraf.“ zurief. Sie waren entzückt und schnell war das § Zeichen aus Bürodraht geformt. Dann bastelten sie noch einen Galgenbaum und erhängten mein Zeichen. „Nicht originell, aber knallig“, dachte ich, als ich das in einer Walnussschale präsentierte Ensemble in Empfang nehmen wollte. Aber statt des Kunststücks bekam ich mit einem Mal einen Ellenbogen von hinten in die Seite gedroschen. Mir blieb der Atem weg, ich drehte mich um und sah noch, wie ein Weihnachtsmann Fersengeld gab. Offensichtlich war ich in seinen Fluchtweg geraten. Bevor ich, halbwegs zu Atem gekommen, Verwünschungen hinterher rufen konnte, zerrte mich plötzlich einer der Grimms weg und schmiss mich zu Boden. Eine ganze Meute von Weihnachtsmännern, die Befehle brüllten und Handfeuerwaffen im Anschlag hielten, stieb wie eine Bisonherde über das Pflaster. Wäre ich stehen geblieben, die Herde hätte mich totgetrampelt. Als die rot kostümierte Stampede vorbei war, riss ich mich leicht benommen vom Bruder Grimm los und stolperte der Meute hinterher. Heute weiß ich, dass er mich gerettet hat. Damals wollte ich weg und lieber wissen, welche Seltsamkeit es mit diesen Nikoläusen auf sich hatte.
    Die Verfolger riefen „Stopp!“, „Polizei!“ aber es fielen keine Schüsse. Der Flüchtende wurde schließlich geschnappt. Als ich den Ort der Festnahme erreicht hatte, konnte ich erkennen, wie ein am Boden liegender Weihnachtsmann, umringt von einem Pulk aus roten Mänteln, mit Baseballschlägern malträtiert wurde. Fast wäre ich nach vorne gestürzt, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Aber zwischenzeitlich hatten einige aus der Weihnachtsmanntraube ihre roten Mäntel fallen gelassen und darunter kamen grüne Polizeijacken zum Vorschein. Alle hatten auf dem Rücken Dreiecke, Quadrate oder andere Swastika aus reflektierendem Material aufgeklebt bekommen; vermutlich zur Kennzeichnung der Teamzugehörigkeit.
    Erst später fiel mir ein, wie seltsam eine Kennzeichnung ist, die unter einem Mantel verborgen bleibt.

    Trotz der Polizeiuniformen und dem Gefühl, viel zu tief in einen Strudel der Gewalt hineingeraten zu sein und obwohl ich meinem Instinkt Reißaus zu nehmen, kaum noch zu beherrschen vermochte, zückte ich meine Handykamera und versuchte, die planlose Gewalt der Gesetzeshüter einzufangen. Es war schier unmöglich, hinter der Mauer aus Beinen und Stiefeln, das am Boden liegende Opfer zu fokussieren. Der Atem stand, die uniformierten Männer lachten hässlich, ich hörte dumpfe Schläge, das Bild im Display war körnig verwackelt und ich dachte, in einen Albtraum geraten zu sein. Zunehmend aufgeregter fotografierte ich schließlich alles, was mir vor die Linse kam, und achtete nicht mehr auf den Ausschnitt. Es machte ein-, zweimal das verräterische Ratschgeräusch eines Kameraverschlusses und die Aufmerksamkeit der Meute schwappte abrupt zu mir rüber.
    Auf einmal sah ich die aggressive Fratze eines kurz geschorenen Ordnungshüters im Sucher. Sein Gesicht hatte trotz oder wegen der Kälte die Färbung eines Pavianhinterns und ich hatte das Gefühl, als sei ich in ein Raubtiergehege eingedrungen. Ich überlegte nicht mehr und nahm meine Beine in die Hand. Was zu viel war, war zu viel. Ich rannte wie der Teufel. Der Diogenesmarkt verzerrte sich so, als hätte ich auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Adrenalin durchströmte meinen Körper und ich lief, wie ich glaubte, nie zuvor gelaufen zu sein. Es war ein Rausch. Ausgelöst durch die Angst, meine Existenz zu verlieren. Existenz? Was für ein Wort? Leben. Die wollten mich. Die klebten mir am Arsch und wollten zuschlagen. Keine Diskussionen, keine Worte, keine Reflexionen. Einfach das Licht ausmachen. So unerbittlich wie der Timer in einer anonymen Flurbeleuchtung. Klack. Licht aus.

    Bis ich wieder in der Lage war, mich von der Adrenalinlichtgeschwindigkeit auf Echtzeit zurückzubeamen, war die U-Bahn schon viele Stationen gefahren. Das Wort „Abgehängt“ dröhnte in mir nach, als ich mir bewusst wurde, dass ich in einem Waggon einer U-Bahn stand und mich trotz meiner zitternden Knie an einem Handgalgen senkrecht zu halten vermochte. Abgehängt. Ich hatte sie abgehängt. Was für eine verrückte Scheiße. Ich lachte. Niemand außer mir war im Waggon. In den Displays des Fahrgastfernsehens lief unter dem Thema Lifestrips eine Art Daumenkino unter dem Titel „Was ein Leben.“ ab: Der Protagonist liest sein eigenes Tagebuch und glaubt nicht, dass es sein Tagebuch ist. Stattdessen beglückwünscht er neidisch den Tagebuchautoren für sein erfülltes Leben.
    Bevor ich begreifen konnte, was sich mir dargeboten hatte, kamen aktuelle Lokalmeldungen: Anschlag auf Weihnachtsmarkt in letzter Sekunde verhindert. Tausende verdanken der Polizei ihr Leben. Im Geschenksack vom Nikolaus lauerte die Todesbombe. Die Bilder, die zu diesen Headlines eingespielt wurden, erinnerten mich allerdings nicht an meine Begegnung mit den Santas, die ungeniert einen Anderen niederknüppeln. Die Bilder zeigten schwarz uniformierte Sondereinheiten, die vorschriftsmäßig einen normal gekleideten Bürger abführten. Die Sackbombe wurde von einem Bombenentschärfungsroboter ganz steril aus irgendeinem Papierkorb geholt. Es gab keine Baseballschläger, keine Swastika. Alles war, wie nie geschehen. Mit einer Hand am Galgen fuhr ich durch die schwarzen Tunnel der U-Bahn. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich so stand. Fahrgäste kamen, Fahrgäste gingen. Gesprächsfetzen rauschten vorüber. Mal wurde über den Anschlag getuschelt, mal über die Frau, die in der Badewanne verblutet war. Ich sah mich selbst, von links oben gefilmt, im Abteil stehen. Ich sah mich, als sei ich nur eine Erinnerung meiner Selbst. Erst als mein Handy vibrierte und mir signalisierte, dass ich eine Nachricht erhalten hätte, kam ich wieder zu mir.

    Alles in Ordnung las ich. Mein Lawman hatte die Visitenkarte überprüft. Mach Dir keine Sorgen, las ich. Der Mann mit dem roten Werkzeugkoffer ist keine Bedrohung. Im Gegenteil. Aber mehr darf ich Dir nicht sagen. Wieder und wieder las ich die SMS und verstand nichts. „Was darf er nicht sagen?“, fragte ich mich. Und: „Was ist das Gegenteil von Sorgen? Muss ich nicht mehr sterben? Oder bin ich schon tot und brauche mir deshalb keine Sorgen mehr machen? Aber vielleicht sollte ich beherzigen, dass mein Freund kein Idiot ist? Vielleicht bin ich dabei durchzudrehen? Was ist das Wahrscheinlichste?“
    Mit der letzten Frage legte ich mir selbst Ockhams Rasiermesser an die Kehle. Was ist die einfachere, die elegantere Erklärung: Sind alle anderen durchgedreht oder bin ich es? Und wenn ich durchgedreht bin? Dann sollte ich mir nichts anmerken lassen, um nicht in den Strudel der Psychiatrie zu geraten. Was aber auch bedeutet, dass ich nicht mehr weiß oder beurteilen kann, ob ich durchgedreht oder normal bin? Oder als Normaler unter Verrückten durchgehen kann? Oder umgekehrt?

    Zum Glück lösten sich alle Fragen in Wohlgefallen auf, als ich bemerkte, dass ich dabei war, meinen Mantel an der Garderobe meiner Wohnung abzulegen. Trotz der Existenzängste, der wirren Gedanken, der allzu sehr entzündeten Fantasie, hatte ich es oder die Vernunft in mir, ganz souverän zu meiner Wohnung geschafft. Ich kam mir in diesem Augenblick sehr albern vor. Da hatte ich Teufel und Dämonen im Blut, aber statt durch die Gegend zu irren und hinter jedem Busch einen Dieb zu vermuten, war ich ganz ordentlich nach Hause gegangen.
    Ich schalt mich, dass ich mich so kirre hatte machen lassen. Bei einem Glas Rotwein und laufenden Fernsehbildern las ich meine Mails. Frau Koch hatte mir in der Zwischenzeit ein Dutzend gesendet. Ich ermahnte mich, endlich den Bitten meiner Frau Koch nachzukommen und mich um den Sicherheitscheck des Vermieters zu kümmern. Ich speicherte die betreffende Telefonnummer als Erinnerung in meinen Organizer. Dabei stolperte ich über die Fotografien vom Diogenes Markt. Sie wirkten auf mich auf einmal fremd. Unecht. Schlecht und hilflos. Ich löschte alle Bilder dieses Tages, sowie alle anderen Notizen die ich in diesem Zusammenhang gemacht hatte. Nur bei der SMS meines Freundes zögerte ich kurz, dann löschte ich sie auch. Es war einfach lächerlich, beruhigte ich mich. All die Erlebnisse auf dem Diogenes Markt verdrängte ich und schmunzelte darüber, was ich mir eigentlich vorgestellt hatte, dort zu tun oder gesehen zu haben?

    Der Wein schmeckte gut. Ich blieb noch länger auf, saß auf meiner Couch und zappte durch die Programme. Es war der übliche Mist aus Boulevard, drohenden Katastrophen, Weltuntergangsszenarien oder ermordeten Frauen. „Einerlei“, dachte ich „Es ist doch einerlei, ob sie mir von einem Terroristen oder Mörder berichten oder ich den Toolboxmann im Hintergrund herumlaufen sehe?“ Es sei nicht mein Job alles zu ergründen und ich solle einfach meinen Job machen und gut ist, beschloss ich den Abend und ging zu Bett. Ich hatte das Gefühl, dass meine Selbstsicherheit, die ich lange vermisst hatte, zurückgekehrt war. Als ich das Licht ausmachte und die Augen schloss, ruhte ich in mir selbst.

    Ich träumte. Ich träumte den Traum aus meiner Kindheit. Aber statt der aufschwingenden Kinderzimmertür hörte ich ein Klacken, ein Schnappen einer Verriegelung, die geöffnet wird und ich spürte, wie jemand in meine Wohnung eintrat. Träumte ich es oder war ich wach und der Eindringling wirklich? Ich musste es geträumt haben. Ich lag im Bett und ich schlief. Und wenn nicht? Wenn er in die Wohnung eingedrungen war? Vielleicht war er schon im Schlafzimmer und hat sich neben meinen Kopf gekniet und seinen Koffer geöffnet? Aber ich träumte doch alles? Aufwachen! Ich musste aufwachen. Um wach zu werden, muss ich meine Füße auf den Boden stellen, meine Sohlen auf dem Boden spüren, meine Augen öffnen und meine Nachtischlampe anmachen. So funktioniert der alte Trick. Ich quälte, ich strampelte mich aus meinem Schlaf heraus.

    Ich saß auf der Bettkante und atmete tief durch, denn ich spürte den Boden unter meinen Füßen. Ich sah mein Schlafzimmer im trüben Licht meiner Nachttischlampe und spürte meine Füße. Ich war wach.
    Es war alles in der Ordnung. Ich stand auf, öffnete die Schlafzimmertür und vor mir lag der lange Flur in dessen Mitte sich ein Durchgang zum Wohnzimmer öffnet und an dessen Ende das Bad liegt. Gemächlich watschelte ich über das Parkett zum Bad. Als ich den Durchlass zum Wohnzimmer passierte, schauderte es mich unmittelbar und ich bekam eine Gänsehaut. Ich öffnete die Badezimmertür, ging hindurch, schloss sie ab und hörte den schmatzenden Sound meiner Füße auf den kühlen Fliesen und spürte sie auch. Aber ich ging nicht auf die Toilette. Ich ließ nicht Wasser. Stattdessen stellte ich mich vor das Waschbecken. Ich stützte meine Ellbogen auf die Kanten des kühlen Emaille auf und atmete durch. Unvermittelt drehte ich den Wasserhahn auf, beugte mein Gesicht hinunter, wollte mein Gesicht benetzen und schaute doch noch mal in den Spiegel: Ich sah mich klar und deutlich. Aber ich sah nichts dahinter. Ich sah nur mein Gesicht, vor einer gähnenden Leere. Im selben Moment hörte ich, wie sich hinter mir, in meinem Rücken, ein Schlüssel im Schloss drehte. Die Badezimmertür öffnete sich und schwang lautlos auf. Jemand trat ein. Meine Nerven schrien, dass der Eindringling gekommen sei, dass er von mir Besitz ergreifen wolle. Erst in diesem Moment wachte ich auf.

    Es war noch früh am Morgen an diesem Samstag. Der Sichelmond stand tief, aber scharf gestochen am Himmel. Die Sonne ging grade erst mit violetten Lichtvorläufern auf. Es würde ein schöner, aber sehr kalter Morgen werden. Ein glasklarer Himmel deutete sich an. Ich sah aus meinem Fenster auf einen Hang an dem viele kleine, weiß gestrichene Häuser stehen. Noch waren sie unscheinbar, grau und stachen kaum aus dem Dunkel ab. Wenn aber die Sonne aufgegangen sein würde, würde das Weiß ihrer Fassaden das Licht dutzendfach spiegeln und einen unwirklichen Glanz ausstrahlen. Einen Glanz, der alles übertünchen würde. Es ist eine gute Gegend, in der ich wohne. Es gibt unter den Hausbewohnern auch ein paar, die mich konsultiert haben. Wie immer wegen Nachbarschaftsstreitigkeiten.

    Ich nippte an meinem schwarz gebrauten Kaffee und dachte daran, dass doch einer der Besitzer der weißen Häuser den Mut haben sollte, seine Fassade in schwarz, oder in blutrot zu streichen. Einfach mal gegen den Gleichschritt treten oder den Takt schlagen? Natürlich war das ein alberner Gedanke. Als Beobachter fällt es mir leicht, mir vorzustellen, wie es wäre, wenn sich jemand in einer Gruppe anders als der Rest verhielte. Meines Erachtens hat dergleichen Verhalten auch Charme, wenn es einen Funken Esprit hat. Es ist aufregend, weil es anders ist und wenn es intelligent ist, ist es witzig. Ein Teil meines Jobs ist es, diese Menschen, diese Außenseiter zu verteidigen. Natürlich kann es auch meine Aufgabe sein, die weiße Fassade vor dem schwarzen Punkt zu verteidigen. Auch das. Aber niemals war ich ein Teil der einen oder der anderen Partei, oder begehrte es zu werden. Verteidigen, Fürsprechen? Ja. Gemeinmachen? Nein. Diesen und ähnlichen Gedanken hing ich an diesem Morgen nach. Die Sonne stand schon weit über dem Horizont und der Berg der weißen Fassaden strahlte in voller Pracht, als ich gegen Mittag meine Mails abrief und einen Schrecken bekam. Eine Nachricht von GIsabel. Natürlich. Es konnte nur eine Absage unseres Dates sein. Warum hatte ich mich auch damals darauf eingelassen, mich erst so spät nach dem Speed-Dating mit ihr zu treffen? Oder hatte ich auf den Termin gedrungen? Ich wusste es nicht mehr. Aber vor allem: Warum hatte ich ihr nicht wenigstens alle zwei, drei Tagen mal eine Mail geschrieben? Was für ein Idiot ich doch sei, verfluchte ich mich selbst, als ich die Mail mit einem Klick öffnete. Sie wollte, dass ich zu ihr komme. Zu ihr nach Hause. Heute. Wenn ich wolle, sofort. Das war ein Schlag. Sie schrieb, dass ihr wegen der ganzen Geschichten, die neuerdings passierten, der Diogenesmarkt nicht mehr gefalle. Sicher und geborgen fühle sie sich momentan nur in ihren eigenen vier Wänden. Wenn ich bei ihr sei, könne man ja immer noch losziehen. Aber weihnachtlicher und gemütlicher als bei ihr, sei es nur in Bethlehem. Ich möge schnell antworten, aber sie werde jetzt ein Schaumbad nehmen. Wie ein Idiot grinste ich gegen die Sonne. Was hatte ich mir wieder eingeredet? Ich war ich und Isabel war Isabel und die Welt war schön. Ein Bad? Ein Bad hatte ich auch nötig. Zeit war’s.

    Frisch frottiert stolzierte ich durch meine Wohnung und fühlte mich wie neugeboren. Als ich mir den letzten Schliff anlegte und vor dem Spiegel meinen Schlips mit doppeltem Windsor am Kehlkopf zusammenschnürte, schon bereit war Hut und Mantel zu greifen, fiel mir auf, dass ich keine Ahnung hatte, wo Isabel wohnt. Wo wohnte sie? Ich hatte keine Ahnung, dachte aber, ich hätte es in der Mail gelesen. Herausgeputzt klappte ich mein Notebook wieder auf, schaltete es ein, lockerte den Windsorknoten, den ich so stramm gezogen hatte, als wollte ich mich daran erhängen und wartete ab, bis es sich hochgefahren hatte. Während dieser kurzen Zeit schaute ich aus dem Fenster und sah ihn: den Toolbox Mann. Er lief in ein Haus, keine hundert Meter Luftlinie entfernt von mir. „Es ist in Ordnung“, beschwichtigte ich mich und konnte es kaum erwarten, dass mein Laptop die Anmeldemaske zeigte.

    Nachdem ich mich angemeldet und meine Mailbox aufgerufen hatte, erhielt ich zu erst eine Nachricht von Frau Koch. Frau Koch und ihre Erinnerungen. Frau Koch musste gar nicht mehr vor ihrem PC sitzen. Diese kleinen, spitzen Erinnerungen würden die Maschinen solange generieren, solange es Mutter Koch befahl. Sie verstand die Technik. Sie konnte sie zu ihrem Zweck und Vorteil nutzen und mich wie einen Sklaven aufs Rad damit spannen. Es ging mal wieder um den Sicherheitscheck. Was sonst? Ich kritzelte die Nummer der Firma genervt auf und öffnete die Mail von GIsabel. Wo war ihre Adresse? Ich scrollte hinab, hinauf und sah es nicht. Erst als ich die Mail ausdruckte, erkannte ich in der Signatur die Adresse und fühlte mich verlorener als mein Onkel Friedbert, als er seinen Diamanten fliegen musste, um sich vor dem Nichts zu retten.


    „Junge, ich war verloren“, rief Onkel Friedbert und sog wieder am Knösel. „Da hing ich nun mit meinem Kopf Tausende Meter hoch in dieser Plastikbox und drehte verzweifelt meinen Hals. Unter mir die schönste Welt: grün und gesund. Aber links und rechts? Tiefschwarze Aussichten. Es gab keinen Ausweg. Nur diese Gewitterfronten, die mich zermahlen würden. Es war aussichtslos. Aber dann sah ich den Schlauch. Weißt du, was ein Schlauch ist, Junge? Ein Schlauch, das ist wie ein Kamin, ein Schornstein. Wenn du im Sog bist, wirst du mitgerissen. Als ich keine Rettung mehr sah, sah dein Onkel einen Schlauch. Eine Rettung. So klar und deutlich, wie du vielleicht schon Sonnenstrahlen gesehen hast. So sah ich meinen Strahl, meinen Notausgang, meinen Lift in die Freiheit.
    Ich riss meinen Steuerknüppel herum und steuerte meine Nase in das Zentrum des Schlauchs und wie beim Staubsauger von Deiner Tante Rosa, schießt es mich direkt in den Beutel. Es reißt mich nach oben. Die Aufwinde, die Welle, Thermik war so stark, dass es mich doppelt so schnell in die Höhe riss, wie ich es sonst gewohnt war. Wenn mich aber die Fronten, die sich da West wie Ost aufgetürmt hatten, erwischt hätten, das hätte mich ohne Gnade zusammengeknüllt. Allerdings stieg mein Höhenmeter auf sechs, auf sieben, ja auf achttausend Meter und mehr. Junge, es hätte mich kaputtmachen müssen, aber ich war nicht mehr bei mir und sah nur aus dem Augenwinkel wie der Höhenanzeiger verrückt spielte.
    Für einen Moment hatte ich das Gefühl, ich würde das Weltall berühren können. Es war so ruhig gewesen mit einem Mal. Alle Farben waren gestochen scharf voneinander abgehoben. Ich schwitzte Todesängste aus und war auf einmal ganz bei mir. Alles war ganz selbstverständlich, taub und wie schwerelos. Das ist der Himmel, dachte ich noch, aber dann riss es mich hinunter, dass ich fast den Verstand verlor, aber ich schaffte es, meinen Flieger über den Sturm zu bringen.
    Ich war über die Gewittersysteme und in Sicherheit gesegelt. Die Welt hatte mich wieder und ich fühlte, dass ich etwas geschenkt bekommen hatte. Gelandet bin ich ganz wo anders, als ich gestartet war und deine Tante hat mehr als einen Tag gebraucht, mich zu wieder zu finden. Aber so glücklich Rosa zu sehen, war ich noch nie gewesen.“

    Wo ist mein Schlauch, mein Diamant, fragte ich mich, als ich die Adresse schwarz auf weiß vor mir sah. Ich kannte die Adresse. Ich kannte den Block, das Haus, die Wohnung. Dreizehnter Stock. Godard. G. Isabel oder I. Godard. Alles bekannt. Es war ein Trick. Alles war ein Trick. Es musste ein Trick sein. Während ich den Ausdruck in meiner Faust zerknüllte, sah ich raus und natürlich sah ich ihn: den Mann mit der Box. Wieder ging er ein Haus weiter und wieder kam er ein Haus näher. Rein intuitiv griff ich mein Handy und wählte die Nummer, die ich mir aus der Mail von Frau Koch abgeschrieben hatte: „Leider ist unser Team zurzeit vollkommen ausgelastet. Bitte hinterlassen sie nach dem Signalton eine Nachricht. Einer unserer Service Mitarbeiter wird sich in kürzester Zeit mit ihnen in Verbindung setzen.“ Ich legte auf und lachte lauthals auf. Alles entglitt mir. Ich dachte sofort an Isabels Zeilen: „So richtig geborgen fühle ich mich nur noch in meiner Wohnung.“ „Ha! Ha!“, antwortete ich im Geist. Aber hatte Isabel mir diese Zeilen geschrieben? Nein. Das war ein Fake. Ich sollte aus meiner Wohnung raus. Das Feld räumen. Er sollte freie Bahn haben und mich manipulieren oder sonst wie umprogrammieren können. Niemals! Was stand auf seiner Karte? „Haben Sie Angst? Dann rufen Sie mich an.“ Ja, sicher. Und wenn ich anrufe, dann seid ihr nicht da und doch überall, und wenn ich nicht aufpasse, dann schnappt ihr euch mich! Dann manipuliert ihr mich so, dass mir alles andere egal ist und ich alles fresse, was ihr mir erzählt. Dann ist der Osterhase der Weihnachtsmann. Was hat mein Lawman gesagt? Es ist alles in der Ordnung? Ja, sicher. In der roten Kiste sind genug Werkzeuge, um auch noch die schrägste Schraube anzuziehen, nicht? Nicht mit mir.


    Ich bin jetzt achtundfünfzig Stunden wach. Ich habe Ihnen alles erzählt und Sie werden immer noch glauben, dass ich halluziniere oder durchgedreht sei. Aber es ist meine Wahrheit. Ich bin bedroht. Mein Leben, meine Unversehrtheit ist in Gefahr. Ich werde terrorisiert. Still! Ich glaube er kommt. War da nicht ein Geräusch? Ich könnte ja durch den Spion sehen? Geht nicht. Gut zu wissen, dass seine Schlüssel nicht ausreichen hier hereinzukommen. In meine Wohnung wird er sich nicht schleichen können. Er muss sie schon aufbrechen.
  • Wir sind WinnendenDatum18.03.2009 10:27
    Foren-Beitrag von Brotnic2um im Thema Wir sind Winnenden

    Die Frage, wer denn mehr Amok läuft, der Tim K. oder z.B. der Kai D? Ist mehr als berechtigt. Leider kann sich der eine nicht mit seiner Knarre erschießen. Würde aber auch nichts nutzen. Wenn Kai D. Munition wäre, die Medien könnten unendlich nachladen. Bis zur nächsten Flashgrafik. Wobei so ein Amoklauf durchaus belebende Momente hat. Faszinierend.

  • BlumenmannDatum23.05.1970 05:10
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Der Blumenmann



    Es war nicht November, aber es war auch kein Sommer, als sie von ihm Abschied nahm. Es war nicht warm, nicht kalt, noch trocken oder feucht, der Tag fühlte sich nach nichts an: geschmacksneutral. Sie konnte nicht umhin zu registrieren, dass alle anderen diesen Tag so lebten wie alle Tage: gewöhnlich. Dass um die Ecke einer in die Grube fuhr? Wen sollte das bekümmern? Das Aufhebens wäre nur dann von Belang gewesen, wenn es sein Herz mitten am Tage auf der Straße und nicht mitten in der Nacht auf dem Weg zur Toilette zerrissen hätte.
    Nun war er fort. Nein, nicht fort gegangen sondern in eine Holzkiste gesteckt und vergraben und verbuddelt worden. Sie fühlte sich wie eine Verräterin und ahnte schon, als sie die letzte Hand am Grab geschüttelt hatte, dass sie nicht willens war, aufzuarbeiten oder Trauerarbeit zu leisten. Sie hatte in ihrem Leben gelernt, dass es vorrangig darauf ankam zu funktionieren. Die inneren Dämonen? Gingen keinen was an.

    Nun waren nach seinem Tod die Monate ins Land gegangen und sie hatte ihre Pflicht erfüllt und sehr gut funktioniert. Sie sah nicht, dass sie verhärmter wirkte als zuvor und wenn sie jemand darauf aufmerksam gemacht hätte, dann hätte sie wohl auch nur den Kopf geschüttelt, weil sie so eine dusslige Feststellung für nicht der Rede wert gehalten hätte. Wie, so hätte sie gedacht, sollte es auch anders sein, wenn einem der Mann, Freund, Partner und Geliebter aus Jahrzehnten einfach so wegstirbt? Aber es machte sie auch keiner aufmerksam, so dass sie sich hätte rechtfertigen müssen. „Hauptsache, du gibst nicht nach und lässt dich nicht gehen; Hauptsache du gießt die Blumen, machst die Wäsche, wechselst Gardinen, putzt den Flur und pflegst dich anständig“, dass war ihr Mantra, wenn es zu still in den Zimmern ihrer Wohnung geworden war und die Dinge nur das waren was sie sind: stumm.


    I.

    An einem Nachmittag, mitten in der Woche, klingelte es plötzlich an ihrer Tür. Sie war irritiert und gestört zugleich, denn das Klingeln platzte herein in ihre blaue Stunde, die sie sich schon immer gönnte. Damals noch mit Vogel und Katze. Es war ihre Mittagspause, die sie zu einer stillen Einkehr überhöht hatte. Damals hatte sie sogar noch geraucht, aber ganz diszipliniert, nur drei, vier Zigaretten am Tag und sehr gepflegt, dazu genehmigte sie sich einen Fingerbreit guten Scotch und lächelte über die, die ihre Figur und ihren Verstand mit süßlichem Zeug vergeudeten und vermanschten und freute sich lieber über guten Geschmack und die Anhänglichkeit ihres Vogels.
    Die Katze hatte er angeschafft, der Vogel, ein Nymphensittich, war schon immer ihrer gewesen. Die Katze lag abends auf seinem Schoss und schnurrte, und ihr Ari saß auf ihrer Schulter und gab ihr Köpfchen.
    Ihr Mann hatte vor seinem Tod viel und lang in der Filterfabrik gearbeitet, war wortkarg vom Wesen aber immer zuverlässig und tüchtig. Diese Tugenden schätzte sie an ihm. Phantasie aber ging ihm dafür ab. Katze hieß Katze bei ihm und auch alle anderen Dinge, Gegenstände, Menschen und sein Weib – oder auch mal fast zärtlich sein Mädchen - pflegte er in den allgemeinen oder oberflächlichen Namen zu benennen oder zu rufen. Nur manchmal, wenn Katze um ihn herumscharwenzelte, wenn er sich seinen „Stinkerkäse“, wie sie ihn despektierlich nannte, zubereitete und auf Brot mit Zwiebel, Salz, Pfeffer und Paprika genoss und nebenher einen Finger in ein Schälchen Kräuterquark tunkte (“der Gaumen muss geschmiert sein, Weib“) und ihn ableckte oder ihn von Katze unter beiderseitigen gutturalen Geräuschen ablecken ließ, da konnte es bisweilen geschehen, dass er Katze lächelnd Schnurri nannte.


    Vogel, Scotch und Zigarette fehlten schon seit langem an ihren blauen Mittagen, als die Klingel sie aus ihrer Einkehr brachte. Sie fand das Geräusch der Klingel immer schon hässlich, aufdringlich und ohne Takt. Langsam erhob sie sich aus ihrem Sessel, rieb sich die Augen und während erneut der Summer noch zweimal gequält ertönte, war sie zum Plattenspieler gegangen, hatte den Tonarm gelupft und unterbrach das wunderbare Orgelkonzert von Helmut Walcha. Auf den Geschmack von Whiskey oder Tabak konnte sie in ihrer blauen Stunde verzichten, aber niemals auf gute Musik. Unerträglich fand sie das Bild eines Plattentellers, der unter der nahen, aber doch entfernten Nadel kreist, die Einsamkeit und Stille in Musik verwandeln kann. Aber nut wenn es einer höheren Macht gefällt. Ansonsten kreist der Teller um seine Mitte und hört nur sich selbst. .

    Friederike Helm lugte durch den Spion und sah vor ihrer Tür niemanden mehr; was ihre Zornwütigkeit steigerte, aber bevor sie unter extremer Contenance und ohne Hast den Sichtverschluss wieder vor den Spion geschoben hatte, gewahrte sie vor der gegenüberliegenden Wohnungstür einen breiten Rücken gewandet in ein buntes, regenbogenfarbenes Hemd, dass über den Bund herüberschlabberte. Der Herr stand leicht vornüber gebeugt und schien Mühe zu haben, seine Tür, so es denn seine war, zu öffnen.

    Dieser feiste, junge Kerl mit seinem kurzen, borstigen Haar war wohl ihr neuer Nachbar und seine Kleidung verriet Friederike, dass er keinen nennenswerten Geschmack oder Verstand haben konnte. Ausgerechnet so ein Knilch war der Nachmieter des vor Jahresfrist pleite gegangenen Bibliothekars mit seinem Antiquariat im Erdgeschoss. Sie hatte schon bemerkt gehabt, dass die alte Eingangstür zum Antiquariat, durch die sie eine handvoll mal gegangen war, seit dem sie hier eingezogen waren, seit längerem schon zugeklebt und dichtgemacht worden war und gemunkelt wurde, dass ein Blumenladen bald seine Pforten dort eröffnen würde.

    Nicht mal einen Tag, einen Einkauf beim Reichelt oder beim Edeka, hatte es gebraucht, um ein mit Büchern und Regalen voll gestopftes Ladenlokal abzuräumen, leer zu machen und zum Verkauf anzubieten, hatte Friederike noch gedacht, als sie mit ihrem prall gefüllten Einkaufsnetz an ihrer Haustür stand und den Schlüssel suchte und dabei gewahrte, dass es keinen Bücherladen und keinen stillen Nachbarn mehr gab. Wann hatte sie den Antiquar, ihren Etagennachbarn, das letzte mal gesehen, wann seinen Laden betreten und nicht nur vor dem Schaufenster schmunzelnd seine unbeholfenen Werbungsversuche verfolgt? Sie wusste es nicht.


    Nun haderte sie ob sie ihre Wohnungstür öffnen sollte und war eigentlich schon abgeneigt das Gesicht zum Hintern, der sich in der dunkelblauen, an den Nähten arg gespannten Jeans ihrem Blick durch den Spion entgegenreckte, sehen zu wollen, aber dann entschied sie sich doch dafür, die Augen dieses Kerls kennen lernen zu wollen, der es gewagt hatte, sie in ihrer Mittagsruhe zu stören.

    Sie hätte es sich selbst nicht zugestanden, dass sie zur Theatralik und zum Auftritt neigte, aber sie hatte definitiv Spaß daran, als sie ihre Türkette beiseite schob und mit größtmöglichen Schwung die Tür aufmachte und mit einem Timbre aus allen je genossenen Scotchs und Zigaretten ein souveränes „Junger Mann? Haben Sie mich aus meiner Mittagsruhe gerissen?“ herauszuhauen.

    Der wackelpuddingartige Körper des Fremden zuckte konvulsivisch zusammen, dehnte sich, spannte sich in grotesk kurzen Spannen und vor Schreck flutschte ihm der Schlüssel aus seinen dicklichen Fingern und schepperte viel zu laut auf die Fließen des Treppenhaus.
    Seine Verrenkungen, sein sich deutlich in den Achselhöhlen abzeichnender Schweiß und seine hervorquellenden Augen bereiteten ihr Vergnügen und seufzend wie kopfschüttelnd ergänzte sie noch: „Für diesen Lärm habe ich mein schönes Konzert unterbrochen.“

    Nachdem sich ihr neuer Nachbar, der in ihren Augen ein „Kalb Moses“ war, sich und seinen Schlüssel wieder unter Kontrolle gebracht hatte, stand dieser dicke, unbeholfene Junge vor ihr und strahlte aus kleinen aber klaren Augen und sprach sie ohne Scheu oder Distanz an.

    „Was soll ich sagen Frau Helm?“, begann er, machte eine Pause, nur um dann „Männer!“ zu gurgeln und dabei seine Augen zu verdrehen.
    Friederike Helm sah ihn irritiert an und fragte sich wovon er sprach.
    „Männer“, wiederholte er, als hätte er schon ihre Zustimmung, „kommen im unpassenden Moment und können es nicht erwarten, ihren Hintern wieder aus der Schusslinie zu nehmen.“

    Wieder machte er eine Pause, suchte Augenkontakt und erwartete vielleicht einen Lacher, aber Friederike war, obwohl sie der Knabe einen kurzen Moment lang positiv anrührte, sprachlos. Als beide den Moment verpasst hatten, eine Gesprächspause nicht peinlich werden zu lassen, plapperte ihr Gegenüber los.

    „Es tut mir leid, Frau Helm“ begann er und haspelte sich ab, „wenn ich so aufdringlich geklingelt habe, aber ich dachte mir, dass es gut ist, dass es richtig ist, wenn ich mich vorstelle. Wer macht das noch? Wenn ich mir überlege was nicht passieren würde, wenn wir, wie Menschen das doch tun sollten, einfach – einfach so und gradheraus – aufeinander zugingen und sich die Hand gäben und sich einander vorstellten und“
    „Ja, dann machen Sie es doch!“, unterbrach ihn Friederike jäh, weil die Plapperei ihres Nachbarn, ihr zunehmend auf die Nerven ging. Die kleinen Augen ihres Gegenübers wurden groß und kalbsartig.
    „Was denn?“, echote er tonlos.
    „Sich vorstellen.“, entgegnete sie kalt, streckte dabei ihre Hand zur Begrüßung aus und ergänzte „Friederike Helm, und mit wem habe ich das Vergnügen?“

    Sein teigiges Gesicht wurde blass, dann rot.
    „Briegel“ antwortete er wie ferngesteuert.
    „Angenehm, Helm. Und weiter?“, half sie mit maliziösem Vergnügen aus, während sie seine Hand ergriff, die sie instinktiv für eine Flosse hielt.
    „Oh? Entschuldigung : Piet.“, ergänzte er tranig wie eilfertig.
    „Fein, Briegel Piet, es hat mich gefreut, Sie kennen lernen zu dürfen. Auf gute Nachbarschaft und auf Wiedersehen.“
    Und mit einem ordentlichen „Rrrumms“ ließ Friederike die Tür wieder ins Schloss fallen.

    Piet Briegel stand noch wie bestellt und nicht abgeholt geraume Zeit geistesabwesend vor ihrer Tür. Natürlich genoss es Friederike, dass belämmerte Gesicht ihres Nachbarn aus der Perspektive ihres Türspions, noch ein Weilchen beobachten zu können, bis ein Schütteln durch Piets schweren Körper ging und seine Augen wieder Glanz und Fokus erhielten. Piet Briegel war aus seiner Verdatterung erwacht, kratzte sich kurz am Kopf und ging dann endlich seiner Wege.


    II.

    „Briegel’s Blumenlyrik – Gestecke, Blumen und gebundene Worte.“, las Friederike eines Vormittages auf einem Werbeprospektchen und war sowohl verärgert als auch ein wenig resigniert. Obwohl sie auf ihrem Briefkasten einen Aufkleber angebracht hatte, der in unmissverständlichen Worten den Zustellern mitteilte „Keine Werbung!“, schien der Zusteller dieser Sendung, des Lesens nicht mächtig gewesen zu sein. Wunderte das Friederike? Nein. Denn schon das apostrophierte ‚s’ in Briegels hatte sie erschauern lassen. „Schreiben kann er also auch nicht“, murmelte sie und wunderte sich warum ein solcher Analphabet in seinem im Erdgeschoss neu eröffneten Laden nicht nur Blumen sondern auch Gedichte an den Mann bringen will? Aber das die Welt seltsam ist, das war für Friederike wahrlich nichts Neues und es war auch seltsam, dass sie trotz dieser aufdringlich bunten Werbung schnurstracks in Briegels Laden ging, um Blumen zu kaufen; sofern er denn ein paar Anständige zu einem guten Preis im Sortiment haben sollte. Aber so seltsam war es auch wiederum nicht, denn Friederike wollte zum Grab ihres Mannes, sie war in Eile und es fehlten noch Blumen. So ergab es sich, dass sie den Laden von Briegel betrat, ein wenig verweilte und überrascht, gut gelaunt, schönen Blumen und einer besonderen Karte im Gepäck, bald darauf den Laden wieder verließ.


    Als sie im Bus zum Friedhof saß, dachte sie unentwegt an diesen völlig veränderten Mann. Er kannte sich sehr gut mit Blumen aus und seine Gebinde waren akkurat und einfach top. Von seiner Unbeholfenheit, über die sie sich bei ihrer ersten Begegnung im Treppenhaus noch lustig gemacht hatte, war ebenso wenig zu merken wie von seinen dicklichen Fingern und seinem schwabbeligen Leib. Im Korsett seiner grünen Schürze beherrschte er seinen Körper wie ein Instrument und wirkte souverän. Aber am allererstaunlichsten waren seine Worte, seine Gedichte. In den besten Gestecken steckten Karten auf denen in schöner Kaligraphie ausgezeichnete Sonette standen. Die Blumen und die Worte bildeten eine wundervolle Einheit und bei einem musste sich Friederike verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Famos, ganz famos, hatte sie ein- ums andere mal in ihre Hand genuschelt und hätte sie sich umgedreht, dann hätte sie gesehen, dass Briegel sie dabei beobachtete und ein verschmitztes Lächeln sich nicht verkneifen konnte.

    Dass er sie nach Strich und Faden und bester Schule um den kleinen Finger gewickelt hatte, dass er eine neue Stammkundin gewonnen hatte, als er ihr Gesteck und Gedicht nicht umsonst hergab, denn sie sei eine Frau, die von einem Fremden und obendrein einem Händler nichts umsonst haben will, aber nach der Unannehmlichkeit, die er ihr so tölpelhaft bereitet hatte, könne sie es ihm nicht abschlagen, dass er sie zu Lilien und Versen einlade dürfe, dass er sie spätestens da im Sack hatte, hätte Frau Helm weit von sich gewiesen. Sie hatte sich in dem Mann einfach getäuscht, na und? Ihr neuer Nachbar hatte einfach Klasse. Basta.



    Babylon, du hast drei Wunder verloren,
    die steinernen Zeugnisse weltlicher Macht:
    den Turmbau, die Mauer, doch wirkliche Pracht
    wird einzig und ewig aus Eden geboren.

    Denn Pflanzen und Blumen hat Gott auserkoren,
    dass Liebe im Menschen erst keimend erwacht,
    dann wächst und gedeihet und schließlich entfacht
    die Blüte der Leidenschaft, unausgegoren.

    Ob himmelbunt heischend, ob bauschend, girlanden,
    hie kindlich und sanft, hüben sinnliche Härten
    so trotzte das Täubchen dem Tod und es fanden

    und brachten des Nebukadnezars Gefährten
    Semiramis Samen aus all jenen Landen
    und Huld wuchs aus Hades in Hängenden Gärten.

    B.



    III.

    Friederike pflegte Kurts Grab sorgsam. Niemand hätte ihr sowohl in Anzahl ihrer Grabbesuche, der Verweildauer und der Auswahl der Blumen einen Vorwurf machen können. Nein, sie war sich sicher, dass alles pikobello war. Aber als sie mit der Gedichtkarte an seinem Grab stand, zögerte sie, das Sonett in den Kranz zurückzustecken. Viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf, ob sich Kurt je etwas aus Worten gemacht hat? Kurt und Worte? Kurt hatte in der Filterfabrik gearbeitet und Maschinen betreut, die vollautomatisch Kaffeefilter produzierten. Nein, Worte hatte Kurt nie viele gemacht. Zärtlich konnte er zwar sein, aber seine Zärtlichkeit war spärlich und ungerecht verteilt. Piet hatte, in Piets Worten gesprochen, Friederike eingeladen und nicht Kurt. Es war ihr Sonett, so wie es ihr Ari war und Katze eben zu Kurt gehörte. Ein leichter Schauder ging ihr über den durchgedrückten Rücken, als sie an Katze dachte und wie sie sich von Katze verabschiedet hatte.



    Das Tier hatte panische Angst. Die Schwärze der Pupillen füllten die Augen komplett aus. Das Vieh schrie zum Gott erbarm. Aber vor Katze saß nicht Gott sondern Friederike. Die Welt war seltsam. Zur Zeiten der Kinderlandverschickung war Friederike als junges Mädchen auf einem Hühnerhof gelandet und hatte viel gelernt.
    Aber die kopflosen Hühner, die wie bescheuert über den Hof rannten, waren nicht das Seltsamste was die kleine Friederike gesehen oder erlebt hatte. Vielleicht waren es die steifgefrorenen Piloten, die in schneebedeckten Äckern steckten oder die Stunden im Kartoffelkeller, eingezwängt zwischen dem Bangen der Lebenden und dem Erbeben der Erde, die unter ihren Füßen, so fest Friederike sie auch in den Boden stemmte, weggezogen werden drohte. Sie überlebte die Bombennacht. Doch als sie danach, als sich der Rauch zu legen begann, wieder ins Elternhaus wollte, musste Friederike lernen, dass es das Haus, ihr Zimmer, ihre Erinnerungen nicht mehr gab. Es gab nichts mehr, außer den paar Habseligkeiten, die ihr Vater noch geborgen hatte. Aber diese Dinge waren herausgerissen worden aus ihrer gewohnten Umgebung und intimen Vertrautheit. Sie verstummten, obwohl sie gerettet worden waren, für immer. Kurz nach der Zerstörung des Elternhauses saß Friederike im Zug zum Hühnerbauern, dessen Familie als ihre Pflegefamilie vorgesehen war.
    Diese Erfahrungen, ließen Friederike früh lernen, dass es mächtigere, unbekannte Kräfte gab, die darüber entschieden ob sie leben oder sterben würde.

    Als Stunden später die Katze im Schuppen ausgeblutet war, stand Friederike auf und verscharrte das Tier. Sie hatte die Katze verbluten lassen, nicht weil sie sich Befriedigung verschaffen wollte, was sie pervers gefunden hätte, sondern um den Mord an Ari zu sühnen.

    Ari und Katze waren lange beisammen gewesen. Ari war schon da, als Kurt Katze anschleppte. Nie hatten sie sich gesorgt, ob die Katze Ari angreifen würde, denn Ari wusste sich zu wehren, wenn die Katze zu aufdringlich wurde. Aber dann, als Friederike und Kurt an einem ihrer runden Jubiläen sich gegönnt hatten, länger auszubleiben und zu schwofen, was sowieso selten genug vorkam, obwohl Kurt ein guter Tänzer war, und Friederike beschwor – und Kurt es später bezweifelte – das Bäuerchen von Ari geschlossen zu haben, fanden sie, als sie lachend und gutgelaunt wie lange nicht mehr, die Wohnungstür aufgeschlossen hatten, den einstmals schönen, weißen Nymphensittich Ari mit blutverschmierten Flügeln und verdrehtem Kopf im Flur und Katze kam, so als sei nichts geschehen, mit hocherhobenem Schwanz auf Kurt zu, scharwenzelte um seine Beine und schnurrte, dass es nur so eine Art hatte.

    Kurt und Friederike waren alt genug, hatten beide Schlimmeres gesehen, als tote Tiere und Kurt hatte sich in diesem Moment ganz tadellos verhalten. Wenigstens konnten wir erwachsen werden, pflegte Kurt nicht selten, wenn es Rück- und Schicksalsschläge gegeben hatte, zu sagen. Wenigstens konnten wir erwachsen werden, um das alles durchzustehen.

    Friederike konnte es nicht nur durchstehen sondern auch warten. Solange, bis Kurt – was selten genug vorkam – zu einer Schulung des Kaffeefiltermaschinenherstellers für eine Woche in ein Nest irgendwo am Neckar musste. Es war vielleicht ein Jahr nach Aris Tod vergangen und am dritten Tage von Kurts Abwesenheit, rief Friederike im Schulungszentrum an und musste Kurt berichten, dass seine Katze seit seiner Abfahrt verschwunden sei und sie befürchte, weil sie doch so anhänglich, dass sie ihm hinterhergelaufen sei und sie sich Vorwürfe mache, nicht besser aufgepasst zu haben.

    „Weib“, wollte er Friederike zu harsch beruhigen, machte dann aber eine Pause und sagte zärtlich: „Mädchen, Friede, wenn Katze weg ist, dann wollte sie es so. Bleib ruhig. Wir sind erwachsen. Was immer passiert, wir stehen es durch und jetzt stell Deine Füße wieder auf den Boden. Und? Spürst Du den Boden?“, und ohne abzuwarten, ob seine Frau ihre Füße auf den Boden stellt oder selbigen fühlt, schloss er zufrieden: „Na, siehst Du. Wie sage ich immer: solange wir, nicht den Boden verlieren, kann uns nichts passieren. Wirst sehen: Katze kommt irgendwann wieder.“

    Als sie aufgelegt hatte, dachte Friederike: „Das ist mein Kurt. Tadel- aber Phantasielos.“ Ihre Schuldgefühle, dass sie unter anderem mit Rattengift die Katze verrecken ließ, hatten sich nach dem Gespräch mit Kurt minimiert, denn Kurts Verhältnis zur Katze war erwachsen.


    Hätte Kurt Lyrik das Prädikat Erwachsen oder das Prädikat Kinderkram verpasst?, fragte sich Friederike. Würde er sich nicht sogar vergackeiert vorkommen, wenn eine „Biene mit Stich“ – wie er Frauen im Allgemeinen gerne nannte, weil er die meisten – bis auf Friederike – für generell unsortiert oder geradezu verquer gehalten hat? „Worte bedeuten Dir doch nichts, Kurt“, flüsterte sie und verstand nicht, warum sie innerlich so aufgewühlt war; ihr Herz am Grab bis zum Hals klopfte und sie das Zittern ihres Körper nicht beherrschen konnte? Die Strophen des Sonetts schmückten am Ende des Tages nicht Kurts Grab.


    IV.

    Nun waren nach Kurts Tod mehr als Monate ins Land gegangen und sie hatte nicht nur ihre Pflicht erfüllt und funktioniert, nein, sie hatte einen Verbündeten gefunden, für den Ästhetik, Schönheit und Kunst nicht nur Worthülsen sondern Elixiere des Lebens und der Vernunft waren.
    Sie merkte nicht, dass sie frischer und lebendiger wirkte, als je zuvor und wenn sie jemand darauf aufmerksam gemacht hätte, dann hätte sie wohl nur den Kopf geschüttelt, weil sie so eine dusslige Feststellung für nicht der Rede wert gehalten hätte.

    Gerne verbrachte sie ihre Tage im Wechsel zwischen Blumenladen, Grab und Café Metropol, dass unter neuer Bewirtschaftung kurz nach Briegels Blumenparadies genau gegenüber eröffnet hatte und tiptop Marmor-, Zitronen und Blaubeerkuchen im Programm hatte. Der Kaffee, war eine Wucht, wie Friederike oft mit Schmackes sagte und die ihre blaue Stunde jetzt öfters im Café, nebst einem Sonett und Irish Coffee und zwischen Nippen, Quartetten, Terzetten und den neuesten Blumenarrangements im Schaufenster gegenüber, genussvoll verbrachte.


    An einem Sonntag, als Friederike mit sich haderte, ob sie Kurts Grab besuchen oder sich einen gemütlichen Vormittag bereiten sollte und dergestalt unentschlossen nichts richtig begonnen, geschweige denn zu Ende gebracht hatte, passierte es, dass sie noch gegen Mittag im Schlafanzug in der Küche saß und mit einem male Hunger bekam. Zum Bäcker wollte und konnte sie nicht in ihrem Aufzug. Deshalb war sie froh, dass sie noch Brötchen im Froster fand. Sonntagsbrötchen, die sie sich sonst regelmäßig frisch geholt hatte. Heute wollte sie darauf verzichten und sich das Übrig gebliebene von letzter Woche in ihrem Toast und Grill Apparat, den Kurt vor langer Zeit mal angeschafft hatte und den sie bis dato noch nicht einmal benutzt hatte, aufbacken.

    Friederike legte das Brötchen auf den Grillaufsatz, schob den Schieber nach unten und erschrak fürchterlich.
    „Küss mich“ schepperte es blechern aus dem Toaster, als sie den Schieberegler gerade über die Mitte gedrückt hatte.
    Entsetzt riss Friederike ihre Hand hoch, der Schieber schnalzte zurück und der Toaster war wieder stumm. Friederike atmete tief durch, sah an sich herunter und vergegenwärtigte sich ihr Mantra: Lass Dich nicht gehen, bleib stark und pflege dich! Friederike ging duschen.

    Nach einer guten halben Stunde, stand sie wieder in der Küche und schmunzelte über sich selbst. „Da hast Du Dich schön ins Bockshorn jagen lassen“, dachte Sie und wiederholte lachend, während sie den Küchentisch für ein ordentliches Frühstück eindeckte, die Liebesbotschaft ihres Toasters: „Küss mich.“ Sie betonte es übertrieben tief und rauchig und amüsierte sich prächtig, behielt den Aufbackautomaten aber stets, wenn auch verstohlen, im Blick. Der Tisch war bald gedeckt, der Kaffee durch und eingeschenkt - es fehlte nur das Brötchen.

    „So, du Blechtrottel, wag es noch mal mein Don Juan de Toast zu sein.“ dachte sie, während sie den Hebel zitternd, aber dennoch kräftig herunterdrückte.
    Der Hebel rastete ein und die Heizspiralen begannen unmittelbar darauf zu glühen.
    „Na, siehste. Geht doch.“, murmelte Friederike, setzte sich auf ihren Küchenstuhl und schlürfte mit Genuss ihren Kaffee.

    Zehn Minuten werden lang, wenn man still auf sein Brötchen warten muss. Nach dem Erlebnis von vorhin, hörte Friederike das Knacken jeden Krümels und schrak jedes Mal zusammen, wenn ein Geräusch aus Richtung des Toasters kam. Trotz oder wegen ihrer Schreckhaftigkeit, ärgerte sie sich über ihre Feigheit, den Automaten nicht gleich nach der Dusche, wieder in Betrieb genommen zu haben, denn dann hätte sie das Brötchen schon auf dem Teller und würde jetzt nicht das Gras wachsen hören. Sie war dem Problem ausgewichen und das war kindisch gewesen.

    „Wie hältst Du das eigentlich aus?“
    „Gar nicht.“ antwortete Friederike spontan, hielt aber sofort inne und stellte ganz langsam wieder ihre Kaffeetasse ab. Sie hatte Mühe, Luft zu bekommen und starrte mit großen Augen zum Toaster. Es war zweifellos der Toaster gewesen, der sie gefragt hatte, wie sie es aushalten würde. Aber das, sie war erwachsen, konnte beim besten Willen nicht sein.
    „Wie meinst Du Das?“, hakte der Brotgrill ungeniert nach.
    „Ich bin verrückt geworden.“, flüsterte Friederike. Ihr Herz pochte wie verrückt und sie ließ den Toaster keinen Augenblick aus den Augen.
    „Alte Schachteln mit aufdringlichem Parfüm, blauen Haaren, rot geschminkten Lippen, Leguanhälsen und faltigen Fingerchen und angepinselten Fingernägeln? Wie meine ich das wohl?“, insistierte der Apparat und Friederike wiederholte spontan den letzten Satz in Gedanken und es entging ihr nicht, dass der Automat immer anders klang, mal männlich wie anfangs, als er einen Kuss haben wollte, mal weiblich, als er wissen wollte, wie sie es aushalte.
    Friederike kniff ihre Augen zusammen. Es musste eine Erklärung für diesen Unfug geben. Es muss ein Schabernack sein, dachte sie und fand diesen Gedanken weitaus beruhigender, weil er nicht danach klang, eine verrückte, alte Schachtel zu sein.
    „Ich halte gar nichts aus. Die Omas bringen Umsatz - das ist alles. Na gut: sie bringen sehr viel Geld.“, sagte das Haushaltsgerät im Tonfall des Mannes und Friederike meinte, trotz der schlechten Qualität, die Stimme erkannt zu haben, was ihre Laune nicht verbesserte. Die Feder schnalzte zurück, die Brötchen waren unten angebrannt und die Übertragung war beendet.

    Friederike erhob sich, öffnete eine Schublade, nahm Stift und Zettel heraus, setzte sich wieder an den Küchentisch und schrieb sorgfältig alles auf, was die Brotröstungsmaschine ihr gesagt hatte. An Frühstück war ihr nicht mehr gelegen.
    Als sie alles zu Papier gebracht hatte, nahm sie sich den Toaster und seine Erzeugnisse wieder vor. Nach einem kurzen Befühlen der Konsistenz, einer Überprüfung des Geruches, schmiss sie die Brötchen in den Abfall. Essen würde sie das angebrannte Zeug im Leben nicht. Unschlüssig stand sie in der Küche. Kein Zweifel, sie hatte Piet Briegel gehört. Ihren hauseigenen Poeten. Und nicht nur das, sie hatte mitbekommen Piet war nicht Piet sondern ein Betrüger. Er tat nur so als ob. „Funktioniert das Ding auch ohne Brötchen?“, dachte Friederike kurz und bevor sie für und wider abgewogen hatte, drückte sie mit einem innerlichen „Was soll’ s?“ den Schieber wieder nach unten.

    Statt einem Dialog hörte die alte Dame nur Fetzen, Rückkopplungen und Knarzen. Alle Geräusch taten fürchterlich in ihren Ohren weh und so zog sie kurzerhand den Stecker und die Geräusche brachen ab.
    Wieder trat die alt gewohnte Stille ein, in dem nur ihr inneres Geräusche produzierte, so als sei sie in einem Raumanzug und durchquerte ohne Nabelschnur das Weltall.

    „Vielleicht ist es wie beim Fernseher“, dachte Friederike, „und ich muss nur die Antenne, den Toaster etwas verrücken um einen besseren Ton zu erhalten?“
    Misstrauisch wie sie war, schob sie vorsichtig ein Papier unter den Automaten, fixierte es und umrahmte das Gerät, um die Position, die zumindest einmal Empfang geboten hatte, nicht zu verlieren.

    Die Stunden verflogen nur so an diesem Sonntag und Friederike stellte um, markierte, probierte, wartete und notierte das Ergebnis. Alle Versuche schlugen fehl und gegen Abend, erinnerte sie sich, dass sie dringend trinken müsse und ärgerte sich, dass ihr nicht früher eingefallen war, dass es Sonntag und der Herr Poet vielleicht längst schon seinen Laden verlassen hatte. Als sie ihre Küchenplatte ansah, die übersäht war mit Markierungen und an die vielen Notizen dachte, war Friederike fürs Erste bedient. „Dieser elende Knilch“, zischte Friederike, löschte das Licht und ging zu Bett. Es war ein Rückzug keine Kapitulation.


    V.

    Obwohl sie am nächsten Morgen vor Neugier brannte, zwang Friederike sich, zuvorderst die wichtigen Dinge zu erledigen. Eine ordentliche Morgentoilette, ein gutes Frühstück mit einem schönen Kaffee und ein anschließender Besuch bei Kurt – zwar ohne Blumen geschweige denn Versen – aber sie und Kurt waren beide erwachsen.

    Erst am frühen Nachmittag dieses Montags, begann Friederike damit die Versuchsreihen vom Sonntag zu wiederholen. Sie blieb ruhig, selbst wenn sie Kontakt zur Stimme des Schamlosen bekam. Sie notierte die Qualität, stoppte die Zeit des Empfangs bis zum Abbruch und die Dauer bis sie wieder erneut auf der Position Kontakt bekam. Sie arbeitete systematisch alle Positionen ab und wiederholte diese Experimente am Dienstag, am Mittwoch und bis zum Ende der Woche und nächsten Woche. Natürlich immer erst dann, wenn sie ihr Pflichtenheft: Blumen gießen, Wäsche machen, Gardinen wechseln, viel trinken, Kurt besuchen, Flur putzen und sich selbst pflegen, erfüllt hatte.

    Am Ende der diversen Versuche hatte Friederike die perfekte Position. Das Elektrokabel der Brotröstungsmaschine war begrenzt und in diesem Radius, gab es eine Position, die sechs Minuten, zweiunddreißig Sekunden gute Qualität bot und nur, vier Minuten, zwölf Sekunden brauchte, um wieder hundertsiebzehn Sekunden lauschen zu dürfen. Das Hauptproblem, schloss Friederike, war die Temperatur. Außen-, Innentemperatur und eigentlich auch die Temperatur im Blumenladen. Aber die zu messen und zu verifizieren war ihr zu aufwendig und erschien ihr auch unmöglich.

    Natürlich hatte Friederike alles notiert, wenn sie zufällig „On Air“ war und Briegel und seinen Freunden bis zum Verbindungsabbruch lauschen durfte. In einem eigens dafür vorbereiteten Heft – PB Mitschnitte (bereinigt) – hatte Friederike die mitgehörten Dialogfetzen eingetragen, die nicht als belangloses Verkaufsgespräch für dumme Hühnchen erkennbar waren, sondern im Gegenteil von Briegels verderbtem Charakter zeugten.

    „Das Schlimmste ist die Verstellung.“, seufzte Friederike an einem Mittwoch, als sie Blumen an Kurts Grab legte und fügte schuldbewusst hinzu: „Ach Kurt, ich weiß ja, ich bin eine Biene mit Stich . Ganz genau wie Du es immer gesagt hast.“ Friederike sammelte sich und wischte sich wie beiläufig eine Träne aus dem Augenwinkel und sprach weiter, so als ob Kurt sie hören könnte: „Aber Bienen haben nicht nur einen Stich, sie haben auch einen Stachel.“ Und plötzlich lächelte Friederike, denn sie dachte an den Kaktus Song der Comedian Harmonists. Aber so leicht, würde sie es Piet nicht machen.

    Zu vieles hatte sich in ihrem Heft, der Mitschnitte angesammelt und zuviel Überwindung hatte es Friederike in den letzten Monaten gekostet, spätestens nach zwei, drei Wochen, bei Briegel Blumen zu kaufen. Irgendwann musste damit Schluss sein. Friederike wusste, dass Piet nicht nur sie selbst, sondern viele andere betrogen hatte.

    Betrogen hatte, wie Anna Amalia, die ihm die Gedichte schrieb und sicher schon einen Verlag gefunden hätte, wenn er sie nicht hinhalten würde mit ominösen Kontakten zu großartigen Verlegern und wenn Amalia nicht so verhuscht, wie abgebrannt und süchtig wäre. Es war ihre Stimme gewesen, die sie an jenem Sonntag zuerst aus dem Toaster gehört hatte.
    Obendrein betrog der Schubiak sie mit diesem Lustknaben und Schauspielschüler Jan Eric und machte sich mit ihm auch noch lustig über Anna. Immer wieder schüttelte Friederike ihr Haupt, wenn sie zum wiederholten Male in ihrem schlauen Buch nachlas, welche Unverschämtheiten die Beiden miteinander abzogen:

    „Die dumme Gans merkt nicht, dass Du sie verarscht?“
    „Nenn sie nicht so, Jan.“
    „Aber Du bist schwul Piet, Du bist Florist und hast von Literatur keine Ahnung. Das muss sie doch gemerkt haben?“
    „Jan! Dreh dich bitte wieder um und sei nicht so zickig. Amalia muss schreiben und ich bin ihre Muse.“
    „Muse? Du bist ihr Schneemann.“
    „Wenn ich schon was bin, dann bin ich: Schneemann mit Möhre, für meine Poesiemöse.“
    „Weißt Du was Du bist Piet?“
    „Behalt es für dich Jan und bleib jetzt endlich liegen! Dauernd fällt mir die Rose wieder aus Deinem Arsch. Hast Du Blähungen?“
    „Was geilt Dich eigentlich daran so auf, wenn ich mit dieser schwarzen Rose im Hintern rumlaufe?“
    „Gar nichts - ich habe es mal im Fernsehen gesehen.“
    „Au!“
    „Stell Dich nicht so an.“



    VI.

    Der Blumenmann war schwul. Alle Welt wusste das, nur Amalia nicht - die Poetin, die Friederike ins Herz geschlossen hätte, wenn sie nicht Drogen nehmen würde. Aber was dem Fass den Boden ausschlug war die Stiftung: „Das Anonyme Grab“ und Ralphi.

    Den kleinen Spendentopf „Stiftung Anonyme Gräber“ auf Piets Tresen, hatte Friederike schon bei ihren ersten Besuchen bemerkt gehabt. Wenn sie sich von Piet unbeobachtet gefühlt hatte, hatte sie schon mal einen Fünfer in die Box gestopft.
    An sich hielt Friederike nichts von diesen Klingeltöpfen, die ihrer Meinung nach kein Mensch kontrollierte. Vor der eigenen Türe kehren, gerade sein und Rücken durchgedrückt halten, darauf kam es nach Frau Helm an. Sollten doch die Katholiken ihre Ablasspfennige wegwerfen. Nein, Friederike war protestantisch. Sie war davon überzeugt, dass der Pförtner des Himmelreiches, nicht wegen fünf Euro die Tore öffnen würde. Da brauchte es andere Qualitäten. Aber bei Briegels Büchse hatte sie anfangs und auch noch später und dann und wann, eine Ausnahme gemacht und fünf Euro in die Büchse des Anonymen Grabs gestopft.

    Aber bei einer dieser Gelegenheiten, wo sie sich unbemerkt gewähnt hatte und spendete, stand auf einmal Piet in ihrem Rücken und raunte mit tiefem Timbre: „Es gibt viele, die sich ihrer Stimme nicht bedienen – aber noch viel mehr gibt es, die stumm bleiben müssen. Um sie nicht zu vergessen, schmücken wie ihre letzte Heimstatt.“ Piets Stimme, hatte ihr die Nackenhaare zu Berge stehen lassen und sie fühlte sich ertappt vom Wildrosenhüter. Die Vernunft verdrängte schnell den Schauder. Die Situation war Friederike peinlich gewesen. Auf Nachfrage hätte sie zugeben müssen, dass es ihr egal gewesen war, welcher Zweck mit der Dose verfolgt wurde, aber Rechenschaft ablegen wollte sie auch nicht, denn warum sie wem, was, wie schenkt, ging schließlich keinen was an.
    Sie brauchte nicht lange, um die Situation wieder zu kontrollieren und zwischen sich und dem Blumenmann einen gesunden Abstand zu verschaffen. Sie hörte nur scheinbar interessiert zu, wie Piet ihr die Spendenaktion erklärte:

    „Es gibt so viele stumme, triste Gräber. Ungepflegt und teilnahmslos wie ein Massengrab. Ein Stein, ein Name - das ist nicht mehr als eine Erkennungsmarke.“,
    auch Briegel ging wieder von sich aus auf Distanz zu Frau Helm, vielleicht weil auch er gespürt hatte, dass er ihr zu nah gekommen war. Im moderaten Ton, so als führe er vor Fremden ein Verkaufsgespräch, fuhr er fort:“ Aber dahinter stehen Schicksale und keine Wegwerfartikel. Meine Kollegen und ich sammeln mit diesem Fond Geld, um in den Verscharrungswüsten Oasen zu schaffen. Und wenn es nur ist, um denjenigen, die wirklich Anteil nehmen, sie in ihrer Verbundenheit mit den Verstorbenen zu bestätigen: Niemand ist alleine.“

    Die Botschaft hörte Friederike gerne, aber schon damals zweifelte ihr Magen am Wahrheitsgehalt. Auch wenn sie sich sicher war, danach nie wieder was in die Büchse getan zu haben, hatte der Schmeichler es doch geschafft, ihre unangenehmen Empfindungen zu zerstreuen.


    Dank des Toasters wusste sie nun, welch übles Spiel Briegel und seine angeblichen Kollegen spielten. Kollegen? Die Kollegen hörten nur auf einen Namen : Ralphi. Ralphi gehörte der Blumenladen an der Rennbahn und Ralphi hatte die Ideen, wie den alten Mütterlein, das Geld aus der Tasche gezogen werden kann. Ralphi brauchte ständig Geld, denn Ralphi zockte.


    „Piet, die Dose hier reicht nicht. Das Rad müssen wir wieder größer drehen. Wir haben damals drei Mille auf einen Schlag gemacht.“
    „Nein.“
    „Hallo? Was bist Du für ein Sparkassengesicht geworden?“
    „Die Alte war senil gewesen und hat nie eine Quittung verlangt. Leichtes, viel zu leichtes Spiel.“
    „Bedenkenträger - Du kannst doch Computer, Piet? Das sehe ich doch. Dann bastelst Du eben eine. Wenn die tot sind, dann interessiert die das doch nicht.“
    „Du bist gierig, Ralph.“
    „Oh, Mann! Alle sind gierig und die, die bescheiden bleiben, werden gemolken. OK, dann machen wir eben keinen Bestattungsvorsorgevertrag mehr, sondern einen Grabpflegebetreuungsdingsbumsvertrag. Aber nicht mehr diesen Fünf Euro Beschiss hier. Das bringt doch nichts voran.“
    „Hundert, zweihundert und wenn eine alte Lady schwach wird, auch mal mehr, mein lieber Ralph. Und keiner fragt nach. Nur hier und da einen alten Kranz hingelegt und ein Foto als Beweis gemacht. Was willst Du?“
    „Mehr.“
    „Sag mir wie.“
    „Es läuft über meinen Namen.“
    „Und?“
    „Du hast die Kunden und denen verkaufen wir meinen Grabpflegeservicevertrag mit einem kombinierten Bestattungsvorsorgevertrag und, und, und, gesiegelt und gestempelt vom Kuratorium deutscher Grabpfleger. Aber Minimum Fünfhundert im voraus und fünf Jahre Laufzeit.“
    „Und für jeden vermittelten Vertrag kassiere ich eine Provision?“
    „Jepp“
    „Kriegt Du es denn hin, Ralphi, mir gut gemachte Gütesiegel zu präsentieren?“
    „Wieso? Du kannst das doch mit dem PC machen. Nicht ich.“
    „Das kostet aber extra.“
    „Hauptsache, Piet, wir können diese Dose wegschmeißen.“
    „Lass die Dose stehen!“
    „Die brauchen wir doch nicht mehr. Das ist doch billig.“
    „Stell sie wieder hin. Wir brauchen sie dringender denn je.“



    Ralphi tauchte häufig bei Piet auf und jedes mal hatte er eine neue Geschäftsidee. Oder einen sicheren Tipp von der Rennbahn. Erstaunlicherweise war Ralphi nicht ständig knapp im Geld. Seine Trabrennbahnnase brachte ihm nicht selten genug dickes Geld, dass er hätte aufhören wollen oder müssen. So war es ihm auch jüngst wieder mit der 582:10 Siegwette auf Florino gelungen, fette Beute zu machen. Eine Beute, die Piet nicht entgangen war, der geduldig für Ralph und seine Bestattungs-vorsorgeverträge mit Gütesigel bei seinen alten Tanten geworben hatte. Und Friederike wusste alles. Wusste, dass Piet ein Windhund war, wenn es ums Geschäft ging. Ralphi dagegen war ein Träumer und Spieler. So blieb es nicht aus, dass Piet dreitausend Euro an Ralphi mit der rechten Hand überwies und mit der linken viertausend Euro Provision und Bearbeitungsgebühren – der PC und so – bei Ralphi einforderte und die Florino Siegwette, Ralphis bester Rennbahn Coup, so schnell schmolz wie Schnee im April.


    Diese beiden falschen Brüder konnte Friederike schlecht wie Katze in den Schuppen entführen und an Rattengift verbluten lassen. Sie konnte dem Blumenmann nicht eigenhändig den Kopf abschlagen, so wie damals dem Huhn, als sie es selbst mal probiert hatte. Aber sie konnte ihr Wissen teilen. Sie konnte aus ihrem schlauen Buch zitieren und Briefe schreiben und sie konnte dafür sorgen, dass sie, wenn die Fluten über dem Blumenmann zusammenschlagen würden, den besten Platz hatte, um seinen Untergang zu verfolgen. Friederike wusste auch wann der Tag des Herrn oder ihrer sein würde. Erst kürzlich hatte ihr das Radio im Toaster den Tag und die Stunde verraten.

    „Was hast Du bestellt, Piet?“
    „Einen Federkiel, Jannilein.“
    „Nenn mich nicht so albern. Ich bin immer noch ein Kerl.“
    „Pah. Du hast keine Phantasie, mein Freund.“
    „Wenn es das ist, was Dich Rosen in meinen Arsch stecken lässt, will ich davon auch nicht allzu viel haben.“
    „Die Rose kommt später. Aber erst der Federkiel. Drei Meter lang. Wow. Mit echter Spitze. Hör zu Jan, und die Spitze bewegt sich und schreibt elektronisch in leuchtender aber blassblauer Frauenhandschrift : Gedichte. Quer über meinen Laden.“
    „Das kostet doch ein Vermögen, Piet?“
    „Weißt Du, manchmal setze ich eben alles auf Sieg. Das unterscheidet uns. Vielleicht bist Du deswegen noch der Lustknabe vom Regisseur dieses Kleinkunstkellerkabaretts?“
    „Du bist ein Arschloch, Piet.“
    „Vergöttern wir nicht Arschlöcher?“
    „Nein, Piet. Tun wir nicht. Also, ich nicht. Ich weiß Du kapierst es nicht, deswegen erkläre ich’s Dir auch nicht. Nimm’s einfach hin: Ich liebe Dich.“
    (Geräusche – Anm.:FH)
    “Piet. Piet! Sieh mich an. Du bist sensibel. Du bist kein Klotz. Wärst Du ein Klotz, wäre ich nicht hier. Du kannst so wunderbar sein. Ein Zauberer. Du hast Ideen und Du machst Dein Ding. Ich bewundere Dich. Also, wann kommt Dein Superduperfederkiel?“
    „Samstag in acht Tagen.“
    „Soll ich kommen?“
    „Nein.“
    „Neien!?“
    „Jan, ich habe es Anna versprochen. Bitte, sei nicht böse.“
    „Ich vertraue Dir, Piet.“
    „Ich weiß das.“
    „Und?“
    „Bitte, Jan.“





    VII.

    Samstag in acht Tagen war also Premiere für Frau Helm. Der Plan war schnell gestrickt, die alte Olympia Schreibmaschine aus dem Koffer geholt, das Papier eingespannt und natürlich, die kluge Frau baut vor, fand sie, im von Kurt so getauften Siedlerschrank, ein frisches Farbband.

    Den ersten Brief schrieb sie Anna Amalia. Sie sei eine stille Bewunderin Ihrer Kunst und kenne die Anna schon länger als die Anna sich das vorstellen könne, weshalb es ihr jedes mal in der Seele schmerze, wenn sie den Herrn Briegel mit Annas wunderbaren Versen hausieren gehen sehe. Und obendrein betrüge Briegel Sie, weil der eigentlich nur Männer liebe. Wie sie aus sicherer Quelle weiß, kommt Sie zur Installation des großen Federkiels am kommenden Samstag und an diesem Tage wird sich Anna von der Wahrheit ihrer Zeilen überzeugen können. Es täte ihr leid, Anna schreiben zu müssen, dass Piet Briegel nie einen Verleger angeschrieben hätte, nie versucht hätte Ihre Karriere ernsthaft zu fördern, denn Sie hätte ihr Herz vor langer Zeit wirklich berührt.

    Den zweiten Brief schrieb sie Ralphi. Ihre Zeilen waren mit : Heißer Tipp von der Rennbahn überschrieben. Friederike Helm gab sich im weiteren als einer aus, der schon vor Ralph von Piet mit angeblichen Zusagen und Provisionen über den Tisch gezogen worden war. Sie schrieb ihm von seinem Florino Tipp, den Sigeln des Kuratoriums deutscher Grabpfleger, den Rechenkünsten des Blumenmannes und machte ihm am Schluss eine Rechnung auf, die Ralphi zeigen sollte an welchem Ende die Enten fett waren. Wenn er sich selber davon überzeugen wolle, wie der Herr Briegel seinen Wetteinsatz, sein Risiko, seinen Gewinn für sich einsetze und auf Sieg spielt, solle er nur am nächsten Samstag kommen und sich vom Wahrheitsgehalt ihrer Zeilen überzeugen.

    Denn Dritten an Jan. Wie lange wolle Jan sich selber verleugnen? Wie lange wolle er weder Fisch noch Fleisch, weder heiß noch kalt sein oder sich Rosen in den Hintern stecken lassen? Als ein Uli schrieb Friederike dem Jan Eric. Der Uli sei dem Illusionisten Piet schon vor Jan auf den Leim gegangen, aber dann hätte Uli begriffen, dass er nur seine Backen für Briegel hingehalten hätte, während Piet, hinter seinem Rücken, um einen anderen herumgetanzt sei, als sei der das goldene Kalb. Mittlerweile wisse Uli, dass der Andere schon immer Ralph heiße und Jan Eric könne sich von der Richtigkeit seiner Zeilen am kommenden Samstag überzeugen, wenn er den Biss hätte, das Vertrauen zu prüfen, dass er selbst bereitwillig und bedingungslos investiert hätte.


    Mit gutem Gewissen, trotz der Lügen, leckte Friederike alle Briefumschläge mit Inbrunst ab und steckte sie am Freitag unfrankiert und eigenhändig in die Briefkästen der Empfänger. Die Adressen hatte sie nicht recherchieren müssen, denn ihr Toaster hatte sie alle schon ausgespuckt. Als sie alle Briefe eingesteckt hatte, reservierte Frau Helm im Cafe Metropol ihren Tisch, der genau gegenüber Briegels Blumenladen am Fenster stand, bestellte ihren Irish Coffee und den Kuchen der Saison vor. Alles für Samstags Zwölf Uhr Mittags. Friederike war schließlich erwachsen und hatte Stil. Sie wollte sehen, erleben und nicht nur via Grillradio hören was sie eingefädelt hatte.

    Friederike hatte sich für Stummfilm statt Hörspiel entschieden, zumal die Technik ihres Toasters keine zehn Minuten live Übertragung garantieren konnte. Im Übrigen hatte Friederike genug Phantasie, sich anhand der Mimik vorstellen zu können, was ein Gesicht zum Anderen sagt. Erst recht, wenn sie sich des Kontextes sicher sein konnte, in dem sich die Figuren bewegen. Und Friederike hatte alles getan, um sich sicher zu fühlen. Friederike hatte den Käse, den falschen Briegel, ins Zentrum des Labyrinths platziert. Alle Ratten, die sie locken wollte, hatten die Fährte aufgenommen und waren dabei, sich den Weg zum Ziel zu erschnuppern. Zerbeißen aber würden sie ihn selbst müssen.


    Als der dicke und der dünne Zeiger ihres Weckers übereinander fielen und den Alarm auslösten, blieben Frau Helm noch sechs Stunden. Zeit genug um die wichtigen Dinge zu erledigen und sich dann entspannt ins Cafe zu setzen. Was Friederike nicht wusste, was sie nicht wissen konnte, war der Zeitdruck unter dem das Transportunternehmen Yüksel & Wigotzki International den überdimensionalen Füller auf den Auflieger schnallen mussten. Was sie nicht wissen konnte, war, dass weder Yüksel noch Wigotzki noch nie ein solches Ding transportiert hatten und ihre Methoden der Befestigung aus Erfahrung resultierte. Natürlich waren sie im Vorgespräch überrascht gewesen, dass der Hersteller das Dingen am Stück und nicht in Einzelteilen produziert hatten. Aber mit der Flex konnten sie ihn schlecht zerschneiden. Zwanzig Minuten über der Zeit, fuhr der Auflieger mit Füllerspitze voran Samstag früh, endlich vom Hof des Herstellers.


    Die Zigarette schmeckte ihr heute ganz vorzüglich. Ebenso der Irish Coffee. Friederike war in aufgeräumter Stimmung und grinste über Briegels roten Kopf, seine defensive Haltung, wie Anna ihn immer wieder mit dem Zeigefinger gegen seine Brust stieß und ihm offensichtlich die Leviten las. Und es kam noch besser als Friederike es hatte einfädeln können, denn Ralphi und Jan stießen, von unterschiedlichen Richtungen kommend, quasi in der Ladentür zusammen. Wäre es nicht unschicklich gewesen, Friederike hätte laut aufgelacht. Die Beiden sahen sich kurz an und sie konnte es von den Lippen lesen, dass Jan den Anderen ungläubig beim Namen nannte und der verdutzt nickte. Darauf war kein Halten mehr und Jan zog wie eine Zicke an Ralphs Haaren, während der den Schauspieler überrascht wie unbeholfen schultern und niederringen wollte, als sei er der Kran von Schifferstadt.

    Anna Amalia, die das Treiben an der Ladentür nicht übersehen konnte, verlor jedwede Beherrschung und brüllte zwei-, dreimal „Du Schwein!“ in einer Lautstärke, die man der zierlichen Frau im Leben nicht zugetraut hätte. Endlich gelang es Piet, ihr den Mund zuzuhalten und den beiden Hähnen in der Tür zuzurufen, dass sie doch erstmal reinkommen sollten. Anna den Mund zuzuhalten, war nicht die Beste Idee, die Piet hatte. Anna musste es gelungen sein mit aller Macht in seine fleischige Hand zu beißen.
    Piet schrie auf, riss seine Hand so beherzt weg, dass Blut spritzte. Piets Schmerzenschrei unterbrach den Kampf von Jan und Ralph. Verdutzt registrierten sie gleichzeitig, dass sie ihren Zorn zuvorderst auf den Blumenmann, den Zauberer und Strippenzieher richten sollten, bevor sie sich weiter selber schlugen. Piet fluchte immer noch vor Schmerz und hielt seine verletzte Pranke, während Anna befriedigt zu lachen schien. Natürlich blieben allmählich auch andere Leute vor dem Schaufenster stehen, um das Kampfknäuel im Laden zu beobachten und verdeckten Friederikes Sicht von ihrem Logenplatz. Das allerdings hatte Friederike nicht eingeplant gehabt. Sie beugte sich auf ihrem Stuhl links zur Seite, rechts zur Seite aber die Sicht blieb schlecht. Sie musste aber wissen, wie es weiterging und stand kurzerhand mit der Zigarette in der Hand auf.

    Bevor sie Piets Blick ausweichen konnte, war es zu spät gewesen. Es war wie damals beim Blick durch den Türspion. Nur dass sie sich jetzt gegenseitig fokussierten und die Welt um sie herum in den Schatten trat.

    Der Schmerz in Piets Hand ließ nach und der Lärm im Laden drang nur noch gedämpft an seine Ohren. Als er das Gesicht seiner Nachbarin, ihre blitzenden Augen, ihre gespielte aristokratisch herrische Figur sah und wie sie vom besten Platz aus sein Waterloo verfolgte, wusste Piet, dass Frau Helm die Quelle seines Ungemachs war. Er wusste es einfach, denn er hatte es vom ersten Tage an gespürt, welche Dämonen in diesem Leib ihren Wahnsinn trieben.

    Piet stieß mit Macht Anna zur Seite und ebenso Ralphi und Jan. Alle drei spürten, als sich Piets schwerer Körper in Bewegung setzte, dass er ein Ziel hatte und sie ihn nicht aufhalten würden. Schwer wie eine Dampflok schob er sich an allen vorbei, zwängte sich aus der Ladentür und behielt dabei stets Friederike im Blick.

    Nach einer Schreckensminute, in der sie sich wieder so ertappt fühlte, wie bei ihrer Spende für das anonyme Grab und sich nackt und verletzlich fühlte, legte Frau Helm wieder ihren Panzer an. „Was solls?“, dachte Friederike. „Soll er doch kommen. Soll er es doch wissen, dass ich ihm diese Suppe eingebrockt habe. Der Knilch hat doch kein Format.“ Und so blieb Friederike stehen und wich Piets Blick keinen Moment aus. Nur der Ober, der irritiert an ihren Tisch herangetreten, als sie aufgestanden war, bemerkte, wie Friederikes Körper zitterte.


    „Scheiße“, durchfuhr es den PKW Fahrer, als er den massigen Mann bemerkte, der wie im Tran auf die Straße stapfte. Mit aller Wucht hieb er seinen Fuß aufs Bremspedal und riss am Lenkrad. Die Reifen quietschten brutal auf und der Fahrer hatte sein Gesicht so verzogen, als hätte er Piet schon wie einen Stier mit seinem Kühler aufgespießt.

    Der Aufprall erfolgte nicht frontal sondern seitlich. Piet wurde, als wöge er nichts, in die Luft in Richtung der Gegenfahrbahn geschleudert. Sein Körper flog so hoch, dass Friederike hinter ihrer Glasleinwand für einen Moment Piet nicht mehr sehen konnte. Es ging alles zu schnell, dass sie hätte schockiert sein können. Mit einem heftigen Krachen, platschte Piet auf die Windschutzscheibe eines anderen Fahrzeuges der Gegenfahrbahn, das seine Geschwindigkeit auch nicht auf Null hatte reduzieren können. Friederike und der Kellner zuckten gleichzeitig zusammen und machten ein Gesicht, als spürten sie die Schmerzen Piets. Piet selbst schmierte wie ein Insekt von der Scheibe ab und sank auf den Bürgersteig genau unterhalb der Fassade vom Cafe Metropol.

    Alle, die Piets unfreiwillige Straßenüberquerung verfolgt hatten, hielten die Luft an und trauten ihren Augen nicht. Der Bliumenmann lebte. Er war auf seinen Knien und robbte zum Fenster des Metropol hinter dem eine erstaunlich gefasste alte Dame und ein konsternierter Kellner stand.

    Auch Wigotzki und Yüksel auf ihrem Bock hielten die Luft an. Sie hatten die Zeit fast herausgeholt, sahen sich schon wie sie sich gegenseitig Fünf gaben, wippten zu den mit voller Lautstärke aus dem Radio dröhnenden Seeds of Love, hatten ihren Leitspruch schon auf den Lippen „Schnell, günstig, pünktlich!“ und freuten sich darauf es doch noch pünktlich zum Anpfiff im Stadion zu schaffen.
    Yüksel wie Wigotzki bemerkten beide viel zu spät, wie vor ihnen ein Auto nach dem Anderen in die Eisen ging und stehen blieb. Yüksel stemmte seine Arme gegen die Armaturen, presste die Beine gegen den Boden und hoffte damit vollkommen irrational Bremswirkung erzielen zu können und Wigotzki hatte das Bremspedal schon lange am Anschlag und seine Finger, Unter- und Oberarme kämpften mit dem Lenkrad, als wöge es soviel wie die Welt und er sei Atlas. Aber das Heck der ersten vor ihnen zum Stillstand gekommenen Karre, kam näher und näher. Beide waren sich sicher, sie würden die Kolonne vor ihnen weiter zusammenschieben und weiteres Ungemach verursachen.

    Als der LKW stand und die Kabine wieder mit einem Ächzen hoch federte ohne, dass es gekracht hatte, sahen sich die Transporteure ungläubig an, als könnten sie ihr Glück nicht fassen. Mit bloßem Augen war nicht zu erkennen, dass sie ihren Vordermann nicht berührt hatten. Doch Fünf wollten sie sich nicht geben, denn beide hatten dieses schnalzende Geräusch gehört, kurz bevor ihr LKW zum stehen kam. Ein Geräusch wie ein Peitschenknall, oder das Reißen einer zu stramm gespannten Sehne.


    Seine blutigen Finger sah Friederike als erstes. Langsam zog sich Piet an der Fensterkante des Metropols hoch. Er hatte keine bewussten Schmerzen, obwohl er sich jeden Knochen gebrochen haben musste. Aber er wollte ihr Gesicht sehen. Er wollte in ihre Augen sehen. In den Augen dieser alten Frau lag sein Schicksal und dem wollte er nicht ausweichen. Und Piet schaffte es tatsächlich, sich am Fenster des Cafes aufzurichten und Friederike wenigstens aus einem Augen anzusehen und mit dem Finger auf sie zu zeigen. Das war Piets letzte Tat.

    Der Federkiel schoss nicht gerade, sondern seitlich versetzt aus seiner Halterung. So als versuchte sich ein Laie am Bogenschießen. Der Impuls war aber stark genug, dass der Kiel über alle Autos hinweg flog und - entgeistert verfolgt von denen, die das Unheil nahen sahen – mitten in ein seltsames Bulls Eye traf.


    Die Scheibe erzitterte ordentlich als die Füllfederspitze Piet durch seinen Hintern hindurch an die Wand nagelte. Der Blumenmann ließ augenblicklich wie eine Marionette seine Glieder und seinen Kopf hängen. Nur noch ein Blutfleck erinnerte an den Finger Piets mit dem er auf Frau Helm gezeigt hatte.


    Es dauerte nicht lange und Sirenen waren zu hören und die durch Ungläubigkeit, Furcht und Adrenalin ausgebremste Zeit tickte wieder im normalen Takt. Die Schaulustigen befreiten sich aus ihrer Starre und so wie Anna, Jan und Ralphi sammelten sie sich wie magisch angezogen, um den durch den Hintern gepfählten Blumenmann. Auch Friederike war wieder in der Zeit und der Bann gebrochen. Sie brauchte nicht lange um sich wieder zu ordnen und die Situation zu überblicken. Hier waren Dinge und Mächte am Werk, und das kannte Friederike von damals, die kein Mensch kontrollieren konnte. Eine Erfahrung, die ihrer Bedienung anscheinend fehlte, denn sie musste mehrmals ihren Zahlungswunsch wiederholen, ehe der Ober reagierte. „Was wollen Sie?“, fragte der noch völlig konsterniert, weil ihn dieser Wunsch vollkommen irreal erschien. „Zahlen oder soll ich mir ihrer Meinung diese Schweinerei länger ansehen?“

    Für einen Moment wollte er Friederike so gehen lassen, aber dann kassierte er sie angewidert doch ab.



    Epilog

    Die Brutalität, die Verkettungen der Ereignisse und die ungewöhnliche Aufspießung Piets wurde in den Medien breit getreten und es blieb nicht aus, dass die Journalisten, die in Piets Vergangenheit gruben seine Poeme lasen und veröffentlichten. Bald war der Blumenmann Briegel ein berühmter Dichter und seine Sonette galten als Meisterwerke. Anna Amalia, die verzweifelt ihre Urheberschaft an den Stücken reklamierte, wurde nicht ernst genommen und ihre Sucht tat ein übriges, dass sie bald gänzlich von der Bildfläche verschwunden war. Ralphi hoffte, dass die gemeinsamen Unternehmungen mit Piet nicht wahrgenommen oder überprüft werden würden, schloss aber lieber seinen Laden und tauchte ab. Nur auf der Rennbahn sah man ihn noch dann und wann. Jan, der schnell als Muse Piets galt, gewann etwas an Status, aber auch dieser Ruhm verblasste schnell. Was blieb war ein schmales Bändchen mit Gedichten, das Piets Namen vergoldete und alle zu überdauern schien.

    Und Friederike? Sie wurde nach Briegels Tod nicht einmal zu ihm befragt. Sie blieb alleine in den Zimmern ihrer Wohnung. Ihre Dämonen gingen keinen etwas an und der Toaster funktionierte auch nicht mehr. Die Dinge waren was sie sind: stumm. Ihr Leben lief ab wie eine Schallplatte, die vergeblich auf eine Nadel wartet. Friederike löschte das Licht und ging zu Bett. Sie war erwachsen.

    ENDE

  • Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    Darum geht es:[
    http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,586738,00.html

    Hallo Frau Hoch,

    da haben Sie ja richtig einen rausgekeilt. Hat Potts Ihnen ein schlechtes Handy oder Lehmann Zertifikate angedreht? Ein verpuffendes, pausbäckiges und gleichzeitig dicker werdendes Sternchen, dass sei der Potts, schreiben Sie. Und er sei eben kein Messias. Aha. Ein kleinster, gemeinsamer Nenner, eine ganz billige Nummer, ein Bahnhofsstraßenopernstrichjunge für Hartz IV Zuhörer, das sei der Potts.
    So schreibt Jenny Hoch sinngemäß und offenbart wie Johannes uns das Ende. Soll ich mich gleich übergeben oder später? Lieber gleich.

    Wie armselig ist das denn, so eine Wurst wie den Potts, dem ich sein Glück wirklich gönne, so in die Pfanne zu hauen? Wer seine vier Brezeln beisammen hat, der wird sich schon gedacht haben, dass Paule Potts nicht die zum Mann gewordene Callas oder ein Wunderkind ist. Aber immerhin kann man dem Potts doch seine Freude am Gesang, am Erfolg und, ja, auch am Geld noch abnehmen und anständig finden. Im Gegensatz zu solch Schmalzkasperln wie dem Lotti? Wer, wie, wann, hat wer, wo Potts als Messias verkauft? Der Obermann von der Telekom? Ein Werbespot? Das kann doch wohl nicht ihr Ernst sein, Frau Hoch? Potts hat sich meines Wissens auch nicht als Superstar und Alleskönner stilisiert. Im Gegenteil. Also warum diese Vernichtung eines ehrlichen, fröhlichen und ausgezeichneten Hobbysängers in einem relativ ernst zunehmenden Feuilleton?

    In diesem Artikel geht es nicht um den Menschen Paul Potts. Es geht auch nicht um die Qualität seines Gesanges, des Auftritts oder der Show, dass ist nicht die Motivation. Nein, hier rechtfertigt Pauline Hoch ihre Attitüde, dass ein Bauer niemals Kultur, Qualität sondern nur Gülle finden wird, weil er A von Quark-Dur nicht unterscheiden kann.

    Brav, haben Sie das geschrieben Pauline Hoch. Ganz brav. Ich bin mir sicher Sie haben Ihre Lektion auch gelernt. Wenn ich Sie aufforderte Größe zu zeigen, wäre das zwecklos, weil ich befürchte, dass da nichts ist, was sich erheben könnte. In diesem Sinne: höre ich lieber Paul Potts als Sie, Frau Jenny Hoch. Denn Ihre Schreibkunst erinnert mich zu sehr an die Hagen Rethersche Krone der Perversion: Ein Schwein durch den Fleischwolf zu drehen und dann den Brei in den Schweinedarm so zurückzustopfen, dass ein Bärchenartikel entsteht. Bon appétit.

    Hochachtungsvoll

    B.


    PS: Die Qualitätskontrolle des Forums ließ anderes von mir im selben Zeitraum (heute zwischen vier und sechs), zum selben Thema durch. Diese Antwort aber nicht. Warum auch immer...
  • CRASH 08Datum22.05.1970 16:48
    Thema von Brotnic2um im Forum Kommentare, Essays, Gl...
    Inflationäre Milliardäre.

    Hach, ist das schön. Endlich wieder Bürgerin oder Bürger und nicht mehr nur Mensch im Land. Das ist mir die vierhundert Milliarden wert. Morgen kaufe ich mir eine Cohiba und Adiletten, geh in die Bank und frage nach Schnittchen, Kaffee und der Vorstandstoilette. Und wenn der Ackermann kommt, haue ich ihm auf die Schulter und sage: „Na, Kollege.“




    Ist doch ein Schnäppchen, oder?
  • Erlebnisse aus der ProvinzDatum22.05.1970 14:47
    Thema von Brotnic2um im Forum Publikationen, Projekt...
    Hallöle,

    ich war gestern in der Provinz. War toll. Am Ende ist mein Auto abgeschleppt worden. Ohne Scheiß jetzt. Aber ich habe es wieder gefunden.
    Der erste Ausflug in die Provinz war schon genauso sensationell verlaufen. Ich konnte mich nicht besaufen – musste Auto fahren – und vorher habe ich mir wegen zweimaliger Umkurvung der Siegessäule noch ein paar Dellen in die Karre geschrammt. Es war aber trotzdem toll an jenem Nachmittag und halben Abend. Zu inspizieren war damals das Cafe, die Bühne die Bedienung. Alles wunderbar, sprich Vorhang auf und grünes Licht für die Tümpelshow.
    Da war ich also gestern Abend mit Auto und Frau – die Reihenfolge ist schaurig aber genau – und jetzt lasse ich besser das reimen und schmieden. Gestern, hörte ich von sieben Autoren wunderbare Stücke und fühlte mich bestätigt, dass in diesem Tümpel viele Werke stehen, und hinter diesen vielen Werken – erkennen Sie die Melodie - reizende und mitreißende Autoren, die mir und meiner Frau, ich behaupte frech auch allen Anderen, einen tollen Abend bescherten und dass trotz der umgesetzten Karre und vergeblichen Bemühungen eine Autofahrerbrause zu erhalten. Nein, es war famos und großes Kino und wenn keiner der gestrigen Dichter, sich nicht heute noch als Künstler und Poet im Spiegel sieht, dann hat der oder die nicht in der Provinz gelesen.

    Danke.

    PS: Ich wusste schon immer, dass Nirwana ein Kracher ist, aber dass es so dermaßen reinhaut, hätte ich nicht gedacht.
    PSPS: Mache Gedichte sind mir erst gestern richtig aufgegangen, so schön war das und das erwartet man doch auch von Blumen, oder?
    PSPSPS: Genug geschleimt.
  • GNORP - II -Datum22.05.1970 14:34
    Thema von Brotnic2um im Forum Märchen, Fabeln, Sci-F...
    In Metrik

    Jetzt, angesichts eines hysterischen Lybit-Mobs, fiel Gnorp das Lächeln wesentlich schwerer, als angesichts seiner selbst und eines eitlen Löwen. Jetzt, war er auf dem Marktplatz von Metrik am Pranger angebunden, wurde mit Pampenpiken drangsaliert und musste dem Knappen Kruzifx, der mit einem Stiefel auf seinem Hinterhaupt stand, zuhören, welche Vergehen er begangen hätte.
    Es war keine vierundzwanzig Stunden her, dass er, verborgen unter der Brötchentüte des Löwen, eines der zwölf Stadttore Lybiens passiert hatte.

    Metrik war sauber, ausgefegt und bis in den letzten Winkel poliert. Es gab zwölf Tore und von diesen Toren schlängelten sich zwölf Wege zunächst verschlungen gestaltet wie Pfade in einem englischen Park, vorbei an Flüssen, Weiden und Seen. Aber sehr bald schon schnürten alle Straßen streng, strahlenförmig und steigend zum Marktplatz Metriks und dem Pranger hin, an dem die Lybits bis dato unter Hosianna und Hol ihn der Teufel Gesängen die Trolle platzen ließen.

    Gnorp, als er mit seiner Nase das erste Mal um eines der Tore gelugt hatte, war be-eindruckt, von Metriks Dimensionen.

    Die Torwächter hatten so viel um die Ohren, dass, sie den Kerl in der Brötchentüte, der sich still und heimlich hineindrängelte, nicht wahrgenommen hatten. So kam es, dass Gnorp nach Lybien hereingekommen war. Ehrfurchtsvoll stellte Gnorp fest, dass alle pilzförmigen Häuser an der Straße, die er zum Markt hinauf schritt, in der-selben Farbe angemalt waren. Er war offensichtlich auf der roten Strasse und die Lybits, die hier einen festen Wohnsitz hatten, trugen hellblaue Wänste und rote Plu-derhosen. Immer wenn ein Lybit in Pluderhose und Wanst einen anderen in Pluder-hose und Wanst begegnete, machten sie sich gegenseitig tiefe Diener und wollten stets dem Anderen den Vortritt lassen und machten sich gegenseitig die absurdesten Komplimente. Nichts an ihnen war rüpelhaft oder degoutant geschweige denn pein-lich. “Wohl“ war das Wort der Wahl in dieser Stadt: wohlgeraten, wohlerzogen, wohl-auf, wohl bekomm's, wohlig und wohlan.

    Während Gnorp tapfer über das Kopfsteinpflaster der roten Straße weiter Richtung Marktplatz ging, schwitzte er mehr und mehr und der Grund war nicht die schlechte Klimatisierung seiner Tarnkappe sondern vielmehr, dass er ununterbrochen daran dachte, dass er wie ein bunter Hund in grauer Masse wirkte. Zum Glück gab es noch andere, die nicht so einheitlich gekleidet waren und sich schüchtern oder devot den Wansttragenden andienten. Sie hatten wie es Gnorp schien noch nicht das Recht in einem der Häuser zu wohnen oder die typische Tracht zu tragen, aber sie machten es Gnorp leichter, die Stadt weiter zu erkunden.

    Bald hatte Gnorp den großen Platz erreicht, sah den Pranger in der Mitte und an den zwölf Straßenmündungen besonders knubblige und erhabene Pilzgebäude mit Erker und Türmchen. Hier erkannte Gnorp, dass jede Straße nicht nur ihre Farbe hatte, sondern auch ihren Klang. Die Lybits hatten überall Kopfsteinpflaster verlegt, aber nicht nur das, sie hatten die Steine einer Straße nicht nur in gleicher Größe gelegt, sie hatten ihnen obendrein exakt denselben Schliff gegeben, aber jeder Straße einen unterschiedlichen. So konnte ein Lybit schon am Klang der Hufe erkennen, woher der Reiter oder das Gespann kam und in den jeweiligen Straßen klang alles gleich.

    Gnorp entschied sich dafür die dunkelblaue Straße näher zu betrachten, denn unweit des Platzes, sah er ein Pilzhaus mit einem Ladenschild, dass seine Neugier entfacht hatte. Er watschelte behäbig knisternd unter seiner Tüte zum Haus, passierte Lybits, die hier alle gelbe Wänste trugen und sich selbstverständlich freundlichst um den Bart strichen. Fast hätte Gnorp gleich zu Beginn Lord Elf Gin umgerannt, der gerade aus der stattlichen Wohnstatt Kalterersees gekommen war. Gerade noch rechtzeitig gelang es Gnorp dem großen Schuhen Elf Gins auszuweichen und sich in Hörweite zu postieren. Elf Gin hatte er nicht gesehen, aber Kalterersee, der mit Elf Gin das Haus verlassen hatte. Kalterersee redete auf Elf Gin ein:

    „Ihr müsst die Tore verschließen, Lord Gin! Nichts darf hinein, nichts hinaus, was un-sere Augen nicht gesehen haben. Schlagt meine Warnung nicht in den Wind!“, Kalte-rersee redete ohne Unterlass auf Elf Gin ein und schien sich nicht zu bekümmern, dass ein jeder mithören konnte. Elf Gin drehte sich um und sein Gesicht war verbor-gen, denn die Krempe seines Hutes verbarg sein Antlitz. „Wenn wir die Tore schlie-ßen - ich fragte es Euch eben schon dreimal - werden wir wie lange von unseren Worten zehren können?“, antwortete Elf Gin mit einer Gegenfrage und kein Ton ver-riet wie angespannt er war.

    „Solange wir wollen! Und das antwortete ich Euch mindestens ein Dutzend Mal. Wir brauchen nicht jeden windigen Wort Händler oder Verseschmied einzulassen, hinter dessen Gestalt sich nur allzu gern ein Troll mit Tarnkappe verbirgt. Diese Gestalten sollen uns Ross und Reiter nennen, sollen Farbe bekennen und ehrliche Preise ma-chen. Kein Markt, kein Laden in Metrik braucht diese Händler aus Tausend und einer Nacht und ihre wortreich besungenen Waren, die sich nur allzu oft als billiges Ge-schmeide entpuppen, das keiner hören will. Keiner!“ Kalterersee hatte sich so in Ra-ge geredet, dass er am ganzen Körper zitterte und sein Gesicht rot angelaufen war. Aber Elf Gin schwieg und antwortete nicht zugleich. Erst nach einer Weile, als der erhitzte Kalterersee ein wenig abgedampft war, antwortete er: „Wir schließen die To-re.“

    Und kaum, dass er so gesprochen hatte, atmete Kalterersee mehrmals durch und eine große Last schien ihm von den Schultern genommen. „Wir schließen die Tore“, wiederholte Elf Gin und fuhr fort „aber nur, weil ich glaube, dass du mir die wahren Gründe verschweigst“. Kalterersee wurde blass, schluckte und hatte Mühe, erstaunt zu fragen: „Welche Gründe sollte ich dir verschweigen?“

    „Du kennst – genau wie ich - die Warnungen des großen Keks und weißt, dass die Leibesfrucht eines Lybits und eines Trolls stark genug ist, Dämme aufzubrechen und ganze Städte einzureißen, und wie zufällig – nicht wahr? - liegt gerade dieses Vieh vor unseren Toren und mein allseits geschätzter Vizelord hat soviel Angst, dass er sich in seinen eigenen vier Wänden verbarrikadieren will. Nein, du verschweigst mir nichts, mein lieber Vizelord“, endete Elf Gin süffisant und fügte noch beiläufig hinzu: „Dem Löwen werde ich jetzt den Garaus machen und hoffentlich hat dann diese trau-rige Komödie ein Ende.“ So schloss Elf Gin und stapfte zu den Toren.

    Kalterersee blieb noch eine Weile zitternd stehen und blickte dem Schlapphut seines Herrschers hinterher. „Nehmt einen Schluck, ihr seht blass aus“, sprach Kruzifix, der sich wie Gnorp abseits gehalten hatte und nun, aus dem Schatten hervortretend, seinem Herrn mit einem Schluck aus der Wasserflasche helfen wollte. Geradezu wirr schaute Kalterersee zu Kruzifix und hatte offensichtlich Mühe, seinen Knappen zu erkennen. Dann fuchtelte er plötzlich wie wild mit seinen Armen los, als ob er nicht wüsste, was er sonst tun oder wie er den Druck los werden sollte; heulte, aber sagte nichts; schlug um sich, aber nur in die Luft, als ob er nicht wüsste, wo er anfangen und wo er aufhören sollte, und schließlich rannte er von Kruzifix weg.

    „Ertappt“, murmelte Kruzifix, der wie Gnorp das ganze Gespräch belauscht hatte. Kruzifix verstaute sein Fläschchen, schüttelte weiterhin seinen Kopf und als Gnorp, dem sein Herz bis zum Hals schlug, weil er sich selbst, so wie in diesem Ding vom Löwen, im Verhalten Kalterersees wiederzuerkennen glaubte. Gnorp hoffte, dass Kruzifix nun ebenfalls schnell von der Bildfläche verschwinden würde. Die anderen Lybits hatten sich nicht um den Disput von Gin und Kalterersee gekümmert. Weil sie wohlerzogen waren, hatten sie stets einen mehr als höflichen Abstand zu den Beiden gehalten und wenn überhaupt, dann nur diskret genickt.

    Als Gnorp durchatmen und das Gehörte verarbeiten wollte, spürte er plötzlich den Blick des Kruzifix auf sich und ihm war, als ob ein Eiswürfel an seinem Rücken hinun-ter rann. Ihm trat der Schweiß aus jeder Pore und am Liebsten hätte er sich die Tüte vom Kopf gerissen und seinem Häscher die Zunge herausgestreckt, aber er wusste, dass sein Weg dann sogleich beendet gewesen wäre und er wollte doch noch in den Laden in der blauen Straße und zu seinem Vater. Also hielt er Kruzifix kaltem und emotionslosem Blick stand, bis der endlich wo anders hin blickte und seiner Wege ging. Gnorp war erleichtert, als der Knappe sich abgedreht hatte, denn er hörte nicht, was der Knappe murmelte, und sah nicht, ob der Knappe höhnisch grinste oder ob nicht.

    „Kalterersee“, dachte Gnorp wiederholt und musste jedes Mal aufs Neue schlucken, auch wenn er den Namen nur in Gedanken aussprach. Als Kalterersee nach dem Gespräch mit Gin auf seine Weise Reißaus genommen hatte, fühlte sich Gnorp, als steckte eine Hand in ihm und würde ihn bewegen; als sei er nicht Wurzel, sondern Glied; als sei er nicht Ast, sondern Blatt.

    Kein Lybit in den Mauern von Lybien hätte auch nur den Hauch einer Ähnlichkeit zwischen Gnorp und Kalterersee festgestellt, geschweige denn, den Troll mit irgend-einem anderen Lybit verwechselt. Und doch fühlte sich Gnorp, seit er gesehen hatte, wie Kalterersee sich verhielt, als Elf Gin ihm reinen Wein eingoss, dem Vizelord zum Verwechseln ähnlich. Paradoxerweise getraute es sich Gnorp trotzdem nicht, die Brötchentüte vom Kopf zu reißen und der Scharade ein Ende zu machen. Derart auf-gewühlt watschelte er die blaue Straße hinunter und als er schon – nicht links, noch rechts guckend - an der Ladentür vorbeigegangen war, die vorhin noch seine Auf-merksamkeit erregt hatte, strich ein leichter Wind durch seine Tüte, ließ sie knistern. Hinter ihm hörte er, wie ein Windspiel andere, zufälligere Töne spielte, als das stete Einerlei des stumpfen Klopfens wohlgeratener Hufe auf zu Gleichklang geschliffenem Klopfsteinpflaster erwarten lassen konnte. Gnorp hielt inne, drehte sich um und sah den Laden.

    „Van Soli“, stand schmucklos auf der eichenen Eingangstür, die Gnorp nun schüch-tern, aber entschlossen aufdrückte. Die Tür war schwer und Gnorp musste sich an-strengen, sie weit genug aufzudrücken, um nicht selbst zerdrückt zu werden, nach-dem er sie wieder losgelassen hatte, bevor er ins Innere des Ladens schlüpfte.
    Die Tür schloss sich mit einem satten und klackenden Geräusch und Gnorp fand sich wieder in einem Laden, der ihn an die Höhle von Bulbus, seines ehemaligen Va-ters, erinnerte. Es war nicht so dunkel in ihr, denn zahlreiche Kerzen erhellten den Raum. Viele Bücher lagen wahllos wie Geschwätz umher und offenbarten erst beim zweiten Blick, dass ein jedes so lag, wie es musste.

    Ein Husten schreckte Gnorp auf. Aus den hinteren Räumen schlurfte ein älterer Lybit zu ihm her. „Ah, ein Troll!“, krächzte der Alte, ohne daran Anstoß zu nehmen. Statt-dessen stieg er, als hätte Gnorp ihn darum gebeten, gleich auf eine Bibliotheksleiter und suchte mit einem Monokel im Auge und einem Finger auf den Buchrücken ge-zielt eine Reihe ab, murmelte hier etwas mehr oder verharrte mit dem Finger dort etwas länger, bis er kurz entschlossen ein Buch herauszog, den Staub hustend ab-pustete, es aufschlug und konzentriert darin blätterte.

    Der kleine Troll stutzte zwar, fühlte sich aber fast heimisch in diesem Laden und blätterte selbst in dem einen oder anderen Folianten. Schnell verloren sich seine Ge-danken in den Zeilen, die er aufs Geratewohl las. Er verstand, dass sich in diesem Dämmerlicht die Welt, die in diesen Worten und Versen schlummerte, besser entfal-ten und der Leser seine eigene vergessen konnte. Der alte Mann schien auch nur Bücher zu sammeln, die Welten enthielten.

    „Die Poesie erschafft Welten. Wissenschaft kann nur erkunden, was die Dichter er-schufen“, zitierte der Alte in diesem Moment eine Stelle, sah zu Gnorp und meinte eher, als er fragte: „Das gefällt dir, nicht wahr?“, weshalb er auch die Antwort nicht abwartete, sondern fortfuhr: „Aber da war doch noch ein anderes ...“, und das Buch wieder einrückte und prompt seinen knochigen Finger ausstreckte und suchend über eine andere Reihe fuhr.

    Gnorp stolperte indessen über ein paar Zeilen:

    „Ganz klein sah ich ihn liegen,
    in einer jener Wiegen,
    wie sie in allen Häusern stehen -
    doch diese war tiefschwarz.“

    Gnorp sah, wie sich das Haus, der Flur, die Türen und die Wiege im Kerzenlicht des Ladens von Van Soli manifestierten und er sah sehr wohl, dass die Wiege und nicht der Inhalt schwarz gemalt worden war, doch träumte er sich kurzerhand hinein und fand sich selbst von diesen Zeilen mehr verstanden, als von allen Trollen oder Lybits, denen er je begegnet war. Mag auch ein Gelehrter einwenden, dass Gnorp die Zei-len gründlich missverstanden hatte, berührt hatten sie ihn allemal und das war es, was nach allen Abrechnungen zählte.

    Der Alte räusperte sich und zitierte: „Monologe verhalten sich wie Monokulturen: zweidimensional, einerlei und widerspruchslos. Lebensraum entsteht nur dort, wo Dialog und Widerspruch gepflegt werden.“ Das gesagt, schlug er den Folianten be-tont zusammen und schob ihn wieder zurück. Dann kletterte er von seiner Leiter hin-unter und grummelte: „Wie sag ich immer? Misch alle Farben zusammen und am Ende ist alles Grau.“

    „Wie kommt es, dass sie in Metrik wie ein Troll leben können?“, fragte Gnorp spon-tan, denn er hatte das Gefühl, dass er bei Van Soli auf Verständnis bauen durfte. Van Soli hob erstaunt eine Braue, lachte bronchial, musste sich setzen, nahm sein Monokel ab und fing sogleich an, diesen zu putzen ohne jedoch mit dem Gelächter aufzuhören. „Mein lieber Troll! Mein lieber, kleiner Troll, der Troll bist du, nicht ich. Und das hier ist bestimmt keine Trollhöhle“, antwortete van Soli kichernd. „Aber sie lieben doch Bücher, Texte, jedes einzelne Wort!“, echauffierte sich Gnorp: „Dieser ganze Laden will von vorne bis hinten durchgelesen und erlebt werden. Eben noch sah ich eine andere Welt,“ und Gnorp deutete abwechselnd auf zwei Kerzenlichter, „die einfach zwischen diesen Lichtern entstand, nur weil ich ein paar Worte gelesen hatte. Sie selbst rieten mir zu Widerspruch und wachem Geist, um nicht zu ersticken und jetzt, jetzt, sagen Sie mir, ich sei der Troll! Und wer sind Sie?“

    „Mein lieber Troll! Mein lieber, kleiner Troll, der Troll bist du, nicht ich. Und das hier ist bestimmt keine Trollhöhle“, antwortete der nach Luft schnappende van Soli. Gnorp stutzte. Hatte van Soli nicht haargenau diesen Spruch eben schon feilgeboten? Allen Mut zusammennehmend, ging Gnorp zu Van Soli, der nach wie vor auf seinem Stuhl saß und sein Monokel reinigte, als gäbe es kein Morgen. Es floss immer noch genü-gend Trollblut in Gnorp, so dass er nicht lange überlegte, welche drastischen Mittel angewandt werden mussten, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ein Troll für mehr als recht und billig hielt. Also raffte er seine Brottüte, um dem geschätzten van Soli vor die Füße zu strullen. Van Soli schien das jedoch nicht zu bemerken und hob erneut an: „Mein lieber Troll! Mein lieber, kleiner Troll, der Troll bist du, nicht ich. Und das hier ist bestimmt keine Trollhöhle.“

    „Mein lieber, alter, seniler Sack! Du wirst gleich wissen, wie ich mich fühle“, bellte Gnorp zurück und wollte gerade Wasser lassen, als er im Halbdunkel dieses Ladens entdeckte, dass ein Schlüssel im Rücken des Alten steckte und sich langsam drehte. War Van Soli etwa eine Puppe? Gnorp verstand gar nichts mehr und er bekam auch nicht mit, wie sich die Ladentür öffnete und mit schweren Stiefeln ein weiterer Lybit eintrat. „Willst Du einem alten Herrn vor die Füße pinkeln?“ Gnorp schreckte zusam-men, als er die schneidend kalte Stimme Kruzifix’ vernommen hatte und im gleichen Moment entleerte sich seine Blase.

    „Troll!“, fluchte Kruzifix und packte Gnorp, der starr vor Schreck weiterhin pieselte, am langen Arm am Schlafittchen. „Mein lieber Troll! Mein lieber, kleiner Troll, der Troll bist du, nicht ich. Und das ist ...“, sagte Van Soli noch einmal und blieb dann im Satz und in seinen Bewegungen hängen. Dieser nette, alte, lungenkranke Mann war tatsächlich ein Automat, dessen Feder nun neu aufgezogen werden musste.

    Während Gnorp noch darüber grübelte, was das bedeutete, stieß Kruzifix mit seinem anderen Arm die Ladentür auf, pfiff scharf zwischen seinen Zähnen hindurch, und unmittelbar danach waren zwei, drei Lybits im Laden, die den abgelaufenen van Soli wieder aufzogen, auf Position stellten, einen Klingeldraht zwischen Automat und Tür spannten und natürlich Gnorps Pfützen aufwischten. Das alles geschah routiniert und behände. Gnorp sah in Kruzifix’ Gesicht und der lächelte überlegen zurück: „Mach dir nichts draus, Kleiner. Noch jeder Troll ist in diese Falle gelatscht.“ Kalterersees Knappe hatte einen derart arroganten Unterton, dass es Gnorp aus seiner Erstarrung riss.

    „Tolle Falle! Ihr deckt einen Tisch mit den leckersten Spezereien, dann lasst ihr den Gast so lange von einem Automaten beleidigen, bis der sich richtig angepisst fühlt und sich beschwert. Dann kommt ihr und ruft: ‚Seht wir haben einen Troll gefangen!’ Das ist doch ein ganz fauler Trick!“, beschwerte sich Gnorp und seine Worte über-schlugen sich fast, so sauer war er, weil er die Funktionsweise der Trollfalle in die er da getappt war, für schamlos und bigott hielt. Kruzifix sagte einen Moment lang nichts, dann lachte er schallend los. „Aber, aber, lieber Troll, vergisst du nicht et-was?“, fragte Kruzifix, immer noch lachend, den wütenden Gnorp. „Mit Sicherheit nicht, Herr Hundefänger!“, und Gnorp betonte seine Worte, als rotzte er sie Kruzifix ins Gesicht und der blinzelte, als hätte er Mühe, den Troll nicht sofort in tausend Teile zu zerschneiden. Aber Kruzifix beherrschte sich.

    „Mit Sicherheit doch, du Troll“, antwortete er schließlich mit bebender Stimme. „Mit Sicherheit ist das hier kein Abort und mit Sicherheit geht die Tür in beide Richtungen auf. Du hast die Entscheidung getroffen, die nur ein Troll wählt.“
    „Ich bin aber ein Lybit“, entgegnete Gnorp so kühl, als ließe ihn die Erregung und der Zorn seines Häschers kalt. Dabei drehte er wie beiläufig seine Hände vor seinem Gesicht und spreizte seine drei Finger so, dass sie Kruzifix gut sichtbar waren.
    „Wenn ich noch Zweifel hatte …“, begann Kruzifix, schwieg, schüttelte leicht den Kopf und vollendete: „so hast du sie mir soeben genommen.“ Sprach’s und mar-schierte aus der Trollfalle, den Troll immer noch am Genick gepackt.
    Gnorp erkannte langsam den Ernst der Lage, erkannte, dass sein Weg nur noch zum Pranger führen würde und daher brüllte er, so laut er konnte: „Ich will zu meinem Va-ter!“

    „Du kommst zu Deinem Schöpfer. Das kann kein schlechter Tausch sein“, nuschelte Kruzifix als Antwort so nebenher, dass Gnorp ahnte, dass er nicht der Erste war, der nach Vater oder Mutter gebrüllt hatte.
    „Ich aber bin der Sohn deines Herren, du Spaten!“, rief Gnorp und es gelang ihm er-staunlich souverän zu wirken. Der Knappe blieb stehen, hielt Gnorp hoch, drehte und inspizierte ihn, lächelte und schnitt dabei mit einem kurzen Dolch, den er auf einmal in der anderen Hand hielt, die Brötchentüte - ritschratsch - in kleine Stücke.
    „Ein hübsches Kind“, flüsterte Kruzifix maliziös und ließ sich nicht davon irritieren, dass alle Lybits ängstlich, angewidert und mit Taschentüchern vor dem Mund, in im-mer größer werdenden Abständen an ihnen vorbeiflüchteten, als hätten sie erst jetzt erkannt, welcher Art das Brot in der Tüte war, bis Gnorp schließlich schwarz und nackt an seinem Arm hing. „Da wird sich Papa aber freuen, so einen strammen Stammhalter eingesät zu haben. Ja, Du hast recht kleiner Troll, das müssen wir Papi selbst erzählen“, grinste der Knappe breit und spielte den Überraschten, als er unmit-telbar und nicht unweit seiner eigenen Position Kalterersee entdeckte: „Oh, welch göttliche Fügung mein stinkiger Troll, dein Väterchen ist nahe.“

    Gnorps Kehle schnürte sich zusammen, denn Kruzifix hatte nicht gelogen. Kalterer-see stand, anscheinend wieder Herr seiner Gefühle, den Rücken ihnen zugewandt, nicht weit entfernt, lässig vor einem kleinen Fischversbasar und redete mit großer Geste auf zwei lybische Damen ein, die ganz versonnen an seinen Lippen zu hingen schienen. Erst als sich Kruzifix mit dem Troll so weit genähert hatte, dass die Damen die Beiden nicht mehr übersehen konnten und demzufolge ihr Lächeln aus dem Ge-sicht verloren, ihre Nase rümpften und alle Anzeichen von Abscheu an den Tag leg-ten, begriff Kalterersee, dass nicht etwa er gemeint, sondern der Feind von hinten gekommen war. Er drehte sich mit großer Geste um und hatte schon einen passen-den Spruch auf den Lippen, als er jäh durch das Antlitz seines Knappen ausge-bremst wurde. Den hatte er in diesem Augenblick nicht erwartet und daher suchte er mit halb geöffnetem Mund nach Worten.
    „Verzeiht Herr, aber ich dachte, es würde Euch interessieren, Euren Sohn kennen zulernen“, sagte der Knappe, sein Haupt tief verneigend und Gnorp umso mehr in die Höhe haltend. Kalterersee verstand nicht. Er schaute auf Kruzifix, irritierter auf Gnorp, dann wieder auf seinen Knappen, bis er hervor stieß: “Was soll der Mist, Kru-zifix?“ Der Angesprochene hob nur ganz leicht seinen Kopf und antwortete: „Dieser hier behauptet, Euer Sohn zu sein und Ihr müsst zugeben, dass alle Trolle Euch ver-achten und noch keiner Euer Sohn sein wollte. Nur deshalb zeige ich ihn Euch.“

    Kalterersee drehte sich vor und zurück, denn die soeben bezirzten Versfischverkäu-ferinnen begannen ängstlich, ihren Stand dichtzumachen und sein Knappe hatte ihm gerade unterbereitet, Vater eines Trolls geworden zu sein.
    „Packt Euch! Packt Euch, verdammt noch einmal“, rief Kalterersee schließlich wütend aus. „Was soll der Blödsinn, Kruzifix? Sieh, was Du getan hast? Du hast Möschen und Nutella mit diesem Troll erschreckt. Sieh dr den Stinker doch an! Selbst du könn-test nicht sein Vater sein, also pack Dich fort mit ihm, führ diesen widerlichen, schwarzen Knubbel zum Schafott!“

    „Ich bin Dein Sohn, Du Sack!“, reagierte Gnorp spontan und wollte noch mehr sagen, aber da lag Kruzifix Hand schon auf seinem Mund. Der Knappe entschuldigte sich untertänig, um sich dann eilig, unter zahlreichen Bücklingen, aus dem Dunstkreis seines Herren zu entfernen, welcher sich bereits wieder, lässig sein Haar aufschüt-telnd, dem Damenstand zugewandt hatte und - ganz blauer Tauberich – auch schon wieder gurrte: „Aye, meine Schönen.“

    Als sein Vater ihn zugunsten fischiger Wachteln derart verschmäht hatte, wusste Gnorp, dass er auf dem Pranger enden würde. Er begriff, auch wenn er es als herz-zerreißend ungerecht empfand, dass er der Troll war und in Kürze wie ein Schmutz-fleck aus der sauberen Welt Lybiens entfernt werden würde. Die größte Angst berei-tete ihm aber, dass er keine Gewähr hatte, in einer anderen Welt wieder aufzutau-chen und je wieder Gnorp zu sein, sondern für immer zu verschwinden; zu einem Nichts zu zerplatzen, so wie der junge Troll einst auf dem Marktplatz von Metrik.

    „Damit wir uns nicht falsch verstehen, Troll“, schärfte Kruzifix Gnorp ein, kaum dass sie außer Sicht- und Hörweite von Kalterersee waren, „den Mund habe ich dir nicht zugehalten, um dich vor deiner Zunge beschützen wollte, sondern weil ich selbst dich zu deinem Trollgott bringen will.“ Kaum dass der Knappe so gesprochen hatte, konn-te sich Gnorp aus seinem Tal der Tränen wieder herauskämpfen und antwortete mit fester Stimme: „Ich Dich auch, kleiner Knappe, ich Dich auch.“


    Am Pranger

    Der dicklichte Junge aus der Magentastraße zitterte in seinem grünen Wanst am ganzen Leib und seine Augen, die er nicht vom Schauspiel am Pranger lösen konnte, glänzten trunken. Gnorp indessen fühlte keinen Schmerz, obwohl Kruzifix mit seinem Stiefel seinen Schädel seitlich niederdrückte und nicht zimperlich zu Werke ging. Gnorp hörte auch nicht die Anklagen, die Kruzifix gegen ihn losließ. Gnorp sah nur diesen gut genährten Lybit, der es nicht abwarten konnte, dass Gnorp vor aller Au-gen geschlachtet werden würde. Gnorp fühlte keinen Ekel, keinen Hass, aber er frag-te sich, wie grau die Buchstabensuppe gewesen sein musste, die dieser Kerl täglich verdrückt hatte. Wie billig, wie schal mussten die Sätze und Verse gewesen sein, an denen sich solch ein Gemüt zu dieser dümmlichen Feiste hatte fressen können? Nein, der Junge war nicht wie eine Stopfgans, die sich nicht wehren konnte; dieser dicke, grüne Lybit genoss es, gestopft zu werden und schluckte alles brav herunter, als sei es ganz vorzüglich.

    Mit einem Mal nahm Kruzifix seinen Stiefel von Gnorps Wange und riss den Troll in die Höhe. Die Menge machte „Ah!“, jubelte los und skandierte bald „Stopf den Troll! Stopf den Troll!“ Es war Kruzifix anzumerken, wie sehr er es genoss, im Mittelpunkt zu stehen, mit theatralischer Geste in einen Eimer zu greifen, der ihm von einem an-deren Lybit demütig gereicht wurde, und einen Ballen Knuddelpampe herauszuneh-men und der Menge zu zeigen, die darauf nur umso heftiger in ihren stumpfen Re-frain fiel: „Stopf den Troll!“

    Doch bevor solches begann, hielt Kruzifix inne und schaute zu einem entlegenen Punkt des Platzes. Die Menge spürte, wie er die Luft anhielt und sich konzentrierte. Erst einer oder zwei, dann eine Handvoll, schließlich drehten alle Lybits auf dem Platz sich in die Richtung um, in die Kruzifix schaute und im selben Moment hielten sie selbst die Luft an. Alle sahen wie gebannt auf den riesigen Kopf des Löwen, der schwankend eine der farbigen Straßen heraufzukommen schien.

    Die Furcht schlug jedoch schlagartig in Jubel um, als ausgemacht war, dass Lord Elf Gin den Platz betreten hatte, den Kopf des Löwen als Trophäe hinter sich her getra-gen, aufgespießt von etlichen Pikenieren. Wie ein Lauffeuer ging das Gerücht über den Platz, wonach Gin den Löwen überwältigte, als dieser an sich selbst und mit ei-nem glitzernden Dings herumgespielt hatte. Der Lord kokettierte mit der Aufmerk-samkeit, winkte ständig ab und wies auf den Pranger zu Kruzifix, so als wollte er sa-gen, dass dort die Musik spiele. Aber die Menge schob sich auf Lord Elf Gin zu und jeder Lybit wollte ihm gratulieren.

    Kruzifix, Gnorp und vermutlich viele andere auch, konnten trotz des allgemeinen Tru-bels nicht übersehen, dass sich ein Lybit wie ein Keil durch die Masse zu Elf Gin schob. Es war niemand Anderer als der Vizelord, der sehr erleichtert schien und un-bedingt persönlich gratulieren wollte. Als Kalterersee seinen Lord erreicht hatte, stürzte er sich jedoch nicht gleich in dessen Arme, sondern blieb stehen, hob fast entschuldigend die Hände, als bäte er um Verzeihung und Elf Gin, der aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen pflegte, lupfte seinen breitkrempigen Hut und lächelte verschmitzt seinem Vize zu und signalisierte so, dass aller Groll, wenn er denn je bestanden hätte, nun vergessen war. Erst dann machte Kalterersee den letz-ten Schritt und umarmte Gin mit herzlicher Heftigkeit, dass diesem bald der Atem stockte.

    „Wie habt ihr das geschafft! Wie habt ihr diesen riesigen Löwen so schnell erledigen können. Ihr seid fan-tas-tisch“, sprach Kalterersee halblaut in das Ohr von Gin und verdrückte auch das eine oder andere Tränchen an der Wange seines Freundes. Ohne zu wissen, warum Kalterersee so nah am Wasser gebaut hatte, zupften viele Lybits ihre Taschentücher und waren zutiefst gerührt. Warum sie es waren, wussten sie nicht recht; sie hinterfragten es auch nicht. Wie stets reichte ihnen aus, dass einer von ihnen heulte und sie heulten mit.

    Die ungestüme Freude seines Vertreters brachte Elf Gin in mannigfaltige Verlegen-heit. In der festen Umarmung seines Freundes begann er, in seiner Kluft zu schwit-zen und wollte doch auch Kalterersee und der Menge das Abenteuer, so wie es sich zugetragen hatte, auch getreulich erzählen, den Elf Gin war ein ehrlicher Mann. Aber den Vize wegstoßen, oder sich wie ein Aal dem Zugriff zu entwinden, verbot ihm die Höflichkeit und so dauerte es recht lange, bis zwischen ihm und Kalterersee wieder so viel Distanz war, dass es für keinen unangenehm oder gar ein Affront war. Unan-genehm war das Schauspiel nur für Kruzifix, der mit versteinertem Gesicht, die Ver-brüderungsszene seiner Herren mit angesehen hatte. Gnorp entging dabei nicht, das Kruzifix sich zurückgesetzt und seines Auftrittes beraubt fühlte. Der Einzige, der sei-ne Augen nicht vom Pranger nehmen konnte, war der tumbe, junge Lybit mit dem grünen Wanst.

    „Wer nur Tölen umbringen kann, erntet keinen Lorbeer und wer das weiß und trotz-dem weiterhin nur Tölen umbringt, ist entweder blöd oder krank“, steckte Gnorp dem frustrierten Knappen und streckte ihm obendrein die Zunge heraus. Kruzifix hatte Mühe, sich im Griff zu behalten und stieß nur ein nicht sehr autoritäres „Schweig!“ zwischen seinen Lippen hervor. Dabei zwang er Gnorps Ärmchen noch fester in sei-ne Schraubstockpranke, ohne auch nur hinzuschauen. Wie alle anderen beobachtete er gebannt, welche Szene sich zwischen Kalterersee und Gin abspielte, obwohl er nicht hören konnte, was die Beiden sich zu erzählen hatten.

    „Ähem, es erforderte natürlich Geschick“, begann Gin nur zögerlich, da er noch über-legte, wie er seine Tat angemessen erzählen sollte. „Aber“, so fuhr er planlos fort, weil er nicht recht weiter wusste, „am Ende war es eigentlich …“, und weiter kam er nicht, denn Kalterersee haute ihm so hart auf den Rücken, dass er hustend über sei-ne viel zu großen Latschen zu fallen drohte. Lässig fing Kalterersee ihn auf und setz-te plaudernd hinzu, dass Gin ihm das doch auf den Weg zum Balkon erzählen kön-ne, und dabei schob er den Herrscher, dessen Hut wieder ganz tief im Gesicht hing, zum Eingang des ehrwürdigen Elf Gin Hauses, dessen Balkon vis-á-vis zum Pranger hing.

    Gnorp sah es mit Entsetzten, denn einen Augenblick hatte er gehofft, dass im allge-meinen Trubel der schmählich stehen gelassene Kruzifix ihn aus Zorn freilassen würde, oder ihm kurzerhand die Kehle durchschnitte. Beide Alternativen erschienen Gnorp besser, als konzentrierte Knuddelpampe zu fressen, sich aufzublähen, bis die Augen aus den Höhlen quellen und dann bei vollem Bewusstsein wie ein Ballon zu platzen. Kruzifix lockerte zwar seinen Griff, aber an ein Entkommen war nicht zu denken. Kruzifix ahnte und ahnte zurecht, dass in Kürze Elf Gin und Kalterersee auf dem Balkon gegenüber ihre Hüte und ihre Hände wohlwollend vor dem Volke Ly-biens schwenken würden, welches sich dann auch sehr bald wieder ihm, dem Knap-pen, so zuwenden würde, wie er es verdiente.

    „Vater!“, brüllte Gnorp, der jetzt auch noch seine letzten Felle wegschwimmen sah. Er nahm all seine Kraft zusammen und brüllte noch lauter: „Ich bin Dein Sohn, Kalte-rersee!“ und dann noch einmal: „Ich bin Dein Sohn!“ Es waren schon viele Trolle am Pranger Lybiens hingerichtet worden, aber dass einer um Familienanschluss gewor-ben hätte, das hatte es noch nie gegeben, weshalb die Menge augenblicklich schwieg und auch Gin und Kalterersee stehen blieben, kurz bevor sie die Eingangs-tür erreichten. Gnorps zweiter Ruf hallte daher nahezu ungehindert hinüber zu sei-nem Vater.

    Quer über den Platz schauend, sah Kalterersee seinen Knappen, der einen kleinen, komisch aussehenden und seltsamen Unsinn brüllenden Troll am Arm hielt. Den Kerl hatte Kruzifix ihm heute schon einmal vorgestellt, weil der behauptete, sein Sohn zu sein. Kalterersee bekam eine Gänsehaut, die er sich nicht erklären konnte. Als sei die Zeit stehen geblieben, schaute er abwechselnd zum schwarzen, keifenden Knäuel und zum großen, majestätischen Löwenkopf, der Würde und Gelassenheit auch im Augenblick des Todes bewahrt zu haben schien. Er konnte sich seine Un-schlüssigkeit nicht erklären, hätte vielleicht viel für das seltsame Stieldings mit den magischen Reflektionen gegeben, vertraute aber darauf, dass es der Löwe und nicht der Troll war, dem er in letzter Zeit schlaflose Nächte zu verdanken gehabt hatte.

    Die Verunsicherung des Vizelords, als der Troll nach ihm gerufen hatte, war für die Masse der Lybits kaum zu bemerken gewesen. Sie registrierten lediglich, wie Elf Gin und Kalterersee unmittelbar vor Elf Gins Haustür stehen blieben, Kalterersee sich irritiert zum Pranger umdrehte, um dann aber nur ironisch zu winken und zu lächeln, so als ob er sagen wollte: „Ja, ich Dich auch.“ Und dann verschwanden die Herrscher Lybiens in Elf Gins Gemäuer.

    „Fick Dich!“, murmelte Gnorp resigniert und dachte zum ersten Mal voller Stolz an seine Mutter, die er nie kennen gelernt, und nach Lage der Dinge auch niemals ken-nen lernen würde. „Fick Dich!“


    „Wie bitte? Was hat der Löwe gemacht?“, fragte Kalterersee, der den Zwischenfall mit Gnorp schon verdrängt hatte, mehr als irritiert, als er und Gin die Treppen zum Balkon aufstiegen. „Er lag auf seinem Rücken und spielte an sich herum“, wiederhol-te Elf Gin treuherzig und war unglücklich, weil seine Heldentat irgendwie nicht richtig rüber kam. „Willst Du mir sagen, dass dieser Löwe, dieses gewaltige Tier, anstatt sich zu wehren, seine Krallen zu benutzen und seine Zähne zu blecken, nichts von alledem getan hat und sich stattdessen einen runterholte?“ Kalterersee war fas-sungslos.

    „Ja“, wiederholte Gin kurz angebunden, weil er Kalterersee diesen Sachverhalt schon zwei Mal erzählt hatte, zwischen dem ersten und dem vierten Absatz auf dem Weg zum Balkon. „Und dann habt Ihr ihn einfach abgeschlachtet? Als sei er schon tot?“ Kalterersee konnte sich die Szene nicht erklären und ein selbstverliebter, onanieren-der Löwe wollte weder in sein Weltbild, noch in sein Selbstbild passen. „Nicht einfach so, mein Bester“, antwortete der Lord, stieß die Flügeltüren zum Balkon auf und au-genblicklich erschallten Vivat-Rufe des Volkes.

    Routiniert standen Gin und sein Vize an der Balkonmauer und winkten mit Hut oder Hand dem lybischen Volk, ohne ihre eigene Unterhaltung dabei zu unterbrechen. „Bevor ich ihm eine Ladung verpassen und meine Helfer ihm die Piken in den Leib rammen konnten, ließ er von seinem Treiben ab, fuhr sich durch seine Haare …“, raunte Gin zu Kalterersee, der ihn ärgerlich unterbrach und beschloss: „… und griff Euch und Eure Mannen an!“

    Elf Gin verlor seine routinierte Fassung. Er hörte auf zu winken und starrte einen langen Moment Kalterersee an, der umso hektischer weitergrinste und winkte, bis Gin konsterniert sagte: „ Nein. Nichts dergleichen. Er wollte nur gut aussehen.“
    „Er war eine Bestie, ein Tier! In seinem Blut floss animalisches Feuer, wilde Lust und königliche Größe und Ihr habt ihn bezwungen!“, faselte Kalterersee als wäre er im Fieber. „Er hat sich einen runtergeholt und als wir ihn dabei erwischten und umzingelt hatten, genierte er sich, strich sich durch seine Mähne, glotzte in dieses Dings hier“, Gin holte aus der Innentasche seines viel zu großen Mantels den Handspiegel und reichte ihn dem verdutzten Kalterersee, „und bat uns um ein paar Augenblicke, damit er“, und hier verdrehte Elf Gin die Augen: „gut aussähe.“

    Kalterersee war zunächst zu überrascht von Elf Gins Bericht, um dem Spiegel be-sondere Aufmerksamkeit zu schenken. „Er ließ sich also einfach abschlachten?“, wiederholte er stattdessen zum wiederholten Male. „Nein, leider nicht. Aber“, unter-brach Gin, um von vornherein weitere Versuche Kalterersees abzuwürgen, die Situa-tion falsch zu dramatisieren, „er bat darum, sich in Positur setzen zu dürfen. Das war alles. Es gab keinen Kampf. Wir mussten nur abwarten. Allerdings dauerte es sehr, sehr lange bis er soweit war – aber dann schlugen wir endlich zu.“

    Der Vizelord drehte derweil den Spiegel des Löwen gedankenverloren in seinen Händen und vergaß wo er war. Es wollte ihm nicht in den Kopf, weshalb ein so edles Tier sich widerstandslos in sein Schicksal gefügt hatte, wenn doch jeder Troll sich mit Händen und Füßen wehrte. Der Löwe war Kalterersees Herausforderung, sein Rho-dos gewesen. Der Löwe war selbstherrlich und hatte alle Voraussetzungen, die düs-teren Prophezeiungen des großen Keks zu erfüllen, aber anscheinend war der Löwe nicht das, was Kalterersee in ihm gesehen hatte. Anscheinend hatte der Löwe doch nichts von dem, was ihn, den Vizelord, auszeichnete. Gedankenverloren schüttelte er den Kopf und überlegte, was er übersehen hatte, welches Puzzleteil er falsch ange-legt hatte oder welches einfach nicht passend war.

    Elf Gin entging nicht, dass sein eben noch aufgeräumter Stellvertreter jetzt gedan-kenverhangen und düsterer Stimmung neben ihm stand und immer größere Teile des jubelnde Volkes irritierte, denn es war seinen Lybits unmöglich, Triumph und Demut gleichzeitig zu empfinden. Entweder waren sie stolz oder beleidigt. Beides gleichzei-tig zu können oder zu sein, hätte eines Zaubers bedurft. Bevor die Situation für sei-nen Geschmack zu sehr aus dem Ruder lief, weil sein Partner nicht mehr sauber zu funktionieren schien, ergriff Gin die Initiative und bat mit Rufen und Gesten um eine Jubelpause.

    „Liebe Lybits, ich danke Euch für diesen grandiosen Empfang“, begann der Lord und natürlich brandete nach diesen Worten wieder Jubel auf und „Heil Gin“-Rufe wurden laut. Schnell beruhigte er die Menge wieder und hatte ihre volle Aufmerksamkeit. Er war zufrieden, dass keiner mehr Notiz von seinem Vize nahm, der immer noch neben sich stand und im Augenblick ebenso irritiert, wie fasziniert dieses Dings des Löwen untersuchte.

    „Heute haben wir“, und Elf Gin stutzte einen Augenblick, weil er nicht auch noch sein Volk so verwirren wollte, wie seinen Stellvertreter, und fuhr daher fort, „die größte Bedrohung Lybiens besiegt. Mit dem heutigen Tag ist der Wald vor Metrik wieder unser!“ Großer Jubel, viele Rufe und Gin war zufrieden, denn er hatte nicht unbedingt gelogen.

    Kalterersee indessen fühlte sich, als tauchte er durch schwere Gewässer. Die Stim-men, der Applaus, die Rufe, das alles brandete gedämpft an seine Ohren. Dieses leuchtende Ding des Löwen war mehr als faszinierend. Wenn er es richtig hielt, dann sah er einen Lybit mit großer Nase, der ihn nachzuäffen schien und damit Kalterer-see sehr erheiterte und irgendwie erinnerte diese Visage ihn an jemand anderen. Aber er konnte sich keinen Reim darauf machen und amüsierte sich damit, als sei er unbeobachtet, den Lybit in diesem Zauberdings zu animieren, seine Augen zu ver-drehen, Grimassen zu schneiden und grotesk dumm aus der Wäsche zu schauen.

    Es entging Gin nicht, dass er die Bindung zu seinem Publikum wieder zu verlieren drohte, dass, es sich durch die seltsamen Verrenkungen und Grimassen des Vize-lords nicht mehr hundertprozentig auf die Ansprache ihres Königs konzentrieren konnte. Zum Glück fiel Elf Gin Kruzifix wieder ein, der immer noch stoisch mit einem Troll am Arm darauf wartete, die Stopfung zu vollziehen. Das war die Rettung und eine Stopfung würde sein Volk endgültig vom Vizelord ablenken.

    Mit Verve schlug er seine Zuhörer wieder in seinen Bann: „Auch wenn unsere Stadt, unser Wald wieder frei sind, auch wenn wir sorglos uns wieder in die Arme fallen und uns gegenseitig unseres uneingeschränkten Wohlwollens versichern können, dürfen wir nicht vergessen, nicht zaudern, nicht darin nachlassen, die kleinen Dämonen und Trolle genauso unerbittlich zu verfolgen, wie wir es seit ewigen Zeiten getan haben. Lybits! Dreht Eure Häupter! Kruzifix!“ Gin brüllte schließlich quer über den Platz, um ja auch die Aufmerksamkeit des Knappen zu bekommen, welcher auch sofort seinen Körper straffte und den Arm des Trolls noch ein bisschen fester drückte. „Kruzifix!“, wiederholte Elf Gin und als er zufrieden bemerkte, dass viele sich zu dem Henkers-knecht umgedreht hatten, intonierte er: „Stopf den Troll! Stopf den Troll!“. Die Menge nahm Gins Ruf sofort auf und nun hallte es weder rhythmisch über den Platz von Metrik und nicht wenige klatschten dazu im Takt: „Stopf den Troll!“.

    „Und? Bist Du jetzt glücklich, Knappe?“, fragte Gnorp unvermittelt, weil er nur noch seine Worte und seinen Witz besaß und weil er für alles andere keine Hoffnung mehr hatte. „Auf jeden Fall glücklicher als Du.“
    „Aber nur, wenn ich kein Gehirn hätte so wie der Rest von Euch hier.“, bemerkte Gnorp trocken und ließ es geschehen.
    „Dir werden Deine frechen Sprüche bald vergangen sein. Und jetzt das Maul auf!“ Kruzifix freute sich schon darauf, das Maul des Trolls mit Gewalt aufzusperren, doch Gnorp tat ihm den Gefallen nicht, schloss die Augen und sperrte wie befohlen seinen Mund auf, ja, legte sogar noch eifrig seinen Kopf in den Nacken, so als könne er es gar nicht abwarten. Mit einem letzten Lächeln registrierte Gnorp, dass die Masse in ihrer stumpfen Begeisterung aus dem Tritt gekommen war und er es doch noch ge-schafft hatte, Kruzifix in die Suppe zu spucken. Denn der hatte sein Gesicht zur Faust geballt und wusste nicht, woran er seine Aggressionen auslassen konnte.

    „Der sieht doch irgendwie wie dieser kleine Troll aus, oder nicht?“, murmelte Kalte-rersee, seinen Kopf schief legend als könne er dann besser sehen. „Was hast Du gesagt?“, fragte Elf Gin wenig interessiert und beugte sich mehr höflichkeitshalber zu Kalterersee und dessem neuen Spielzeug. „Guck doch mal hier rein. Sieht der nicht ein bisschen wie der Troll da hinten aus?“ Elf Gin schaute in den Spiegel, schüttelte den Kopf und bemerkte lachend: „Nichts anderes als Eure große Nase könnt ihr dort bewundern.“

    „Ach so?“ Der Vizelord wusste nur einen letzten Moment nicht mehr, was er von dem Lybit in dem Dings halten sollte. Dann aber überkam die beiden Fürsten die Erkennt-nis im selben Moment und wie in Zeitlupe drehten sie sich mit weit aufgerissenen Augen einander zu. „Du hast einen Troll gefickt“, flüsterte Elf Gin und Kalterersee wiederholte: „Ich habe einen Troll gefickt.“ Dann herrschte eine kleine Pause. „Das da hinten ist tatsächlich dein Sohn“, vollendete Elf Gin und Kalterersee nickte nur. Plötzlich riefen beide: „Die Prophezeiung!“, und stürzten nach vorn, wobei Kalterer-see im Überschwang den Spiegel aus der Hand verlor, der daraufhin vom Balkon flog und auf dem Platz in winzige Kristalle zerplatzte. Aber das bekümmerte weder den einen noch den anderen, denn beide spürten, ohne das sie es hätten begründen können, dass die Stopfung dieses Trolls ein großer Fehler sein könnte. Beide brüllten verzweifelt: „Nein!“


    „Friss!“, befahl Kruzifix lustlos und Gnorp schien den Klumpen, er schmeckte tatsäch-lich zum Kotzen, mit Genuss zu verspeisen, leckte sich demonstrativ seine Lippen, sperrte sein Maul wieder auf und rülpste laut vernehmlich: „Mehr!“ Bis auf den dick-lichten Jungen, der hippelig in die Hände klatschte und von einem Fuß auf den ande-ren trat und irgendetwas Unverständliches brabbelte, hatten alle anderen Lybits den Spaß an der Veranstaltung verloren und keiner intonierte mehr das ansonsten so beliebte „Stopf den Troll“, stattdessen fuhr jedem von ihnen, eine Sekunde nach dem es seltsam still geworden war, ein gehöriger Schreck ins Mark, als es in ihrem Rü-cken klirrte und schepperte und sie kurz darauf den Ruf ihrer Fürsten hörten. Völlig verängstigt blickten sie abwechselnd vom Balkon zum Pranger.

    Kruzifix, der so beleidigt war, dass er von all dem Drumherum nichts mehr mitbe-kommen wollte, sagte nur: „Da.“, und warf dem gierigen Troll einen weiteren Batzen in den Rachen, als sei das Ganze eine eher lästige Tierfütterung. Der zweite Batzen aber, den Gnorp ebenso tapfer hinunterwürgte, zündete die Explosion in seinem Wanst. Alles ging ganz schnell und Gnorp bekam nur noch mit, dass ein Band, eine Verbindung riss, welche ihn bis dahin mit allem verbunden hatte. Er sah nicht, wie er sich in Rekordtempo aufblähte, wie seine Füße, Hände, sein Leib und sein Kopf im-mer stärker anschwollen, seine Augen aus den Höhlen traten, sein Nabel sich nach außen stülpte, sein Leib derart anschwoll, dass seine Gliedmaßen nur noch winzige Stummel schienen, obgleich diese auch gewachsen waren und Gnorp schließlich größer war, als der Kopf des Löwen.

    Dann platzte der Troll in tausend Stücke. Der dicke Junge jauchzte. Ein schwarzer Regen prasselte auf den Marktplatz von Metrik über eine ansonsten schreckens-stumme Menge. „Zu spät“, bemerkte Elf Gin, ratlos und erstaunt über sein düsteres Gemüt. Auch sein Vize wirkte wie versteinert, nur der tumbe Junge war jetzt völlig außer sich und schrie wie am Spieß: „Mikez ist tot, Mikez ist tot!“. Er drehte sich im Kreise und tanzte vor Glück und Irrsinn. Auf einmal begann er jedoch, sich überall zu kratzen und sein Körper machte merkwürdige Verrenkungen, als ob er von unsicht-baren Händen gezwickt und gezwackt werden würde. Er rief jetzt nicht mehr, dass Mikez tot sei, sondern fluchte wie ein Waschweib und fing an, sich die Klamotten vom Leib zu reißen.

    Die anderen Lybits dachten einen Moment, der Dicke hätte endgültig seinen spärli-chen Verstand verloren, aber dann begannen auch sie, sich zu schubbern und zu schaben und sich wie in irrer Panik über den Platz zu rollen oder in wilder Flucht Reißaus zu nehmen.

    „Aua!“, schrie der Junge plötzlich, von jähem Schmerz überrascht. Er fasste sich an seine Nasenspitze und rupfte mit verzerrtem Gesicht eine winzig kleine, schwarze Gestalt von seiner Nase. Er hielt den Quälgeist nah vor seine Augen, um sich seinen Fang ganz genau angucken zu können. Der hatte Kringelohren, einen Schwanz, zerzauste Haare, freche Augen und besonders spitze Zähne. Es war eindeutig ein Troll, den er da mit spitzen Fingern vor sein Gesicht hielt, ein winziger zwar, aber dennoch ein Troll. Der dicke Junge ließ den Unterkiefer sinken, ohne das Geringste zu verstehen.

    Der Winzling aber, der einen Moment lang versucht hatte, sich zu befreien, ließ sich plötzlich hängen und schaute, ob er sich anders aus seiner Lage befreien könnte. So bemerkte er sehr bald die großen Glubschaugen, die ihn mit seltener Blödheit be-trachteten. Ohne zu zögern, glotzte der Troll zurück und bemerkte schnell, wie sein Opfer mit den Augen zu kneifen begann. Der schwarze Winzling hielt seine Hände an die Ohren und streckte dem Trottel mit einem lautem „Bäh!“ die Zunge heraus.


    ENDE
  • GNORP!Datum22.05.1970 14:34
    Thema von Brotnic2um im Forum Märchen, Fabeln, Sci-F...
    Gnorp!


    Auf der Flucht

    Es war einmal ein Troll namens Gnorp. Er lebte im Reiche des Lords Elf Gin. Lord Elf Gin war ein bescheidener Fürst, der über die Lybits herrschte und gern Süßes aß. Was Gin nicht ausstehen konnte, waren Trolle wie Gnorp. Trolle waren schmutzig, sie stanken und kannten keinen Kamm und obendrein schissen sie überall hin und vornehmlich vor Lord Gins bescheidene Hütte. Ein Trollschiss stank sogar schlimmer noch als das Kraut, das Gin gern schmökte und so wurde es ihm eine Herzensange-legenheit, sein Reich von allen Trollen zu befreien. Angst, Angst hatte Lord Elf Gin nur davor, dass ihm der Himmel über den Kopf fiel oder ein Lybit sich an einem Troll verging.

    Da Gins Reich sich über viele grüne Auen erstreckte, konnte er natürlich nicht immer und überall zur gleichen Zeit sein. Aber Gin war nicht auf den Kopf gefallen, obwohl er etwas unbeholfen wirkte in seinem weiten Mantel und seinem viel zu großen Hut. Es passierte nicht selten, dass Gin so in Gedanken war und darüber nachdachte, wie er die kleinen, schwarzen, lederhäutigen, großnasigen und nicht selten auch groß-mäuligen Trolle noch besser fangen, einsperren oder für immer von der Oberfläche verbannen könnte, denn in ihren Höhlen, tief unter der Erde, konnten sie – wenn es nach ihm ginge und das ging es ja nun mal - treiben was sie wollen, dass er derart versunken häufiger vergaß, sich auf den Weg zu konzentrieren und in einen Troll-fladen latschte. Das nervte Gin.

    Aber meistens kamen ihm dann die besten Ideen, wie er die kleinen, kecken Kerle zur Strecke bringen könnte, verzog sich umgehend in sein Kämmerlein, bastelte aus Modminkraut, Cookiecrackern, Hackbackern und Propellern skelettartige Ipse zu-sammen, denen er, dank des Musenkusses, den alle Lybits vom großen Keks be-kommen haben, Leben einhauchte. Bald darauf ließ er die Ipse ausschwärmen, um die krausen Knilche zu killen wo immer sie seien und so ein krauser Knilch war auch Gnorp.


    Gnorp watschelte auf seinen Füßen mehr, als dass er rannte. Er verfluchte seinen unförmigen Leib und den dicken Schwanz, der ihm zwar Stabilität verschaffte, aber beim Sprint durchs Unterholz, so wie gerade jetzt, eher ausbremste. Dicht hinter Gnorp schwirrten zwei Ipse, die immer wieder Knuddelpampe nach ihm ausspuck-ten. Diese Pampe brannte fürchterlich auf Trollhaut und falls ein Troll sie verschluck-te, blähte sich sein Magen auf und er platzte wie ein Luftballon. Gnorp hatte das einmal mit ansehen müssen.


    Auf dem Marktplatz von Metrik, der Hauptstadt Lybiens, dem Reich der Lybits, war es gewesen, dass er, gut versteckt unter der großen Plumper-Tarnkappe seines Vaters Bulbus, mit ansehen musste, wie ein gefangener Troll unter großem Hallo und Ge-lächter am Pranger mit Pampe gemästet wurde. Bald blähte der Troll sich auf, seine Augen quollen hervor und dabei quäkte der kleine Kerl ganz elendig, bis er endlich geplatzt war und als stinkende grüne Brühe über alle hernieder ging.

    Ein dicklichter Lybit, dessen Gesicht übersät von feinsten Tröpfchen des grünen Trollbluts war, quietschte vor Vergnügen auf und rief immer zu, dass endlich der fie-seste aller fiesen Trolle in tausend Teile sei. Mikez ist tot, Mikez ist tot, lachte und tanzte der Knabe auf den stinkenden Resten des Trolls.

    Gnorp heulte nicht und sein Vater bemerkte trocken: So, jetzt stinken wir alle wie Trolle. Er hatte seinen Sohn zur öffentlichen Hinrichtung mitgenommen, da der schon früh erkennen sollte, was einem Troll in der Oberwelt so drohte, wenn man sich von Elf Gin oder seinen Häschern erwischen ließ. Wenn du in die Oberstadt gehst, ver-giss nie deine Tarnkappe, damit du wie ein Lybit aussiehst, flüsterte Gnorps Vater ihm zu, entfernte sich, weiterer Kommentare enthaltend, langsam vom Spektakel und ging mit ihm zurück zur Trollhöhle.


    Ach, hätte Gnorp die Klappe zur Höhle doch jetzt nur schon erreicht und wieso hatte er auch seine Tarnkappe vergessen, dann hätte er jetzt nicht diese Ipse an den Ha-cken. Einmal hatten sie ihn schon am Hintern getroffen und es juckte und brannte in der Kimme wie die Feuerwehr. Auf einmal stieß einer der Ipse ganz nahe bei ihm hinab ins Gehölz, sein Propeller mähte die Zweige weg und er war schon dicht an Gnorps Gesicht, zielte und wollte ihn gerade anspucken, da setzte Gnorp zum Sprung an und die Pampe des Ips verfehlte das Ziel. Gnorp machte zwei, drei Schrit-te in der Luft und rollte sich dann wie zu einem Ball zusammen.

    Wenn der kleine Gnom es richtig berechnet hatte, dann würde er mit voller Wucht die kreisrunde Eingangsklappe der Trollhöhle im Boden treffen und hoffentlich drehte sie sich noch, wenn die Ipse ihm folgen wollten. Mit Schmackes schlug er durch die Klappe, dass selbige im Affenzahn sich um ihre eigene Achse drehte und beide Ipse, die in den Schacht hinterher stoßen wollten, wie Streichhölzchen geschreddert wur-den.

    Der Aufschlag in der Höhle war hart und Gnorp torkelte seit-, vor- und rückwärts und seine Pupillen kullerten in seinen Augen wie Sprungbälle herum. Ein älterer Troll, der auf dem Weg nach oben war, kam vorbei, runzelte die Stirn, murmelte: Na, da haben wir aber noch mal Schwein gehabt, kleiner Mann und schlug Gnorp einmal kurz und heftig auf den Rücken. Das half erstaunlich gut und Gnorp hatte wieder alles unter Kontrolle.

    „Danke. Wohin des Wegs?“, fragte Gnorp den Alten, als sei nix passiert..
    „Vor die Tore von Metrik, will ich“, grummelte der Alte, und begann den Schacht hochzuklettern.
    „Warum gerade dahin?“, insistierte der junge Troll, neugierig geworden.
    „Da soll ein seltsames Wesen seine Zelte aufgeschlagen haben. Hier unten wird man aber nicht schlau aus den Gerüchten, darum will ich selbst sehen, was an der Sache dran ist“, antwortete der Troll, ohne sich umzudrehen. Gnorp schaute ihm hinterher und rief dann noch spontan: „Und wie heißt Deine Tarnkappe? Ich meine, nur für den Fall, dass wir uns oben begegnen?“
    Der Alte stoppte seinen Aufstieg, blickte sich um und erwiderte:
    „Ich habe mich für Metapher entschieden.“


    Irgendwas war im Busch. Auch Gnorp hatte bei seinem Streifzug, der eben fast in die Hose gegangen wäre, davon gehört. Er war durch die Dörfer um Metrik geschlichen und hatte die dort wohnenden Lybits heimlich belauscht. Er hatte im Gebüsch ge-hockt und Trollspaß daran, wie Frau Pitti und Frau Platschi sich unterhielten. Für Gnorps Ohren hörte es sich so an, dass die beiden Damen sich gegenseitig ihre leicht unterschiedlich gewürzten oder versalzenen Formfleischverse aus der Lybit- Reimdich-Scriptura zum Kosten gaben und sich gegenseitig versicherten, wie delikat es doch die jeweils Andere zubereitet habe.

    Ja, sie überschlugen sich in gegenseitigen Höflichkeitsfloskeln. Gnorp konnte das nicht mehr aushalten und war kurz davor, aus dem Gebüsch zu springen und Fratzen und Grimassen zu schneiden und den beiden Pappnassen, wie er sie nannte, einen ordentlichen Haufen vor die Füße zu setzen, weil es nun mal in der Natur eines Trolls lag, fies und böse zu sein. Aber glücklicherweise überlegte er es sich noch einmal, denn von Ferne hörte er hohen Hörnerklang, das Dröhnen von Bombasticos nebst Trommelschlag und Hufgetrappel.

    „Seht nur, es ist der Vizelord Kalterersee mit seinem Knappen Kruzifix.“ Gnorp hörte an der Stimmlage, dass die Damen tief bewegt waren und sich nur noch, obwohl der edle Zug noch ein ganzes Stück entfernt war, zu tuscheln getrauten. Die Beiden wa-ren ganz verzückt vom Vizelord. Der könne jede haben, meinten sie, wirklich jede.

    Der Bombast-Sound der begleitenden Musikanten schmerzte Gnorp sehr in seinen Ohren und so war er froh, als der Trupp herangekommen war und Kalterersee dem Spiel seines Begleitorchesters endlich Einhalt gebot. „Aye, ihr fröhlichen Damen von Lybien“, begrüßte der Vizelord mit volltönender, sonorer Stimme die Damen. „Nie werde ich Verse finden, die eure Schönheit spiegeln könnten, um sie für die Nach-welt zu erhalten. Ich darf mich damit trösten, euch so gesehen zu haben, wie der große Keks Euch geschaffen hat. Aber sagt, welche Spezereien haltet Ihr in euren Händen?“

    Kalterersee beugte sich über sein Pferd und die Damen kamen ganz aufgeregt zu ihm hin und ließen ihn von ihrem Schmalz in Versen kosten. Gnorp achtete genau auf die Mimik des Herren, als der aß, aber der verzog selbige nicht, sondern ließ es sich nicht nur schmecken, sondern sogar nachreichen und dann lobte er die Damen in höchsten Tönen. Jetzt, dachte Gnorp, jetzt muss ich aber heraus aus meinem Ver-steck und dieses Schmierentheater mit einem ordentlichen Furz beenden – und mich dann sofort durch die Mitte verpissen.

    Doch wieder machte der edle Herr ihm einen Strich durch seinen Plan, denn nun musste Gnorp neue Töne hören, die der Schwerenöter geschickt mit seinem Süßholz verraspelte. Dort fehle vielleicht doch eine Nuance von jenem und da sei ein Pri-schen zuviel von diesem. Die Damen störte es aber nicht, dass er auf einmal so kri-tisch geworden war; eifrig schrieben sie mit und konnten anscheinend ihr Glück kaum fassen. Das war sehr seltsam, befand Gnorp und kratzte sich am Kopf.

    Die Haare eines Trolls sind wie die Borsten einer Stahlbürste und riechen gar nicht gut. Als Gnorp sich nun dergestalt kratzte, erregte der aufkeimende Gestank die Aufmerksamkeit des Knappen Kruzifix. Wortlos stieß er seinen Herrn an und zeigte in Gnorps Richtung. Gnorp hörte augenblicklich auf und schluckte. Ohne einen Über-raschungsmoment würde es gefährlich werden.

    „Meine Schönen, unsere grünen Auen werden mal wieder heimgesucht von bösarti-gen Kreaturen. Ihr habt nicht zufällig einen Troll hier in der Nähe gesehen?“ Alle Freundlichkeit war aus Kalterersee gewichen und seine Stimme war schneidend. Pitti und Platschi ahnten, dass der barsche Ton nicht ihnen, sondern einem Fiesling in der Nähe galt. Sie schüttelten beide ängstlich aber verneinend den Kopf. Ihnen wäre gar nichts aufgefallen. Euch würde auch nichts auffallen, wenn ich direkt vor euch stehen würde, ihr ollen Zippen, höhnte Gnorp gedanklich und merkte aber sofort auf, als Kalterersee hinzufügte: „Vor Metrik liegen große Haufen und etwas lauert, wie es scheint, im Vorwortwald. Manche wollen einen Waldschrat gesehen haben, andere wieder einen Löwen. Wir wissen es noch nicht. Haltet bitte Eure Augen offen, denn ein Troll könnte direkt hinter Euch sein!“

    Das letzte Wort vom Vize war Kruzifix’ Stichwort. Er sprang aus dem Sattel, hechtete in das Gebüsch, wo er Gnorp vermutete, aber die ob der Dramatik hysterisierten Damen kamen ihm in die Quere und er verfehlte sein Ziel und flog unsanft auf die Schnauze. Gnorp hatte genug gesehen und gehört und gab Fersengeld und hinter ihm ließ Kalterersee die Ipse los.


    Bulbus

    Außer einem brennenden Hintern und einem Brummschädel war Gnorp glimpflich davon gekommen und fand sich kurz darauf in der Wohnhöhle seines Vaters wieder. Trotz oder wegen der nur durch Kerzen erleuchteten Dunkelheit, waren Trollhöhlen ausgesprochen gemütlich. Trolle lasen viel und stapelten ihre Bücher gerne so, dass diese ihnen auch als Möbel dienten. Das war keine Missachtung, wie viele Lybits dachten, die ihre „Klassiker“ in Ruhmeshallen ehrten und für unantastbar erklärten, sondern Ausdruck des Trolls, dass Bücher sein Leben bestimmten. Für alle Trolle – über alle Differenzen hinweg – galt der Leitspruch: Sola scriptura – das Äußerliche zählt nicht! Ein Wahlspruch, der angesichts eines Trolls mit großer Nase und stin-kender Haut nicht wirklich überraschen kann.

    Leider ist dies ebenso häufig, wie falsch in die Oberwelt übersetzt worden mit: „Es kann nur einen geben! Streitet um das Wort bis in den Tod!“ Sola scriptura, riefen die Trolle und liefen Sturm gegen diese falschen Unterstellungen, gaben keine Ruhe und kämpften bis in den Tod für ihren Wahlspruch. Bald konnte sich keiner mehr erin-nern, ob erst die Lybits falsch übersetzt oder die Trolle zuvorderst einen Lybit mit Worten zugeschissen hatten.


    Gnorps Vater Bulbus, der manche Schlacht geschlagen hatte, war alt geworden. Meist lag er nur noch in seiner Höhle, sang schöne Lieder mit komplizierten Reim-schemata, kratzte sich am Hintern und pfiff den Trollweibern hinterher. Früher hatte er, wie Gnorp es jetzt begann, die Lybits heimgesucht, um in deren - nach seinem Empfinden - selbstgefälligen Hintern zu treten. Mit Cousinen, Tanten und Geschwis-tern zog er an vielen Tagen durch die Oberwelt und ließ sich nicht lumpen, selbst wenn es gegen die mächtigsten Lybits ging, ob das nun Sir Okuhu, der Vater von Elf Gin, oder der legendäre Mad-Ben-Caesar war.

    Natürlich hatte Bulbus damals nicht zurück gezuckt, auch Reimdichfressmich-Lybits ihr Gesülze ohne Gnade zurückzustopfen. Wenn es so etwas gab wie Krawallos un-ter den Trollen, Bulbus und seine Sippe waren welche. Aber er war müde geworden und ließ sich nicht mehr reizen. Es sei denn Hualp, ein Artgenosse aus einem ande-ren Höhlensystem, forderte ihn zum hundertsten Male auf, Lybits fertig zu machen. Dem schmiss er das erstbeste Buch, das er greifen konnte an die Rübe und fluchte: Lies erstmal, Depp!


    Jetzt stand Gnorp vor ihm und erzählte ihm atemlos, was er erlebt hatte. Bulbus sah in Gnorps leuchtenden Augen, dass der es liebte herumzufurzen und Lybits zu ver-schrecken, aber Bulbus wusste auch, wo die Schwächen dieses kleinen Kerls lagen.

    „Ich fühle mich so gut, Vater. Ich muss gleich wieder weg“, sprudelte es aus Gnorp ohne Unterlass. „Ich habe gerade von einem alten Troll und diesem Katersee gehört, dass im Vorwortwald ein Schrat sich herumtreiben könnte. Das ist aufregend.“
    „Nun komm erst mal zu Atem, Junge“, unterbrach Bulbus Gnorps Vortrag, weil er schon genug gehört hatte und weil er spürte, dass es Zeit war, die Dinge zu ordnen.
    „Willst Du nicht mitkommen?“, fragte Gnorp, immer noch vollkommen von seinen Er-lebnissen erfüllt.
    „Bist Du denn vorbereitet, Gnorp?“, fragte Bulbus, richtete sich auf und fixierte den jungen Troll. „Na, klar. Ipse zerdresch' ich und Lybits verklopp ich“, strahlte Gnorp.
    „Tolle Reime. Damit wirst Du Eindruck machen.“ Bulbus rieb sich die Augen und schüttelte seinen Kopf. Dann fuhr er hoch und kommandierte: „Wie wird ein Trochäus betont, junger Troll?“
    Gnorp biss sich auf die Lippen. Er wusste es nicht. „Was verstehen wir unter dem Spannungsverhältnis von Sinn und Metrum?“, hakte Bulbus flüsternd nach. Gnorps Lippen blieben geschlossen, aber sein ganzer Körper zitterte.
    „Welche Kadenz ist betont?“
    „Das-ist-mir-egal“, presste Gnorp trotzig zwischen seinen Lippen hervor.
    „Aber Lybits willst Du in den Arsch treten?“, höhnte Bulbus.
    „Jedem von denen und mit Schmackes!“, erwiderte Gnorp stolz.
    „Du meinst wohl, je schwieriger die Aufgabe ist, um so eher darf man sich was erlau-ben, ja?“ Bulbus hatte sich mittlerweile erhoben und schritt gemessenen Schrittes um Gnorp herum.
    „Ja“, antwortete Gnorp, wieder mit festerer Stimme.
    „Ein Lied muss Reime haben, aber im Sonett darf man sich einen unechten gestat-ten; richtig oder falsch?“, fragte Bulbus in leisem, aber scharfem Ton. Es entstand eine Gesprächspause.
    „Richtig“, antwortete Gnorp, eher fragend als fest und eine Träne rann ihm die Wan-ge hinunter.
    „Hoffnungslos. Gerade umgekehrt, lieber Gnorp!“, herrschte Bulbus den jungen Troll an und legte lauter werdend nach: „Es ist nicht nötig, dass Du Dir Schwierigkeiten setzt, die Du nicht überwinden kannst. Aber wenn Du springen willst, dann springe richtig! Hast Du das endlich verstanden?“ Bulbus war immer lauter geworden und beim letzten Satz griff er aufs Geratewohl nach einem seiner Bücher und feuerte es dicht an Gnorps Gesicht vorbei. Gnorp heulte los. Bulbus atmete tief durch und beru-higte sich wieder.
    Für einen Troll schon zärtlich, vollendete er: „Niemand, hörst Du, niemand braucht einen Graben zu überspringen, der für ihn zu breit ist, wenn du es aber doch ver-sucht und hinein plumpst, so wirst du ausgelacht.“
    „Und wieso schaffe ich es nicht, Vater?“, schluchzte Gnorp.
    Instinktiv griff Bulbus nach Gnorps Hand, legte sie in die seine und forderte:
    „Zähle!“
    Gnorp schaute ihn irritiert an und dachte an Versfüße, Betonungen.
    „Zähl keine Silben, zähl unsere Finger!“, verlangte Bulbus in sachlichem Ton.
    Gnorp schaute auf seine Hand, die ziemlich klein in Bulbus Pranke lag. Er zählte drei Finger bei sich und fünf bei Bulbus. Er wiederholte die Zählung noch ein paar Mal, kam aber immer wieder auf dasselbe Ergebnis.
    „Wie viele hast du gezählt, Gnorp?“
    “Drei bei mir und fünf bei dir“, antwortete Gnorp zitternd.
    „Stimmt. Und woran erinnert dich das?“
    „An gar nichts“, erwiderte Gnorp widerspenstig.
    „Wer hat auch drei Finger?“, flüsterte Bulbus und griff mit seiner anderen Hand an den Hinterkopf von Gnorp, drückte ihn liebevoll zu sich und wiederholte mit brüchiger Stimme: „Wer hat noch drei Finger, Gnorp?“

    Gnorp antwortete nicht und Bulbus und Gnorp verharrten in ihrer Position. Gnorp schoss alles möglich durch seinen Kopf, aber ein Gedanke beherrschte ihn mehr und mehr: Er war kein Troll! Und weil er kein Troll war, hatte er kein natürliches Talent zum Dichten und weil er nicht dichten konnte, hatte er nur drei Finger und weil er nur drei Finger hatte, war er, Gnorp, ein Lybit und weil er ein Lybit war, war Bulbus nicht sein Vater!

    Als Gnorp diese Kette geschlossen hatte, riss er sich aus Bulbus Umarmung, fuchtel-te wie wild mit seinen Armen, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte und wie er den Druck los werden sollte. Er heulte, aber er wusste nichts zu sagen, er schlug um sich, aber nur in die Luft, weil er nicht wusste wo er anfangen und wo er aufhören sollte. Schließlich rannte er von Bulbus weg, rannte durch die Trollgänge, kletterte den Schacht zur Oberwelt hinauf und nahm Kurs auf Metrik. Denn wenn er schon ein Lybit sein musste, dann gehörte er dahin.


    Verlassen

    So stapfte Gnorp, weder links noch rechts schauend, durch die Welt der Lybits. Die Lybits, an denen er vorüber kam, waren so perplex, dass sie erstarrten und sich eine ganze Weile nicht mehr rührten. Als sie wieder zu sich kamen, war Gnorp schon hin-ter der nächsten Biegung verschwunden und so glaubten die Lybits, sie hätten wohl geträumt und bekümmerten sich nicht mehr.

    Metrik selbst lag auf einem Hügel in einem dichten Wald, der Vorwortwald oder auch Grüßkekstann genannt wurde. Wer sich hier traf, sprach sich ein freundliches „Grüß Keks“ zu und stellte sich in freundlichem Plauderton vor. Die Lybits mochten es sehr zu plaudern, weil sie von Natur aus neugierig waren und wissen wollten, wer mit ih-nen in ihrer Welt lebte.

    Zurzeit aber mieden sie den Wald, weil sich ein unbekanntes Tier dort eingenistet hatte. Da die Lybits in der Regel von kleiner Statur, eher ängstlich und alles andere als wagemutig waren, warteten sie lieber ab, was Lord Elf Gin und sein Vize Kalte-rersee in der Sache unternehmen würden. Elf Gin hatte das Tier schon in Augen-schein genommen, aber sich nur insofern vernehmen lassen, dass er es vielleicht erschießen müsse, auch wenn es selten sei. Vor allem aber hatte er geflucht, weil er in die Haufen dieses Tieres gelatscht war und es ihm mindestens ein Ohr abgekaut hatte.

    „Er quatscht ununterbrochen. Un-un-ter-bro-chen!“, fluchte Elf Gin, jede Silbe lang betonend, unter der breiten Krempe seines Schlapphuts, während er durch den Grüßkekstann streifte und bisweilen auf einem Bein hüpfen musste, weil er mit einem seiner Stiefel wie so oft in einen Haufen gelatscht war.

    „Es labert. Es labert! Es nervt!“, grummelte Gin und so unwirsch hatten die Lybits ihren König selten gesehen. Er galt sonst als ausgeglichen und bescheiden und lieb-te es, unterschätzt zu werden. Wer Elf Gin bestechen wollte, sollte ein Bonbon in seiner Tasche tragen und keine klingenden Münzen, aber auch Süßkram hortete Elf Gin schon mehr als genug in seinen weiten Taschen.

    Und Kalterersee? Und dessen Knappe? Die hatten alle Hände voll zu tun, weil nicht nur Gnorp und ein älterer Troll mit Metapherkappe neugierig geworden waren und zum Wald wanderten, sondern auch viele andere sich unter mannigfaltigsten Tarn-kappen nach Metrik, beziehungsweise deren Wäldern pilgerten.

    Kalterersee musste in den letzen Tagen einmal zu oft, auf dem Rücken seines Ros-ses Pink Maiden sitzend, vom Feldherrnhügel aus beobachten, wie Kruzifix Trolle jagte, fand und platzen ließ. Kruzifix war ganz Feuer und Flamme. Kruzifix kannte keine Gnade und Kalterersee wusste, warum Kruzifix kein Jota gewährte.

    Wenn Kalterersee nachts, nachdem er bis in den Abend die Trolle gehetzt hatte, wieder in seiner gemütlichen und sauberen Oberwelthöhle saß, dem prasselnden Holz im Kamin lauschte und an die grünen Auen Lybiens dachte, dann sah er un-vermittelt seinen Knappen, wie der, schon mit grünem Trollblut übergossen, seinen Dolch auch noch durch drei Mal geschlachtete Trolle hieb und vor Freude grunzte.

    Kalterersee wusste, welche Traumata sein Knappe in diesem Auge um Auge, Zahn um Zahn-Spiel verarbeitete, wusste, dass es nicht schwarz oder weiß in der Welt zuging. Die Welt war grau, so wie der Qualm, den er inhalierte und der aus seinem Pfeifenkopf drang. Er wusste, dass jeder Lybit, wenn er einen Wohlklang, eine Har-monie hörte, sich von einem einzigen Satz, einem Wort so getroffen fühlte, wie von einem Pfeil, sein Herz öffnete und die Welt um sich herum vergaß und sich gehen lassen konnte. Kalterersee stopfte seine Pfeife nach, denn er wusste nur zu gut, wie sehr sich ein Lybit gehen lassen konnte.

    Der Vizelord heizte den Tabak im Kopf wieder an und lehnte sich zurück und just in diesem Moment hörte er hinter sich ein Schlagen, wie von Schwingen. Es kam von der Luke, die er immer offen ließ, weil er seine Höhle nicht mit einem Sarg verwech-seln wollte. Kalterersee blies den letzten Qualm aus seinen Lungen, drehte seinen Kopf zur Seite und war nicht überrascht, einen Raben zu erblicken, der ohne Scheu sich auf seiner Fensterbank niedergelassen hatte.

    „All mein Trachten, all mein Sehnen? Bleibt unerreichbar vor der Tür“, deklamierte Kalterersee mit verlorener Sehnsucht, schaute weiter auf den Raben und sog erneut an seiner Pfeife. Als er ausblies, sprach er so, als hätte der Rabe ihm geantwortet:
    „Wenn ich jetzt nicht gebe, werd’ ich nicht mehren. Wer nur wehrt, wird nichts gewin-nen?“

    Der Rabe schwieg, stelzte ein, zwei Schritte über die Bank, spreizte seine Flügel und drohte abzuheben, verharrte aber in der Position, drehte seinen Kopf und schien Kal-terersee direkt anzusehen. So verharrten die Gestalten für Momente. Kalterersee begann zu zittern und hatte Mühe sich zu kontrollieren und ohne dass ein Wort gefal-len wäre, fragte er: „Flieg ich nicht, dann flieg ich nimmermehr?“

    Der Rabe aber schwieg und erhob sich wieder in die Nacht von Lybien.

    Kalterersee stand auf, ging an sein Fenster und sein Blick schweifte über die nur von Kerzenlicht erleuchteten Hügel und suchte den Pfad, der zum See an den Weiden führte, wo sich der Mond im Wasser spiegelte und er sie damals schnell umgarnt und auch sich selbst hatte bezirzen lassen. Es war ein Wechselspiel der Worte, ein Inein-andergreifen der Kadenzen, aber nur ein Sprung für eine Nacht gewesen. Er schloss seine Augen, klappte die Fensterluke zu und flüsterte: „Nimmermehr!“


    Beim Löwen

    Als Kalterersee seine Luke schloss, ging es auch für Gnorp nicht weiter. Schmerzhaft bohrte sich eine spitze Kralle durch seinen Schwanz und stoppte seinen Marsch nach Metrik. „Wohin des Wegs, kleiner Kerl?“, erschall eine tiefe Stimme aus der Dunkelheit. Wenn Gnorp ein Troll-Gen geerbt hatte, dann war es Respektlosigkeit.
    „Hieltest du mich nicht fest, du müsstest nicht so blöde fragen“, knurrte Gnorp und enthielt sich eines Schmerzensschreis.

    „Oha wir haben einen gewitzten Kerl gefunden! Aber man versicherte uns, dass dies hier der Grüßkekswald ist und alle Wanderer, die sich hier begegnen sich ein fröhli-ches und ehrliches Hallo zurufen und sich vom Keks und der Welt erzählen und uns nicht Gegenfragen stellen.“ Während Gnorp dieses vernahm, versuchte er, den Schmerz zu vergessen und sich los zu reißen und wenn es ihn seinen Schwanz kos-tete. Seine Bemühungen schienen seinen Häscher nicht zu bekümmern, denn der fuhr ohne eine Pause im Pluralis Majestatis fort:

    „Junger Mann! Wir lieben es, zu erzählen! Wir finden es großartig, wenn sich uns ein Ohr darreicht, dem wir alle Worte dieser Welt schenken können. Wir lieben es, schwärmerisch zu schnurren, schnurrend in die Schlüpfer aller Schlümpfe, schar-wenzelnd zu chambrieren. Hm, das ist eine wohlige Wohltat, ein Fest und eine Freu-de. Ach, wir stehen gerne auf der Bühne, singen vom Licht bis spät in die Nacht und spreizen unsere Krallen erst, wenn unser Antlitz von der Morgensonne wieder illumi-niert wird und die gefühlte Einsamkeit am größten ist.“

    Gnorp hielt sich die Ohren zu, weil er das Gefasel nicht mehr aushalten konnte und registrierte nicht, wie die Kralle aus seinem Schwanz gezogen wurde. Erst nach einer Weile bemerkte er, dass er befreit und nur noch ein tiefes, wohliges Brummen zu vernehmen war. Vorsichtig äugte er in die Richtung, aus der das Brummen und die Stimmen gekommen waren und sah, eben noch über den Wipfeln des Waldes, den Kopf eines Löwen, angestrahlt von den ersten goldenen Strahlen der Morgensonne. Der Löwe schien es zu genießen, derart im Rampenlicht zu stehen und sich von der Sonne elektrisieren zu lassen. Er genoss es so sehr, dass er seine Pfoten und die Krallen spreizte.


    Der kleine Troll beschloss, sich schnellstmöglich zu verpissen, denn dieser Leu hatte anscheinend mehr als einen Sprung in seiner Schüssel. Gnorp gab Gas, sprang, sprintete los und wähnte sich in Sicherheit, als eine Löwenpfote durch das Holz wischte, ihn so hart traf, dass er sich wie eine Kugel zusammenkrümmte und wieder zum Löwen zurück kullerte, wo er tapsig von den riesenhaften Pfoten eingefangen wurde.

    „Wen wir fangen, junger Troll“, und dabei senkte der Löwe seinen Kopf ganz nah zu Gnorp, fuhr eine Kralle aus, kitzelte den Troll damit unter dem Kinn und vollendete in samtenem, aber gefährlichem Ton, „der wird nur durch uns entlassen.“

    Gnorp schluckte. Der Löwe hielt den Troll weiter mit der einen Pfote fest, während er sich zur Seite rollte und mit der anderen seinen Kopf aufstützte, nicht ohne zu ver-gessen, vorher lässig seine Mähne durchzuschütteln, was Gnorp mindestens affig, wenn nicht schwul fand. Aber bevor Gnorp derart lästern konnte, drückte der Löwe die Pfote etwas fester zu und sagte:

    „Du schuldest uns noch mindestens eine Antwort. Also, von vorn: Wohin des Wegs?“
    Kurz überlegte Gnorp, ob es Sinn hatte, zu demonstrieren oder zu protestieren, ent-schied sich aber schnell dafür, das Spielchen mitzuspielen.
    „Ich höre!“, wiederholte der Löwe und erhöhte den Druck in seiner Pfote, so dass es Gnorp schon eng am Halse wurde.
    „Nach Metrik“, presste er hervor und war froh, dass der Griff sich lockerte.
    „So, so, nach Metrik. Du siehst mir aber gar nicht so aus, als gehörtest Du dort hin.“
    „Ich bin ein Lybit“, antwortete Gnorp spontan.

    Der Löwe hielt inne, hob eine Braue, fokussierte Gnorp mit dem anderen Auge wie mit einer Lupe und entließ den Troll plötzlich aus der Umklammerung. Befreit riss Gnorp seine Arme hoch, spreizte seine Finger und rief triumphierend: „Sieh selbst!“
    Der Löwe blickte ihn an, zögerte, bewegte seine Augen nach rechts und dann nach links, zögerte wieder und flüsterte dann unschuldig: „Was denn? Deine große, trop-fende Nase?“ „Nei-en!“, sagte Gnorp entrüstet und ruckte mit seinen Ärmchen vor und zurück, damit der Löwe ihm auf die Finger sähe, doch der erwiderte, als tappte er im Dunkeln: „Deine zotteligen Haare? Die schlechten Zähne? Oder gar Deinen knubbeligen Schwanz?“

    „Meine Finger, du Arschloch!“, platzte es aus Gnorp. Die freundliche Miene des Lö-wen fror ein; nur die Krallen der Pfote, die nah bei Gnorp lag, spielten über seinen Rücken eine bedrohliche Tonleiter rauf und runter. Unvermittelt ließ der Löwe ab, presste seine Augen zusammen, als wolle er aus einem Traum erwachen, sich be-sinnen oder neu konzentrieren. In diesem Moment registrierte Gnorp die grünen La-chen und die schwarzen Gliedmaßen, die wahllos auf der immer heller werdenden Lichtung lagen. Diesen Troll hatte es böse auseinander gerissen, dachte Gnorp und wusste instinktiv, dass der Grund vor ihm lag und gerade beliebte, mit ihm zu spielen. Unwillkürlich musste Gnorp hörbar schlucken.

    „Oh!“, sagte der Löwe, der, als er sich wieder auf sein Spielzeug konzentrierte, be-merkte, dass Gnorp verstört auf den am Boden verstreuten und verteilten Troll blickte und ergänzte, so als entschuldige er sich für ein Missgeschick : “Das war ein Verse-hen, junger Mann.“ „Massaker trifft es wohl eher“, antwortete Gnorp tonlos.
    „Er sah so …, so lecker aus!“ Der Löwe sog die Luft tief ein und sein Blick verklärte sich. „Bislang haben wir nur Bonbons abgestaubt und eine leere Brottüte. Denn wenn überhaupt, hüpft hier nur ein Männlein mit einer Elefantenbüchse vorbei, dass sich selbst das Leben schwer macht, weil es viel zu große Klamotten trägt und dergestalt öfters über seine Gräten fliegt und flucht und sich ärgert und dabei ganz fürchterlich stinkt, weil es in irgend etwas hinein getreten ist, was es logischerweise nicht hat se-hen können, weil ihm der viel zu große Schlapphut über die Augen gerutscht ist.“
    Während der Löwe dies erzählte, grimassierte und parodierte er das Verhalten die-ses Männleins und heischte verstohlen zu Gnorp, ob der sich auch amüsiere. Der aber war nicht zu Späßen aufgelegt, inmitten eines Trollblutbads.

    Beleidigt, aber nicht wirklich aggressiv, fuhr der Löwe fort: „Ist ja auch ganz egal, nicht wahr? Aber das Männlein, es flucht, es stinkt und es brabbelt immer nur: Weil, weil, weil und Ach, was sollen wir Dir erzählen? So groß ist unser Hunger nicht, dass wir faule Ware fressen müssten, die auch noch Meilen gegen den Wind stinkt! Aber wenigstens verliert er durch sein Gehüpfe, Gemache und Gezeter immer ein paar Bonbons.“ Und wie aufs Stichwort hatte sich der Löwe einen Bonnschen aus dem Papier geschält, beiläufig in den Mund geschoben und wollte auch schon weiterplap-pern, als Gnorp ihn unterbrach: „Warum hast du ihn zerstückelt? Du hast ihn nicht gegessen, du hast ihn einfach so zerfetzt, als hättest du ihm Pampe verabreicht. Wa-rum? Du bist kein Lybit!“

    Der Löwe wollte antworten, musste aber erstmal das Bonbon hinunter würgen und signalisierte Gnorp mit kreisenden Bewegungen seiner Pranke, dass er gleich wieder gesprächsbereit sei. Dann stieß er fast entrüstet hervor: „Er sah aber aus wie ein Ly-bit!“, und machte dabei so große Augen, als läge darin die eigentliche Infamie und nicht in den verstreuten Gliedmaßen.

    „Du bist echt widerlich“, konstatierte der Troll ohne Emotion, schüttelte angewidert seinen Kopf und stapfte von dannen. „Gnorp! Gnorp! Gnorp, renn nicht weg!“ Und während der Löwe Gnorp theatralisch anflehte, drehte einer seiner Pfoten, den klei-nen Kerl wieder auf Kurs und schob ihn zurück. „Danke, dass du zurückgekommen bist, Gnorp“, schnaufte der Löwe. „Dein durchgetrennter und verstreuter Freund hier, begegnete mir wie ein Zauberspiegel. Ich sah ihn als Kirsche, als Beere, als Knospe und als Frucht, als Apfel und Birne, als süß und als sauer, als verlockend und gefähr-lich und als durchgebraten oder englisch. Und das nach all den Bonnschen! Ich musste einfach zubeißen!“
    „Wohl bekomm’s, das war Metapher.“
    „Ungenießbar trifft es eher. Wir haben den Kerl wie eine Nuss hochgeworfen, mit un-serem Maul aufgefangen, ihn mit unseren Zähnen voller Erwartung eines crunchigen Geschmackserlebnis durchgeknackt,“ erzählte der Löwe und untersuchte seinen Ra-chenraum mit seiner Zunge nach weiteren Spuren, während er weiter sprach, „aber sobald diese grüne Suppe in den Rachenraum rann, mussten wir alles augenblicklich ausspucken.“, der Löwe schüttelte sich als erinnerte er sich gerade an den Ge-schmack, knipste gedankenverloren einen Ast ab und pulte sich in seinen Zähnen rum ohne sich zu unterbrechen: „Uns war, als drückte der stinkige Brei Gurgel und Nase zu, als platzte uns der Kopf, wir würgten, bis uns der Schweiß aus allen Poren drang und Fell und Mähne strähnig wurden. Es schmeckte so widerwärtig wie ein englisches Praliné und“, bevor er diesen Satz vollendete, hebelte er mit einem leich-ten Knacken einen Essensrest aus seinem Gebiss, der als Schädelplatte Metaphers, vor Gnorps Füßen landete. „was sollen wir Dir sagen, junger Mann? Wir fahren fertig. Durch. Es hat uns Stunden gekostet, das Fell wieder seidig glänzend zu bekommen. “
    Gnorp war verzweifelt, denn der Löwe schwafelte und genoss es, einen Zuhörer zu haben ohne darauf Wert zu legen, ob der ihm nun zuhörte oder nicht. Gnorp war sein Gefangener und wenn der Löwe seiner überdrüssig war, würde er ihn vermutlich zer-knacken, zusammenknüllen und wegschmeißen. Aber zum Ende des Vortrags, hatte Gnorp auf einmal eine Idee wie er diesem Vieh entrinnen könnte und gab sich inte-ressierter als er war.
    „Euer Fell sieht großartig aus und Eure Mähne sitzt prächtig.“, gab sich Gnorp beein-druckt und grinste innerlich, als er bemerkte wie der Leu wie auf Knopfdruck wohlig zu brummen begann.
    „Schmeichler“, schnurrte die Wildkatze.
    „Nein, es sieht toll aus. Ihr seht großartig aus: Eure Zähne glänzen und Eure Äugen scheinen lupenreiner als jeder Diamant.“, steigerte der junge Troll sein Lob und der Löwe, voll Verzückung, rollte sich einmal herum und seine Augen signalisierten dem Troll: Sprich weiter!
    „Eure Muskeln – so wohl definiert wie das Metrum in einem Sonett, Eure Krallen - so scharf und glatt wie euer Verstand“, Gnorp hielt inne, denn er spürte, dass der Zeit-punkt gekommen war; der Leib des Löwen brummte dergestalt tief, dass Gnorps Haare zitterten und die Augen des Löwen fixierten ihn als seien seine Pupillen be-schlagen „Aber!, aber“, fuhr Gnorp fort und der Löwe war schon beim ersten „Aber“ aufgeschreckt, hatte seine Augen aufgerissen und das Schnurren eingestellt und al-len Mut zusammennehmend schloss Gnorp, „der Fleck an Eurer linken Wange sieht scheußlich aus.“
    Der Unterkiefer des Löwen klappte augenblicklich nach unten und hatte die Mähne bis jetzt noch unter einer geheimnisvollen Spannkraft gestanden, so ließ diese au-genblicklich nach und eine Topffrisur rahmte nun das wenig königliche Gesicht.
    „Fleck?“, schluckte der Löwe und zitterte am ganzen Leib, während der Troll verlegen in die Luft schaute und hilflos mit den Schultern zuckte. Der Löwe wurde hektisch und wuschelte sich wie verrückt durch seine Mähne. Gnorp trat ein, zwei Schritte zu-rück und überlegte, Reißaus zu nehmen, als ein silbern glitzerndes und das Licht reflektierendes Dingen im hohen Bogen aus der Mähne des Löwen flog und unweit von ihm aufkam. Im Hintergrund hörte er den Löwen mehrfach „Wo ist es“ fluchen.

    Gnorp war neugierig und trat heran. Das Ding hatte einen ebenso schmucklosen Stiel wie Rahmen und Gnorp erinnerte es an einen großen Löffel, aber es war nicht gewölbt oder gebogen sondern flach. Aber der Kopf des Löffels, der Kelle oder was es auch war, leuchtete seltsam. Magisch, fand Gnorp dieses Leuchten, tapste näher heran und beugte sein Gesicht herab, um es näher zu inspizieren. Unwillkürlich schrak Gnorp zurück, denn es war ihm als ob ein anderer Troll von ausgesuchter Hässlich- und Andersartigkeit, sich in diesem Moment von unten durch den Waldbo-den durch den Kopf dieser Kelle gebuddelt hätte. Bevor Gnorp einen zweiten Ver-such wagen konnte, das Dingen zu inspizieren, schnipste eine Kralle des Löwen ihn fort.
    „Mach es nicht kaputt!“, fauchte der Löwe leicht hysterisch, grabschte sich das Ding, hielt es sich vor sein Gesicht, tatschte seinen Kopf ab und flüsterte hektisch immerzu: „Wo?“
    Gnorp hatte ein flaues Gefühl im Magen. Instinktiv wusste der kleine Kerl, wen er da gesehen hatte. Er hatte weniger Angst davor, dass der Löwe in diesem Ding ent-deckte, dass es keinen Fleck, keine Warze gab und dahinter kam, dass ein hässli-cher Kerl, der weder wie ein Troll geschweige wie ein Lybit aussah, ihn hinters Licht geführt hatte, nein, Gnorp hatte Gnorp gesehen und wusste nun, warum der Löwe mehr als stutzig geworden war, als er behauptet hatte ein Lybit zu sein und immer wieder seine drei Finger vorgereckt hatte. Gnorp spürte, dass es Gnorp weder so noch so geben würde und er ließ seinen Kopf hängen, drehte sich um und stapfte in den Wald.
    Erwartungsgemäß kam er nicht sehr weit, denn mit zwei spitzen Krallen, fasste der Löwe Gnorp am Kopf, drehte ihn vorsichtig aber bestimmt herum.

    „Ist es weg?“, fragte der Löwe ängstlich, schielte ohne unterlass zu Gnorp und lag mit der linken Gesichtshälfte ihm zugewandt auf dem Boden.
    Gnorp war irritiert, denn der Löwe hätte in seinem Lichtlöffel doch sehen müssen, dass es keinen Fleck gab, dass es keines Gnorps bedarf, um sich zu vergewissern und dennoch lag er ihm zu Füßen. Traute der Löwe nicht dem was er sah? Durfte Gnorp dem trauen was er gesehen hatte? Weil Gnorp sich sicher war, dass er weder den Augen des Löwen, noch seinen eigenen, geschweige denn, dem Auge eines Löffels vertrauen konnte, sagte Gnorp nur, „Ja.“

    „Wunderbar, ich stehe in Deiner Schuld.“, antwortete der Löwe, erhob sich postwen-dend, hatte wieder Spannkraft im Haar, inspizierte sich unentwegt im Licht des leuch-tenden Löffels und war wie elektrisiert von sich selbst. „Schöne Zähne, hohe Wan-genknochen, fleckenlos an jeder Stelle, glänzendes Fell – herrlich!“, schmeichelte er sich selbst in gutturalem Ton.
    „Ich geh dann mal“, bemerkte Gnorp, drehte sich um und stapfte zum dritten Male davon.

    „Gnorp!“, rief der Löwe hinter Gnorp her, bevor der, die erste Biegung erreicht hatte. Der Löwe unterließ es Gnorp mit Gewalt an seinem Weg zu hindern oder zu stop-pen, falls der nicht wie gewünscht reagierte. „Gnorp!“, wiederholte der Löwe und Gnorp stoppte von selbst, drehte sich um und fragte aus relativ sicherem Abstand: „Was?“
    „So kannst Du nicht nach Metrik, kleiner Mann!“, antwortete der Löwe bestimmt.
    „Ich bin so gut ein Lybit, wie ich ein Troll bin und vielleicht gehe ich weder dort- noch dahin!“, rief Gnorp trotzig.
    „Recht so.“, antwortete der Löwe, „aber für den Fall, dass Du nach Metrik gehst, empfehlen Wir Dir dieses Outfit.“, und dabei stülpte der Löwe Gnorp kurzerhand eine Brottüte über und schnitt ihm Schlitze für Arme, Nase und Augen aus. Das getan bemerkte er zufrieden: „Niemand, niemand sei er Troll, Lybit oder Leu, geht nach Metrik als er selbst.“
    Gnorp fühlte sich eingeengt, traute dem Zauber der Brot-Tüte nicht und fragte: „Und warum?“ Der Löwe schmunzelte, legte seinen Kopf neben den von Gnorp, hielt sich und Gnorp das leuchtende Ding mit Stiel entgegen und lächelte.













  • AngekettetDatum22.05.1970 10:31
    Thema von Brotnic2um im Forum Ausgezeichnete Prosa
    [b] Angekettet [/b]

    - oder : Leon Skrzipek stellt sich vor -


    Ich bin Leon Skrzipek und komme aus Berlin. Es ist gar nicht lange her, da hat mir mein Neffe einen Computerdingsbums installiert und mir die Grundbegriffe beigebracht, damit ich in der weiten Welt herumtollen kann. Allerdings hat er mich eingeschränkt. Das hat er wortwörtlich in einem Satz gespickt mit reichlich Kauderwelsch gesagt: eingeschränkt.
    Mittlerweile vermute ich die Bedeutung liegt darin, dass ich dieses Dingens nicht verändern kann und somit garantiert ist, dass es funktioniert. Ganz schön trickreich mein Neffe. Aber weil dieser Blechonkel so schön funktioniert, erkunde ich gerade die Weiten des Internets. Knifflig, sage ich Euch. Ganz schön knifflig.

    Anarchisch und frei habe ich mir die Welt des Webs vorgestellt. Spannende Menschen, schöne Menschen, hässliche Kerle, friedfertige Mäuschen, Krawallos und Entspanntis wollte ich finden. Aber ich musste schnell lernen, dass es ganz wichtig ist, sich zuerst die Nutzungsbedingungen durchzulesen, bevor man mitmischt. Was soll ich sagen? Wenn ich mir was kaufe, dann packe ich es aus und les mir nie das Handbuch durch und Regelmeier mag ich nicht. Zum Glück hat mein Neffe mir endlich dieses Überwachungsprogramm ausgeschaltet, dass mir gleich alles rot ankreidete, wenn ich mich verschrieben hatte. Versteht ihr was ich meine? Regeln, die sich dadurch legitimieren, dass sie Regeln sind – das ist wie : Das war schon immer so. Find ich furchtbar.

    Ja, ja ich weiß, das kann schnell gefährlich werden, aber Handbücher, Anleitungen, Regelwerke und Gesetzbücher – gibt es langweiligere Texte? Die armen Wörter, die für immer in solche Satzstraflager eingeknastet worden sind. Wobei ich mich gerade frage, ob es möglich wäre, nur mit den Worten aus dem Strafgesetzbuch oder diesen Riesenanleitungen für eine sachgemäße Benutzung eines Forums eine schöne Geschichte oder ein tolles Gedicht zu verfassen? Vielleicht ist das ja gar nicht möglich? Vielleicht taugen diese Wörter nur zur Anleitung und Korsettierung menschlichen Verhaltens? Dann bräuchten mir diese Wörter auch nicht leidtun, denn dann stünden sie ja in der Gesellschaft in der sie sich wohl fühlen.

    Wenn ich mir dagegen die Bibel ansehe, wie viele hervorragende Geschichten in ihr enthalten sind, so frage ich mich, wie hätte ein Forengott seine Bibel begonnen? Am Anfang war der erste Paragraph, mit dem der Forengott die Welt in Mein und Dein teilte und das Urheberrecht erschuf. Vielleicht so ähnlich, aber bestimmt nicht so genial wie : Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.

    Zurück zu den Regeln. Nachdem ich das Ziel ins Auge gefasst hatte, die Netiquette und Nutzungsbedingungen der Foren zu studieren, entschied ich mich für die Leonsche keep-it-smart-and-simple Methode, die da besagt, sich von allem was stört zu befreien, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Also zog ich mich völlig aus, druckte bergeweise Seiten und machte es mir in meinem Studierzimmer bequem. Bis auf einen toll gewachsenen Elefantenfuß, der mich an eine Zeit erinnert wo meine Haare das Gegenteil seiner Blätter und meine Hast das Gegenteil seiner Standhaftigkeit und Langmut waren, ein Stehpult, ein Sitzkissen und meine niemals aufgebende Friedenspalme und natürlich meinen Freund Gnorp, ist mein Studierzimmer ratze putz leer.

    Nun stand ich nackt vor meinem Stehpult und hatte einen dicken Papierstapel vor der Nase. Aber ich war willens, ach was, ich war fest entschlossen und beherzt, mich richtig zu verhalten. Doch der Wille gut zu sein, gemahnte mich nach den ersten gelesenen Sätzen wieder zur Demut.

    Korrektes Verhalten, stets das Übliche und Richtige zu tun ist ein Muß. Unübliches Verhalten macht Angst, weil wir es nicht berechnen können.

    Ein Allgemeinplatz. Aber wie schwierig es manchmal ist das Richtige zu tun, erinnerte mich an eine Geschichte, die sich in einem Sommer meiner Adoleszenz begab.



    Der beste Freund meines Vetters Paul heißt Ruben. Ruben traf ich häufiger in einem Land das ein Anderer einmal so beschrieben hat: Schöne Welt, böse Leut. Paul lebte dort und Ruben und ich besuchten ihn regelmäßig im Sommer. Auch Ruben und ich verstanden uns gut. Pauls Eltern betrieben einen Hof. Er hieß Zum grünen Baum oder Jägerhof oder wie diese Höfe halt heißen, die gut tausend Meter über dem Meeresspiegel liegen. Sie waren damals mit die ersten, die sich dem Tourismus zu öffnen begannen und sich vom Almbauern zum Gastwirt wandelten.

    Immer wenn wir in dieser wildromantischen Gegend, die Ereignisse aus Winnetou nachgespielt hatten und wieder in die Gaststube von Pauls Eltern wollten, um uns mit Kaiserschmarrn zu stärken, kamen wir unweigerlich an Barri vorbei. Barri war ein Bernersennenhund und wurde stets an kurzer Kette gehalten. Nie anders, als mit dieser Eisenkette an einen Pflock gekettet, hatte ich Barri je gesehen. Der Boden im Radius der Kette war nur noch Mölm. Immerhin, er hatte eine Hütte, aber da sahen wir ihn nie, denn wenn Barri uns sah, bellte er aggressiv, sprang in unsere Richtung und riss an der Kette, bis wir in der Stube verschwunden waren. Barris Fell wirkte immer ungepflegt, Speichel hing ihm von den Lefzen und Fliegen schwirrten stets in seiner Nähe. Ich mochte ihn nicht, hatte Angst vor ihm und konnte mir seine Existenz nur damit erklären, dass es noch Schlimmeres in der Welt geben müsse, um einen Barri vor der eigenen Tür halten zu müssen.
    Ruben, dem ich wohl ein-, zweimal erzählt hatte, wie ich über den Hund dachte, schüttelte jedes Mal seinen Kopf und bedeutete mir, dass er den Hund verstehen kann. Wie soll er mit dem Schwanz wedeln, Leon, wie sich über einen neuen Tag freuen, wenn er wie ein Hund gehalten wird? Aber, Ruben, er ist doch ein Hund, entgegnete ich dann und dann sagte Ruben meist nur noch: Na, dann? Und grinste mich höhnisch an. Ich hatte das nie verstanden.

    Ruben ging immer gelangweilt an Barri vorbei, so als mache das Gebelle ihm nichts aus, doch ich war stets in Sorge, dass dieser wilde, aggressive Hund den Pflock aus der Erde und mich zu Tode reißen würde. Dieses aggressive Verhalten legte Barri bei jedem an dem Tag. Nur nicht bei Pauls Vater, Paul selbst oder seiner Mutter. Die ließ er gewähren, aber ich hatte stets das Gefühl als könnte Barri auch seine eigene Familie nicht leiden. Was im Nachhinein auch kein Wunder wäre, wenn ich daran denke, mein Leben bei Wind und Wetter in einem Radius von zwei Metern verbringen zu müssen?

    Wie alt mochten wir gewesen sein, Ruben und ich, als wir uns das letzte Mal auf dem Hof getroffen hatten? Vierzehn ich, Fünfzehn er? Das Wetter war schön gewesen, Winnetou nicht mehr Thema Nummer eins aber Mädchen dafür von brennendem Interesse. Wir kamen vom Dorf, latschten hungrig hunderte Höhenmeter herauf zum Hof und hatten Durst, großen Appetit und freuten uns auf die gute Küche von Pauls Mama. Aber kurz vor dem Ziel, mussten wir an Barri vorbei, der Nachmittags, wenn ihm bei gutem Wetter die Sonne das Fell und seinen Bregen gegrillt hatte, besonders aggressiv war. Als wir oben auf dem Hochplateau ankamen und Hof und Hund schon von Weiten sehen konnten, sagte Ruben immer: Komm schon Leon, der kann uns nicht kriegen.
    Aber ich blieb wie immer zwei, drei Schritte leicht versetzt hinter meinem Freund und beobachtete gebannt den Hund und den Anker, der ihn hielt. Barri war, soweit es die Kette zuließ, in unsere Richtung gelaufen und bellte und knurrte und der Seiber lief ihm von den Lefzen. Mein Herz schlug wie verrückt und ich ging feste davon aus, dass es dieses mal nicht gut gehen, dass Barri dieses mal mich kriegen würde. Meine Augen gingen zum Hund, zum Pflock, zu Ruben, zum Hund, zu Ruben und dann sah ich, oder bildete mir ein, just als Ruben sich nochmals zu mir umsah, seine Augen verdrehte, um mir so zu verstehen zu geben, dass ich oder der Hund ein großes Problem hätten, just da sah ich, dass der Pflock sich ein Stück weit aus der Erde hob. Reflexartig blieb ich stehen. Nun schlug sich Ruben erst Recht die Hände über den Kopf . Was sei ich doch für ein elender Feigling, nörgelte er und schritt direkt und entschlossen auf Barri zu.

    Das Tier drehte völlig durch und zog wie irre an der Kette, denn Ruben hatte sich nur um Zentimeter getrennt, vor ihm aufgebaut. Der Hund stemmte sich auf die Hinterbeine, versuchte Zentimeter zu gewinnen und ließ nur dann ab, wenn er zu ersticken drohte. Ruben besaß die Frechheit, sich auch jetzt noch zu mir umzudrehen und mir mit breitem Grinsen mitzuteilen, dass dieser Hund, zwar laut sei und gefährlich ausschaue, aber, so rief Ruben mir zu, Barri werde niemals eine Chance bekommen seinen Zorn befriedigen zu können. Der Zorn werde ihn auffressen, rief Ruben mir zu und da hatte ich erstmals das Gefühl, weil er weder höhnte noch lachte, dass er Mitleid mit der Kreatur hatte. Hörst Du das Leon? Zorn und Hass, fressen ihn auf, rief er ein ums andere mal und dann leiser aber immer öfter: Du frisst keinen außer dich selbst.

    Barri reagierte stets gleich. Ob Ruben mir etwas zurief oder leiser Theorien über Barri murmelte, Barri wollte Ruben immer nur an die Kehle. Da stetes Bellen ziemlich laut und nervig ist, rief schließlich Pauls Vater Alfred uns aus der Stube zu, dass wir reinkommen und das Tier nicht verrückt machen sollen. Alfred selbst, kam nicht heraus, Alfred schaute nicht nach dem Rechten, nein, er rief einfach hinter geschlossenen Türen, dass wir uns benehmen sollten.

    Aber als Alfreds Stimme erschall, hatte ich einen Moment die Hoffnung, dass dieser Alptraum vorüber sei. Denn jeden Moment rechnete ich damit, dass Barri sich losreiße und Ruben zerfleische oder dass Barri sich die Kette so sehr in den Hals drücke, dass er ersticken oder sich gleich den Kopf in Gänze abzutrennen. Aber weder das eine, noch das andere geschah und auch kein Vorhang, gezogen von den Eltern, beendete die Szene.

    Ich weiß nicht, was in Ruben vorgegangen war, geschweige denn was Barri empfand, als Alfreds Stimme zu ihnen drang. Zu Ruben rief ich aber, alleingelassen, weil Pauls Papa sich nicht blicken ließ und weil ich mir keinen anderen Rat mehr wusste, dass Pauls Papa Recht hätte und wir das Tier nicht quälen dürften und wir endlich reingehen sollten.
    Ohne mich anzuschauen, nickte Ruben nur und schwieg. Barri trachtete ihm immer noch nach seinem Leben. Ruben nickte noch einmal, drehte sich zu mir, sagte bestimmt: Du bleibst da stehen! Und verschwand in der Stube.

    Als Ruben mit wenigen Schritten im Türeingang verschwunden war, hörte Barri auf zu bellen und mit den Zähnen zu fletschen. Mich hatte Barri anscheinend vergessen, denn er nahm keine Notiz von mir. Er wirkte müde auf mich. Barri hechelte, keuchte, kotzte wie ein Asthmatiker, riss aber nicht mehr an der Kette und ich spürte, dass für Barri die Jagd beendet war. Dieser große Hund war einsam wie der Mond.

    Ruben kam wieder heraus. Barri, als hätte man ihm in die Hoden gezwickt, nahm sofort Notiz und stürzte sich in die Kette. Mir aber, drohten die Knie wegzusacken, an Stimme war gar nicht zu denken, denn Ruben hatte das Gewehr von Pauls Vater im Anschlag und warf mir einen Blick zu, der keine Spur ironisch, sarkastisch oder wissend war. Heute glaube ich, dass Ruben immer schon ebenso viel Angst wie ich vor Barri hatte. Das Gewehr seines Vaters hatte Paul uns unter dem Sigel der Verschwiegenheit gezeigt und uns beschworen, niemals, nie nicht sein Geheimnis zu verraten.

    Jetzt hielt Ruben den Lauf des Gewehrs nur Zentimeter vor Barris fanatischen Fang während meine Beine wie in Beton gewachsen und meine Stimme verschlossen war. Ich weinte, ich weinte schon, bevor Ruben abdrückte, und Barris Schädel in tausend Teile verspritzte und ich bin mir sicher, dass Ruben auch geweint hat.

    Blut und Knorpel klebten in unseren Gesichtern und mit Angst verbissenem Kiefer, sah ich Ruben verheult und blutverschmiert an. Ich las aus Rubens Augen, dass er mich nicht um Vergebung bat, sondern um Zustimmung warb, dass diese Kreatur nicht mehr hatte leiden dürfen, dass er, dass ich, dass wir, das Recht gehabt hätten, Barri zu erlösen.

    Pauls Familie war mittlerweile auch heraus gestürzt aus ihrer Gaststube, schlugen das Gewehr aus Rubens Hand, zerrten ihn und dann mich vom Tatort und drohten uns mit übelsten Verwünschungen. Paul sprach nie wieder ein Wort mit mir. Mit Ruben bestimmt auch nicht.

    Es hieß, Ruben und ich hätten gemeinschaftlich gehandelt, denn wer einen Hund abknallt oder zulässt, dass ein Hund getötet wird, der kann nicht ganz gesund sein.


    Ja, so war das damals, als Ruben Barri erschoss. Bis heute weiß ich nicht, ob Ruben richtig oder falsch gehandelt hat. Natürlich war Ruben zu bestrafen. Es war nicht nur rohe Gewalt, es war Ausdruck eines Charakters, der seine Unsicherheit mit Hybris überspielte. Aber Barri freizulassen war uns unmöglich. Wir waren jung und hörten von Lehrern und Eltern viel von korrektem Benehmen und Anständigkeit und gehalten wurde Barri aber von einem Erwachsenen, der ein Tier und wahrscheinlich jede Kreatur – außer sich selbst- für nichts anderes, als für ein Stück Fleisch hielt. Wobei ich mir nicht sicher bin, dass Alfred so etwas wie Selbstachtung besessen hat.
  • MiniaturwunderweltDatum22.05.1970 07:33
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Miniaturwunderwelt


    Heute, und das war ein langer, langweiliger und langatmiger Tag heute, habe ich einen alten Freund wieder getroffen mit dem ich seinerzeit Wiesen abgeraucht, Weizenfelder geerntet, etliche Trauben verkostet und die griechische Inselwelt per Moped erobert habe. Nachdem ich meinen Magister Artium hatte, gönnte er sich noch einen Doktor in Jura. Gelandet sind wir in vielen Betten und wurden schließlich alt genug, um aus dem letzten nicht mehr aufzustehen – oder nur selten und nicht wirklich mit Elan – so sind wir im Dritten Programm der Wohlstandsgesellschaft gelandet. Vielleicht sollte ich arte sagen, damit ich verständlich bleibe?

    Wir besitzen nicht nur das Zweit- oder Drittbuch, wir liegen nicht nur am Strand, erobern nicht in Reisebusstärke die Einsamkeit der Bergwelt, nein, wir interessieren uns für Kultur, die schönen Dinge des Lebens. Wir haben unser eigenes Buzzword-Bingo wie monologisch, kryptisch, virtuell, tautologisch und innovativ, Anagram und Palindrom, Pointilismus und polymorph, das sind die Fraktale in unserer dialogischen Instanz. Was das bedeutet? Wir haben unser Auskommen, wir sind kreditwürdig und satt.


    Heute, als ich ihn im ICE nach Bielefeld wieder getroffen habe, gab es das übliche „Mensch, du hier?“ Und: „Was für ein Zufall“. Letzteres wurde wechselseitig mit einem mimischen oder verbalen „na, na!“ Quittiert. „Na, na“ sagten, meinten wir, weil jedem von uns beiden die Beliebigkeit nur ein dummer Zufall oder besser: beliebiger Mix aus Spermarotz auf Tagesform abhängigem Eidotter zu sein, unsere Bedeutung und Buzzwords nivellieren und unser Ego geradewegs in ein kleines Nichts verdampfen würde. Geht gar nicht.

    Wir überbrückten in höflichster Form das total voneinander angeödet seins, dass sich sehr schnell einstellte und auch noch den pelzigen Geschmack trug, sehr alt geworden zu sein, denn die gemeinsamen Erinnerungen waren schal, staubig und sie wirkten grotesk, geradezu fratzenhaft in diesem ICE nach Bielefeld. Dieser Umstand brachte uns aber glücklicherweise auf Rainald Grebe und dann auf jene andere Liedzeile: „Du bist der Ausstieg aus der Spaßgesellschaft“. Wir hatten ein Gesprächthema: die allgemeine Lage in Kunst und Kultur. Spannend und unverbindlich genug um bis zum Ziel nicht aus Verzweiflung, den alten Freund oder sich selbst, aus dem Zug zu werfen.

    Er erzählte mir, dass er kürzlich eine Freundin aus dem Süddeutschen Raum getroffen habe und mit ihr bei einer Lesung eines dort bekannten Künstlers war. Die Lesung sei aber gar keine Lesung gewesen, sondern eine grandiose Performance.

    „Als der mit einem Male im Zuschauerraum stand, strahlte der gleich eine Präsenz aus: sagenhaft. Der hätte gar nicht auf die Bühne gemusst, aber als er die im wahrsten Sinne des Wortes erklommen hatte, passierte eine halbe Stunde lang, da kommst du nie drauf“, erzählte mein Freund voller Begeisterung.
    „Er schwieg?“, fragte ich ironisch dazwischen.
    „Zu abgeschmackt, mein Bester. Er fing an seinen Zettel zu suchen.“
    „Seinen Zettel?“
    „Genau. Sein Zettel auf dem angeblich die Texte, das Programm sei. Innerhalb einer halben Stunde hatte er das Publikum vollkommen verunsichert und seinen eigenen Kunstraum geschaffen. Als erstes verschwand das Programm und obwohl er auf einer Bühne stand, ließ er auch die verschwinden.
    Mich hat das unheimlich beeindruckt, wie leicht er die Patterns von vierzig, fünfzig Menschen, vollkommen aufgelöst hat. Totale Verunsicherung ohne etwas anderes zu tun, als zu suchen. Er hat nicht zum Publikum gesprochen. Er hat sich nicht gemein gemacht, aber du hast nichts von dieser affektierten Künstlerhybris gespürt. Der Kerl ist echt. Das war für mich ein Caspar Hauser Erlebnis.“
    „So Basic?“, fragte ich skeptisch.
    „Absolut. Straight und strictly natural, mein Lieber. Ab und zu stammelte er Halbsätze vor sich hin, manchmal nur Buchstaben, oft das "i", aber aus diesen Wortfraktalen hat jeder sich – wie Lego –„
    „Erinnert mich an das Lied: Gehirnlego“, unterbrach ich ihn
    „Besser. Blixa Bargeld ist ein alter Mann, der nichts mehr neu erfinden kann.“, antwortete er lächelnd.
    „Es erinnert mich aber doch an Lego, weil er anscheinend nichts abbilden will, sondern eine Dekuvrierung der Bühne und des Künstlers vollzieht, indem er nur die Bausteine liefert aus dem jeder sein individuelles, originäres Kunstwerk zusammensetzt, vorausgesetzt der Zuschauer ist bereit nicht nur Kulturmastschwein zu sein, und zu futtern was der Bauer in die Spreu streut, sondern endlich – zweihundert Jahre nach Kant; sapere aude! – auch im Kulturbetrieb ein aufgeklärter Mensch zu sein. Interessantes Konzept.“
    „Unbedingt. Aber - entre nous im Foyer habe ich die Leute einen Stuss schwätzen hören. Nichts verstanden. Höre, mein Lieber, die Kevins und Manolitos werden uns bald regieren und – wie hast du es formuliert? – Kulturmastbetriebe für Pigs in Szene setzen. Das ist richtig.
    Aber deine Lego Metapher geht trotzdem fehl, denn die Bausteine, die du – reg Dich jetzt nicht auf – in abendländischer Erwartung, dass ein Anfang auch ein Ende haben muss, ein System immer erkennbar und mit Fuzzy Logic auch das Chaos kartiert werden kann, wird von diesem Jojo vollkommen konterkariert. Löse dich von Deinem Leg-Denken.“

    Während er mir dies ins Gebetbuch schrieb – wir saßen uns gegenüber – hatte er sich wie ein Verschwörer mehr und mehr vorgebeugt, seine Stimme gesenkt und als er geendet hatte sich ruckartig und triumphierend mit einem maliziösen Lächeln zurückgelehnt und leicht nach links geschielt, so als säße dort ein Publikum, dass seinem Intellekt huldigen müsste. Dann griff er in seine Sakkotasche und überreichte mir den Flyer zum Programm dieses Künstlers: „Jojo – Inkarnation der Anarchie.“
    Ich schmunzelte und sagte nichts dazu. Aber weil er mich zögernd sah, bemerkte er, dass die Werbung ein Freundeskreis finanziert hätte. Aber ich schmunzelte, weil mir für einen kurzen Moment alles lächerlich erschien.

    Es war der Moment wo mir das Buzzword-Bingo eingefallen und ich die dritte Programm Metapher vor Augen hatte und vor mir saß in toto die Film-Amerikanerin, die soeben triumphierend Mr. Tod davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie nicht tot sein könne, weil sie nichts von der vergifteten Lachsschaumspeise gegessen hätte. Das war vielleicht korrekt, aber wer hat sich als der Mächtigere herauskristallisiert: Mr.Tod oder die Amerikanerin?

    Ich hätte brüllen können vor Lachen und Verzweiflung, aber der Zugführer rettete mich und gab bekannt, dass Bielefeld in wenigen Minuten erreicht werde. So als hätte Dr. Pawlow die Klingel geläutet, begannen die Reisenden diverse Automatismen durchzuführen: Müll einsammeln, Sachen ordnen, Mantel anziehen und so weiter. Es kommt zwar eine gewisse Hektik auf, aber ich erlebte sie nur als immer schlimmer werdende Erstarrung in Routine.

    Wenige Augenblicke später standen wir marschbereit an der Waggontür. Wir tauschten jetzt wirklich nur noch Wortfetzen allgemeiner Art aus und endlich stoppte der Zug. Ich drückte, denn ich stand näher zum Ausstieg, auf den grün gewordenen Ausstiegsknopf, die Tür glitt auf, ich drehte mich noch kurz nach rechts und erschreckte mich wie nie zuvor.

    Ich wollte das erlernte „Auf Wiedersehen, bis Bald und mach’s gut“ loswerden, erwartete ein „Ich seh’ Dich, mein Lieber“ von ihm, aber er war nicht mehr da, beziehungsweise da stand nur noch etwas, was wie er aussah, aber keine Seele mehr hatte. Ich sah mich einer Figur wie aus dem Wachfigurenkabinett gegenüber. Aber es war kein Wachs. Es war etwas anderes. Die Gesichtszüge waren erstarrt in einem ironischen Grinsen. Ich glaube, ich atmete heftig und ich glaube ich habe auch geschrieen. Meine Stimme hallte, aber nicht wieder. Ich spürte sogleich mich hört hier keiner und ich war nicht mehr allzu überrascht, dass nicht nur mein Freund, sondern alles andere auch erstarrt war.

    Langsam stieg ich aus dem ICE, der nur ein Abbild eines ICEs war, und bemerkte, dass mein Freund weiterhin auf die Stelle blickte, wo ich eben noch gestanden hatte. Hinter ihm standen weitere Figuren, ebenso starr und in ein nirgendwo blickend.
    So bewusst habe ich Luft geholt, dass ich gewahr wurde, wie aufgeregt ich war und wie schwer es mir fiel nicht in Panik auszubrechen. Die ganze Welt hatte sich in die Idylle einer Modelbahnanlage verwandelt. Alle auf dem Bahnsteig, alle im Zug, einfach alles. Es war sehr sauber, sehr aufgeräumt und blank gewischt.

    Ich fühlte meinen Puls. Ich zählte die Schläge und beschwor mich: Du lebst! Dabei wandelte ich in der Optik des alten, schönen im Jugendstil gebauten Bahnhofes Bielefelds umher. Er war sauberer und klarer als ich ihn in Erinnerung hatte, aber noch immer verspürte ich keinen Widerhall und Sandstein fasste sich wie Plastik an. Kein Geräusch berührte meine Ohren. Nur ein dumpfes, tiefes Rauschen konnte ich wahrnehmen, so als tauchte ich oder trüge Ohrstöpsel.

    Die Figuren: alte Tanten, Hoheitspersonal, Geschäftreisende, verbitterte Lehrer, naive Kerle, gefährliche Mädchen, sie waren alle da, aber alle kalt und steif. Und nicht aus Wachs sondern aus Plastik. Ja, ich habe sie berührt, angefasst und meine Lippen bewegt und war mir ganz sicher, dass alles aus Plastik war. Der Bahnhof, der Zug, die Menschen. Unwillkürlich musste ich grinsen, als ich in Erwägung zog, dass möglicherweise nur ich falsch und alle anderen gerade mich bestaunten. Aber zum Glück war ihr Blick starr und wanderte nicht mit meinen Bewegungen mit.

    Modellbahnwelt, das war mein Schlüssel. Faller und Märklin. Denn so, bildete ich mir ein, musste sich eine Miniaturwelt anfühlen. Alles sauber, alles starr. Sauber, weil der Müll sich nicht vermehrt sondern festgeklebt ist. Wie irre grinste ich, weil ich versuchte, diesen Schecken in ein System zu bringen, ein System dass ich kenne oder durchschaue, weil ich überleben wollte. Ich hatte verschissene Angst. Vor allem, weil ich nichts hörte, so als könnte ich meine Gedanken nur lesen und nicht hören was ich dachte. Ohne Pause ratterte in Großbuchstaben auf der Innenseite meines Frontallappen Botschaften entlang, In diesem Moment wünschte ich mir, ich könnte meine Gedanken einfach zerfetzen, auseinander reißen, weil meine Gedanken unaufhörlich die Bielefelder Bahnhofswelt reflektierten und das machte alles noch entsetzlicher.

    Von Panik ergriffen, stürzte ich durch den Bahnhof, überlegte, meinen Koffer fallen zu lassen, aber hielt ihn dann doch fest, weil mein innerer Gedankenticker behauptete, ich solle ihn nicht fallen lassen, denn ansonsten würde ich mich endgültig verlieren, denn der Koffer sei eine Metapher für mich.

    Das war ein schöner Blödsinn, einerseits, aber es war auch eine Überlebensstrategie und ich sehnte mich nach Überlebensstrategien, egal wie hergesucht sie auch erschienen. Und da ich nun einmal ein solchen Gedanken gefasst hatte, zwang ich mich den Koffer weiterzuschleppen und ich sagte mir auch, dass der Bahnhof schlechthin Symbol für eine Miniaturwelt sei, und dass viele Geschichten am Bahnhof beginnen oder enden und ich nur den Bahnhof verlassen müsste, um mein ostwestfälisches Leben wieder zu entdecken, um wie ein Fisch darin wieder eintauchen zu können. Voller Hoffnung stieß ich die verglasten Türen des Haupteingangs auf und hoffte wieder vollständige Lebendigkeit zu spüren.


    Als ich die Türflügel aufgestoßen und nach draußen gestürmt war, befand ich mich auf der Bahnhofstreppe und schaute hinweg über eine asphaltierte Fläche auf ein weißes Gebäudeensemble. Für einen Moment war ich zu Hause, aber es war auch alles falsch. Denn es bewegte sich nichts, kein Auto, kein Mensch, kein Luftzug. Alles schien mir ein Fake zu sein. Alles. Bis auf die defekte Werbetafel, die über einer der Türen, des weißen Gebäudes gegenüber hing und deren Elektrobuchstaben unkoordiniert aufflackerten. Mal leuchtete ein B, U, A, G oder auch mal ein R und ein weiterer Buchstabe regellos auf.

    Langsam stieg ich die Treppen vom Hauptbahnhof hinab und bedachte den Plastik gewordenen Reisenden, der mit fliegendem Schritt und Schlips die Treppen hinauf eilte, mit einem müden Blick. Antworten, so war ich überzeugt, würde es nur hinter der Tür mit der fehlerhaft leuchtenden Elektrofassade geben.


    Als ich die Tür unter der Werbeschrift aufgemacht hatte, schlug mir von innen ein muffiger Duft entgegen. Ich stand in einem Foyer einer Kleinkunstbühne. Der Boden war mit rotem Teppich ausgeschlagen und an den Wänden hingen schwarzweiß Photographien der aufgetretenen Künstler samt ihrer Unterschrift. Ob der stummen Atmosphäre fühlte ich mich aber wie in einem Sarkophag. Ich schritt zum Zuschauerraum, dessen Eingänge alle geschlossen waren, so als finde eine Vorstellung statt. Natürlich fand keine statt, aber er war voll besetzt mit solchen Figuren wie ich sie schon vom Bahnsteig kannte. Waren sie dort erstarrt in Bewegung, so waren sie es hier in Vergnügung.

    Ich wollte auch diese Exkursion als Fehlschlag verbuchen, da gewahrte ich einen alten Mann, der drei, vier Versionen ein und derselben Figur mal hierhin, mal dorthin auf der Bühne verschob und daran sichtlich gefallen hatte. Ich getraute mich nicht, ihn anzusprechen, sondern beobachtete ihn nur. Er trug eine Brille, hatte weißes Haar, ein filigranes Gesicht und trotz allem einen deutlichen Bauchansatz.
    Zufrieden und mit großem Vergnügen webte der Alte an einem seiner Bühnendarsteller, die alle sehr nach JoJo aussahen, einen Draht an den Schritt, dass es so aussah, als ob der auf das Publikum pisse. Das Vergnügen daran, schien mir kindlich zu sein.

    Als ich schon fast an der Bühne stand, bemerkte mich der Alte, aber er schaute nur kurz auf und ließ sich in seinem Tun nicht irritieren. Sehr bedrohlich oder gewichtig erschien er mir nicht und so fragte ich ihn leicht genervt, ob er(!) sich diese Miniaturwunderwelt ausgedacht hätte.
    Er antwortete ohne mich anzusehen, dass er nur bearbeite was er vorgefunden habe und fuchtelte mit seiner Pattex Flasche in Richtung Publikum und Künstler. Dann lächelte er, und meinte ich solle doch froh sein, dass ich bewegt und nicht geklebt sei und tat dann so als ob er ernst werde, hielt inne, schob seine Brille herunter, inspizierte mich spöttisch interessiert von oben nach unten und bastelte weiter.

    Fatzke, dachte ich und bemerkte kurz zu seinem Tun: „Das ist albern.“. Ich hatte die Skurrilität der Situation vollkommen verdrängt.
    „Warum?“, fragte er wie beiläufig und ließ sich nicht in seinem Tun beeinflussen.
    „Haben sie sich ihr Publikum angesehen, alter Mann?“
    Er schaute auf, blickte von den Brettern herab, setzte sich seine Brille zu recht und konstatierte: „Begeistert, wie immer, findest Du nicht?“
    „Wie ich es finde? Ich finde sie sind tot. Plastik. Dieses Theater hier ist eine Farce. Eine groteske Farce...“ und ich musste mich bremsen, dass es wohl Bielefeld in Potenz sei einen Jojo auf ein festgeklebtes Plastikfigurenkabinett pissen zu lassen.
    „Na, na.“, beschwichtigte er, „nicht so laut. Ich bin mir sicher kleiner Bühnenstürmer, Du wirst Dich einleben. Vertreib Deinen Zorn und ersetze ihn durch Ironie.“, dann atmete er tief durch, blickte in ein Nirgendwo und ergänzte: „Du musst die Welt nehmen wie sie ist, du kannst sie nicht ändern. Nur ein bisschen verrücken – gutes Wort „verrücken“. Mit kleben, fixieren, binden, verdichten, festzurren hältst Du die Welt nur ganz kurz fest – aber Du änderst nie niemals nie nicht ihre Trägheit. Jeder fällt in seine Rolle.“
    „Trotzdem klebst Du sie fest? Klebst sie fest, obwohl sie von alleine in eine Rolle fallen?“
    „Ich verrücke nur.“
    „Sie fallen immer auf die Schnauze, aber sie fallen jedes mal anders?“
    “Ich bin nicht Gott, ich kann nicht alles ändern. Ich verschaffe mir nur Abwechslung.“


    Noch eine Weile beobachtete ich ihn, wie er mit seinen Figuren spielte, aber je länger ich seine Bemühungen betrachtete, umso langweiliger fand ich es. Grußlos verabschiedete ich mich aus dem Theater und versuchte mich, aufs gerate wohl in dieser falschen und doch richtigen Kleinstadt heimisch zu fühlen. Bis auf das Theater erkannte ich alles – wenn auch leicht versetzt – wieder.

    Die Zeiger auf meiner Armbanduhr bewegten sich nicht und auch der Sonnenstand blieb immer gleich, doch fürchtete ich schon, zu spät zur Redaktion zu kommen umso mehr als ich gewahrte, dass ich im Kreis zu laufen schien: vom Bahnhof, zum Theater und zurück und vom Bahnhof zum Theater. Ich kam auch mit großen Schritten nicht vom Fleck.
    Ich war verloren in dieser Miniaturwunderwelt samt Kulturprogramm und ich war erleichtert, so traurig es auch war, als eine große Hand mich heute aufnahm und Klebstoff unter meine Füße brachte und mich endlich hinter das Fenster meiner Stube, schräg gegenüber vom Theater platzierte und ich meinen Rhythmus, mein Leben, meine Freunde und arte im Bielefelder Wunderland wiederfand.

    Ach ja, die Buchstaben B, U, A, G und auch mal ein R funktionieren noch nicht. Es ist auch egal, denn es sind nur flackernde Buchstaben in Bielefeld, ihr Licht reicht nicht darüber hinaus.

  • Das öffentliche HausDatum22.05.1970 07:33
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Das öffentliche Haus


    Es gibt keine Türen mehr. Nur noch die Toiletten haben Türen. Aber da sind viele toleranter geworden. Jedenfalls ist es so, dass die Wohnungen und Häuser keine Türen mehr haben.

    Ich gebe zu, auch ich habe schon häufiger meine Nachbarn besucht. Bei einem meiner ersten Besuche, waren sie mitten beim Essen. Und wie die gegessen haben. Schrecklich. Und worüber die sich unterhalten haben? Keine Ahnung die Leute. Aber am schlimmsten war der Wein den sie zum Essen ausgewählt hatten. Habe ich denen auch gesagt. Sonst hätte ich es keine fünf Minuten länger ausgehalten. Stellt sich dieser Wichtigtuer von Vater darauf doch hin und fängt an mir – ausgerechnet – was von Esskultur zu erzählen. Nur weil ich gesagt habe, dass der Wein zum Fisch und nicht zum Braten gehört. Das war eine Info. Nett gemeint. OK? Stellt der sich hin und poltert mich an: wer ich denn bitteschön sei und ich hätte ja gar keine Ahnung. Da habe ich ihm gesagt, das sei mein Job so etwas zu wissen. Unerquicklich, sehr unerquicklich. Natürlich stand bald das halbe Haus im Esszimmer und es bildeten sich Fraktionen. Bis der Jüngste den Kassler-Ananas Braten wieder auf den Teller kotzte und sagte ihm sei schlecht. Dann kam der Hausmeister und hat uns gebeten den Raum zu verlassen.
    Sowas passiert häufiger. Du hast keine Türen, die du zumachen kannst. Immerzu kommt und geht einer. So richtig weiß ich auch nicht mehr wo meine Wohnung ist.

    Als die Ersten Mieter damit begonnen hatten ihre Schlösser und bald darauf die Türen rauszunehmen, verbreitete sich dieser Trend wie ein Lauffeuer. Alle fanden es großartig sich frank und frei verhalten zu können. Ich aber habe nicht gleich mitgemacht und wusste nicht was ich davon halten sollte. Am Ende war ich ziemlich isoliert. Wenn ich rausging, dann fühlte ich mich wie ein Anzugträger auf dem FKK Strand. Ziemlich deplaziert. Die anderen guckten dann auch so. Wenn ich dann wieder die Tür hinter mir zuzog und abschloss, habe ich die Leute draußen trotzdem hören können. Die vielen Türen, die den Schall sonst dämmten, fehlten und so kam ich nicht umhin weiter zu hören, was sie brabbelten, was sie erzählten und welchen Spaß sie hatten. Da fühlte ich mich schon ein bisschen allein.

    Aber eigentlich schraubte ich meine Tür erst ab, nachdem Tag wo jemand – das muss man sich mal vorstellen – Merlot als die Königin der Trauben pries. So ein Schmarrn. Es gibt nichts langweiligeres als Merlot. Furchtbar. Da bin ich dann raus und habe ihm erklärt - vom Glasboden bis zum Korkverschluss - wie Wein gemacht wird und das ein Wein der gekelterte Augenblick eines Lebens ist. Wie ein Flaschengeist, kann er Wünsche erfüllen, aber ein Merlot verkörpert höchstens den Wunsch sich zu entleeren. Natürlich kamen auch an diesem Tag wieder viele Mieter zusammen und man stritt sich bis der Hausmeister kam, aber ich lernte interessante Menschen kennen, die schon länger ohne Türen lebten.

    Früher hättest du einen angezeigt, der sich einfach in dein Wohnzimmer plauzt und dir Vorträge darüber hält, wie Scheiße deine Inneneinrichtung ist. Aber das erträgt man jetzt oder ruft den Hausmeister. Ich vermute, dass es sich evolutionär entwickelte, dass die meisten jetzt kommen und selbst die schrägsten Puttenfiguren und das hässlichste Wandgemälde ganz toll finden. Das ist wie mit dem Handschlag: man gibt sich die rechte Hand und signalisiert, dass man nicht zum Schwert greift. Natürlich gibt es auch die anderen. Mir hat man auch schon gesagt ich sei so ein aggressiver Kacksack, der immer gleich persönlich und verletzend wird. Blödsinn.
    Aber und das ist die Kehrseite der Medaille, die Vollidioten und die Psychos haben auch die Türen abgeschraubt. Ein Freund von mir meinte zynisch lächelnd, dass die ihr Glück kaum fassen konnten. Als ich ihn fragte wie ich das Verstehen darf, bemerkte er nur, dass in seinen Augen 99,9 % aller Mieter einen leichten bis mittelschweren Dachschaden hätten und der aber nicht mehr bemerkt werden würde, da alle den hätten. Es mache eben keinen Unterschied ob man vor oder hinter der Tür sei. Hier bin ich Mensch hier darf ich sein? Das hier sei jetzt Überall. Die eine Umdrehung mehr, die sie zu einem pathologischen Fall mache, die falle doch nicht mehr auf und nachdem er das gesagt hatte, grinste er mich blöd an. Ich glaube er ist weggezogen oder der Hausmeister hat ihn rausgeschmissen - aber sicher bin ich mir da nicht.

    Die Vollidioten sind aber lästig. Manche begegnen diesem Problem mit dem Zettelchen Prinzip. Sie lächeln sich an, finden alles großartig und stecken sich geheime Botschaften zu: wie : B. ist ein Psycho, seine Wohnung hässlich und seine Frau eine Schlampe. B. wird das selbstverständlich nicht gesagt. Ich weiß nicht, mich erinnert das an das Türenprinzip. Vielleicht hatte es doch was für sich? Die eigenen Vier Wände waren eine heuchelfreie Zone. Die gibt es nicht mehr. Man wurde auch nicht ständig belästigt mit diesem privaten Müll. Manche haben’s drauf und erzählen ungeniert – auch wenn du zufälligerweise nur vorbeikommst – von ihren Orgasmusproblemen. Furchtbar. Das hat es früher nicht gegeben. Oder dass im Flur alle ihre Urlaubsbildchen hinhängen. Unlimited Dia Show. Alles ist im Grunde ganz furchtbar aufdringlich geworden.

    Neulich guckte ich mich mal so um, und ging von Wohnung zu Wohnung, da kam so eine Schranze zu mir und textete mich zu. Ob ich Celine und ihre Prophezeiungen kennen würde. Bitte? Als ich dann etwas grob wurde, kamen gleich Allesversteher um die Ecke und nannten mich eklig. Ich habe dann gebrüllt, dass die mich mal könnten mit ihrem rumgespeichel und, dass es mir scheißegal sei ob sie einen Dachschaden oder traumatisiert seien, weil sie ihren Mann verloren haben oder was weiß ich denn. Da sind die Furien richtig abgegangen: das sei ja das mieseste was sie je gehört hätten, denn Madame Celine hätte kürzlich ihren Mann verloren und das hätte auch unten am schwarzen Brett gestanden und in ihrer Küche hinge doch auch der Abschiedsbrief. Mir verschlug es augenblicklich die Sprache. Sollte ich nächstens durch jede Wohnung marschieren und alles lesen? Jeden privaten – das gibt es doch nicht mehr – Tagebucheintrag, jeden weinerlichen Furz eines hormonell fehlgesteuerten Backfisches?




    Morgens finde ich mich in irgendwelchen Wohnungen wieder. Ich spreche nicht mehr viel und grinse meist dämlich. Das mit den Zetteln funktioniert leidlich, aber man muss auch aufpassen, wem man was steckt. Wie sich das weiterentwickeln wird, weiß ich nicht. Manche haben wieder angefangen Türen einzusetzen, aber – alter Schwede – , wenn die sich blicken lassen, wird denen die Hölle heiß gemacht. Noch bedenklicher scheint mir der neueste Trend zu sein: Spiegel vernichten. Hat schon ganz schön um sich gegriffen; ich habe mich schon lange nicht mehr gesehen.
  • KkaskkakDatum22.05.1970 07:33
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Da der Admin Malik mich – warum auch immer löschte und alle Texte – wie ich durch nizzas Treiben erfuhr – geschreddert hat, werde ich drei aus der Versenkung holen und hier wieder einstellen. Sie sind bei kV ausreichend gut und schlecht kommentiert worden. der Name kkaskkak war mein Pseudonym bei kV und irgendwie kam ich auf die Idee daraus eine Geschichte zu machen. Denn der Name war für viele bei kV so verlockend, dass sie mich öfters Kacksack betitelten – was ich ja auch beabsichtigt hatte . Aber nun galt es eine andere Lesart dieses Namens zu erfinden.


    Kkaskkak


    Seit meinem achten Lebensjahr schreibe und dichte ich. Mit zehn Jahren habe ich allen Mut zusammengerafft und habe meiner Klasse unangemeldet meine Geschichte vorgetragen. Die Reaktionen waren nicht schön. Meine Lehrerin war so perplex, dass sie mich vortragen ließ ohne einzugreifen. Die anderen Kinder waren erst ganz still, lauschten meiner Geschichte vom Puppenspiel und Krokodil, aber bald fingen die Mädchen an zu kichern und ich wurde sehr nervös. Es dauerte nicht lang und ich begann zu stottern, was den Vortrag vollkommen zum Absturz brachte.
    Das anfängliche Kichern der Mädchen verwandelte sich in ein allgemeines Gröhlen und kurz danach schmissen sie mit Sachen nach mir, derer sie habhaft werden konnten. Aber ich presste und stauchte immer noch Worte hervor. Ich wollte es ihnen unbedingt erzählen. Dieser Drang war stärker als aufzugeben.
    Ich weiß nicht mehr wie lange die Lehrerin mich schüttelte – ich glaube sogar sie hat mich geohrfeigt so in Trance war ich – damit ich endlich aufhöre und Ruhe gebe. Schließlich schaffte sie es mit mir vor die Tür.

    Da standen wir nun auf dem Linoleumflur vor der Klassentür. Drinnen ging es noch hoch her. Sie lachten immer noch wie verrückt. Meine Lehrerin schaute mich nur stumm an, nahm mir den Zettel aus der Hand, las und schüttelte dann den Kopf. Das traf mich mehr, als alles andere zuvor. Beruhig Dich erstmal, meinte sie nur und ging dann ohne mich mitzunehmen, wieder hinein.

    Das Bild werde ich nie vergessen, wie ich allein im Flur stand. So ausgegrenzt hatte ich mich nie zuvor gefühlt. Da merkte ich erst, dass ich weinte. Wenn Schreiben solche Katastrophen verursacht, wollte ich es nie wieder tun. Das hat mich so traumatisiert, dass ich lange Zeit eine Schreibblockade hatte. Ich erhielt bald vom Psychologen ein Attest, dass es mir unmöglich sei, Aufsätze zu schreiben. Das ging so bis zur zehnten Klasse.

    Ich konnte einfach nichts aufschreiben. Kennen Sie Menschen mit Phobien? Dann wissen Sie wie entsetzlich es ist, wenn Sie mit dem Objekt ihrer Angst konfrontiert werden. Sie fangen an zu zittern und zu schreien und wollen nur noch eines: weg. Ganz weit weg.

    Sprachunterricht war mit mir kaum möglich. Es war schlimm. Meine Familie hat sehr darunter gelitten. In der Nachbarschaft war ich nur der kleine Spinner. Die Kinder haben mit Füller und weißen Blättern mir aufgelauert und riefen immer „Tintenschisser, Tintenpisser“. Es war so schlimm geworden, dass ich den Wunsch hatte, auf eine andere Schule – und sei es eine Sonderschule – versetzt zu werden. Meine Stiefmutter wollte mich aber nicht auf eine Sonderschule schicken. Schon gar nicht wollte sie wegziehen. Sie meinte zu mir, dass es zuviel Geld kosten würde, mich woanders hinzuschicken.
    Wenn ich darauf bestanden hätte, hätte sie meinen Vater gezwungen mich zur Adoption freizugeben. Damit hatte sie mir zusätzlich gedroht. Die Hexe. Aber Vater, war fürchterlich sexbesessen- ich weiß es, weil es mir mein älterer Bruder erzählt und leider auch gezeigt hat.

    Mein Bruder Helge hat Kopien von Vaters und Angelikas – Angelika ist meine Stiefmutter - Sitzungen gezogen. Ja, meine Eltern filmten sich beim Sex und Helge hat das spitz gekriegt, die Kassetten gefunden und für den „Eigenbedarf“ kopiert. Die Kindheit lag für uns beide schon hinter uns, als Helge feuchtfröhlich mich in sein Geheimnis einweihte.

    Seinen eigenen Vater beim Pimpern zu beobachten, war für mich kein Spaß. Aber Helge fand es geil. Ich glaube wenn ich nicht dabei war, hat er sich auf die Dinger einen runtergeholt. Damals ganz sicher. Ich glaube er stand auch auf Angelika. Ich möchte nicht wissen was da gelaufen ist. Das ist alles so ekelhaft..

    Damals, als ich noch zur Schule ging, wusste ich natürlich noch nichts von diesen Sachen und diesen Videos, aber ich spürte, ich sah es ja jeden Tag, dass Vater Angelika aus der Hand fraß. Er hätte alles für sie gemacht. So habe ich Tag für Tag die Hänseleien aushalten müssen und war der Trottel vom Dienst.

    Es wurde erst besser, als sich Ursula Bodelsack, als unsere neue Nachbarin bei uns vorstellte. Sie wollte gleich, das ich sie duze. Ursel sollte ich sie nennen. Oder kleine Bärin. Aber nur wenn ich alleine mit ihr war. Jedenfalls hatte sie diese Atemübungen drauf. Sie machte Eurythmie und arbeitete auch halbtags in einem Anthroposophischen Krankenhaus. Sie sagte, ich sollte das auch machen, denn es könnte meine Seele befreien. Damit meinte sie die Atemübungen. Im Krankenhaus erlebe sie es immer wieder, dass sie am Ende einer Übung die Seelen der Menschen sehen könne. Die Seele würde sich vom Körper lösen und vor ihr schweben. Das sei immer sehr erhebend und die Patienten seien danach immer so gereinigt.

    Meine Seele befreite sie nicht. Auch wenn sie darauf bestand, sie hätte sie bei den Übungen gesehen. Aber sie schaffte es meine Angst vor dem Papier zu beseitigen. Zwar in kleinsten Schritten aber Stück für Stück. Wir fingen mit Buchstabensuppe an und arbeiteten uns über selbst gemachte Wortkekse, Magnetbuchstaben, Touchscreens und Textverarbeitungsprogramme bis an ein weißes Blatt vor. Den letzten Schubs hatte sie mir gegeben, als ich sie au0erhalb unserer Therapiesitzungen besuchte und sie mich ganz nebenbei bat, kurz etwas aufzuschreiben, weil sie ihre Hände grad nicht frei hätte. Ich war irritiert, weil ich nicht wusste, wie ich ihre Bitte erfülen sollten und sagte sie nur kurz: "Da liegt was zum schreiben."

    Ohne darüber nachzudenken habe ich aufgeschrieben was sie mir sagte und dann konnte ich gar nicht mehr aufhören zu schreiben. Ich musste schreiben, weil ich Angst hatte mein Kopf würde platzen. Er war mit einem Schlag voller Wörter, Wörter die ich nie zuvor gehört hatte, vertraute Wörter und natürlich auch Namen und Geschichten. Es war wie im Fieberwahn – ich schrieb und schrieb und schrieb. Erst hatte Ursel gedacht der Block würde ausreichen aber der war ratzfatz voll geschrieben und ich schrieb einfach auf der Tischdecke weiter. Da wollte sie mich bremsen, aber ich schrie wie am Spieß, als sie mir den Griffel wegnehmen wollte. Ich schrie: ich muss alles rauslassen, ich muss alles aufschreiben, alle Wörter, alle Sätze müssen raus. Entsetzt gab sie mir den Stift wieder und ich stürzte mich auf die Decke und als die hin und völlig ruiniert war, organisierte sie alles Papier was sie finden konnte, und schmiss es mir vor die Füße. Aber als auch das Papier voll geschrieben war, dachte ich mir bliebe die Luft weg und verzweifelt suchte ich nach einer anderen Unterlage und schrieb mir die Finger quer durch ihre Wohnung wund.

    Irgendwann, mitten in der Nacht, fand ich mich im Schlafzimmer wieder, weil es da eine weiße Wand gab und da hörte ich auch endlich auf zu schreiben. Dreiviertel der Wand war schon voll mit meinen Worten und die letzten waren kkaskkak, kkaskakk, kkaskakk, kkaskakk, kkaskakk. Ich habe nicht gezählt wie häufig es dastand. Aber ich erinnerte mich an kkaskkak. Es war ein Geräusch. Es war der einzige Laut den ich damals noch ausstoßen konnte, als ich meiner Klasse meine Geschichte vorgetragen hatte: kkaskkak. Die Geschichte, die ich damals vortrug hieß: Kasperkopf. Aber bei einem war ich dann hängen geblieben und stammelte nur noch.
    Ich hatte an diesem Tag als ich meine Blockade überwand, alle Sätze, alle Worte, Verse, Reime niedergeschrieben, die mir seit dem Tag des verunglückten Vortrags eingefallen waren. Die jüngsten zuerst, die ältesten zuletzt - bis ich wieder vor der Klasse stand und mich zum Kasper gemacht hatte: kkaskkak
  • BoxerDatum19.05.1970 20:19
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Constantin


    Constatntin – Tino, Timo – Varela wurde 1975 in Hamburg Altona geboren. Er wuchs
    gleich neben der Holsten Brauerei auf. Für seine Mutter Anita blieb er das einzige
    Kind, weil kurz nach seiner Geburt ihre Gebärmutter entfernt werden musste.
    Fußball- und sportverrückt nervte er mit seinem Freund Klaus-Dieter schon bald die
    Nachbarn, weil sie stundenlang mit der Pille im Hof rumditschten. Sein Vater, Elias
    Varela, ist gebürtiger Portugiese und Zimmermann von Beruf. Er ist selten zu Hause.
    Nur im Winter ist er länger daheim. Ansonsten lebt er das Nomadenleben dieser
    Gesellen. Er ist ein mürrischer, wortkarger Mann. Aber es sprudelt nur so aus ihm
    raus, wenn man ihn nach der Zündapp fragt.

    Die Zündapp


    Die Zündapp war das Mofa, dass statt ihm sein damaliger Kumpan Armando
    bekommen hatte. Elias war am 10.9.1964 mit Italienern, Spaniern, Türken und
    seinem Kollegen Armando in Deutschland angekommen. Als sie im Bahnhof Köln
    Deutz einfuhren, waren sie vollkommen verwirrt, weil sie erst nicht kapierten warum
    so ein Trubel am Bahnsteig war und sogar eine Blaskapelle aufspielte. Sie hatten
    keine Ahnung, dass in ihrem Zug auch der eine millionste Gastarbeiter war. Die
    Deutschen hatten Pi mal Daumen ausgerechnet, dass in dem Zug der Millionste sein
    müsste und dann hatten sie willkürlich auf einen Namen auf der Liste getippt:
    Armando. Armando sollte der Millionste sein, einen Blumenstrauß, ein Diplom und
    eben eine zweisitzige Zündapp geschenkt bekommen.
    Aber eigentliche sei er, Elias, der eine millionste Gastarbeiter gewesen. Denn wenn
    er nicht so dumm gewesen wäre, Armando bei der Odyssee nach Deutschland zu
    beschützen, dann wäre Armando nie angekommen. Und dann hätte er, Elias Varela,
    die Zündapp bekommen. Denn es war tatsächlich so, dass auch Varela ausgesucht
    worden war. Auf die gleiche Art wie Armando. Nur eben als dessen Ersatzmann, falls
    Armando es – aus welchen Gründen auch immer - nicht bis nach Deutschland
    geschafft hätte. Und wäre Elias nicht gewesen, dann hätte es Armando auch gar
    nicht geschafft. Sehr viel Glück hatte es Armando aber nicht gebracht. Er starb früh
    an Magenkrebs.
    Als Elias ein Jahr später erfahren hatte, dass er die Nummer Zwei war, hatte ihn das
    tief getroffen. Zwei Wochen sprach er mit niemandem. Er war beleidigt.
    Dieser Armando hatte damals doch schon Krebs. Überall. Vor allem im Kopf.
    Armando hat gar nix in seinem Leben hinbekommen. Wäre ich nicht gewesen, wäre
    er in den falschen Zug gestiegen, das wäre er. In dieser Art echauffierte sich Elias
    dann immer wenn er diese Geschichte erzählte und immer wenn Elias diese
    Geschichte erzählte, hatte Tino genau zugehört.

    Erste Verdienste


    Mit seinem Freund Klaus Dieter begann Timo - wie er auch gerufen wurde – dann im
    zarten Alter von 10 Jahren seine Karriere als Kleinkrimineller. Sein erstes Opfer war
    die Holsten Brauerei.
    Durch ein Loch im Zaun sind die beiden Freunde hinten in die Brauerei rein, haben
    leere Bierkisten rausgeholt und vorne gegen fettes Pfand wieder eingelöst. Das war
    ganz einfach und es hat keine Sau interessiert. Das ging ein paar Wochen so. Hier
    mal eine Kiste, da mal eine Kiste.
    Als Tino in einer ruhigen Minute die Möglichkeiten überschlug, kam er zu dem
    Ergebnis, dass er und Klaus Gewinne viel größer sein könnten. Der ganze Hof der
    Brauerei stand ja schließlich voll mit diesen Kisten und auf jeder von ihnen stand in
    Leuchtbuchstaben Taschengeld. Da hat Tino dann zugeschlagen. Gut organisiert mit
    je einem Bollerwagen und Halteseilen, wurde die Sache angepackt. Es lief auch alles
    prächtig nur dass zwei knapp elfjährige mit fünfundzwanzig Kisten doch auffällig sind.
    Sein Papa war außer sich. Tino hatte drei Tage lang nicht sitzen können. Und dann
    waren da auch noch Klaus Dieters Eltern, die seinen Vater und seine Mutter
    beschimpften. Ihr Klausi sei angestiftet worden. Es war schrecklich. Aber am
    allerschlimmsten war für Constantin, dass die zusätzlichen Einnahmen versiegt
    waren. Taschengeld hatte es so gut wie keines gegeben. Mal ‚nen Groschen und
    wenn Papa in Stimmung war, mal eine Mark – das war’s. Papa war selten in
    Stimmung.
    Während der Zeit des Pfandhandels hatte sich Constantins Lebensfreude stark
    verbessert. Wie schön es war Geld in der Tasche zu haben – vor allem so leicht
    verdientes - das hatte er in der kurzen Zeit erfahren dürfen. Danach kannte er den
    Unterschied wischen Geld haben und Geld nicht haben. Geld haben, so befand Tino
    trotz der bezogenen Prügel und eines roten Hinterns, Geld haben, war eindeutig
    besser.
    Es wurde ihm schnell klar, dass er an der Schule nicht lernen würde wie man schnell
    Geld verdienen könnte. Im Gegenteil. Tino verstand nicht warum die Lehrer oder die
    Streber so wenig aus sich machen wollten. Worauf warteten sie? Warum lernten sie
    so lange, um dann nichts aus ihren Fähigkeiten zu machen? Jedenfalls sahen sie
    nicht so aus als würde sich ihr Aufwand lohnen. Es gab doch genug Gelegenheiten
    und Löcher im Zaun?


    Onkel Oswald

    Einen Lehrer schätzte er aber besonders: Onkel Oswald. Mutters jüngerer Bruder.
    Ein Mann wie ein Klotz. Aus einem Guß und mit breitem Schädel. Damals war er
    noch muskulös. Breite Hände, aber nicht plump. Er kam einmal im Monat vorbei,
    schlug sich die Wampe voll, lobte Mutter über den grünen Klee für das Essen und
    dass sie doch endlich ein einfaches Restaurant, mit einfachen Speisen und keinem
    Schickimicki aufmachen sollten. Der Einemillionenundeinste – wie Oswald Papa
    immer nannte – solle nicht so ein romanischer Chauvi sein und in etwas investieren
    was mehr Zukunft hätte, als fremde Dächer zu bauen.
    Wenn Oswald satt war, dann spielte er mit Tino Spielchen. Oswald kam schnell
    dahinter, dass Tino eine Gabe hatte. Eine Gabe die Oswald hoch spannend fand.
    Tino war schnell. Verdammt schnell. Als Oswald sich wieder vollgehauen hatte und
    bräsig in der Mittagssonne auf dem Küchenstuhl sass, winkte er Tino heran. Pass
    auf, sagte er und holte ein Fünfmarkstück aus der Tasche. Der Heiermann gehört dir,
    wenn Du ihn mir aus der Hand nehmen kannst. Aber Du darfst erst zugreifen wenn
    ich los gesagt habe. Anita wollte einschreiten. Fünf Mark. Das sei viel zu viel Geld für
    den Kleinen. Papperlapapp meinte Oswald nur. Also spielten sie.
    Tino wollte zunächst aber wissen was passiert, wenn er es nicht schaffen würde. Die
    eine oder andere Lektion hatte er ja schon gemacht. Oswald schnalzte anerkennend
    mit der Zunge. Kluger Junge, lobte er anerkennend. Kluger Junge. Regel Nummer
    Eins: Das erste mal ist immer umsonst. Und dann hielt Oswald seine linke Hand auf.
    Sie war leer.
    Doch ehe Tino sich versah, griff Oswald an Tinos rechtes Ohr und zauberte den
    Fünfer hervor. Oswald grinste ihn an. Sein Onkel hatte schiefe Zähne, kurzes
    flachsblondes Haar und leuchtend blaue Augen. Der Silberling glänzte in der Sonne.
    Sein Onkel platzierte den Taler aufreizend langsam auf seiner große Pranke. Dann
    schaute er seinen Neffen an. Lächelte und sagte nichts mehr. Tino wusste instinktiv
    worauf es ankam. Nur auf das Zeichen warten. Nicht irritieren lassen.
    Oswald wartete lange. Aufreizend lange. Dann endlich sagt er los. Oswald hatte nur
    einen ganz leichten Wischer über seiner Hand bemerkt und sah dann gerade noch
    wie Tino mit dem Geldstück aus der Küche rannte und immerzu rief: Gewonnen,
    gewonnen.
    Dein Junge ist ein Ass, Anita. Kann was großes aus ihm werden. Red ihm keine
    Dummheiten ein, war stattdessen Anitas Antwort. Anita liebte ihren Bruder, aber
    wusste, dass er ein Hallodri war.
    Als der Onkel wegging, an dem Tag als Tino das Geld gewonnen hatte, nahm er
    seinen Neffen noch mal beiseite und flüsterte ihm zu, dass er noch viele andere
    Regeln kennen würde. Viel tollere Regeln und ob Tino die lernen wolle? Natürlich
    wollte Tino, beseelt von dem Glauben, dass jede Regel einen Fünfer bringen würde.
    Gut, sagte Oswald, aber nur unter einer Bedingung. Welche?, wollte Timo wissen. Zu
    keinem ein Wort über die Regeln. Nicht zu Papa und schon gar nicht zu Deiner
    Mutter. Gibst Du mir Dein Wort drauf? Ja, antwortete der Kleine Junge. Gut. Dann
    erzähle ich Dir jetzt Regel Nummer zwei: Brich niemals Dein Wort!

    Erziehung


    Es sollten noch viele Regeln folgen, die Constantin sammelte und sorgfältig in ein
    kleines Oktavheft übertrug und auch später noch immer bei sich trug. Er, Oswald und
    der dritte Mann, Javier aus Havanna, trafen sich häufiger. So lange Constantin ein
    niedlicher Junge war, war er ein idealer Lockvogel und bald auch ein flinker,
    unauffälliger Taschendieb. Oswald und Javier zeigten Tino eine Welt voller
    Menschen, die nur darauf warteten, beschissen und wie Gänse ausgenommen zu
    werden. Je reicher und klüger sie aussahen umso gieriger waren sie.
    Einen Moment sah es für ihn so aus, dass über den Jungfernstieg nicht Menschen
    sondern offene Brieftaschen flanierten. Es war wie mit den Kisten der Holsten
    Brauerei: Überall stand klau mich drauf.
    Es gab drei Dinge auf die Oswald bei Tino achtete. Tino musste lesen, schreiben und
    rechnen können. Oswald schwor auf diese Tugenden und den Dreisatz. Wenn Du
    den kapiert hast, kannst Du Geschäfte machen und Du musst das Geschäft im Kopf
    ausrechnen können. Wenn Du auf der Straße den Taschenrechner zückst, bist Du
    nicht nur ein Trottel, du zeigst dem anderen auch noch, dass du ihm nicht traust. Das
    muss im Kopf geschehen – und es muss schnell geschehen. Darauf folgten zwei
    neue Regeln: Nummer siebzehn: Ein Geschäft mit einem Idioten ist ein gutes
    Geschäft. Nummer 18: Lerne, dass Du nicht der Idiot bist.
    Drogen - auch Alkohol - verbot Oswald Constantin. Oswald selbst war kein Heiliger.
    Er kokste – nicht übermäßig aber regelmäßig – und nicht selten kippte er auch
    Schnäpse. Er fand dass hier und da ein „g“ in der Nase, den Druck erträglicher
    machte. Niemals aber im Beisein des Jungen. Er hielt die Fassade aufrecht, um
    seinen Neffen zu beeindrucken und anzutreiben. Und er sollte noch mehr und
    anderen Sport machen als nur mit der Pille rumzuditschen.

    Neuer Sport


    Als Tino vierzehn Jahre wurde, kam Kollege Javier – der gelernte Langfinger und
    Beutelschneider ihrer Gruppe - vorbei und holte ihn im Auftrag Oswalds ab, um
    Constantin Og Ma vorzustellen. Og Ma sollte den Kleinen in der Technik des Muay
    Boran ausbilden.
    Sein Onkel, der Javier und seinen Neffen, vor einem ausnahmsweise mal nicht mit
    Sexschildchen bepflasterten Wohnhaus in der Schmuckstraße erwartete, empfing
    Constantin mit den Worten: Mach mir jetzt keinen Ärger und benimm Dich anständig.
    Ich werde Dich jetzt zu Deiner Lehrerin bringen. Constantin war enttäuscht. Og Ma
    war also eine Frau. Tino wusste, dass er Privatunterricht in irgendsoeiner
    Kampfsportart kriegen sollte, aber er hatte nicht gewusst, dass sein Lehrer eine
    Lehrerin sein würde. Wie sollte das gehen?, fragte er sich. Als er dann oben
    angekommen war, war er vollends davon überzeugt, dass sein Onkel den Verstand
    verloren haben musste, oder ihn zum Geburtstag veräppeln wollte. Die Frau war
    mindesten vierzig Jahre alt, schätzte Constantin, und sie würde bei dem Versuch, so
    was wie Karate zu machen, auseinanderbrechen.
    Oswald ließ sich aber nicht beirren. Er ging zu Og Ma, verneigte sich ganz tief vor ihr
    und trat mit der stummen Aufforderung an seinen Neffen es ihm gleichzutun, zur
    Seite. Der aber ging nur näher, inspizierte die Dame missmutig von oben bis unten
    und meinte dann nur: Schwachsinn.
    Auch wenn Constantin hätte mehr sagen wollen, er wäre nicht mehr dazu
    gekommen. Er empfand kurz einen fürchterlichen Schmerz und dann war bei ihm das
    Licht ausgegangen. Die alte Schachtel hatte ihm in affenartiger Geschwindigkeit mit
    ihrem Fuß sein freches Mundwerk gestopft. Als Constantin sich vom KO erholt hatte,
    stand er auf und verbeugte sich nun auch vor der knapp sechzigjährigen Og Ma.

    Og Ma


    Og Ma ist die Tochter des südchinesischen Heizers Pai Lee. Pai Lee landete in
    Hanbao – wie die Chinesen Hamburg nennen - Anfang der zwanziger Jahre und kam
    schnell als Koch im China Town von St. Pauli unter und heiratete auch dort. Das war
    schon ungewöhnlich, denn viele wollten wieder in die Heimat zurück und vermieden
    derartige Bindungen. Noch ungewöhnlicher aber war, dass er eine Thai geheiratet
    hatte.
    In der Zeit des Naziterrors hatten dann auch Pai und seine Frau vor, es den vielen
    anderen ihrer Landsleute nachzumachen und in die Heimat zurückzukehren. Aber
    irgendetwas hatte sie dann doch immer aufgehalten. Und 1940 kam Og Ma zur Welt.
    Bei der Geburt starb ihre Mutter Nun war an eine Überfahrt vorerst nicht zu denken..
    Immerhin hatte Pai Lee Kontakt zu der deutschen Hebamme Gerda Arens – der
    Großmutter von Oswald und Anita – die ihm das eine oder andere Mal aus dem
    schlimmsten Schlamassel herausgeholfen hatte, wenn seine Landsleute oder der
    Bruder seiner Frau auch nicht mehr helfen konnten. Da Pai Lee hart und lange
    arbeitete, überließ er Og Ma häufig der deutschen Hebamme, die einen Narren an
    der Kleinen gefressen hatte.
    Bevor er die Überfahrt nach China wagen wollte, sollte Og Ma erst noch kräftiger
    werden. Aber 1941 - mit dem Kriegseintritt Chinas gegen Japan und Deutschland –
    war die Flucht unmöglich und Hanbao eine Falle geworden.
    Es war eigentlich schon ein Wunder, dass sie die Bombenangriffe überlebt hatten,
    aber der 13.5.1944 sollte für Og Ma und ihren Vater ein noch schwärzerer Tag
    werden. Die so genannte Chinesen Aktion fand statt.
    Mehrere Gestapo Männer mit Maschinenpistolen bewaffnet, trieben im
    Morgengrauen auf der großen Freiheit, in ganz St. Pauli, alle chinesisch, asiatisch
    aussehenden Menschen auf einen Platz. 165 waren es am Ende. Alarmiert durch die
    Aufregung seiner Freunde und Kollegen hatte Pai es noch geschafft Og Ma zu Frau
    Arens zu bringen, deren Familie auch in St. Pauli lebte. Sie verstand gleich worum es
    ging und nahm sich des Mündels an.
    Pai Lee aber fand sich kurz darauf im Polizeigefängnis Fühlsbüttel und dann im
    Arbeitslager Wilhelmsburg wieder. Von da aus sollte er nicht mehr zurückkehren.
    Gerda nahm sich der Kleinen mit Hingabe an auch gegen die massiven Widerstände
    in ihrer Familie. Es gab so gut wie nichts zu essen und ein vier, fünf jähriges, fremdes
    Balg durchzufüttern, hielten viele für bekloppt, wenn nicht lebensbedrohlich. Es gab
    Momente da hatte die Ziehmutter Angst, dass ihre Familie die Kleine aussetzen oder
    ihr schlimmeres antun würden.
    So war Gerda zum einen froh aber auch traurig als im Februar 1946 ein asiatisch
    aussehender Mann an ihre Tür klopfte. Er hatte ein Bild und ein Brief von Pai Lee
    dabei. In dem Brief bedankte sich Pai Lee für Ihre Hilfe und bat aber darum, Og Ma
    an den Überbringer des Briefes auszuhändigen. Fast ein Jahrzehnt sollte vergehen
    bis sie die beiden wieder treffen sollte. Der Mann hieß Nathakor und hatte das Jahr in
    der Nazi-Gefangenschaft überlebt und sich nach anfänglichen Schwierigkeiten mit
    den Briten auf die Suche nach Og Ma gemacht.
    Nathakor hatte es Ende der Zwanziger nach Hamburg geschafft und folgte so seiner
    Schwester, der Frau von Pai Lee. So lernten er und Pai Lee sich kennen und
    schätzen. Pai Lee vertraute Nathakor und „vermachte“ ihm Og Ma.
    Nachdem es Nathakor gelungen war Og Ma zu finden, ging er zurück nach Thailand.
    Dort aber fand er sich auch nicht mehr zurecht. Das Kind wurde als Wechselbalg
    geschnitten. Und als er von dem Wirtschaftsboom in Deutschland hörte, machte er
    sich nach knapp zehn Jahren wieder mit Og Ma nach Hamburg auf.
    Außer ausdauernd zu arbeiten, hatte Nathakor noch eine Fähigkeit : er war ein
    ausgezeichneter Muay Boran Kämpfer. Seine Erziehung an Og Ma lief größtenteils
    darauf hinaus, ihr diese Kampfkunst einzuimpfen. Nathakor, wollte dass die kleine
    Tochter seines Freundes lernte, sich wie ein Krieger zu wehren. Und Og Ma lernte
    gut und lernte schnell.
    In Hamburg sollte neben der kleinen chinesischen und noch viel kleineren
    thailändischen Gemeinde wieder mal Familie Arens helfen. Beziehungsweise ließ
    sich Gerda gar nicht davon abbringen zu helfen. Nathakor hatte eigentlich nur
    vorgehabt Og Ma die Frau zu zeigen, die ihr mal das Leben gerettet hatte.
    Die Spätfolge dieser wiederholten Begegnung der Familien war, dass Enkel Oswald,
    nachdem er Oma mit ihrer – wie es hieß :„seltsamen“ - Freundin einmal angetroffen
    hatte, sich magisch zu ihr und ihrem Vater hingezogen fühlte. Das roch und
    schmeckte Oswald anders, als roter Klinkerputz und Kohlroulade. Das war die weite
    Welt, das Abenteuer. Auch Og Ma mochte Oswald, denn sie begriff, dass dieses
    Schlitzohr, dieser Tunichgut vielleicht ihren Vater bestohlen, aber niemals zu Tode
    geprügelt hätte. Ihn Dinge zu lehren, die ihm helfen und den Tätern von einst das
    Leben schwerer machen würde, das bereitete ihr stets etwas Genugtuung. Auch vor
    dem Hintergrund, dass weder Sie noch irgendein anderer der verfolgten Asiaten –
    Chinesen zumeist - auch nur einen Pfennig Entschädigung erhalten hatten. Sie
    galten und gelten als nicht verfolgt.
    Nun stand ein neuer Oswald vor ihr. Ein Mischling. Anders als der grobschlächtige
    Oswald. Drahtiger, femininer, aber nicht so verschlagen. Nein, dieser junge Kerl hatte
    noch etwas von der Essenz, die bei Oswald restlos aufgebraucht war: Ehrlichkeit.
    Oswalds Worten war einfach nicht zu trauen. Sie wusste das. Der kleine Constantin
    aber nicht. Aber seine erste Lektion: Respekt vor dem Lehrer, die hatte er jetzt
    gelernt.

    Wendezeiten – Herrscher der Erde


    Es kam die Wende und Oswalds Geschäfte liefen prächtig. Prächtiger als prächtig.
    Grandios. Heerscharen dümmster Bauern konnte es nicht abwarten Geld
    loszuwerden. Egal unter welches Fenster er sich auch stellte; es regnete Geld. Und
    dieses mal war es sogar nahezu legal. Statt Trickbetrügereien und ein bisschen
    Hehlerei, machte der große Oswald nun in Autos.
    Als die ersten Knetgummi Karren der Ossis durchs Brandenburger Tor getackert
    kamen, war Oswald am nächsten Tag schon auf Einkaufstour. Oswald hatte alle
    Kohle zusammengerafft, Hänger gemietet, Mistkarren aufgemotzt, dass heißt.
    lackiert und startete nach nur drei Wochen Vorbereitung seinen Treck gen Osten.
    Claims abstecken, nannte er das.
    Er schaffte es bis Berlin Marzahn. Die Leute waren so dämlich, dass sie die Wagen
    sogar noch vom Hänger runterkauften und Oswald genehmigte sich ein „g“ mehr als
    üblich. Wenn Constantin ihn anrief, pflegte Oswald sich nur noch mit: Herrscher der
    Erde zu melden.
    In dieser Zeit rutschte Constantin in der Schule etwas ab, packte aber letztlich doch
    noch den von Muttern erhofften Realschulabschluss. Nicht zuletzt wegen der
    Arbeitsdisziplin, die seine Lehrerin Og Ma ihm geduldig eingeimpft hatte.
    Aber, 1992, mit Siebzehn, drei Jahre nachdem er bei Og Ma in die Lehre gegangen
    war, verabschiedete er sich von seiner Mutter und ging zu Oswald nach Berlin. Er
    werde eine Lehre als Autoverkäufer bei ihm machen, log er sie an und sie erwiderte
    nur: ach, scheiß ich glaubs. Papa? Papa war immer noch Zimmermann und lebte das
    Nomadenleben dieser Gesellen. Er war eigentlich schon zu alt, um noch auf den
    Gerüsten rumzuklettern.
    Oswald selber holte ihn vom sagenumwobenen Bahnhof Zoo ab. Es stank wirklich
    nach Pisse und der Bahnhof war eine Ranzbude wie Oswald zu sagen pflegte. Es
    ging aber nicht ins Geschäft wie Tino vermutet hatte – da kannste nur den Ossis das
    Geld aus der Tasche ziehen und depressiv werden - , sondern ins Marcello Inn einer
    berüchtigten Kneipe zweier stadtbekannter boxender Brüder. Es stellte sich heraus,
    dass Oswald seine Regel 8 – Keine Glückspiele! – gestrichen hatte. Im Hinterraum
    der kleinen Eckkneipe wurde heftigst gezockt. Die Kneipe befand sich am
    Savignyplatz – ein Platz wo Studentencafe, Touristenkneipe, Künstlerbar und ein
    Puff namens Sophie nebeneinander standen.
    Constantin fühlte sich nicht glücklich auch wenn Oswald sich hervorragend
    amüsierte. Man, Tino sei doch nicht so verkrampft. Ist ja furchtbar. Geh rüber zu
    Sophie, Knall die dralle Schwatte mit den dicken Tüten aber um Himmels Willen
    entspann dich. Ent-spann dich! Aber pass beim knallen auf, dass der Dicken nicht ihr
    Fiffi vom Kopf fällt. Und dann jubelten sie über Oswalds dumme Sprüche. Tino war
    genervt. Es war nicht der Ton, es war auch nicht der Umgang – Chinesenkalle und
    Consorten kannte er zu genüge aus Hamburg und vom Brilliantenbehang auch
    hochkarätiger. Die Runde hier um Oswald schien ihm vergleichsweise bieder. Da war
    die Hansestadt der Hauptstadt über. Da hatte Oswald auch nicht so einen auf dicke
    Hose machen können.
    Aber für die nächsten Jahre musste sich Tino an dieses Flair gewöhnen und zog mit
    der Truppe um Oswald und einem der Brüder – dem Ruhigeren und Älteren von
    beiden – um die Häuser und quer durch Deutschland von Boxevent zu Boxevent, bis
    es 1995 in Manchester alles endete.
    Zwischen den Kämpfen schaute der Herrscher der Erde zwei-, maximal dreimal die
    Woche nach seinem Autogeschäft. Javier hielt dort die Stellung und als Tino und
    Javier sich wieder sahen, waren sie beide erfreut. Tino hatte in diesem Augenblick
    das Gefühl gehabt in Javier sei ihm ein Freund erwachsen. Ein seltsames Gefühl. Zu
    der Zeit wo Timo bei Oswald in Berlin anheuerte gingen die Geschäfte noch ganz
    gut. Der große Geldregen war zwar vorbei, aber es war noch richtig gut wie Oswald
    behauptete. Aber mit dem Autogeschäft selbst, sollte Tino nichts zu tun haben.

    Die Marcello Brüder


    Tino war Oswalds Leibwächter. Der Bodyguard. Und er musste die Negerjobs
    machen: hol dies. mach das. Tino hielt die von Tag zu Tag unerträglicher werdende
    Art seines Onkels aus, weil die boxenden Brüder – Mario und Marco - wenn sie im
    Ring standen hervorragende Kämpfer mit großem Herzen waren.
    Tino studierte ihre Kämpfe. Zum Beispiel die Verbissenheit und die Deckungsarbeit
    von Mario dem jüngeren von beiden. Er war ein unglaublicher Fighter. Aber unstet im
    Training. Keine Disziplin. Aber wenn er marschierte, dann war er durch nicht zu
    bremsen. Er hielt seine Doppeldeckung von der ersten bis zur letzten Runde wie ein
    Panzer vor sein Gesicht. Die Gegner arbeiteten sich an ihm ab wie an einer Wand.
    Nur dass die Wand auch noch zurückschlug. Schnelle, die Luft nehmende Haken auf
    den Körper. Mario war ein Panzer im Ring. Aber nur wenn er selber fit genug war.
    Abseits des Rings hielt man sich besser von ihm fern und wie bei einem
    Silberrückenmännchen vermied jeder den Blickkontakt mit ihm. Abseits des Ringes
    war er völlig durchgeknallt.
    Bei Marco schätzte Tino das Auge, das Timing und den stets wachen Verstand.
    Marco war während eines Kampfes immer voll ansprechbar. Er diskutierte mit
    seinem Trainer auch noch in der achten Runde. Tino verstand nicht wie jemand, der
    so unter Adrenalin steht, imstande war, seine Umwelt noch so klar wahr zu nehmen.
    Das sollte Marco auch den WM-Gürtel im Cruisergewicht bringen. Das und seine
    fürchterliche rechte Kelle. Konsequentes Training war aber auch für ihn ein
    Fremdwort im Gegensatz zu einem feuchtfröhlichen Abend gegen den er selten
    etwas einzuwenden hatte und dieser Laxheit verdankte er es, dass er seinen ersten
    WM Kampf 1992 sang und klanglos verloren hatte.

    Dida Diafat und Der Gepard


    Im Gegensatz zu seinem Bruder war Marco kein Silberrücken. Zwar hatte Tino ganz
    wenige Gelegenheiten gehabt mit Marco ein, zwei Sätze zu wechseln, weil sein
    Onkel meist dazwischenstand oder drängte, wenn er mal die Gelegenheit hatte. Aber
    das wenige hatte ihm gereicht. Zum einen, weil Marco ihm nach dem er schon zwei
    Monaten ohne Training gewesen war, einen Hinweis gab wo er seinen Sport
    trainieren könnte und zum anderen weil Marco ihn gefragt hatte, ob er, Tino, jetzt ein
    deutscher Dida werden wolle.
    Ein Deutscher Dida? Constantin gelang es die Peinlichkeit zu kaschieren, Dida Diafat
    nicht zu kennen. Kurz danach hätte er die Frage beantworten können und sich
    geschmeichelt gefühlt.
    Constantins Sport, Muay Boran, ist der Vorläufer des Muay Thai, des Kickboxens.
    Die Kampftechniken waren vor über zweitausend Jahren entwickelt worden. Sie
    sollen einen Krieger in die Lage versetzen auch nach dem Verlust seiner Waffen mit
    seinem Körper als Waffe weiterzukämpfen. Ziel ist es mit jedem Schlag ob mit Knie,
    Fuß, Ellenbogen, Schienbein, Hände oder Kopf ausgeführt, den größtmöglichen
    Schaden beim Gegner anzurichten. Die Schlagtechniken wurden mit den
    Angriffstechniken bestimmter Tiere verglichen und bekamen so ihre Namen.
    Während im Muay Thai bestimmte Schläge wegen ihrer Gefährlichkeit verboten
    wurden, ist im Muay Boran alles erlaubt und alle Waffen des Körpers auf jegliches
    Körperteil einsetzbar. Geschwindigkeit und Präzision sind dabei unabdingbar. Und
    ein gutes Auge für den Gegner, um an seiner Muskelspannung die nächsten Züge
    vorauszusehen.
    Diese Fähigkeit, so Og Ma, sei wichtiger. als die Wirkungskraft der eigenen Technik.
    Sie kenne Tischtennisspieler, die anhand der Rotation des Schriftzuges auf dem Ball,
    den Schnitt erkennen können und daher nur noch an sich selbst scheitern könnten.
    Jeder passable Kämpfer kann dich mit einem Schlag töten. Aber nur ein guter
    Kämpfer weiß auch den Zeitpunkt bevor es geschieht. Ein guter Kämpfer wird keine
    Kraft verlieren, keinen Schlag ansetzen und damit seine Deckung verlieren, wenn er
    nicht sicher ist, sein Ziel so zu treffen wie er es geplant hat.
    Oswald, der es unter den Händen von Og Ma noch nicht mal zu einem passablen
    Kämpfer gebracht hatte, aber ein gutes Einfühlungsvermögen besaß, winkte nur ab,
    wenn Tino ihn in der Anfangszeit seiner Ausbildung nervte, warum ihn Og Ma nie
    angreifen lasse und er immer nur ihre Bewegungen studieren müsse. Dann pflegte
    Oswald zu sagen: Es ist wie in jedem anderen Sport: die Lehrer lehren dich die
    Defensive, weil du jetzt nur offensiv denkst. Weil Du keine Phantasie hast, weil Du
    nicht oft genug ins Messer gelaufen bist. Also vertrau ihr, Tino, denn noch kann sie
    jederzeit über den Zeitpunkt deines Todes verfügen. Und solange sie das kann,
    solltest Du sie studieren. Diese Geduld fiel Tino schwer auch als Oswald ihm sagte,
    dass er selbst vielleicht ein oder zwei Attacken von Og Ma würde abwehren können,
    aber keine Chance hätte, sie erfolgreich anzugreifen, blieb Constantin überzeugt
    davon, schneller zu sein, als seine Lehrerin.
    Og Ma erkannte auch die Fähigkeit ihres Schülers.: Schnelligkeit. Schnelligkeit
    gepaart mit Respektlosigkeit. Sie musste aber an dem Jungen verzweifeln oder er an
    ihr. Denn sie hörte nicht auf, ihn in seinem letzten Jahr seiner Unterrichtung damit zu
    nerven, dass es ihm an Präzision fehle und er sich am Ende doch täuschen lasse.
    Du bist der schnellste aller Geparden, aber auch der, der zielsicher gegen den
    einzigen Baum in der Steppe laufen wird und du wirst den Baum nicht brechen
    können. Im Gegenteil, denn der Baum ist geduldig und ruhig und wird dich schon
    lange vorher bemerken.
    Als Constantin wegging, wussten beide, dass er neue Lehrer brauchte oder einen
    Schritt näher zur Spitze des Messers machen musste, um wieder Respekt zu
    bekommen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil er im Laufe des letzten Jahres Og Ma
    hatte schlagen können. Es war ihm sogar gelungen, sie ein oder zweimal wirklich zu
    überraschen. Kurzum: er war schnell, aber Og Ma nicht überzeugt.
    Vielleicht hätte auch Dida nicht den Ansprüchen von Og Ma genügt, aber Dida Diafat
    hatte gezeigt, dass er geduldig war. Diafat, Kind algerischer Einwanderer in
    Frankreich, ging mit achtzehn Jahren nach Thailand, stellte sich wochenlang vor den
    Eingang einer berühmten Kampfsportschule und bat um Aufnahme. Sein Talent,
    seine Schattenbox Einlagen, seine Demut und Geduld knackten schließlich die
    Schlösser der Eingangspforte. Und nach Einlass und weiteren drei Jahren später,
    1992, wurde er das erste mal Weltmeister. Als erster Ausländer überhaupt. Tino war
    fasziniert von diesem Werdegang. Er rechnete sich sogar größere Chancen aus,
    aufgenommen zu werden, weil Og Ma ihn Techniken gelehrt hatte, die zwar im Muay
    Thai verboten waren, aber in seinen Augen komplizierter zu erlernen waren. Die Tore
    jeder Kampfschule würden ihm doch von vornherein offen stehen?

    Javiers Prophezeiung


    Diese und ähnliche Gedanken bewegten Constantin mit seinen knapp achtzehn
    Jahren, als Oswald ihn eines Morgens fragte wann er denn endlich Prüfung hätte.
    Constantin wusste überhaupt nicht was in Oswalds Schädel vorging. Deine Pappe,
    man? Ich habe keinen Bock mehr, selber durch diese Baustelle von Stadt zu fahren.
    Also, wann können wir auf meinen neuen Fahrer anstoßen? Oswald flog aus allen
    Wolken als Javier ihm schonend beibrachte, dass der Junge noch nicht eine
    Fahrstunde gemacht hätte. Außer zwei, drei illegaler Spritztouren. Oswald war
    stinksauer auf Javier. Dann glühten Drähte. Drei Monate später hatte Constantin in
    Hamburg Prüfung. Besser gesagt, er konnte sich seinen Führerschein mehr oder
    weniger abholen. In der Zwischenzeit hatte Javier jede Gelegenheit genutzt, ihm das
    Fahren beizubringen. Er verstand sich mit Javier immer besser, der ihm auch
    anvertraute, dass die Geschäfte schwerer geworden seien.
    Die Dummen lernen, verstehst Du? Ich bin kein Autoverkäufer und Oswald auch
    nicht. Ich bin ein anständiger Taschendieb. Keine Autoputa. Ich gehe jeden Morgen
    zur Arbeit wie ein dummer cabron, ein Hurensohn. Während sich dein Onkel wie eine
    verruckte Madonna aufführt. Tino verstand aber nicht warum sie nicht wieder wie
    früher auf der Straße arbeiteten, und da wurde sein Freund noch ernster:
    Hast Du Deinen Onkel gesehen, Tino? Wie er aussieht, wie er sich bewegt? Seine
    Augen haben keinen Glanz mehr. Aber selbst wenn er noch der Bulle von früher
    wäre, ginge es nicht mehr. Wir haben unser Revier in Hamburg verloren in dem
    Moment wo wir weggegangen sind. Hier auf die Straße zu gehen, Tino, das kannst
    du dir aus dem Kopf schlagen.
    Als Tino wissen wollte warum, sagte Javier erst mal nichts, griff den Faden dann
    aber plötzlich wieder auf. Er sprach leise.
    Albaner, Bosnier, sie sind es, die hier jetzt herrschen, aber hinter ihnen kommen
    schon die Ukrainer und dann, er machte eine Pause, Ach, Oswald hat nur die fetten
    patos im Blick gehabt, aber nicht die granujas. Diese brezos, diese Heiden, sind
    Halsabschneider. Skrupellos. Sie würden uns rapido ihre Messer in die Rippen
    hauen bevor wir auch nur eine Mark verdient hätten. Sie haben keine Moral. Hörst
    Du? Es sind Heiden. Gottlose. Javier spuckte sogar aus und bekreuzigte sich, um
    seine Abscheu zu unterstreichen.
    Wer kommt dann, wer kommt nach den Albanern, den Ukrainern Javier?
    Dann kommt er, und Javier verzog keine Miene als er hinzufügte: el diablo.
    Javier hatte vollkommen recht mit dem was er über Oswald gesagt hatte: der Mann
    war ein Wrack. Wo früher Muskeln waren, waren jetzt Polster, statt Waschbrett ein
    Waschbecken als Bauch und sein gesundes blondes Flachshaar war grau und
    strähnig geworden. Aber seine Kleidung war extravaganter und teuerer geworden als
    früher. Sie kaschierte vor Fremden das Ausmaß des Raubbaus aber vor seinen
    Freunden konnte er es nicht verbergen.
    Die Spannungen mit Javier nahmen zu. Der Mann aus Havanna hatte die Schnauze
    gestrichen voll, Oswald leider nur seine Nase. Wenn der Schneehase, wie Javier ihn
    unverfroren nannte, seine Nase in die Bücher stecken würde, könnte er den
    Niedergang schwarz auf weiß sehen. Aber nur Oswalds Realitätsverlust und seine
    Beratungsresistenz wurde unübersehbar.

    Chancen


    Tino war froh, wenn er nicht bei ihm sein musste, dann konnte er trainieren oder
    ohne Ziel rumfahren. So wurde Autofahren zur einer weiteren Leidenschaft von ihm.
    Die Fahrten ohne Onkel waren wie kleine Fluchten.
    Oswald, der sich lang nicht mehr verrenkte seinen Kokain Konsum – ich bin nicht
    süchtig, Tino, ich konsumiere nur und gewinne Esprit – vor seinem Neffen zu
    verbergen, telefonierte Anfang 1995 wie ein Bekloppter im Fond. Er erkundigte sich
    nach der Form von Marco und ob etwas dran sei, dass er den WM-Kampf gegen den
    Engländer bekommen würde und wie die Quoten und wie die tatsächlichen Chancen
    wären. Schon die Verheißung dieses Kampfes elektrisierte Oswald. Sein
    Hauptgewährsmann für diese Infos war Ralf genannt Ralle. Immerhin hatte der es
    zum Hausverwalter des bekannten Produzenten zahlreicher fünfziger Jahre Krimis
    Alfred Schwarzer gebracht. Aber das war nicht seine Eintrittskarte ins Marcellos
    gewesen sondern seine Leidenschaft fürs Zocken.
    Ralf Dubinski, schlagfertig und ohne rechtes Bein, war einer der Vögel die im
    Marcellos saßen und zockten. Nicht selten sprach er von sich selbst als dem
    Paganini des Tischtennis und dass nur der blöde Motorradunfall schuld daran wäre,
    dass es nach München 1969 bislang keine weitere Einzelmedaille im Tischtennis für
    Deutschland gegeben hätte. Aber bei der nächsten von ihm selbst so genannten
    Krüppel-WM würde er dafür ganz vorne sein. Ralle war einer der ganz wenigen
    Personen, die bei beiden Brüdern gleichermaßen beliebt war und Informationen aus
    erster Hand besaß und Ralle mochte Oswald einfach. So sehr, dass er Oswald auch
    Geld lieh am Spieltisch.

    Ein neuer Schmeling


    Marco hatte ein Jahr zuvor einen neuen Trainer bekommen. Einen Ossi. Hans aus
    Gdansk und Marco begann zu trainieren. Ja, ja der Hans, der kanns, hieß es plötzlich
    erst scherzhaft, dann anerkennend am Zockertisch. Marco hatte auch ein Problem
    gehabt, denn er war mittlerweile auch seinen nationalen Titel losgeworden und stand
    plötzlich vor den Scherben seiner Karriere. Er bekam den Tipp von einem Hamburger
    Promoter sich diesen Hans – dessen Wurzeln in Danzig lagen – aber in einer der
    Boxhochburgen – Frankfurt Oder – erfolgreiche Arbeit leistete und auch schwierigere
    Fälle wieder hinzubekommen schien, als Trainer zu engagieren. Ein Erfolg mit Marco
    Marcello wäre eine perfekte Visitenkarte. Marco und Hans schlossen einen Pakt und
    Anfang 1995 verdichteten sich die Gerüchte, dass der Engländer Marco bei einer
    freiwilligen Verteidigung eine Chance geben würde. Allerdings würde der Kampf in
    der Höhle des Löwen stattfinden: Manchester. Und dass bedeutete Marco würde den
    Weltmeister umhauen müssen. Nach Punkten würde er nie gewinnen können. Hans
    hielt das für keinen Nachteil. Der Tommy wird sich zu sicher sein. Er ist selbstgefällig.
    Du, Marco, wirst die schwarze Serie brechen und der erste Deutsche sein, der
    wieder einen WM Gürtel im Ausland gewinnt. Auf die Frage, wer denn der letzte
    gewesen sei, antworte Hans aus Gdansk trocken: Max Schmeling.

    Befreiungsschlag


    Als der Kampf offiziell wurde, holte sich Oswald täglich die Wasserstandsmeldungen
    von seinem Kumpel Ralf. Trainingsarbeit, Gewicht und das wichtigste: kein Alkohol?
    Die Meldungen euphorisierten Oswald so sehr, dass er sogar vergaß sich die Nase
    zu pudern. Wenn er aufgelegt hatte, griff er von hinten Tino an seine Schultern und
    schüttelte ihn durch, dass der Mühe hatte das Auto auf der Straße zu halten.
    Das bringt uns wieder ganz nach vorne. Das saniert uns mit einem Schlag. Verstehst
    Du? Mit einem Schlag!
    Daran gab es nichts oder alles miss zu verstehen. Javier verstand es nicht. Absolut
    nicht. Die beiden Männer gingen sich aus dem Weg und brüllten sich nur übers
    Telefon an. Es ging Oswald darum, dass Javier bis zum Kampf alles zu Geld machen
    sollte, dessen er habhaft werden konnte und es auf den Deutschitaliener zu setzen.
    Javier hielt ihn für übergeschnappt und verruckt. Das Pulver habe Oswalds Gehirn
    aufgefressen. Wenn man in seine Augen blicke, dann sähe man den Schnee so
    rieseln wie bei diesen Winterzauber-Glaskugeln. Er würde alles ruinieren.
    Papperlapapp und Weichei, kommentierte Oswald Javiers Bedenken. Und
    irgendwann brach Javier ein und folgte den Anweisungen seines Chefs. Als er
    Oswald anrief, sagte er nur, er mache es, aber es sei das Letzte was er tun würde.
    Oswald war froh, dass er Javier überzeugt hatte, denn er hatte den Überblick über
    seine Konten schon längst verloren gehabt. Vor dieser Wühl- und Papierarbeit hatte
    er einen Horror gehabt. Es musste reichen, wenn er – das Genie – die Pläne
    ausheckt und sein General – Javier – sie umsetzte. Dieser Plan war sein bester seit
    langem: Alles auf Rot, alles auf Marcos Rechte. Als Constantin mitbekommen hatte,
    dass Javier Oswald folgen würde, beschloss er sich bei nächster Gelegenheit
    abzusetzen.

    Frankfurter Jungs – Der Tag vor dem Kampf


    In aufgewühlter Stimmung fielen die Freunde Marcos in Manchester ein. Die
    sogenannten Frankfurter Jungs waren auch dabei. Das waren fünf Zuhälter mit
    teuren Sakkos, aber bis zum glänzenden Bauchnabel aufgeknöpften Seidenhemd.
    Aber kein Sixpack wurde bloßgestellt, sondern ordinäre Feistheit und natürlich die
    unvermeidliche Goldketten. Die Frankfurter Jungs machten ihrem Berufsstand alle
    Ehre.
    Die Frankfurter waren beliebt bei Oswald, weil sie gerne ausgaben und immer
    Miezen dabei hatten. Oswald war begeistert. Er musste nicht arbeiten und selbst den
    Spaß nicht bezahlen. Javier blieb gegenüber der Truppe teilnahmslos, lächelte auf
    Aufforderung und ließ sich vollaufen. Er schien ein gebrochener Mann zu sein. Tino
    interessierte sich nur für den Kampf. Nur einmal musste er Oswald aus der
    Gefahrenzone bringen, als der sich an der Hotelbar mit drei Engländern gleichzeitig
    anlegen wollte.
    Beim Einwiegen der Kämpfer ein Tag vor dem Kampf hatte Tino für einen kurzen
    Moment das Gefühl gehabt, Oswalds Plan könne aufgehen. Marco war so
    durchtrainiert wie nie und wirkte entschlossener als Carl Hampston genannt The Cat.
    Am 10. Juni war es dann soweit und Tino bekam Gänsehaut, als die Fans in der
    Halle ihren Mann hereinriefen und als erstes einer der Betreuer hereinkam und in
    seinen Händen den Gürtel hochreckte. Es hatte etwas religiöses. Hinter dem Gürtel
    marschierte der Weltmeister. Er blickte nicht nach unten, sondern schien gelassen zu
    sein.


    Operetten Boxer

    Die Mädchenveranstaltungen von diesem Amateur Konrad – Conny – Fei, dem
    sogenannten König Konrad, waren bei ihnen allen – Fans wie Sportlern - verpönt.
    Hier in Manchester gab es keinen Showquark und keinen Kitsch und keine
    Trittbrettfahrer. Der jüngere Bruder von Marco, Mario, machte fast zeitgleich einen
    seiner besten Kämpfe gegen Fei. Mario marschierte im Ring und er zerbrach das Bild
    des guten Boxers Fei. Er demonstrierte Profiboxen und in jedem Profiboxkampf hätte
    er auch gewonnen. Aber die Amateure am Ring hatten brav die Schläge Feis, die
    zum größten Teil in Marios Deckung hängen blieben, als Treffer gewertet. Treffer, die
    aber zu keiner Dominanz oder Beherrschung des Gegners geführt hatten und die
    eher die Hilflosigkeit des Weltmeisters ausdrückten. Und als die Wand anfing
    zurückzuschlagen, Aufwärtshaken setzte und das Mädchen Conny Franzis – wie
    Herr Fei im Marcellos Inn nur gerufen wurde – durch den Ring trieb, da standen viele
    Fans der alten Schule voller Stolz vor Mario dem Kämpfer vor den Fernsehschirmen
    auf. In die Boxzirkushallen Herrn Feis verirrten sie sich nicht – sie gingen ja auch
    nicht in die Oper. Die Einlaufmusik Marios – Spiel mir das Lied vom Tod – bekam
    einen besonderen Nachhall.
    Der Kampf in Manchester, obgleich auch hier in großer Halle gekämpft wurde, stand
    in der Tradition englischer Box-Schule, dass heißt ohne Zirkus wie Showteil und
    gesungener Nationalhymne. Er sollte auch einer anderen Dramaturgie folgen.

    Der Kampf


    Mitte der fünften Runde passierte das Unglaubliche. Etwas was bis dahin noch nie
    vorgekommen war. Sicher hatte er schon Kämpfe nach Punkten verloren, einzelne
    Runden sowieso, aber zu Boden, zu Boden war Marco noch nie gegangen.
    Hampston, die Katze – Linksausleger wie Marco – hatte Ralph schwer mit seiner
    Rechten erwischt und Marco brach wie vom Blitz getroffen zusammen.
    Oswalds spürte wie sein Herz aufhörte zu schlagen. Er fühlte sich im freien Fall und
    der ganze Lärm war verschwunden. Er sah nur seinen Plan am Boden liegen. Aus
    und vorbei. Endgültig. Seine Nase juckte fürchterlich und er vermied es angestrengt
    zu Javier rüberzuschauen. Wie sollte es jetzt weitergehen?
    Tino war auch entsetzt. Er hatte die Situation genauso gesehen. Es war ein schwerer
    Wirkungstreffer. Die Situation war für Marco zweifellos neu und noch schlimmer war
    es aber, dass er bis zur fünften Runde auch schon deutlich nach Punkten hinten lag.
    Die Katze musste nur noch weglaufen und würde gewinnen.
    Javiers Mimik war unergründlich. Er nahm es scheinbar gelassen, dass der
    Strohhalm für ihn und Oswald gerade umgeknickt war. Tino vermutete, dass es
    Javier egal war was passierte, weil er mit dem Kapitel Oswald abgeschlossen hatte.
    Ihr Boxer rappelte sich wieder hoch, obwohl Ralf Dubinski geraunt hatte, der kann bis
    hundert zählen, der kommt nicht wieder. Erstaunlicherweise stand Marco sogar
    relativ sicher und nahm den Kampf wieder auf. Die Runde war erst halb vorüber. Und
    dann schlug der Blitz erneut ein. Aber dieses mal hatte es die Katze erwischt.
    Oswald und alle anderen in der deutschen Kolonie standen auf einmal auf ihren
    Stühlen am Ring. Es war die schnellste Wiedergeburt, die sie bis dato erlebt hatten.
    Es war nun ein offener Kampf. Ein Schlagabtausch wie ihn der Boxsport selten
    gesehen hatte. In Runde acht schickte Marco Carl erneut auf die Bretter. Der
    endgültige KO des Favoriten schien nur eine Frage der Zeit. Doch dieses mal
    konterte Carl kurz darauf und Marcello rettete sich schwer angenockt durch den
    Rundengong. Jetzt war es aus. In drei Runden würde er den Rückstand nicht
    aufholen können und nach zwei schweren Treffern vertraute keiner darauf, dass
    Marco noch genügend Saft im Arm hatte.
    Konstantin fiel aber auf, dass Marc immer noch in der Lage war mit seinem Trainer
    zu reden. Er hörte nicht was da gesprochen wurde. Aber nach diesem Kampfverlauf,
    hätte er erwartet, dass auch bei Marco der Trainer mit seinen Appellen nur noch das
    Unterbewusstsein seines Schützlings würde erreichen können. Aber Marco reagierte
    scheinbar klar und daher gab Konstantin die Hoffnung nicht ganz auf.
    In der zehnten Runde schlug Marco wieder zu. Die Katze ging nicht zu Boden, aber
    seine Mimik verriet, dass er schwer entnervt war und in der vorletzten Runde
    erwischte es ihn noch mal und dieses mal schüttelte es Carl fürchterlich durch und er
    landete wieder am Boden.
    Aber trotz dieser Treffer, trotz des letzten Niederschlags lag der Engländer immer
    noch vorne und alle erwarteten, dass er versuchen würde, sich über die Zeit zu
    retten. Nur wenig mehr als drei Minuten trennten ihn ja noch vom Titel. Etwas mehr
    als eine Runde. Nach dem letzten Niederschlag stand Hampston wieder auf,
    schüttelte den Kopf und schmiss das Handtuch. Er gab auf. Der technische KO war
    perfekt.
    Sicherlich war Hampston von diesem verbissen kämpfenden Deutschitaliener
    vollkommen entnervt gewesen aber es war vor allem eine Verletzung seiner rechten
    Schulter, die auch nur eine weitere Minute im Ring unmöglich machte.


    Regel Nummer Zwei


    Nach einer kurzen Sekunde merkwürdiger Stille in der verrauchten Halle, rastete die
    Fangemeinde Marcellos völlig aus. Alles lag sich in den Armen. Selbst die
    einheimischen Fans applaudierten fair und blieben bis zur Gürtelübergabe in der
    Halle. Nur Javier verließ wie fremdgesteuert den Ort des Geschehens. Konstantin
    hatte sich bewusst den Umarmungsversuchen Oswalds entzogen und sich am
    anderen Ende des Jubelnden Pulks aufgehalten.
    Als Oswald den stillen Abgang Javiers bemerkte, hatte er ein vernichtenderes,
    endgültigeres Gefühl als beim Niederschlag in der fünften Runde. Er sah gerade
    noch wie Javier in einem Aufgang verschwand. Erstaunlich geschmeidig löste sich
    Oswald aus der Gruppe und hastete seinem Geschäftspartner hinterher.
    Konstantin nahm sofort wahr, wie sich sein Onkel entfernte. Er war in den letzten
    Jahren auf diesen Körper und seine Bewegungen konditioniert worden. Konstantin
    hatte aber in diesem Falle weniger Sorge um Oswald als um den stillen Kubaner.
    Also versuchte er Oswald hinterherzulaufen, wurde aber im selben Moment heftigst
    von dem völlig enthemmten Ralf Dubinski umarmt und gedrückt. Er wollte den Kerl
    am liebsten einfach wegstoßen, aber Ralles Prothese, seine Behinderung machte
    Tino befangen. Als er Ralf halbwegs gesittet wegschoben bekommen hatte, konnte
    er gerade noch die Rockschöße Oswalds verschwinden sehen.
    Als er den Innenraum verließ, sah er weder link noch rechts im Umlauf Anzeichen
    Oswalds oder Javiers. Von innen hörte er wie der neue Weltmeister verkündet wurde
    und den Applaus. Er hastete verzweifelt die Gänge entlang und seine Befürchtung
    wurde größer, dass eine Katastrophe gerade passierte. Als er am Zugang C zum
    Innenraum und an einer weiteren Toilettentür vorbeilief, hörte er trotz des
    allgemeinen Lärms das Aufstöhnen eines Mannes. Javier. Er stürmte hinein. Onkel
    Oswald schlug zum wiederholten Male den blutüberlaufenen Kopf gegen die Wand
    und brüllte immer nur Warum?
    Lass ihn los!, schrie Konstantin unvermittelt. Oswald schreckte hoch. Den Kopf
    Javiers nicht loslassend.
    Weißt Du was er gemacht hat? Weißt Du was er geMACHT HAT?, brüllte Oswald ihn
    an und wollte den Kopf wieder gegen die Wand kloppen.
    Wenn du seinen Kopf noch mal an die Wand schlägst, bringe ich dich um.
    Oswald ließ ab, aber nicht los. Dieser Mistkerl, Tino, dieser kubanische Hurensohn
    hat nichts gemacht. Gar nichts. Er hat keinen einzigen Pfennig auf Marco gesetzt. Er
    hat überhaupt nicht gewettet. Noch nicht mal auf diese englische Schwuchtel. Ich
    habe dir gesagt, dass du niemals ein Wort brechen darfst. Niemals. Das war eine der
    ersten Regeln, Tino. Erinnere dich.
    Weißt du, Oswald, wohin du dir deine Regeln stecken kannst?, Konstantin holte ein
    kleines vergilbtes Oktavheft aus der Innentasche seines Sakkos. Ich habe sie immer
    aufgeschrieben, deine Scheißregeln. Alle. Für’n Arsch, sag ich dir. Alles für’n Arsch.
    Du hast alle Regeln gebrochen und du hast alles kaputt gemacht. Friss doch, deine
    scheiß Regeln, du Wichser., und dann rotzte Tino auf das Heft und schleuderte es
    achtlos in Richtung seines Onkels. Es schlidderte seinem Onkel bis fast vor seine
    blutüberlaufenen Schuhe. Onkel Oswalds Regeln für Konstantin stand in etwas
    ungelenker Kinderschritt vorne drauf. Oswald schien statt berührt, eher amüsiert,
    aber als er wieder aufblickte bekam Oswald Angst. Tino hatte seine Jacke abgelegt
    und war dabei sein Hemd aufzuknüpfen. Oswald sah, dass sein Neffe sich darauf
    vorbereitete ihn mit seinem Körper zu töten und er Oswald sah, dass dieser Körper
    dazu in der Lage war, dass er darauf trainiert war und er keine Chance haben würde.
    Der Gepard würde ihn killen.
    Tino, stammelte er, sei vernünftig. Sie buchten dich hier ein. Javier ist bewusstlos.
    Nur bewusstlos. Siehst du? Ich lass ihn los.
    Oswald löste seinen Griff und Javier sackte wie ein nasser Sack zusammen und
    dann ging hinter Konstantin die Tür auf und ein Rudel angetrunkener und
    volltrunkener Engländer schwappte mit einem Schlag in die Toilette. Konstantin
    zeigte noch kurz auf Oswald, es sollte ein Versprechen symbolisieren, dann
    schnappte er sich wieder Jacke und Hemd und wand sich elegant doch im Zweifel
    auch bestimmt durch die völlig bescheuert aus der Wäsche glotzenden Engländer
    nach draußen. Wie sein Onkel die Situation lösen wollte, war ihm vollkommen egal.

  • KaninchenDatum19.05.1970 09:44
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Kaninchen

    Ich spazierte wie so oft am See, auf dem Weg der sich ganz heimlich unter den Weiden am Ufern entlangschlängelte. Es war ein schöner Sommernachmittag auch wenn am westlichen Himmel ein schwarzgraues Band begann, das Himmelszelt düster aufzurollen. Mein Blick schweifte hinüber ans andere Ufer und da sah ich plötzlich ein Engelchen.

    Ein kleines Mädchen, flachsblond mit neckischen Zöpfen und wohl fünf Jahre alt, hockte am gegenüberliegenden Ufer wo auch der Spielplatz lag. Sie hockte vor dem Käfig in dem ihre Brüder Fußball mit einer handvoll Jungs, ja fast schon jungen Kerlen, spielten.
    Hin und wieder klatschte sie in die Hände und das Wasser des Sees trug ihr Stimmchen bis zu mir. Sie rief Marius, der war ihr ältester Bruder und sie rief ihn an, denn sie bewunderte und liebte ihn. Ob er auch gut Fußball spielte, ihr Marius? Der Kleinen wird es egal gewesen sein. Hin und wieder klatschte sie auch, wenn Raphael das Leder trat, denn der war ihr nächst älterer Bruder. Vielleicht bewunderte sie ja Raphael nicht so sehr wie Marius? Die Jungs werden sieben, fast neun Jahre älter als ihre Schwester gewesen sein und hin und wieder machten sie Gesten, zu ihrer Schwester, dass sie die Mannschaft ihrer Brüder und natürlich die Brüder selbst noch mehr anfeuern sollte. Dabei plusterten sie sich auf und schnitten ihr freundliche Grimassen und dann lachten sie alle herzensgut. Sie liebten sich ganz offensichtlich.

    Ein leichter Wind kam jetzt doch auf und mich fröstelte. Die Kleine hatte auch nicht soviel an, dass ihr warm sein konnte. Das sorgte mich doch sehr. Ein dünnes Hemd und ein kurzes Röckchen, dass sie ein ums andere mal hochziehen musste, dass es ihr nicht runterrutschte. Sie war nicht dick, vielleicht etwas pummelig, was sie nur noch niedlicher für mich machte. Sie freute sich und war beseelt. Ihre Welt war unschuldig und bevölkert von Helden wie Marius.

    Ich starrte ganz versunken auf ihre kleine Gestalt und achtete nicht auf den Weg am Ufer. So hörte ich, noch sah ich unglücklicherweise die dicke Kröte, die meinen Weg kreuzte und die ich zu meinem und ihrem Schaden unter meinen viel zu blanken Sohlen knapp begrub.
    Wie auf eisigem Grund rutschte ich da weg und eh ich mich recht versah, schlitterte ich die Uferböschung hinab und rutschte geradewegs in eine tückische Untiefe des Sees. Brusthoch stand ich mitten mal im Wasser. Vielleicht hätte ich geschimpft und geflucht und mich gleich aus dem See wieder raus geflüchtet, aber wie magisch zog es meinen Blick, wobei mir die tief ins Wasser hängenden Zweige der Weiden die Sicht erschwerten, zu meinem blonden Engelchen und sah sie zu meinem eigenen Entsetzen nicht mehr.

    Fort schien sie! Wie durch Geisterhand verschwunden. Die Brüder aber spielten immer noch und hatten anscheinend genauso wenig bemerkt, dass ihre Schwester nicht mehr am alten Platze war. Verzweifelt suchte ich sie mit meinem Blick am anderen Ufer und fand sie endlich an der Seite eines Mannes und war beruhigt.

    Ein netterer, älterer Herr in meinem Alter hielt sie an der Hand und führte sie vom Spielplatz weg in Richtung Bahndamm. Dort gab es doch immer noch die Kaninchenställe und sichere Überdachung auch bei heftigem Sturm? Sicherlich hat die Kleine dem Mann leid getan, denn sie wird gefroren haben. Der Himmel kündete schon von nahem Wolkenbruch und hin und wieder ging eine unangenehm kalte Brise. Ihre Zöpfchen und ihre Unschuld wird ihn angerührt haben und nun führte er den kleinen Engel in sichere Gefilde vor dem drohenden Gewitter.

    Tief atmete ich durch, wo ich nun sah, dass alles in der Ordnung war und fing erst jetzt an zu versuchen, mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Meine Füße standen auf keinem festen Grund. Wenn ich sie belastete, so schien es mir, drohte ich noch tiefer in den Schlick zu rutschen. Meine Arme aber konnte ich frei bewegen und suchte einen Weidenast zu erheischen, an dem, so hoffte ich, ich mich vielleicht herausziehen könnte. Nach wenigen Versuchen hatte ich einen ergreifen können und dennoch begann ich zu befürchten, dass die Lage brenzliger war als ich dachte. Denn der Ast schien nicht allzu viel auszuhalten. Bevor ich mein Glück versuchen wollte, bemerkte ich aus den Augenwinkeln, dass der Spielplatz und der Käfig mit den Fußballspielern leer war. Von meinem eigenen Rettungsplan ließ ich augenblicklich wieder ab. Nicht weit vom Ort ihres Spieles entdeckte ich sie und verfolgte gebannt die junge Meute wie sie in ihrer Schar von acht, neun Jungen, den Weg zum Bahndamm entlang hetzten.

    Etwas übel wurde mir, nicht nur weil eines meiner Beine unerklärlicherweise gegen einen Sog von unten arbeiten musste, als ob ich in Treibsand gefangen sei, sondern meine eigentliche Sorge und meine Übelkeit galt und rührte von der Tatsache her, dass die Jungen, die da ganz offensichtlich den beiden hinterher jagten, mir wie von Sinnen schienen. Gerade bei Raphael meinte ich einen besonderen Ausdruck des Zorns entdecken zu können.

    Bald hatten sie das Pärchen eingeholt und eingekreist, just in dem Moment als der schwarze Himmel zwar bedrohlich wirkte, aber alles wie in Öl getaucht stillzustehen schien. Nur der nette ältere Herr schien mir vor Angst zu zittern. Doch für einen langen Moment tat sich nichts. Mein Engel immer noch ohne Sorge und rein im Herzen, löste sich plötzlich aus der Hand des Mannes, trat einen Schritt zu Marius vor und ihr Stimmchen trug über den See, dass der Onkel ihr Kaninchen zeigen wollte und einen Unterschlupf, wo es wärmer und trocken wäre. Augenblicklich zerrte der ältere Bruder grob seine Schwester an seine Seite, zischte etwas zu dem Mann und war so ernst und voller Zorn, dass seine Schwester augenblicklich zu heulen begann. Je nun, da begann es auch schon leicht zu regnen und ich durfte nun nicht mehr zögern mich zuvorderst um mein eigenes Heil zu kümmern. Aber ich scheute doch sehr, die Bande da drüben um Hilfe anzurufen, gerade weil ich meinte noch zu erkennen, dass der Raphael zwar die ganze Zeit geschwiegen hatte, aber ganz offensichtlich sich kaum noch beherrschen konnte. Ein jähzorniger Junge schien er mir, der vieles aber auch viele Dummheiten wohl im Kopf hatte.

    Aber ich begann nun endgültig zu versuchen mich aus meinem eigenen Schlamassel zu ziehen und ich fühlte, an dem geringer werdenden Sog, dass mein Plan aufzugehen schien. Die Runde an der anderen Ufer Seite hatte sich auch aufgelöst und die Jungs mit ihrer Bande und der Kleinen gingen wieder Richtung Spielplatz und der alte Mann zu den Ställen.

    Leider traute ich mir durch den anfänglichen Erfolg zu viel zu und wollte mich mit einem jähen Zug am Aste herausziehen. Aber es folgte ein Fiasko. Der Ast rutschte wie nichts durch meine Hände und schürfte sie unnötigerweise auf und ich rutschte noch mehr hinein, ja, war sogar für einen kurzen Moment mit meinem Kopf unter Wasser. Schnell tauchte ich wieder auf – und wenn mich so jemand gesehen hätte, er hätte mich wohl für den leibhaftigen Wassernöck gehalten – und schüttelte mich instinktiv. Dabei geschah es, dass ich sah, wie Raphael einen metallischen Gegenstand zugesteckt bekam von einem älteren Jungen und Raphael schnurrstracks wieder wendete und wie eine Katze sich an den Mann anschlich. Ich traute meinen Augen nicht und es traf mich wie ein Blitz. Der junge Kerl kam unbemerkt in den Rücken des Mannes und – ohne zu zögern, ohne jedwede Form von Moral oder Scham – stieß er das Ding, das Messer, das er bekommen hatte dem Mann hinten durch den Schritt. Als ob es mich selbst getroffen hätte, ging ich wieder unter vor Schreck. Den Schrei des alten Mannes hörte ich sogar noch unter Wasser.

    Wild paddelnd schaffte ich es, meinen Kopf wieder über die Wasserlinie zu bringen und sah eine Traube Jungs, die sich um den Körper gestellt hatten und abwechselnd in ihn reinstießen oder mit Tritten misshandelten. Nur einer von ihnen, und es war nicht Marius, führte die Kleine vehement wieder zurück in Richtung Spielplatz. Hin und wieder aber blickte sich mein Engel um und dicke Tränen rannen ihre rosigen Wangen herunter. Ach, mein Engel, warum nur? Warum?

    Als ich instinktiv Seewasser ausspie, begriff ich und ich hoffte nun endgültig begriffen zu haben, wie ernst meine Lage war. Aber da ich mittlerweile sehr tief gesunken war, fassten meine Hände immer nur ins Leere und verfehlten stets einen rettenden Zweig. Obendrein musste ich noch mitansehen, wie, angeführt von den Brüdern, die Jungenschar den Körper des Mannes die Böschung hinunterschleiften und mir genau gegenüber in den See stießen. Das Blut, das überall an ihm klebte, bildete einen unwirklichen Kontrast zu dem Gewitterhimmel. Es war so seltsam, dass auch ich an meinem entfernten Ort den Eindruck hatte, das Wasser um mich herum würde sich rot verfärben. Natürlich wusste ich, dass sich das Licht im Wasser wie im Prisma brach und nur so die rote Färbung zu erklären war.

    Immer noch hatte ich keinen Ast erreicht und nachdem was ich beobachten musste, wagte ich nicht mehr, diese Mörder um Hilfe anzurufen. Der andere Mann war in die Tiefen des Sees gesunken und die Jungs waren abgezogen. Ich kämpfte noch verzweifelt, um einen Ast zu erwischen, kämpfte verzweifelt, meinen Kopf über Wasser zu halten und in dem nun starken Regen, gemischt mit Blitz und Donner, nicht vollends unterzugehen.

    Wie weiß ich nicht mehr. Aber es war plötzlich alles ganz leicht und ich lag erschöpft aber glücklich, dem Tode entronnen zu sein, am Ufer wo die Weiden stehen.


    So sucht mein Blick, wenn ich wie jeden Tag am See spazieren gehe, Dich.
  • AktionspotenzialeDatum19.05.1970 07:50
    Thema von Brotnic2um im Forum Kurzgeschichten, Erzäh...
    Prolog

    Meine einzige Erinnerung an die Zeit, als ich ein Kleinkind von vielleicht vier Jahren war, ist die, dass Mum mit einem vollbeladenen Tablett in der Hand vorüberging, es schaffte, mir, der ich traumverloren am abgeräumten Esstisch saß und malte, den Wachsmaler von der linken in die rechte Hand zu stecken. Vielleicht hat sie dafür das Tablett auch abgestellt, vielleicht auch Dad angegiftet, er solle mehr auf mich achten, denn vielleicht lag Dad schon satt und rund in seinem Sessel und spielte mit der Spieluhr. Und vielleicht betrachtete er versunken, die sich anmutig und verführerisch auf dem Teller drehende und Geige spielende Fee? Vielleicht.


    I.

    Sie sagte es mir, als wir in die neu eröffnete Shoppingmall fuhren, um die zur Eröffnung üblichen Sonderangebote auszunutzen. Ich hatte gerade die Schule beendet und war dabei, mich zu entscheiden, wie es weitergehen sollte.

    „Mum, wir müssen links abbiegen.“, dirigierte ich sie durch den dichten Verkehr.
    Mum nickte und fuhr rechts rum und ich bemerkte, dass ich auch rechts gemeint hatte. Aber wie konnte sie sich so sicher sein, denn wir fuhren in keinem uns bekannten Viertel?
    „Das ist alles meine Schuld.“, sagte sie plötzlich, ohne mich anzublicken.
    „Was ist deine Schuld?“
    „Deine Schwierigkeiten mit links und rechts und so.“
    „Was meinst Du?“
    „Ich habe Dich umgestellt. Von links auf rechts. Ich hatte gedacht, das würde es Dir einfacher machen.“
    „Wovon redest Du?!“

    Sie musste vor einer Kreuzung anhalten und blickte zu mir. Sie war nicht den Tränen nahe, aber sie sah mich so an, als wäre ich nicht ihr neunzehnjähriger Sohn, sondern ein völlig Fremder gewesen.

    „Von meinen Fehlern rede ich, hörst Du? Es tut mir leid. Ich dachte, dass es in einer Welt, in der vorrangig Rechtshänder leben, einfacher für Dich wäre, wenn Du nicht ständig umdenken müsstest, verstehst Du? Es leichter für dich wäre, wenn Du auch im Uhrzeigersinn ticken würdest.“
    „Du meinst richtig rum?“, fragte ich stutzig.
    „Ja.“

    „Dann bin ich eigentlich andersrum?“, grinste ich sie nach einer kurzen Pause an und war froh, einen Ausweg gefunden zu haben, dieses mir unangenehme und mir von meiner Mum unvermittelt aufgezwungene Thema beenden und das Gespräch in andere Gefilde lenken zu können.
    „Blödmann.“, lachte sie mich an. „Du und andersrum – pfff.“

    Und bevor Mum zu irgendwelchen Peinlichkeiten aus meiner Vergangenheit ausholen konnte, brach hinter ihr ein Hupkonzert aus. Ich nahm es zum willkommenen Anlass, mich umzudrehen und den nachfolgenden Rumhupern wilde Gesten zu machen und war erleichtert, als wir endlich weiterfuhren.

    Wir sprachen nie wieder darüber. Aber in der Nacht jenes Tages, an dem sie mir ihren Fehler gebeichtet hatte, starrte ich meine linke Hand an und fragte mich, was in ihr stecken mochte.


    II.

    Mir wurde in jener Nacht bewusst, dass linkisch und link Schimpfworte sind und dagegen die rechtschaffenen Begrifflichkeiten stehen. Ich erinnerte mich, weil Mum und ich, als wir noch im Dorf bei Großmutter lebten, jeden Sonntag in die Kirche gingen und viel aus der Bibel und anderen kirchlichen Büchern lasen und singen mussten, dass die Männer rechts und die Frauen links in der Kirche saßen. Wenn ich mir die Bildnisse von der Kreuzigung Jesu in Erinnerung rief, gewahrte ich, dass Jesus immer nach rechts schaute und dort die Besseren standen. Dort war Maria und nicht Johannes, dort war keiner verhüllt oder am Straucheln. Dort war das Licht und nicht der Schatten. Über der linken Schulter des Erlösers aber prangte der Mond und zu seiner Linken, auf der Seite, auf die er nicht sah, führten Höllenknechte Sünder in einen tiefen Schlund.

    Ich erinnerte mich, dass Großmutter Ingeborg immer tadelnd ihre rechte Augenbraue hochzog, wenn ich sie mit der linken Hand begrüßen wollte. Wir waren bald nach Dads Unfalltod – ich war gerade fünf Jahre alt geworden, als es passiert war – bei Großmutter eingezogen und blieben lange bei ihr wohnen.
    Generell war Großmutter nicht amüsiert, wenn ich mit meiner Linken agierte. Wenn Ingeborg ihren Mund zu einem Strich zusammenzog, dabei die Glieder ihrer schweren Perlenkette durch ihre faltigen Finger gleiten ließ und insgesamt zu einer Statue der Strenge gefror, bekam ich eine undefinierte, fürchterliche Angst vor dieser Frau und fing wieder an zu stottern.

    Meine Mum schämte sich lange wegen meiner Stotterei. Schnell hieß es im Dorf, ich sei zurückgeblieben. Was sich eben auch an meiner Sauklaue und Rechtschreibschwäche manifestierte. Ich wusste es besser und arbeitete an mir. Ich wollte nicht, dass Mum sich für mich schämte. Ich behielt zwar meine krakelige Schrift, aber ich bekam es hin, nicht mehr zu stottern.

    Aber wenn ich vor Ingeborg strammstehen musste, weil sie mich bei irgendetwas ertappt hatte und sie mich lange anschwieg und ich nur das Aneinanderklicken ihrer Perlen und das Ticken der großen Wanduhr hörte, bis sie mich endlich fragte, was ich mir denn dabei nun wieder gedacht hätte, da konnte ich nicht anders, als stotternd zu antworten. Aber es war kein Stottern aus Verlegenheit. Es war der Druck, richtig funktionieren zu müssen, den mich die alte Frau immer und immer wieder spüren ließ. Sie aber schien das zu amüsieren.

    Allerdings war keiner von uns beiden mehr amüsiert, als – da war ich zwölf - sie plötzlich in mein Zimmer gekommen war, während ich dabei war an mir herumzuspielen. Ich war wie erstarrt und wagte keinen Muskel zu bewegen. Hätte sie länger in der Tür gestanden, wäre ich wahrscheinlich erstickt.
    „DAS solltest Du wenigstens mit links machen!“, fauchte sie und ließ die Tür wieder krachend ins Schloss fallen.
    Die nächsten Tage und Wochen war ich wie paralysiert und schämte mich in Grund und Boden. Mum realisierte wohl, wie schlecht es mir ging und dass ich Großmutter, wo ich nur konnte, auswich und so war es ein glücklicher Tag, als wir ein gutes halbes Jahr später nach diesem Vorfall Ingeborg wieder verließen und unsere Zelte in der Stadt aufschlugen.

    Mum hatte über einen Bekannten, Onkel Kuki, einen Job in einer Zeitungsredaktion als Schreibhilfe bekommen. Wir hatten Großmutter seither nie wieder gemeinsam besucht. Ich glaube, sie hat ihre Mutter danach sowieso nur noch selten alleine gesehen oder gesprochen.

    Ich war und blieb auch in der Stadt der verbissene, kleine Junge. Ein Eigenbrötler mit wenigen Freunden, eher Bekannten als Freunden. Hin und wieder unternahm man etwas. Für Kino konnte ich mich immerhin begeistern. Alles andere, wo ich hätte mehr reden müssen – heute sagt man small talk dazu - war mir aber ein Graus. Insgesamt tat mir die Stadt aber gut. Erst war ich verstört von der Vielzahl der Menschen, aber ich begriff schnell, dass die allermeisten, denen ich begegnete, mich gar nicht wahrnahmen und ebenso wenig Interesse wie ich daran hatten, Kontakt zueinander aufzubauen. Nachdem ich das begriffen hatte, ging es mir besser.

    Ich schaffte den Sprung aufs Gymnasium und ich frönte einem Hobby: Aktionspotentiale. Ich liebte es, die Steinchen in von mir erdachten Welten aufzubauen und durch meine selbst konstruierten Apparaturen zu führen. Es bedarf einer ruhigen Hand und Präzision. Zwar ermüdete ich schnell beim Bauen, dass ich mit rechts erledigte, aber der optische und akustische Genuss, wenn die Steinchen in einem gleichbleibenden Stakkato fielen und die Befriedigung, wenn alle Steine gefallen waren, die waren mir jede Mühe Wert.

    Mum hielt es für extrem nervend, in einer kleinen Wohnung solche Domino-Landschaften aufzubauen und für total bescheuert, sein Wochenende damit zu versauen. Aber sie steuerte die teuren Steine bei und baute – unter genauester Anweisung von mir – auch selbst mit.

    Sie hatte es irgendwann aufgegeben, mich aus meinem Schneckenhaus rausziehen zu wollen. In meiner Pubertät hatten wir uns ein paar Mal über mein angeblich kaum zu ertragendes Desinteresse an allem Menschlichen gestritten. Aber bald schon kapitulierte sie: „Du bist so ein Sturkopf!“ und „ein elender, kleiner Rechthaber“. Damit beendete sie frustriert ihre Erziehungsversuche.

    Sie hatte viel auszustehen, als ich älter wurde. Daher versuchte ich stets, meine Mum nicht noch durch schulische Scherereien zu belasten. Ich wollte gut funktionieren. Es langte sogar zu einer guten Matura und unter Mitschülern und Lehrern zum zweifelhaften Ruf eines nervtötenden Diskutanten, der, wenn auch selten, aber wenn, dann beharrlich, immer und immer wieder auf einem einzigen Punkt herumreiten konnte. „Der Ja-Aber“, so nannten sie mich gerne. Aber es ging mir halt gegen den Strich, wenn eine Ausgangsthese ungenau formuliert und eine Diskussion schon dadurch falsch begonnen worden war. Entsetzlich.

    Aber mit Rechthaberei war es nun vorbei. Auf einmal war ich kein Rechthaber mehr, sondern ein Linkshänder geworden und mir fielen diese Kleinigkeiten an mir auf: Außer bei unserer Zeit bei Ingeborg, tauschte ich beim Essen sofort Messer und Gabel an ihrem Platz. Oder ich nahm Scheren grundsätzlich in die linke Hand. Zwar spielte ich kaum Fußball, aber wenn, dann spielte ich auf der linken Seite und warf mir jemand etwas zu, fing ich es mit meiner starken Hand auf: der linken. Die Linke war auch stets meine Schlaghand.

    All diese Kuriositäten gingen mir in jener Nacht durch den Kopf. Vielleicht nicht so konkret, aber vieles, was ich oder andere als Spleen oder Kuriosität abgetan hatten, schüttelte mich nun durch. Ich sah meine linke Hand an und fragte mich, wie viel von mir in ihr stecken mochte und was noch vergraben war. Schließlich machte ich das Licht aus und fand keine Ruhe mehr.


    III.

    Am nächsten Tag fasste ich einen heimlichen Entschluss: Von nun an wollte ich alles mit links machen. Nach nur wenigen Wochen stellte ich fest, welche Fortschritte ich gemacht hatte. Meine Schrift entwickelte und verbesserte sich. Mit jeder Zeile, die ich mit links schrieb, stieg mein Selbstbewusstsein. Jede Zeile, die ich schrieb, veränderte, ja befreite mich. Es ging wie von selbst, dass die Menschen mir auf einmal näher waren als je zuvor. Ich konnte mit ihnen über alles Mögliche reden und in einer Diskussion, die ich früher nur über Dinge, aber nie über Menschen geführt habe, verzichtete ich freiwillig auf das letzte Wort. Der Witz war, dass Anne überhaupt nicht mitbekam, dass ich dabei war meine Händigkeit wieder zurückzustellen. Natürlich lag es auch daran, dass ich wenige Monate nach meinem Entschluss, einen Studienplatz erhalten hatte und in eine WG in einer anderen Stadt gezogen war. So besuchte ich sie nur noch hin und wieder. Sie war aber glücklich, dass ich endlich aus mir herausgefunden hatte. Warum das so war, wollte sie nicht erkennen. Allerdings schockte ich sie noch einmal, als ich kurz darauf auch aus der Kirche austrat. Sie hielt es einen Monat lang durch, mich zu verstoßen, danach nahm sie den Hörer ab und redete mit mir und ich durfte sie auch wieder besuchen.

    Ich studierte zu dieser Zeit Architektur. Das Fach erschien mir damals goldrichtig zu sein. Es erforderte Pedanterie, Perfektionismus im Detail und war mathematisch anspruchvoll. Ich liebte den Bauhausstil und seinen Funktionalismus. Alles Überflüssige war dort gestrichen. Je mehr ich aber meinem neuen Steckenpferd – dem linken Leben – frönte, desto häufiger langweilte mich auch das Alte. Neugierig betrat ich neue Welten und war offener, etwas auszuprobieren.

    So nahm mich eines Tages ein Kommilitone zu einem Zeichenkursus der Volkshochschule mit, der neben Zeichenübungen auch Selbsterkenntnis versprach. Natürlich hatte ich in meiner Vergangenheit schon gemalt und gezeichnet. Recht passabel sogar, wobei ich mich ausschließlich auf das Abzeichnen konzentriert und mich für perspektivische Raffinessen interessiert hatte.
    Zwar hatte ich eigentlich komplett auf links umgestellt, aber bei den Zeichnungen in den Seminaren und Übungen für das Architekturstudium vertraute ich – weil es um Exaktheit ging - weiterhin der rechten. Der Volkshochschulkurs schien mir eine gute Gelegenheit zu sein, meine linke Hand weiter zu trainieren, um sie bald auch an der Uni einsetzen zu können.


    „Schließt bitte die Augen. Versucht alles um Euch herum zu vergessen. Macht Euren Kopf leer. Lasst Euch fallen. Leere ist der Beginn allen Schaffens. Wir wollen einen leeren Kopf, ein leeres Blatt.“ Immer monotoner werdend sprach die Lehrerin des Kurses weiter und ich ließ mich auf dieses Spiel ein.

    „Provoziert keinen Eindruck, provoziert keine Erinnerung. Sucht nichts. Lasst das Bild Euch finden.“

    In diesem Moment hörte ich den Klang von Dads Spieluhr und ich sah die fiedelnde Fee und wie sie sich im Kreis drehte. Ja, ich sah sogar ihr Gesicht. Es war meinem eigenen ganz nah, so als würde sie mich betrachten und ich stünde auf dem sich drehenden Karussell.

    Darauf hatte es die Kunsterzieherin und Meisterin irgendeiner fernöstlichen spirituellen Yoga-Tantra-Vertiefungslehre abgesehen - ein kräftiger Eindruck, ein Gedankenflash aus dem Nichts. Diesen Eindruck, sofern erfahren, sollten wir erst mit dem Herzen festhalten und ihn dann aufs Papier bannen.

    Meine linke Hand zeichnete das Gesicht der Fee. Meine linke Hand wusste, dass sie nicht links oben, in der Ecke anfangen musste, um zu zeichnen, so wie es die meisten Rechtshänder tun; stattdessen eroberte sie das Gesicht der Fee von der Mitte aus und malte wie in Trance.

    „Wow. Wer ist das denn?“
    Ich bekam erst gar nicht mit, dass Eric mit mir über mein werdendes Bild sprach.
    „Na sag schon. Ist das deine Freundin? Nee, dazu ist das Mädel auch zu jung. Warum hast Du eigentlich keine Freundin?“
    „Halt die Klappe, stell Dir nicht irgendwelche Fragen und mach mal einen Punkt! Ich weiß nicht, wer das ist. Das Gesicht war auf einmal da. Es war das Gesicht einer Fee.“

    Eric sagte nichts mehr und sah mich mit großen Augen an. Langsam wurde mir bewusst, was er da wahrscheinlich missverstand und ich entschloss mich, ihm die Geschichte von der Spieluhr zu erzählen. Aber irgendwie wollte er nicht verstehen.

    „Du erzählst mir, Dein Vater hat gerne mit einer Spieluhr gespielt? Und das Gesicht hier, ist das Gesicht einer Figur von der Spieluhr? Was für Drogen nimmst Du?“
    „Du hast doch echt keine Ahnung. Das ist es, woran ich mich erinnere und nun ist Feierabend. Schnauze voll!“
    Madame Yoga rauschte herbei und bat uns, doch nicht so aggressiv zu sein; wir würden die anderen stören.
    „Kein Problem, ich wollte sowieso gerade gehen.“, murmelte ich. Kurz entschlossen raffte ich mein Zeug zusammen, rollte das Bild ein und verließ die Szenerie.

    Schlechtgelaunt verbarrikadierte ich mich in meinem Zimmer in der WG. Nein, ich wollte nichts essen und ja, ich werde meinen Putzdienst morgen antreten. Ich war von den anderen so genervt wie damals, als mir jede Begegnung mit einem Menschen wie eine Prüfung erschienen war, wo ich mich immer zusammenreißen musste, um zu funktionieren. Ich atmete tief durch. Warum, zum Teufel, hatte ich mich so über Eric geärgert? Nebenbei holte ich das Bild aus der Tasche, rollte es auf, sah es an und wusste, dass Eric Recht und ich mich kindisch benommen hatte. Das Gesicht einer Puppe, einer Figur, sieht anders aus. Aber wer war sie?


    IV.

    „Du siehst schlecht aus. Hast viel zu tun, gell?“
    „Ja, es ist anstrengend.“, vor allem, wenn man sich - wie ich - nicht ausreichend mit dem beschäftigt hatte, womit ich mich eigentlich hätte beschäftigen sollen. Aber das sagte ich nicht. Noch nicht. Nach dem Projekt Selbsterfahrung durch Malen und Zeichnen hatte ich angefangen, mich mehr mit der Kunst und der Malerei zu beschäftigen als mit der Architektur und ihren zähen Grundlagen. Aus der Spielerei wurde Hobby, dann Leidenschaft, schließlich sogar – durch lukrative Nebenjobs - Broterwerb.

    Fakt war: Ich hatte keine Lust mehr auf Papiermodelle und hektische Bastelabende in letzter Minute, um Abgabetermine einzuhalten. Der Architekt und Baumeister in mir war gestorben, aber meine Bewerbungsmappe für einen Platz in einer Kunstakademie war stattdessen kontinuierlich gewachsen.

    An einem sonnigen Sonntagnachmittag wollte ich Mum bei Kaffee und Kuchen in meine neuen Pläne einweihen. Dazu hatte ich die Mappe mitgenommen, wartete aber auf eine passende Gelegenheit.
    Mum schenkte mir noch mal Kaffee nach und bemerkte ganz beiläufig:
    „Nun zeig schon her, was Du da in Deiner Mappe hast. Du hast doch was auf dem Herzen?“
    „Danke, Mum. Ich habe angefangen, zu malen und zu zeichnen. Das wollte ich Dir zeigen.“
    Mum war nicht erfreut. Sie war skeptisch. Ich machte auf dem Tisch etwas Platz und legte ihr meine Mappe hin.
    „Schau es Dir bitte an, bevor Du was sagst.“
    „Na, dann wollen wir doch mal sehen.“, sagte sie, löste die Haltegummis und wendete mit leicht zitternder Hand den Deckel. Mir fiel mit einem Mal auf, dass Mutter in den letzten drei Jahren mindestens zehn Jahre älter geworden war. Sie war eine alte Frau geworden. Ich war wie vor den Kopf gestoßen und nahm erst gar nicht wahr, wie sie auf die von mir geplante Überraschung reagierte. Denn das erste Blatt in der Mappe war ein Portrait von ihr. Zu jung, wie ich jetzt dachte.
    Sie hatte ihre rechte Hand vor dem Mund und sie weinte leicht vor Rührung, so sehr gefiel ihr, was sie sah.
    „Ist das schön. Danke. Und so gut gezeichnet.“, und ähnliches mehr flüsterte sie. Ihre Skepsis – was ihr Sohn da wohl mitgebracht hatte – war Rührung und Begeisterung gewichen. Als sie die Signatur bemerkte: „Meiner Mum.“, war es ganz um sie geschehen. Sie brauchte einige Minuten, um sich wieder zu sammeln und zu fangen.

    Sie blätterte. Wir plauderten. Diskutierten. Ob ich mir denn dieses Mal sicher sei? Ich nickte und gab mich auch selbstkritisch.
    Die Landschaftsmalereien beeindruckten sie nicht so sehr wie die Zeichnungen, die ich von meinen Mitbewohnern angefertigt hatte. Sie wollte wissen, wie alle heißen und interessierte sich vor allem für die Portraits meiner Mitbewohnerinnen. Wahrscheinlich hoffte Sie so, einen Blick auf ihre zukünftige Schwiegertochter werfen zu können.

    „Ich hätte nie gedacht, dass Du Gesichter so lesen kannst. Ich hatte schon vermutet, dass Du Dich nur mit Steinen und Dingen beschäftigen kannst. Und jetzt das.“
    „Du bist also einverstanden, wenn ich nochmal von vorn beginne, Anne?“
    Mit ihren großen, runden Augen und einem strahlenden Lächeln nickte sie mir zu, legte das vorletzte Blatt zur Seite und erstarrte. Jeglicher Frohsinn, jegliche Zuversicht, alle Liebe war mit einem Schlag aus ihrem Gesicht gewichen, als sie das letzte Bild sah.
    „Mum?“
    Sie reagierte nicht. Ich ließ ihr etwas Zeit.
    „Mutter?“, wiederholte ich zärtlich.
    Sie riss, als ob ich einen Befehl gegeben hätte, den Kopf zu mir hoch. Mit einem mir fremden Gesicht starrte sie mich an.
    „Du wagst es!“, schrie sie mich an. „Du wagst es! Du!?“
    „Mum! Was ist los?“, rief ich und hielt ihre Arme fest in meinen Händen. Sie war drauf und dran gewesen, mir ins Gesicht zu schlagen oder es mir zu zerkratzen.
    Statt mir zu antworten, spuckte sie mich an, riss sich los, floh in ihr Schlafzimmer und verbarrikadierte sich.
    Sie heulte wie ein Hund und brüllte immer wieder, ich solle abhauen, ich solle mich nie wieder blicken lassen. Ich sei ein undankbares Balg und hätte nichts verstanden.

    Minuten? Stunden? Keine Ahnung, wie lange ich noch geblieben war, wie lange ich versucht hatte, Anne irgendein vernünftiges Wort zu entlocken oder zu hoffen, dass sie wieder die Tür öffnete und mich nach Hause ließ. Denn sie war die einzige Heimat, die ich hatte. Aber sie war wie von Sinnen, am Ende sang sie sogar Kirchenlieder. Und wenn ich es wagte, vor ihrer verschlossenen Tür kniend, einzustimmen, dann schrie sie wie am Spieß und keifte, ich solle das Maul halten, ich hätte für alle Zeit mein Recht verwirkt, der Gnade des Herrn teilhaftig zu werden. Ich hätte mich doch schon längst anders entschieden.
    „Geh endlich weg! Geh weg.“, das war noch das Vernünftigste, was sie mir durch die verschlossene Tür zu sagen hatte. Irgendwann ging ich dann auch.


    V.

    Ein paar Tage später sah ich mich erstmals wieder bewusst im Spiegel an. Ich sah fürchterlich aus. Bis auf Eric hatten alle Bewohner der WG einen großen, aber rein zufälligen Bogen um mich herum gemacht. Das heißt, sie waren froh, wenn sie es vermeiden konnten, mich zu sehen oder mit mir reden zu müssen.
    Eric wagte es trotzdem, weiter nach meinem Befinden zu fragen, obschon ich ihm zu verstehen gegeben hatte, dass er für sein Seelenheil ein anderes Robbenbaby retten müsse. Aber statt beleidigt zu sein, hakte er weiter nach.

    Bald gab ich nach und erzählte ihm die Geschichte, die sich mit meiner Mum zugetragen hatte, und natürlich wollte er das letzte Bild in der Mappe sehen.
    „Das kenne ich doch, oder nicht? Das ist das von damals aus dem Kurs, oder nicht?“, fragte er mich leicht triumphierend.
    „Ja. Genau das ist es.“, antwortete ich etwas kleinlaut.
    „Ich finde, Du solltest rauskriegen, wer das ist. Vielleicht fragst Du mal Deine Oma oder so? Die lebt doch noch, oder? Hast Du mit mir eigentlich jemals über Deine Familie gesprochen?“
    „Eric, danke! Aber Du hast Recht. Ich werde etwas unternehmen.“

    Ingeborg aufzusuchen, kam mir natürlich nicht in den Sinn, aber als Eric darüber nachgedacht hatte, wer mir helfen könnte, das Geheimnis der Fee zu lüften, war mir spontan wieder Kuki eingefallen.

    Die Recherche nach Kuki war leichter als ich gedacht hatte. Seinen richtigen Namen kannte ich zwar nicht, aber sein Spitzname war selbst den Redaktionen ein Begriff, für die er nicht gearbeitet hatte. Kuki war schon in Rente, aber noch umtriebig genug, dass er häufig in seiner alten Redaktion vorbeischaute, in der Hoffnung, doch noch die ein oder andere Geschichte platzieren zu können. So erhielt Kuki relativ zügig die Nachricht, dass der Sohn einer alten Freundin ihn sprechen wolle.

    Mein Telefon klingelte. Ich nahm ab.
    „Was gibt’s?“, fragte mich eine ziemlich verrauchte, alte Stimme. Kein Zweifel: Kuki.
    „Das ist kompliziert.“
    „Versuchs in drei Sätzen.“
    „Ich habe meiner Mum ein Bild gezeigt, sie ist vollkommen ausgeflippt und hat mich verstoßen.“
    „Was für ein Bild?“
    „Eine Zeichnung. Genau genommen ist es eine Portraitzeichnung.“
    „Kannst Du mir das Bild faxen?“

    Ich konnte. Aber ich musste länger als eine Woche auf eine Antwort warten. Dann endlich rief er an.
    „Wir müssen uns treffen.“, begann er ohne Umschweife.
    „Weißt Du, wer sie ist?“, fragte ich.
    „Wir treffen uns, wir reden und alles andere ergibt sich.“
    „Und wo treffen wir uns ?“


    Eine halbe Stunde früher als ausgemacht war ich am Treffpunkt. Noch etwas früher war ich in meinem alten Dorf angekommen und hatte mich schon ausreichend gewundert, wie klein alles geworden war. Wie fremd mir alles erschien, die Schule, die Häuser und erst recht der eh nur selten von mir besuchte Spielplatz. Auch die Straßen schienen mir schmal und klein zu sein.

    Angenehm überrascht war ich, als ich Ingeborgs Haus entdeckte. Es war nicht nur klein, es war mickrig. Ich fragte mich, ob heute Ingeborg anfangen würde, zu stottern, wenn ich ihr plötzlich begegnete? Sie müsste noch leben, denn auf ihrer Beerdigung war ich nicht gewesen. Aber der Anflug von später Genugtuung verflog schnell wieder und statt dessen fragte ich mich, was aus der kleinen, alten Frau wohl geworden ist?

    Von Ingeborgs Bleibe sind wir jeden Sonntag zur Kirche gegangen. An der Dorfkneipe vorbei, die auch heute wieder zum Kegelabend rief, und ein Stück den kleinen Hügel hinauf, erreichten wir die irdischen Himmelspforten. Als Magnet, Mittelpunkt und Monstrosität ragte das romanische Prachtstück aus der dörflichen Optik hervor. Nein, lächerlich erschienen mir das Schiff und der Turm nicht, aber ich empfand weder Ehrfurcht noch flößten sie mir einen Schrecken ein. Kurz schaute ich hinein, ob Jesus noch am Kreuz hängt und fühlte mich bestätigt, dass hier alles noch am selben Platz stand und hing.
    Kurz nach meiner Stippvisite am Altar, befand ich mich am Treffpunkt. Zu früh und ohne Idee, warum Kuki mich ans Grab meines Vaters bestellt hatte, saß ich auf einer Bank vis-a-vis dem vergrabenem Vater. Ich hatte ihn nicht vermisst. Er war nur ein Bild, eine Figur, eine meist stumme Erinnerung. Und während ich mich auf der Bank sitzend fragte, welche Empfindung ich angesichts seines Grabes haben sollte, schlossen sich plötzlich alte, aber kräftige Hände von hinten um meine Schultern.

    „Wurzeln. Jedes Leben, jedes Schicksal hat Wurzeln. Da ist Deine Wurzel.“ Kukis Stimme war noch rauer als am Telefon. Ich wollte mich umdrehen, doch behände und mit Druck drehte er meinen Kopf wieder Richtung Grab.
    „Da liegt Paul. Und Paul ist Dein Vater. Aber Anne ist nicht der Name Deiner Mutter.“

    Ich weiß nicht, wie er meine Hände, meinen Kopf weiterhin kontrollierte, denn ich wollte einfach aufstehen, Kuki auslachen und anspucken, aber seine Hände waren überall und hielten mich und meinen Blick starr auf Dads Grab gerichtet.
    „Anne hat alles für Dich geopfert. Sie stand immer an Deiner Seite; sie hat sich für Dich verleugnet. Aber wenn Du nach Deinen unmittelbaren Wurzeln fragst, dann gehört Anne nicht dazu.“
    „Sag mir nicht, wer meine Mutter ist, sag mir, wer das auf dem Bild ist, oder lass es.“, erwiderte ich zornig.
    „Deine Mutter und Deine Schwester.“, antwortete er knapp und ließ mich los. „Ich konnte es Dir nur hier... ich hätte es nicht übers Herz gebracht, wenn Du mich angesehen hättest.“

    Eigentlich wollte ich aufspringen, wegrennen, flüchten oder wenigstens dem alten Sack eins in die Fresse hauen. Aber so, als hätte ich ein Bleigewicht am Hintern, eine unsichtbare Fixierung am Körper, blieb ich bewegungslos sitzen. Meine Schwester? Meine Mutter? Ich glaubte Kuki. Aber ich verstand es nicht und trotzdem wurde mir speiübel. Ich konnte meinen Blick nicht mehr von Pauls Grabstein lösen. Dieser Endstein war der letzte Anker meiner Identität Ich hätte mir einen lebendigeren und angenehmeren gewünscht.

    „Was ist mit ihr passiert?“, krächzte ich nach einiger Zeit und war froh, dass Kuki immer noch hinter mir stand und ich ihn nicht ansehen musste. “Nein, warte, warte. Vorher will ich wissen, wie sie heißt und wie alt sie ist?“
    „Auf jeden Fall war sie nicht alt genug. Wiebke war dreizehn, als sie Dich geboren hatte. Geschwängert hat er sie, als sie zwölf war. Missbraucht, seit sie gehen konnte.“ Der alte Mann hatte jegliche Selbstsicherheit verloren.
    „Woher weißt Du das alles?“
    „Als Paul seinen Unfall gehabt hatte, begann ich zu recherchieren. In so einem Dorf mit seinen bummelig siebentausend Seelen bleibt nichts verborgen. Aber es wird auch nicht alles öffentlich. Alles hintenrum und durch die kalte Küche oder mal eine besoffene Bemerkung am Dorftresen. Ich habe zugehört und mir den Unfall dann noch mal ganz genau angesehen. Es war kein Unfall. Du solltest meine Story werden.“
    “Kein Unfall? Hat Anne ihn umgebracht?“
    „Ja.“

    Mein Kopf war leer. Ein unbeschriebenes Blatt und doch vollgeschmiert mit Sudeleien, schließlich zerknüllt und in den Papierkorb befördert. Ich war noch nicht mal eine Story. Ich war gar nichts.

    Aber Kuki erzählte mir mehr. Er erzählte mir seine Story, ob ich sie hören wollte oder nicht. Im Angesicht des Grabes empfand ich nur noch, dass ich keine Geschichte mehr hatte. Ich horchte nur kurz auf, als Kuki erwähnte, dass Paul übrigens ein Linkshänder gewesen ist. Und Anne nach Pauls Tod ganz rigoros meine Händigkeit umstellte, um nicht auch dadurch an Paul erinnert zu werden.

    Wiebke sei mit sechzehn abgehauen, einen Tag nach ihrem Geburtstag. Er wisse nicht mehr, wie die Eltern Wiebkes Wegbleiben im Dorf erklärt hatten, aber er wisse aus seinen damaligen Recherchen noch genau, dass ihm immer alle unter vier Augen von der armen Anne und dem schlimmen Paul erzählt hatten:

    „Schlimm. Ganz schlimm. Das hat die Anne nicht verdient. Nee, das hat sie nicht verdient. Der Paul, der taugte doch nichts. Aber Du steckst da ja nicht drin, nicht? Und böses Blut will hier keiner und der Paul hat ja nun bekommen, was er verdient hat, nicht?“, zitierte Kuki mit angewidertem Ton nicht nur jene Menschen, die ich aus Schule und Kirche gekannt hatte. Ja, Kuki war besser im Bilde.

    „Warum hast Du diese ganze Story nicht als Reporter veröffentlicht? Wolltest Du auch kein böses Blut?“; den Sarkasmus meiner Frage überhörte er.
    „In gewisser Weise, ja. Vielleicht hatte ich mich in Deine Mutter verliebt? Auf jeden Fall tatet ihr mir leid.“ Seine Stimme wurde wieder brüchig.
    „Außer ihrem Namen, ihrem Alter und dem Zeitpunkt ihres Abschieds: Weißt Du noch irgendetwas über Wiebke?“
    „Nein. Wenn ich Anne – so wie Du jetzt - nach Wiebke fragte, machte sie gleich zu. Ich glaube, sie war und ist eifersüchtig auf Wiebke. Das ist krank, das weiß ich, aber ich kann mir ihr Verhalten sonst nicht erklären. Nur durch einen Zufall hatte ich ein paar Fotos von Wiebke bei Euch gefunden. Ansonsten hat Anne alle vernichtet.“

    „Außer dem Bild, das ich in meinem Kopf habe.“, antwortete ich nach einer Pause. „Danke, Kuki und tu mir jetzt einen Gefallen: Geh bitte.“

    Nach langer Zeit stummer Zwiesprache mit meiner verbliebenen Vergangenheit – dem Grabstein und einem Bild namens Wiebke in meinem Kopf, also meinen Wurzeln, wie der Journalist es ausgedrückt hatte - stand ich mit dem Entschluss auf, mein Leben hinter mir zu lassen. Über die Schulter blickte ich zurück, sah nur noch den Mond und zeigte ihm den Mittelfinger.


    VI.

    Es lässt sich nicht leugnen: Ich bin ein Linkshänder. Also blieb ich dabei, meine linke Hand zu benutzen und ignorierte die rechte. Egal für welche ich mich entschieden hätte, jede Entscheidung schien fraglich. Denn die rechte Hand war Annes, die linke war Pauls. Aber ich bin Linkshänder, also habe ich Annes Umpolung revidiert.

    Mittlerweile, gut und gerne fünf Jahre nach dem Friedhofsbesuch, weiß ich, dass eine Umschulung der Händigkeit wie eine Vergewaltigung ist. Es hat erhebliche Konsequenzen für die Persönlichkeit und die Identität. Aber so was scheint ja in der Tradition meiner Gene zu liegen: Vergewaltigung und Missbrauch.

    Immerhin bin ich freischaffender Künstler geworden, habe mir auf dem Amt für geringes Entgelt einen Namen gekauft, unter welchem ich nicht nur meine Bilder veräußere, sondern auch den Rest meines Lebens bestreite. Der Alias, der Avatar, ist mir zur Krücke bei jedem meiner öffentlichen Schritte geworden.
    Aber ich weiß, dass ich nicht dieser Phantasiename bin, dazu bin ich zu sehr der Sohn von diesem Paul. Und das ist leider nicht nur eine Frage der Linkshändigkeit. Sich wie van Gogh das Ohr abzuschneiden, wird mir wahrscheinlich nicht helfen.


    Epilog:

    Ich las: „Lehnen Sie sich zurück, schließen Sie die Augen und erinnern Sie sich daran, wie Sie heute morgen gefrühstückt haben. Lesen Sie nicht weiter, sondern konzentrieren Sie sich.“

    Ich folgte den Anweisungen und sah mich aus der Vogelperspektive von hinten, wie ich am Tisch vor meiner Kaffeetasse saß. Und dann las ich, dass ich genau das sehen würde, aber dieses Bild nie selbst habe sehen können. Es sei eine Illusion, denn mit Sicherheit sei niemand hinter mir gewesen, der diese Aufnahme hätte machen können.

    Da fragte ich mich, wer meinen Film, in dem ich der Hauptdarsteller bin, eigentlich dreht? Wer filmt meine Erinnerungen so, als seien sie von einem anderen und suggeriert mir, dass alles ich sei?
    ____________________________________________________________________
  • SpielenDatum19.05.1970 05:58
    Thema von Brotnic2um im Forum Zwischenwelten
    Spielen

    Wir zwicken und wir zwacken,
    wir schlagen und wir prügeln,
    wir umarmen und wir küssen.

    Wir sind Riesen, keine Zwerge.
    Wir versetzen alle Berge.
    Unsre Grenzen sind die Sterne.

    Ausgedampft und abgekämpft,
    rote Ohren, nasses Haar;
    die Welt ist offen: wunderbar.

    Dann geht sie zu - die Tür - und Nacht
    Ist es. Kein Licht und Feuer weit
    Und breit. Mein Herz ist still. Es ist

    Die Zeit wo ich dran denken muss,
    Dass ich ein Kind mal in mir trug
    dass ich für euch begraben hab.
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