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#1

Bewegung muß sein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 03.01.2010 20:14
von Joame Plebis | 2.407 Beiträge

Bewegung muß sein. Quietschfidel zog ich einige Runden um Häuserblöcke, obwohl Regen eingesetzt hatte. Ich bin kein Einzelfall, nicht nur nach mir schlagen die Tropfen, laufen über meine Brille und suchen vom Nackenhaar Zugang über das Genick zu meinen Körper, um den Rücken hinablaufen zu können. So weit wird es nicht kommen. Wenn mich die Berührung auch etwas gütig stimmt, mir schmeichelt - ich könnte mich als Auserwählter fühlen - so will ich doch diese Feuchtigkeit nicht ertragen. Ich will sie nicht die Wirbelsäule hinunter bis zum Bund meiner Unterhose laufen lassen, wenn es nach mir ginge. Aber mein Hemd ist bereits so durchnässt, es scheint auf der anderen Seite zu stehen, obwohl es mir gehört, Eigentum von mir ist, scheint es nicht solidarisch genug mit mir zu sein, um das zu verhindern.
Wozu habe ich einen Schal, den ich um den Hals binden kann, ganz enge? Er löst sich immer wieder, also mache ich einen guten gordischen Knoten, straff und fest, wie ich es in bei irgend einem Jugendverein gelernt habe. Welcher es war, weiß ich nicht mehr. Wichtig ist, er löst sich nicht und schützt vor dem zu einem strömenden Fluß angeschwollenen Regenguß, der an Stärke zugenommen hat. Durch die Brille kann ich nichts mehr sehen; ich stecke sie in eine Öffnung der Jacke und tappe im Dunkeln dahin. Eine Hupe erschreckt mich, färbige Schlieren sehe ich an mir vorbeiziehen. Bums! Ich lief gegen eine Laterne, gegen die der Sturm peitscht. Benommen konnte ich die Baustelle erkennen, dessen Sicherheitsumzäunung hinweggefegt war.

Endlos schien mir das Schlittern beim Hinabrutschen in das beachtlich große Wasserloch, das sich gebildet hatte. Stehen konnte ich nicht mehr, sehen auch kaum noch etwas. Ich bemühte mich, meine Schuhe abzustreifen, was mir auch gelang. Der Erfolg war gering, lange würde ich mich nicht mehr über Wasser halten können. Meine Rufe wurden zu einem gurgelnden Geräusch. Vorbeifahrende Autos schwappten lehmige Brühe über mich und Pfastersteine rutschten nach. Aber mein Kopf war noch frei, wenn ich auch mit meinen Händen nichts als Wasser zu fassen bekam und die Jacke zentnerschwer an mir zog. Kritisch wurde es, als ich in diesem wassergefüllten Loch, das voller Eisenträger und Stahlseilen war auch Rohre ertastete. Eines hatte mich seitlich geschrammt und meine Jacke an der Schulter durchbohrt. Regelrecht aufgespießt war ich. Verdammt, irgend wer muß mich doch hören.
Immer wieder wartete ich, bis mein Kopf aus dem schlammigen Wasser auftauchte, dann schrie ich. Kläglich muß sich das angehört haben neben dem Verkehrslärm und quietschenden Bremsen. Die gute Stadtverwaltung, auf die ist doch immer Verlaß. Irgend wer dürfte so klug gewesen sein, sie zu alarmieren, weil dieses Loch doch eine gewaltige Gefahrenquelle darstellte. Ich hörte sie schon herannahmen, vermutete zumindet, daß sie es waren, wer hätte sonst so einen höllischen Lärm machen können als der Dieselmotor ihres Einsatzfahrzeuges? Ich konnte noch erkennen, wie sich die Baggerschaufel hob - da werde ich wohl gleich befreit sein aus meiner mieslichen Lage - so dachte ich.

Zuschütten! Das war der Ruf den ich vernahm. Steine, Sand, Erdreich, alles kam tonnenweise herunter, genau auf mich. Aber irgend ein schlauer Kopf muß doch mitgedacht haben oder einen Haarschopf von mir erblickt haben, denn wie hätten sie mich dann rausbekommen.
- Fein säuberlich lag ich auf einem flachen Tisch. Jemand diktierte '... und unzählige Schrammen nebst Wasser in den Lungen. Würgemerkmale am Hals. Eine Fremdbeteiligung kann nicht ausgeschlossen werden. Der Jugendliche war mit einer zerschlissenen Jacke bekleidet und offensichtlich mit seinem eigenen Schal stranguliert worden. Warum er ohne Schuhe zu dieser Jahreszeit unterwegs war, ist ungeklärt. Es kann vermutet werden, daß der Auffindungsort nicht der Tatort ist. Nach Feststellung seiner Identität werden die Angehörigen benachrichtigt.'

zuletzt bearbeitet 07.01.2010 11:41 | nach oben scrollen

#2

RE: Bewegung muß sein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 04.01.2010 16:28
von hans beislschmidt | 104 Beiträge

Hey Joame,

eine beispielhafte Geschichte über die Verkettung unglücklicher Zufälle. Ich hab das sehr flüssig gelesen und du hast die Pointe zum richtigen Zeitpunkt gesetzt. Übrigens ist das gar nicht so weit hergeholt, ist doch im letzten Jahr ein kompletter Bus auf diese Weise verschwunden.

Zitat
Aber irgend ein schlauer Kopf muß doch mitgedacht haben oder einen Haarschopf von mir erblickt haben, dann wie hätten sie mich dann rausbekommen.



hier sollte es sicher heißen: denn wie hätten sie mich sonst herausrausbekommen?

Gruß vom Hans

zuletzt bearbeitet 04.01.2010 16:31 | nach oben scrollen

#3

RE: Bewegung muß sein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 04.01.2010 21:59
von Joame Plebis | 2.407 Beiträge

Guten Abend, Hans!

Dir kann man kein a als e anbieten, danke für Deine Aufmerksamkeit.
Wie ich auf die Idee kam, so ein Geschichtchen zu schreiben, weiß ich kaum noch. Vielleicht war die schreckliche Vorstellung bei diesem eiskalten Wetter mit im Spiel; trotzdem habe ich das Eis weggelassen. Ich glaube, noch viel lernen zu müssen, ehe ich ein Buch beginnen kann; dabei könnte ich mir so gut vorstellen, wie ich Autogramme gebe. für alle Fälle werde ich meine Signatur weiterhin üben. Danke fürs Lesen!

Freunlichst
Joame

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#4

RE: Bewegung muß sein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 17.01.2010 12:29
von mcberry • Administrator | 1.036 Beiträge

Hallo liebe Dichter, alle miteinander,

das ist eine der Geschichten, wie sie mir wirklich gefallen. Es bleibt lebendig von der
ersten bis zur letzten Zeile. (Habe ich jetzt etwas Dummes geschrieben? - Egal....)
Strangulation lt. Lexkon:
"Abschnürung eines Organs, Gefäßdrosselung bei Erhängen, Erwürgen."
Hatte mich irritiert, denn manchmal steckt die Tücke im Detail: Einmal gut geknotet,
kann der Schal nicht immer noch fester angezogen werden.
Aufhängen läßt sich aber machen. Erhängen funktioniert eigentlich über einen hohen
Genickbruch, durch den plötzlichen Ruck, weswegen ich die Stelle mühsam fand, was
aber nur in der ungenauen Wortdefinition begründet liegt.
Krimifans kommen heutzutage technisch versiert daher und nehmen Texte in der Sache
auseinander. Irgendeine Kleinigkeit und schon spezialisiert sich jmd auf den Verriß.
Aber hier stimmt die Story.
Man sieht dich schon nach der Lesung signieren, Joame, keine Frage. LG mcberry


zuletzt bearbeitet 17.01.2010 14:45 | nach oben scrollen

#5

RE: Bewegung muß sein

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 13.02.2010 23:08
von Joame Plebis | 2.407 Beiträge

Schon wieder muß ich ein Dankeschön sagen. Leider verspätet, da ich nicht mehr mit einem Kommentar rechnete. Ich spreche es gerne und zugleich verwundert aus, weil ich bestimmt kein Prosaschreiber bin. Wenn ich nachdächte, fiele mir keine Zuordnung ein.
Also kann ich auf Grund Deiner guten Kritik hoffen, einmal noch etwas zustande zu bringen? Das wäre schön, aber auch mühsam. Mir schwebte dann das Schreiben meiner Biografie vor, vielleicht unter dem Titel 'Das unglaubliche Dasein des unseligen XX' oder so ähnlich. Ich stocke schon immer wieder bei der Geburt, mit der ich beginnen will, denn da gab es die erste Ansammlung unglückseliger Zufälle. Düster und betrüblich setzte es sich fort mit einer Anreihung von Unglaublichkeiten, daß es wie eine humoristische Groteske anmutete. Da Schreiben ohne Gefühl und Wiedererleben der Situation kaum geht, müßte ich mir das gewaltig überlegen, ob ich mir das antun will. Ich könnte ja etwas anderes versuchen; jedenfalls hast Du mir Hoffnung gemacht. Danke dafür!

Freundlichen Gruß
Joame

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