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#1

Über Halskrause - Kunstverständnis und Bananen

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 01.04.2013 23:49
von Joame Plebis | 3.476 Beiträge | 3363 Punkte

Die Gedankenwanderung die mit Halskrause und Rachenptuzer betitelt wurde gibt es in diesem Forum. Da kommt die fast unaussprechliche Betitelung eines Muschelwasserschlürfers vor.
Dieser Gedankenflug endet mit den Zeilen, die als eigenständiges Gedicht stehen könnten:

Es kommt die Zeit, in der wir uns noch sprechen,
die Worte werden fließen wie vom Fass.
Wir werden mit dem Menschsein endlich brechen,
entfliehen diesem zähen Sumpf voll Hass.


Doch es geht nicht um diese letzten tiefschürfenden Zeilen,
eher um die Nachvollziehung von Gedanken. - Jetzt bin ich endlich auf den Punkt gekommen.

Viele absurde Dinge soll es geben. Erst unlängst hörte ich mir einen Vortrag über die Zweckmäßigkeit einer anzuordnenden Kopftuchpauschale an. Ein andermal besuchte ich ein Tatoo-Studio, das sich auf optische Mundvergrößerungen spezialisiert hat. Natürlich wird der Mund nicht größer, nur der Anschein erweckt, indem lippenfarbene Tätowierung die Mundwinkel auf jeder Seite um ca. ein bis zwei Zentimeter verlängern. Möglichst soll die 'Erweiterungslinie' horizontal geführt werden, um dem dann Verunstalteten nicht den Ausdruck zu verleihen, er würde immer lachen oder die Mundwinkel ständig hinunterziehen. Das wäre auf keinen Fall gut.

Nachdem ich viel umherkomme, blieb mir nicht verborgen, es soll Bananenpflücker geben, die belesen und kunstbeflissen sind. Man stelle sich das vor.
Alleine schon auf welche Art ein Bananenpflücker, den die Muse beschlagnahmt hat, zur Bananenstaude greift. Das wird wahrscheinlich eher eine sanfte Geste sein, voller Gefühl und Zärtlichkeit. Womöglich werden dabei die Räuber zitiert oder ein Teil aus Aida gesungen. So ist es doch bei Kunstbeflissenen oder? Ich stelle mir das so vor.

Richtig Bananen gepflückt habe ich noch nicht, obwohl ich mich als solcher zu bezeichnen wage, denn nirgendwo ist der Ort vorgeschrieben, von wo gepflückt werden muß. Im Supermarkt, wo ich vor mir einen mächtigen Berg Bananen zusammengewachsen vor mir sehe, eben, so wie sie frühreif geerntet wurden, pflücke ich mir eine oder mehrere herunter. Genausoviel wie ich brauche. Somit bin ich doch schon ein Bananenpflücker? Es darf aber niemand behaupten, ich hätte kein Kunstverständnis.

Das Kniffelige an der Sache ist, wenn jemand davon erfährt (obwohl ich bezahle - für die Bananen natürlich). Es genügt, dass derjenige, der weiss, dass ich Kunstverständnis habe, das auch mitteilt.
Wenn das geschieht, ist es haarscharf an der Grenze. An welcher weiß ich nicht. Aber es ist ein ungutes Gefühl, hart an der Grenze zu sein. Warum? Weil einer weiß, dass ich Bananenpflücker bin und mir Kunstverständnis zugestanden wird. So einfach ist das.


Das Glück liegt dicht neben dem ersten Schreck, denn es ist auch bekannt, dass es viele belesene und kunstbeflissene Bananenpflücker gibt. Somit komme ich gerade noch irgendwie gut davon. Glück gehabt! Hat mich das Kunstverständnis gerettet oder die Bananenpflückerei oder beides oder die vielen anderen, die so wie ich sind und während des Bananenpflückens ihr Kunstverständnis zum Ausdruck bringen, das somit bekannt wird.
Das könnte die Lösung sein. Alleine durch diese Überlegungen läßt sich erahnen, wie gut es ist, Kunstverständnis zu haben, auch wenn bei mancher 'Kunst' jegliches Verständnis fehlen kann.

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#2

RE: Über Halskrause - Kunstverständnis und Bananen

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 02.04.2013 08:19
von Gemini • Long Dong Silver | 3.067 Beiträge | 3067 Punkte

Du kannst ja richtig gemein sein!
Guter Text und sehr gut geschrieben finde ich.

Gem


Über mich erzählten sie endlose Schrecklichkeiten und Lügen, dass einem schier die Phantasie platzen wollte. Offenbar stärkte es sie innerlich, derart über mich herzuziehen, es brachte ihnen Gott weiß welche Art Mut, den sie brauchten, um immer erbarmungsloser zu werden, widerstandsfähiger und regelrecht bösartig, um durchzuhalten, um zu überstehen. Und auf diese Weise schlecht zu reden, zu verleumden, zu verachten, zu bedrohen, das tat ihnen ganz offenbar gut.

L.F Celine

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#3

RE: Über Halskrause - Kunstverständnis und Bananen

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 02.04.2013 20:09
von mcberry • Administrator | 2.765 Beiträge | 2470 Punkte

Ja, dem Text ist Aktualität nicht abzusprechen, Joame.

Vertretern der Gattung B.pflücker begegnete ich, als sie sich einer Milieustudie wegen in meinen Kreisen (Papiertiger, Schreibtischtäter usw.) bewegten. Da konnte ich schließlich nicht nein sagen und ließ mich auf die Beantwortung eines statistisch relevanten und strikt anonymisierten Erhebungsbogens ein. Ziemlich viele Fragen zwar.

Aber im Gegenzug erzählten sie mir, daß sich ihr Kunstschaffen, denn sie sind nicht nur eifrige Rezipienten, sondern auch kreative Vertreter der Eat Art, bisslang nicht durchsetzen konnte. Anders als z. B. international zu Ruhm gelangte Beuyssche Fettecken - bis auf die eine, von der Putzfrau versehentlich entsorgte, wobei, wenn ich es recht bedenke, diese sogar die allerberühmteste ist - lösen sich sorgsam aufgebaute Bananenskulpturen immer wieder in kürzester Zeit auf.

Auch kunstvoll geschichtete Hütten mit Schauvolk litten unter Schwund, so daß schließlich Bewohner ohne Bananenröckchen vor einem schmatzenden Publikum stand. Außerst beschämt, zumal B.pflücker verantwortungsbewußt und feinsinnig des Kulturschocks bedenken, den ihre Exponate beim staunenden Publikum auszulösen vermögen, berieten sie sich und befanden, Europäer seien zur Betrachtung ihrer mit archaischen Elementen durchsetzten zeitgenössischen Kunstproduktion moralisch nicht gerüstet. Seitdem füttern sie uns einfach ab und basta! - Ja so war das. Hg - mcberry

zuletzt bearbeitet 02.04.2013 20:15 | nach oben

#4

RE: Über Halskrause - Kunstverständnis und Bananen

in Kommentare, Essays, Glossen und Anekdoten 06.04.2013 01:40
von Gedichtbandage • Mitglied | 531 Beiträge | 525 Punkte

joame - wunderbar subtil-skurriles geschwafel!

gern gelesen, wie auch

mcberrys feingeistig-reflektierende schrubbelei dazu!

:-)

hg
gb.


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Du versuchst deine Leser zum Denken zu zwingen.<< - E. E. Cummings zu Ezra Pound
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