http://www.E-LIEratum.de
#1

Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 06.05.2018 18:26
von Artbeck Feierabend | 103 Beiträge | 52 Punkte

Oread / Hilda Doolittle (1886 - 1961)

Whirl up, sea—
Whirl your pointed pines,
Splash your great pines
On our rocks,
Hurl your green over us—
Cover us with your pools of fir.


Oreade / Hilda Doolittle (1886 - 1961)

Wirbel, Meer—
Wirbel deine spitzen Zirbelkiefern,
Ergieße deine großen Kiefern
Auf unsre Felsen,
Schleudere dein Grün über uns—
Bedecke uns mit deinen Pfuhlen aus Föhren.

zuletzt bearbeitet 06.05.2018 18:32 | nach oben

#2

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 07.05.2018 12:17
von mcberry • Administrator | 2.568 Beiträge | 2470 Punkte

Schwungvolle Zeilen, Artbeck,

gelungen in Sprache und erzeugten Bildern. Deine Übersetzung betont den lyrischen Aspekt und überzeugt.
Für Splash in Z3 wäre ein Spritzen drin gewesen. Gießen ist zwar anmutig aber ziemlich zahm.
Eine alternative Schußzeile: Teiche von Tannen(nadeln) - grenzt an ungewollte Komik. Da zieh ich Föhren vor.

Nix übertrifft das Meer, seine Strände und Böschungen. HG - mcberry

Wikilink: oreaden


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#3

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 08.05.2018 05:59
von Alcedo • Mitglied | 2.477 Beiträge | 2351 Punkte

Zitat von Artbeck Feierabend im Beitrag #1
Oreade / Hilda Doolittle (1886 - 1961)

Wirbel, Meer—
Wirbel deine spitzen Zirbelkiefern,
Ergieße deine großen Kiefern
Auf unsre Felsen,
Schleudere dein Grün über uns—
Bedecke uns mit deinen Pfuhlen aus Föhren.


ein sehr schönes Klanggedicht ist das, Art. eine Ode an die berauschende Schönheit uriger Bergwälder.
Vielen Dank für die Präsentation. kannte sie beide noch nicht, weder Ode, noch Autorin.
https://en.wikipedia.org/wiki/H.D.

in deiner Übertragung gefällt mir des Fließende und Dynamische. am schönsten ist mir da deine Grün-Zeile.
in meiner Version versuchte ich die starken männlichen Kadenzen zu halten, sowie möglichst auch die Hebungen am Kopfe der Zeilen.

Gruß
Alcedo




Oreáden

Wirbele Meer -
wirbele deinen spitzen Tann,
zerstäube deinen mächtigen Tann
auf unsrem Fels.
Schleudere dein Grün über uns -
decke uns ein mit Unmengen Flaum.

.
# hülle uns ein mit Unmengen Schaum.
.


e-Gut
zuletzt bearbeitet 08.05.2018 06:04 | nach oben

#4

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 09.05.2018 00:06
von alba | 456 Beiträge | 404 Punkte

@artbeck das ist ein interessanter text
weil die zeilen einfach daherkommen aber dann sind sie es nicht wie die Diskussion hier zeigt.
drum find ich es gut das du sie eingestellt und vorgestellt hast ich kannte doolittle noch nicht.

@alcedo meere flaumen nich eisvogel glaubs mir

allenfalls schäumt es was aber unmengen schaum wären ganz gräßlich während flaum was hat
da binnich voll mit dabei. verse machen die kleinkrämerischen hilden neidisch wie die nereiden.

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#5

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 10.05.2018 20:55
von salz | 130 Beiträge | 107 Punkte

Einen wunderschönen Abend allerseits!

Wie ihr das diskutiert finde ich ermutigend. Verschiedene Interpretationen eben.
Ob Meere flaumen können?

So ein Quallen - oder Algenzeugs hat schon Küsten breit überschwemmt und ist dabei ziemlich ausgeflockt.
Wenn der Plastikanteil jetzt überall zunimmt könnte sich die Eisvogel Version noch als prophetisch erweisen.

Aber es ist anders aufzufassen: Man nennt das, meine ich verstanden zu haben, eine lyrische Überhöhung von
Wortbedeutungen. Also wenn die Nymphen mit grünen Tannen schon nicht in der Realität zusammenpassen,
dann kann das Meer auch sonstwas tun. Es ist eine rein symbolische Sprachebene. Der Übersetzer will neben
Inhalten auch den lyrischen Impuls erfassen. Aber ich lerne noch und ihr seid hier die Spezialisten. Salzige Grüße XXX

zuletzt bearbeitet 10.05.2018 20:55 | nach oben

#6

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 13.05.2018 00:25
von Artbeck Feierabend | 103 Beiträge | 52 Punkte

Guten Abend zusammen!

Ganz herzlichen Dank für eure bereichernden Vorschläge und Lesearten! Es macht Laune, an euren Sichtweisen teilzuhaben!

@mcberry: Du hast den Fokus genau auf diejenigen Begriffe gelegt, deren Übersetzung in eine deutsche lyrische Entsprechung mir am meisten Schwierigkeiten bereitet haben: "Splash" und "pool"
Ein Spritzen, so wie du es vorschlägst, klänge gut und wäre ein Echo von "spitzen Zirbelkiefern" - deswegen behalte ich es gerne im Hinterkopf; beim Splashen habe ich allerdings größere Wassermassen assoziiert, deswegen das Ergießen...vielleicht müsste es aber etwas mit Strömen oder Gischt sein (da passt Alcedos "zerstäube" auch sehr gut zu Letzterem...). Vielen Dank für dein Lob und deine Kritik!

@Alcedo: Vielen Dank auch dir, besonders für die Darstellung deiner ganz eigenen eleganten Version - an ihr gefällt mir die größere klangliche Konsequenz (begründet mit den männlichen Kadenzen und den Hebungen ...). Auffällig auch der Mut, sich stärker von der wortwörtlichen Bedeutung zu lösen und ein filigraneres Moment ("zerstäube", "Flaum") als Lesealternative anzubieten. Die Übertragung von "fir" in "Flaum" finde ich spannend, weil beide Begriffe, HDs und deiner, sowohl etwas Pflanzliches als auch etwas Animalisches evozieren - "fir" klingt auch wie "fur", also "Fell", "Pelz" oder eben auch "Flaum" (...Federn...)! - und das öffnet Tore für größere Gedankenkomplexe! Vielleicht darf ich da etwas von dir in meiner Version übernehmen...?

Mich würde noch interessieren, wieso du dich beim Titel für den Plural und bei den "pines" für den Singular entschieden hast.

@alba: Schön, auch von dir zu lesen und mit dieser Übertragung dein Interesse wecken zu können! Vielen Dank!Es ermutigt mich, im E-Literatum weitere Übersetzungsversuche zu starten, vielleicht mit weiteren Gedichten der angelsächsischen Imagisten (geschrieben vor über 100 Jahren), zu denen auch Hilda Doolittle gehörte.

In der Tat sind HDs Verse hier nicht so simpel, wie sie vielleicht zunächst erscheinen mögen. Gerade das Lautmalerische und Gewaltige ist schwierig. Alle direkten Übersetzungen von "pool" klingen zu seicht, nach Dorfweiher oder Schwimmbad ...ich denke da eher an etwas Tiefes, Unergründliches...

@salz: Ich sehe es wie du: Es ist toll, dass unterschiedliche Wahrnehmungen zum Zuge kommen - Konstruktivismus at its best! Die Kombination aus Wald- und Meeresbildern ist sehr ungewöhnlich und reizvoll - es ist eben ein sehr modernes "altes" free verse Gedicht. Vielen Dank auch für deine Sichtweise!

Viele Grüße,
Artbeck

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#7

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 17.05.2018 06:01
von Alcedo • Mitglied | 2.477 Beiträge | 2351 Punkte

hallo Art

danke für das Filigrane und für die bescheinigte Eleganz.
ja, der Flaum bezieht sich auch auf unser Säugerfell, das mehr oder weniger davon bedeckt sein kann, je nach Geschlecht und Alter und Hautpartie, aber auch auf das Kigo der Nadelbaumblüten im Lenz (Fichte = Mai bis Juni, alle 4 bis 7 Jahre; Tanne = April bis Juni; Schwarzkiefer = April, Mai; Pinien = Mai; usw), wenn feine flaumige Pflanzenteile, wie die aufplatzenden dünnen Hüllen der frischen Triebe und Blüten, mit staubigem Pollen vermischt, einen regelrecht einhüllen können, bei entsprechendem Luftzug. und ja, du hast recht, es können aber auch Federn und Federschuppen eine ähnliche Konsistenz haben - daran hatte ich beim Schreiben gar nicht gedacht, also auch der Tannenhäher und das Goldhähnchen und andere Raptoren-Nachfahren mischen eifrig mit.

ob du etwas davon übernehmen darfst? das ist alles für Dich, Art, alles. alleine deshalb schrieb ich es auf. verwende es nach Belieben.

warum der Plural in der Überschrift bei mir:
- weil Oreade fast ein Anagramm von Oradea ist, der Stadt wo ich meinen Militärdienst ableisten musste, und weil ich nicht wollte, dass auch nur die Letternanzahl damit übereinstimmt (der Akzent auf dem a war mir da noch nicht Verfälschung genug).
- weil ich alle Steinernen Meere und Felsenmeere, die ich bisher sah, in den Mittelgebirgen, Alpen, Karpaten usw, mit all ihren Oreaden gleichzeitig sprechen/beten/hymnisieren hörte bei diesen Versen von HD
- weil diese Akklamation, oder diese Interjektion, dieses inhärente, flehentliche englische Verb „oh, read!“ sowieso nicht übertragbar ist
- weil ich spiele, weil ich gerne spiele mit den Lettern
- und wasweißichweshalb noch

bei den „pines“ war es einfacher: es gibt schlicht keinen einhebigen Plural für Nadelbäume auf Deutsch. und „der Tann“ war mir gängig und Wald genug.

Gruß
Alcedo


e-Gut
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#8

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 22.05.2018 12:49
von Artbeck Feierabend | 103 Beiträge | 52 Punkte

Hallo, Alcedo!

Sehr interessante und erhellende Erläuterungen sind das!

"Der Tann" klingt gut, je häufiger ich es lese, desto besser hört es sich an.

Und:

Zitat
... weil diese Akklamation, oder diese Interjektion, dieses inhärente, flehentliche englische Verb „oh, read!“ sowieso nicht übertragbar ist...


... den Titel so zu lesen - als Akklamation oder Interjektion - ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen! Jetzt, wo du mich drauf gestoßen hast, scheint es sehr naheliegend und es erweitert in seiner doppelten Bedeutung den Interpretationsspielraum!

Danke dafür und für deine ausführliche Antwort!

Gruß,
Artbeck

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#9

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 23.05.2018 11:26
von HajoHorst
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Wirbele Meer
Wirbele deine spitzen Zapfen,,
Spritze mit deinen großen Pinien
auf unseren Felsen.
Schleudere dein Grün über uns,
Bedecke uns mit deinem Teich aus Nadeln.

HajoHorst, 23.5.2018

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#10

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 23.05.2018 11:55
von HajoHorst
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Ich denke, das Gedicht beschreibt eine Situation auf einem Felsen am Meer: zu liegen bei heftigem Seegang. Ich erlebte dies oft an der Adria, an Istriens Steinküste. Es war herrlich erfrischend, auf dem von der Sonne gewärmten Stein zu liegen, zu meditieren und gelegentlich mit Salzwasser bespritzt zu werden.
Ich kann der Dichterin völlig nachempfinden. Tiefergehende Spekulationen zur Deutuhng scheinen mir nicht ratsam.

HajoHorst

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#11

RE: Hilda Doolittle / Oread

in Übersetzungen/Übertragungen/Lyrics 23.05.2018 12:05
von HajoHorst
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Und "fir" ist nach dem Oxford Lexikon nicht Schaum, Flaum etc. sondern ganz einfach: die Tanne ("Föhre"= Kiefer). (Aber dabei denkt man im Deutschen an das Gebiss = eine schreckliche Vorstellung in diesem Kontext!)

HajoHorst

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