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Wegen der Spucke (ca. 2013)

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.07.2019 14:02
von Joame Plebis | 3.573 Beiträge | 3549 Punkte

Wegen der Spucke

Das hättest du nicht sollen, einfach unauffindbar untertauchen.
War es der Grund, weil ich mich bei Dir einquartiert hatte und deinen Pfannkuchen aß und auch sonst von allen Annehmlichkeiten deines gehobenen Standards profitierte? Dass dich das so schwer trifft, hätte ich nie geahnt.

Du erinnerst dich doch noch, wie alles begann?
Es ist bestimmt schon vier Jahre her – als wir gemütlich zusammen saßen und einen Kaffee genossen?
Es war im Straßencafé neben den Linden, wo Deine Bekannte als Serviererin arbeitet und Dir zuliebe so einiges vergaß, in die Kassa zu tippen. Sie war eindeutig verknallt in dich.

Wir beobachteten dort, leger hingestreckt, die Vielfältigkeit der Menschen, die an uns vorüber gingen; das taten wir öfters.

Rückblickend fällt mir auf, wie viel du mir voraus hattest, aber nachdem du mein Freund warst, erfüllte mich das eher mit Stolz als mit Neid. Missgunst dir gegenüber kam nicht auf. Ich akzeptierte dich wie du warst, dein gutes Auftreten, deine Intelligenz und Schlagfertigkeit.

Doch ein Punkt war, wo ein neidähnliches Gefühl in mir auftauchte.
Ich brauchte nur an Deine fürsorgliche Mutter zu denken, die dich morgens bis abends verwöhnte, dir Wünsche von den Augen ablas und für Dich täglich viele Stunden in der Küche stand.
Eine freundliche und nette Dame, der man stets ansah, wie viel Freude es ihr machte, ihren lieben Sohn zu verwöhnen und zu umhegen.

Überhaupt hast du mir immer schon, seit Beginn unserer Freundschaft, gewaltigen Respekt eingeflößt, weil Du geistig bewundernswert flexibel und äußerst kreativ warst. Stets hattest Du neue Ideen, die zwar ungewöhnlich, aber nicht absurd waren. Eine deiner Fähigkeiten will ich nicht unerwähnt lassen,
die Fähigkeiten zielsicher und meistens auch treffend, die Menschen, egal welcher Art, gut einzuschätzen.

Das hast du auch am bewussten Tag bewiesen als wir im Linden-Café vor uns hinlümmelten. Wir sahen den bulligen Schwergewichtler, der bestimmt mehr als eine Handbreite über zwei Meter groß war und unzählige Tätowierungen an den Armen und sogar im Gesicht hatte.
Als er noch in einer Entfernung von etwa einhundertfünfzig Metern war, machtest du mich aufmerksam und sagtest "wetten, der kommt an unseren Tisch?"

Genauso war es auch. Nicht dass wir ihn angestarrt hätten. Wir spielten die Unbefangenen, als wären wir in einem Gespräch vertieft. Da stand er auch schon vor uns und blähte sich richtig auf. Es war ihm anzusehen, er war auf Streit aus und machte einen sehr aggressiven Eindruck; mir unverständlich, wo wir ihn doch gar nicht kannten.

Du, zwar etwas bleich (er war ja auch sehr beeindruckend in seiner Masse),
hobst einfach den Kopf und sahst ihn fest an. Dabei brummtest du in deiner tiefsten Stimmlage gedehnt: "Willst du ein bisschen von meinem Kara-tee trinken?"
Irritiert schien der Pflock zu nachzudenken, dann kam ihm offensichtlich die Erleuchtung. Eine kleine wegwerfende Bewegung mit seiner linken Hand und er entfernte sich von unserem Tisch. - Haarscharf und wir wären in einen Handgreiflichkeit hineingeraten, dazu noch mit wahrscheinlich sehr einseitigen Folgen.

Erst nachher machtest du mich auf meine Schweißperlen auf der Stirne aufmerksam; aber nicht nur mir tropften sie herunter, auch bei dir schien es ein verspäteter Ausdruck der Anspannung zu sein, die sich allmählich löste und dann in Ausgelassenheit und Blödelei entlud.

Wir waren mit einem gestärkten Selbstbewusstsein länger als geplant geblieben und tranken noch eine Melange, in genießerischen kleinen Schlückchen. Du bist ein einmaliger Erzähler von Witzen.
Ich hing förmlich an Deinen Lippen. Wegen der Pointen und deinen gelungenen Grimassen musste mich förmlich 'zerkugeln'.
Aus einer Laune, einfach Übermut, hast Du mir so nebenbei in den Kaffee gepustet. Wenn auch für das Auge nicht sichtbar, war dabei nicht zu verhindern, dass winzige Tröpfchen Deines Speichels mit dem Pusten in meinen Kaffe gelangten. Ich reagierte äußerst verärgert. Aber es war nicht mehr rückgängig zu machen. 'Was sollte auch schon geschehen, daran geht doch kein Mensch zugrunde.' Das war Deine Meinung, für mich aber war es ausgesprochen unhygienisch.
Mit Deiner Erklärung „ ich hab’ ja eh keine Karies“ schien die Sache abgetan zu sein und wir waren schon bei einem anderen Thema angelangt.

Ich vermute, ab diesem Tag waren wir so etwas Ähnliches wie Blutsbrüder.
In diesem Falle sollte man es Spucke- oder Speichelbrüder nennen. Wir verabschiedeten uns nach einer weiteren Stunde und vereinbarten ein baldiges Wiedersehen.

An diesen Vorfall dachte ich gar nicht mehr, auch nicht als mir nach einigen Tagen die Haare ausfielen, richtig büschelweise.
Ich starrte mich im Spiegel an und konnte es einfach nicht fassen. Das ging einige Tage so, bis nichts mehr da war, was ausfallen hätte können.
In der Zwischenzeit besuchte ich wie üblich meine Freundin, die meine zunehmende Kahlköpfigkeit sehr locker nahm, sogar einige Späße darüber servierte. Ihre Hauptinteressen konzentrierten sich auf andere Gebiete.

Sie war eine angenehm anspruchslose Partnerin und so ferne ihre Interessen, die bei Geld, Kleidung und Sex lagen, nicht berührt wurden, schien ihr alles gleichgültig zu sein. Nur machte sie mich auf zunehmenden Mundgeruch aufmerksam. Erst drückte sie sich vorsichtig aus, dann sagte sie es mir brühwarm direkt.

Sie verwendete sogar Worte wie 'du stinkst wie ein Pavianarsch'. Woher will sie diesen Geruch kennen, fragte ich mich. Ach ja, sie war ja einige Zeit leidenschaftliche ehrenamtliche Pflegerin in einem Zoo.
Sonst hätte sie gar nicht einen solchen Vergleich anstellen können.

Bei der Morgenrasur ignorierte ich einfach meine obere Gesichthälfte, was mir gar nicht schwer fiel, da der Spiegel etwas zu nieder hing. Ich blieb stramm stehen und bog die Knie nicht durch, wie ich es üblicherweise getan hatte.

Sorgfältiger als sonst putze ich mir die Zähne, verwendete brennend scharfes Mundwasser. Nach dieser für mich anstrengenden Zeremonie genehmigte ich mir einen Kognak, der dem eventuell noch verbliebenen Mundgeruch den Rest geben sollte.

Aufgefallen war es mir bei der Rasur schon, wie ich eine gewisse Ähnlichkeit mit dir hatte; einerseits freute es mich, warst du doch mein bester Freund.

Diese Ähnlichkeit nahm zu und sollte noch weiter zunehmen, als eines Morgens bei der Restgeruchvertilgung mittels Kognak, so mir nichts dir nichts, meine Schneidezähne im Glas waren.
Ich ging hin zum Spiegel und öffnete meinen Mund voller Staunen; ich mußte feststellen, ich hätte ich ein Zwilling von dir sein können; sonderbar!

Etwa eine Woche war seit unserem letzten Treffen vergangen, seitdem ich die von dir modifizierten Melange getrunken hatte. Wir waren wieder verabredet, wollten wieder gemütlich beisammen sein und unsere Späße treiben.
Ich sollte dich abholen, den kurzen Weg wollten wir wegen der so gesunden Bewegung zu Fuß gehen.

Nach zweimaligem Klingeln an deiner Tür hörte ich Schritte, es wurde aufgeschlossen und die Schritte entfernten sich wieder zurück ins Wohnungsinnere. Deine Mutter war vermutlich sehr beschäftigt
und schnell wieder in die Küche geeilt, damit die Milch nicht überlief oder der Pfannkuchen nicht anbrannte.

Nachdem mir die Räumlichkeiten durch meine unzähligen Besuche gut bekannt waren, trat ich ein, schloss die Tür hinter mir und schlenderte durch den Vorraum Richtung Küche.

Genau, wie ich gedacht hatte: es gab Pfannkuchen! Ich roch ihn und der Duft machte mich schlagartig hungrig. Durch den Türspalt zur Küche sah ich, wie deine Mutter beschäftigt war, den Kuchen zu wenden.

"Hast du die Post mitgebracht?" rief sie, nicht ahnend, dass es nicht ihr Sohn war, sondern ich, sein Freund.

Um das Missverständnis aufzuklären. öffnete ich die Küchentür, trat ein und sagte mein freundlichstes "Guten Tag!" Deine Mutter sah mich an, hantierte weiter, wandte sich dann abermals mir zu, wobei ihr Blick abschätzend wurde.
"Dieses Hemd, das du anhast, kenne ich gar nicht. Wann hast Du es gekauft?
Wo ist die Post, mein Junge? War etwas Wichtiges dabei?

Eine halbe Stunde später wurde mir der Vanillepudding mit Schokosoße serviert. – So begann es.

zuletzt bearbeitet 09.07.2019 01:55 | nach oben

#2

RE: Wegen der Spucke (ca. 2013)

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 07.07.2019 22:07
von mcberry • Administrator | 2.882 Beiträge | 2726 Punkte

Ein verwirrend vielschichtiger Text, JP,
sehr unterhaltsam, von abgrundtief schwarzem Humor, der vom Boulevardblatt zur Strassenphilosophie einen mühelosen Bogen spannt. Visionär wird die innere und äussere Zerrissenheit des postmodernen Individuums geschildert; einerseits entlastet von der Knechtschaft einer Erarbeitung seiner Existenzgrundlagen, andererseits rettungsloser Verunsicherung überlassen in einer zunehmend fremdbestimmt und gentechnisch determinierten Welt.
Nach dieser Lektüre weiss kein Leser mehr so genau, wer als Substitut eines vordefinierten Rollenträgers zurückgelassen wurde, und wer schon untergetaucht ist. Konfrontiert mit der eigenen Schizophrenie bleibt nur ein letzter Halt in dieser von ihrer eigenen Sinnkrise geschüttelten gesellschaftlichen Irrealität: Pudding mit Schokososse.
In diesem Sinne wünsche ich erholsamen Schlaf und einen gelungenen Start in die nächste Woche - mcberry

zuletzt bearbeitet 09.07.2019 22:49 | nach oben

#3

RE: Wegen der Spucke (ca. 2013)

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 10.07.2019 01:40
von Joame Plebis | 3.573 Beiträge | 3549 Punkte

Auch ohne besondere Ausbildung auf dem Gebiet der Literatur erkenne ich eine gewisse Banalität der Geschichte, die mit keinem besonderen Höhepunkt aufwarten kann. Es fehlt Faszination, die in dieser gequälten Geschichte einfach nicht da ist.
Diese knappe und schroffe Bemerkung will ich hinzufügen. Glücklicherweise treffe ich mit dieser Kritik nur ein steinernes Gemüt. Selbstverständlich kann auch hier, wie eigentlich bei allen Schreibarbeiten, die Aussage gelten, dass eventuell für den Leser eine Geschichte daraus wird – oder auch nicht.

Joame

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#4

RE: Wegen der Spucke (ca. 2013)

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 10.07.2019 17:11
von mcberry • Administrator | 2.882 Beiträge | 2726 Punkte

Das tut mir leid, JP,

so missverständlich spöttisch rüber gekommen zu sein. Diese Geschichte ist spannend und voller Witz. Auch habe ich den Text zweimal gelesen.
Ein energisches Feedback kann ich brauchen. Nicht jeder verzeiht einen falschen Ton. Ich hoffe, du tust es und entschuldigst meine Mittelmässigkeit. Zerknirscht grüsst mcberry

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#5

RE: Wegen der Spucke (ca. 2013)

in Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen und Dramen. 10.07.2019 20:09
von Joame Plebis | 3.573 Beiträge | 3549 Punkte

Keine Bange, das ist nur meine Kritik nach geraumer Zeit zu diesem Geschriebenen. Ich habe mir nur selbst ordentlich die Meinung gesagt, da ich unzufrieden bin mit so einer lauwarmen Story.

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