#1

Immortalita

in Liebe und Leidenschaft 14.07.2019 07:59
von munk | 774 Beiträge | 886 Punkte

Ich schreie, weil du tot bist,
doch nichts ändert sich,
alles von dir ist in allem,
alles ist mit dir verwandt,
alles verwandelt sich,
bleibt berührt, verdichtet,
was du warst, ist einzig hier.

Du bist meine Nabelschnur zum Leben,
die tiefe Wunde, die nicht heilt,
der Schnitt durch die Seele,
mein zweiter Atem,
die Haut auf meiner Haut,
das Herz, was mich führt,
die Auserwählte.

Charon, der Fährmann lässt mich zurück
und Hekate schickt mir die Einsamkeit;
noch tickt deine Uhr neben mir
und ich fasse nach ihr wie nach dir,
hole die gestohlene Zeit und dich zurück
wie aus einem russischen Märchen
und wir können von vorn beginnen,
der Schatzhauser ist mit uns.

Ich sehe unsre starke Liebe,
die immer mehr trug und wuchs,
gewollt, gelebt und groß
bis das Unglück auf dich niederfuhr,
und dich zerstörte.
Seitdem lebe ich mehr tot,
sehr nah dem Irrsinn,
immerzu hoffend,
du stehst neben mir,
liebevoll wie in der letzten Stunde,
verliebt wie in der ersten Stunde

An der Nordseite unsres Hauses,
im gelbrotgestreiften Himmel,
stehen Seit an Seit du und ich
bereit für die Reise durch die Liebe,
um wieder Zwei in Eins,
Eins im Andern zu sein,
in einer ungenannten Stunde.

Du bist nun der Schmetterling,
der im weißen Lilienkleid durch Regenbogen fliegt
oder die über mich wachende Wolke
oder das zärtliche Werben des Windes im Jasmin
oder die lockende Flut im Bächlein, im Meer
zur uns gegebenen Stunde.

An der Südseite deiner Nähecke aber,
fand ich unser Stundenglas,
einst mit den Kindern zusammengebaut,
gefüllt mit Sand von Ostsee und Mittelmeer,
träume
von der Quelle unsres Lebens und Liebens.

Drei Monate kämpfe ich mit mir;
ich wehre mich gegen den April im Juli,
gegen die eigenen Aufschläge.
Kopf und Herz ziehen dann ums Haus,
zu den drei Rosenbäumchen,
die nur dir geweiht sind,
für die einfache Wahrheit.

Es regnet leise.
Die Stille spricht.
Zarte Grashalme sprießen aus der Muttererde.
Ein kleiner Regenbogen zeigt sich am Julihimmel.

Es ist Frühling.





Branitz, 14.7.19 A.S.

zuletzt bearbeitet 14.07.2019 16:49 | nach oben

#2

RE: Immortalita

in Liebe und Leidenschaft 15.07.2019 02:13
von Joame Plebis | 3.582 Beiträge | 3575 Punkte

Immer wieder müssen wir merken, nur die unschuldige Natur kann uns etwas Trost geben. Sie alleine kann der Fluchtort sein, wenn nicht mehr erträglich ist, was wir ertragen müssen.
Und doch ist es paradox, denn alles was uns widerfährt, ist im weitesten Sinn durch die Natur begründet. Wir brauchen sie, die zugleich eine 'Schuldige' ist. Auf das Wort 'schuldig', könnte einmal näher eingegangen werden, denn es gibt keine Schuld. Dieses Gefühl wurde uns gleichsam anerzogen, spielte in unserem Werden eine große Rolle, wenn auch fälschlicherweise.
Wir suchen oft nach Schuld, suchen schnell eine Verantwortung und überhäufen uns mit unnützen Vorwürfen.

Entscheidend ist für uns der Zustand, in dem wir uns befinden, der nicht erfasst werden kann, weil er oft so ungeheuerlich mit weitreichenden Auswirkungen ist.

Sich in einer total veränderten Welt zurechtfinden, sie zu ertragen, das ist, was zählt.
Ein allgemein gültiges Rezept, wie das ein Einzelner schaffen soll, gibt es nicht.

Als soziales Wesen mit Kontakten werden wir oft betrachtet; der eine mehr, der andere weniger. So müsste der sozialen Struktur auch ganz wesentlich die Aufgabe zufallen, in Ausnahmesituationen, regulierend einzuwirken, zu unterstüten, beraten, etwas leiten und Zuspruch geben, besonders mitfühlend zur Seite zu stehen. Das ist aber leider nicht immer der Fall. So kommt es, dass Betroffene alleine versuchen müssen, eine untragbare Last alleine zu tragen und irgendwie damit fertig zu werden.

Das Mindeste ist, verstehen zu wollen, soweit wie möglich durch unsere Emotionen zu bestätigen, auch ergriffen zu sein, die Situation etwas zu verbalisieren mit dem ständigen Augenmerk, zu verhindern, eine tiefe Depression zuzulassen.

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#3

RE: Immortalita

in Liebe und Leidenschaft 20.07.2019 21:03
von munk | 774 Beiträge | 886 Punkte

Hallo Joame,
Schuld an sich, andere oder Umstände zuzuschreiben sind allzu menschlich. Daran kommen Menschen mit Problemen, in Konflikten, in Nöten, bei Verlusten nicht vorbei. Die Auseinandersetzung mit der Schuldfrage führt uns Menschen leider oft in süchtiges Verhalten. Wenn es andere oder sich zerstört, wird es tragisch. Außenstehende und Hilfegebende sind dann oft machtlos und müssen mitunter die Dramaturgien ablaufen lassen, ohne einschreiten zu können.

Aber du hast recht, auch ich suchte, suche immer wieder nach Schuld bzw. warum war ich nicht zur richtigen Zeit am Ort des Unfalls oder warum, waren wir zusammen nicht an einem anderen Ort oder, oder und doch ist die Suche danach fruchtlos. Es ändert nicht mehr am Geschehenen und beschwert das Danach. Vielleicht hat uns die Natur aber gerade das auferlegt und uns verschieden ausgestattet, mit Unglück umzugehen.

Ich habe erst durch das Unglück meiner Frau erfahren, wie sich ein Mensch fühlt, der sehr, dazu noch liebevoll, bezogen war, wenn plötzlich alles Bezogene durch das Verschwinden des geliebten Menschen einen anderen Charakter bekommt. Zum einen verschwindet es mit, stirbt sozusagen, zum anderen bekommen die zurückgelassenen Gegenstände eine Patina, eine Art Aura, wenn man die Kraft hat, den Blick darauf zu richten. Doch hat sich in mein Bewusstsein für meine Arbeit eine Erkenntnis ausgeprägt. Für Menschen, die Bezüge verloren haben, sind im tiefsten Innern neue Bezüge, ausgenommen eine neue Zweisamkeit, die es schwer haben wird, nur Ersatz. Sie geben zwar Struktur und Halt, ersetzen aber nicht die Liebe und können auch der Sehnsucht nach ihr nicht nachkommen, sie nicht stillen, eher noch den Abstand zum eigentlich Gewünschten vergrößern und je nach Wesen das Hoffnungslose, die Verzweiflung verstärken. Es gibt natürlich Menschen, die aus verschiedensten Gründen keine Zweisamkeit haben können oder nach negativen Erlebnissen auch nicht mehr haben möchten ...

Ja, Joame, die Welt für vom Schicksal Geschlagenen ist radikal und absolut geändert. Die Veränderungen erreichen das Bewusstsein in einem Auf und Ab. Ich merke, es gibt Tabuzonen, die ich nicht mehr oder noch nicht betreten kann und Rückzugsorte, die immer mehr für mich und meine Trauer wichtig werden.

Aber verstehen werde ich das Unglück nie. Es ist schwer, sich aus den Krakenarmen der Schwermut zu befreien. Es tut weh, nichts am Tod ändern zu können. Es ist unglaublich schmerzvoll, allein weiter gehen und leben zu müssen. Und selbst das beschwert das Gemüt, denn mir ist bewusst, Sterbende würden zurufen, Lebe deine Zeit, die dir bleibt, denn sie ist kostbarer, als du denkst und die Lebenden rufen, was willst du bei den Toten, wir Lebenden brauchen dich bei uns.





Vielen Dank für deine Gedanken

Liebe, freundliche Grüße

Munkel

zuletzt bearbeitet 21.07.2019 21:51 | nach oben


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